Anzeige

Karriere & Recruiting

Home Office bei Medien – Anspruch und Wirklichkeit

Volle Büros waren in den letzten Jahren eher eine Seltenheit. Doch viele Medienunternehmen wollen zurück zum alten Status Quo - Foto: Imago

Mit der Home Office-Pflicht konnten viele Medienschaffende Beruf und Privates während der Hoch-Phase der Pandemie besser vereinbaren. Nun rufen viele Medienhäuser ihre Mitarbeitenden verstärkt zurück ins Büro. Warum?

Anzeige

Seit Peter Köhler wieder in seinem Büro sitzen muss, kann er sich schwerer auf die Arbeit konzentrieren. „Was soll die Office-Pflicht bringen? Man sitzt im Großraumbüro und kann nicht gut arbeiten, höchstens mit den Kollegen mal einen Kaffee trinken.“ Köhler, der im Burda Verlag arbeitet, will seinen echten Namen nicht in diesem Artikel lesen. Zu groß ist die Angst, dass einer seiner Vorgesetzten mitlesen könnte. Denn im Verlag schwelt ein Konflikt: Chefredaktionen und Abteilungsleiter wollen mehr Anwesenheit vor Ort, Mitarbeiter jedoch mehrheitlich mobiles Arbeiten. „Vor allem ältere Chefs vermissen die Office-Pflicht, auch weil sie die Technik häufig nicht im Griff haben“, sagt Köhler.

Viele haben seit Beginn der Corona-Pandemie das Home Office zu schätzen gelernt. Gerade im Medienbereich hat die Erfahrung gezeigt, dass Präsenz im Büro nicht notwendig ist für einen funktionierenden Medienbetrieb ist. Manche Medienschaffende sind deshalb umgezogen oder haben aufgrund der neuen Möglichkeiten der Fernarbeit eine Anstellung in einer anderen Stadt gefunden. Das wird vielen derzeit zum Verhängnis, denn mit dem Wegfall der Regelungen zum Home Office im Infektionsschutzgesetz am 20. März 2022 haben viele Verlage, Sender und Medienunternehmen ihre Mitarbeitenden zurück ins Büro bestellt. Damit könnten sie sich selbst schaden, schließlich leidet die Medienbranche unter einem Mangel an Nachwuchs. Mit dem Wiederherstellen der Präsenzpflicht könnten nicht nur Talente abhanden kommen, sondern auch Diversität und Repräsentativität der Gesellschaft in den Redaktionen und Medienunternehmen.  

Home Office, mobiles Arbeiten, Telearbeit?

Es gibt zum einen „(häusliche) Telearbeit“, die ausschließlich von zu Hause aus stattfindet und bei der der Arbeitnehmer keinen Arbeitsplatz mehr im Unternehmen hat. Der Arbeitgeber richtet seinem Mitarbeiter einen Arbeitsplatz zu Hause ein und übernimmt die Kosten dafür. Zum anderen gibt es „mobile Arbeit“. Der Mitarbeiter erbringt dabei seine Arbeitsleistung mittels eines mobilen Endgeräts von unterwegs (z. B. von einem Kunden aus oder auf Reisen) oder von einem anderen beliebigen Ort aus. Das kann auch seine Wohnung sein. „Home Office“ ist ein umgangssprachlicher Begriff, der häufig für beide zuvor beschriebenen Arbeitsformen genutzt wird. Gesetzlich definiert ist nur Telearbeit, mobile Arbeit oder Home Office nicht.

Mehrzahl wünscht sich eine flexiblere Regelung

Knapp ein Drittel der Büroangestellten in Deutschland (31 Prozent) muss wieder vollständig vom Büro aus arbeiten. Und das, obwohl die Mehrheit der Führungskräfte offiziell bereit ist, Mitarbeitenden mehr Flexibilität zu gewähren. Das ergab eine im Juni dieses Jahres erschienene Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Technologieunternehmens Slack: 77 Prozent der befragten Führungskräfte gaben demnach an, ihre Mitarbeitenden mobil arbeiten zu lassen, solange diese ihre gewohnten Leistungen erbrächten. Die übrigen befragten Führungskräfte (23 Prozent) lehnten das Arbeiten von überall ab, vor allem aus Sorge davor, zu wenig Kontrolle über die Mitarbeitenden zu haben. Dabei ist der Wunsch nach mehr zeitlicher Flexibilität unter Arbeitnehmern deutlich.

Eine im Mai 2021 veröffentlichte Studie des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation fand heraus, dass die Mehrheit der Berufstätigen das für ihre Tätigkeiten bestehende Home-Office-Potenzial auch nach der Corona-Pandemie weitgehend nutzen möchte: So hätten sich 55 Prozent der Befragten gewünscht, mindestens ab und zu von zu Hause aus arbeiten zu können. Und sogar 72 Prozent aller Berufstätigen, deren Tätigkeit Home Office prinzipiell zuließ, betrachteten ein geeignetes Home-Office-Angebot bei der künftigen Wahl einer neuen Arbeitsstelle als wichtig. Die Möglichkeit, abseits des Büros zu arbeiten, wird also von Arbeitnehmer*innen als sehr wichtig für eine gesunde Work-Life-Balance betrachtet. Doch welcher rechtliche Rahmen besteht bei der Regelung von Home Office?

Ein gesetzlich verankertes Recht auf Home Office besteht in Deutschland derzeit nicht. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales arbeitet zwar an einem Gesetzentwurf, der das Recht auf Home Office vorsehen soll, doch bis zu einem Entschluss können Unternehmen Regelungen für das Arbeiten von zu Hause in ihren Betriebs- und Dienstvereinbarungen treffen. Diese werden durch einen gesetzlichen Rahmen beschränkt. So bestimmt das Heimarbeitsgesetz, welche Bedingungen für Heimarbeit gewährleistet werden müssen und wie diese Arbeitsform auszugestalten ist.

 

Ein Rahmen für Arbeitszeiten, wie Regelungen zu Höchstarbeitszeit, Ruhepausen und Ruhezeiten, wird durch das Arbeitszeitgesetz geschaffen. Die Arbeitsstättenverordnung hingegen bestimmt, dass der heimische Arbeitsplatz vor Gefahren geschützt werden muss und der Gesundheit nicht abträglich sein darf. Jedoch gelten die Maßnahmen zur Gestaltung der Bildschirmarbeitsplätze ausdrücklich nicht für den Einsatz mobiler Endgeräte. Die nicht eindeutige Rechtsgrundlage für das Arbeiten außerhalb der betrieblichen Arbeitsstätte wird durch die Vielzahl an Begriffen und die unterschiedliche Anwendung nochmals erschwert: So ist Telearbeit abzugrenzen vom mobilen Arbeiten und dem Home Office (siehe Kasten). Während die Arbeitsstättenverordnung bezüglich Telearbeit vorgibt, dass Telearbeitsplätze „vom Arbeitgeber fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit dem Beschäftigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung festgelegt hat“ sind, definiert das Gesetz Home Office und mobiles Arbeiten nicht.

Viele Medien folgen der 3-2-Regelung

Mittlerweile gibt es eine Reihe an Tarifverträgen, die das orts- und zeitflexible Arbeiten beziehungsweise mobile Arbeit und Telearbeit regeln. Doch im Medienbereich sind solche nicht üblich. So schreibt der Burda Verlag bei Wochentiteln in vielen Fällen eine 3-2-Regel vor, also drei Tage Präsenz im Büro, zwei Tage mobiles Arbeiten. Bei Monatstitel werde dies individuell geregelt, meist aber auch mit der 3-2-Regel. Vor der Corona-Pandemie hätten Chefredaktionen sich vehement gegen mobiles Arbeiten gewehrt. „Doch Corona hat gezeigt, dass es auch mit 100 Prozent mobile Office funktioniert“, so Köhler. Derzeit gehe es in den Büros „in Richtung Clean Desk, also keine festen Arbeitsplätze mehr“. Mittel- bis langfristig sollten dann nur noch Arbeitsplätze für circa 60 Prozent der Belegschaft vorgehalten werden. „Die Office-Pflicht ist ein Ausdruck überkommener Strukturen. In Sachen Effizienz ist Home-Office viel besser“, ist sich Köhler sicher. 

Beim Münchner Konkurrenten Condé Nast Germany sieht es ähnlich aus: Auch dort setzt man auf ein hybrides Arbeitsmodell. So hätten die Mitarbeitenden die Möglichkeit, zwei Tage die Woche aus dem Home Office zu arbeiten, drei Tage seien sie im Büro anwesend. „Damit orientieren wir uns an jenem Flexmodell, das Condé Nast international umgesetzt hat und reagieren gleichzeitig auf das Feedback, das uns während der Pandemie lokal intern erreicht hat“, heißt es von offizieller Stelle. Demnach habe die Mehrheit der Mitarbeitenden vor allem das gemeinsame Miteinander vermisst. 

Aus Belegschaftskreisen wird das bestätigt. Korrekt ist allerdings auch, dass sich die Mehrheit der Mitarbeitenden eine flexiblere Arbeitszeitregelung wünscht, beispielsweise eine monatliche 3-2-Regelung statt der wöchentlichen. So haben seit des Wegfalls der Home-Office-Pflicht bereits mehrere Arbeitnehmer bei Condé Nast gekündigt, da sie während des Lockdowns ihren Wohnort gewechselt hatten und die dreitägige Präsenzpflicht in der Woche nicht mehr einhalten konnten. Ob der Burda- oder der Condé Nast-Verlag, die in den letzten Jahren vor allem in ihre digitale Transformation investierten, damit junge Talente in die bayerische Hauptstadt locken oder gar halten können, ist fraglich.

Funke setzt auf persönliche Kontakte

Die Funke Mediengruppe mit mehr als 5.500 Mitarbeitenden, darunter 1.500 Journalisten, führte zum 1. Juni erstmals gruppenweit die 3-2-Regelung ein. Vergleichsweise spät, denn in Essen setzt man auf persönliche Kontakte: „Um den gerade für kreative Prozesse eben doch notwendigen persönlichen Austausch innerhalb eines Teams weiterhin zu ermöglichen, soll der Anteil der Mitarbeiter/innen eines Teams, der pro Arbeitstag mobil arbeiten kann, bei 40 Prozent liegen. Bei Teams mit weniger als fünf Mitarbeiter/innen soll dieser Prozentsatz als Orientierungswert dienen“, heißt es bei Funke. Ein Firmensprecher ergänzt. „Wir haben die Erfahrung gesammelt, dass wir für verschiedene Arbeiten, etwa für kreative Prozesse, den Austausch aller Mitarbeitenden brauchen. Zudem ist der persönliche Austausch nicht ganz unwichtig für die Bindung an das Unternehmen. Und nicht nur die vielen neuen Kolleginnen und Kollegen, die wir monatlich in der Gruppe begrüßen, sondern ganz offensichtlich die meisten von uns suchen den unmittelbaren persönlichen Kontakt“. So lasse sich vieles dann doch im direkten Kontakt leichter und schneller lösen. „Und der gemeinsame Espresso zwischendurch macht so viel mehr Spaß als eine Sitzung via Teams.“

In der Belegschaft wird die Regelung unterschiedlich aufgenommen – besonders von den Redaktionen. Angeblich sehnte sich die Mehrheit der Journalisten in den Zeitungsredaktionen danach, ins Büro zurückzukehren. Sie wollten sich wieder stärker mit ihren Kollegen austauschen, um die Qualität des Produkts zu verbessern. Denn die Redakteure sorgten sich, dass die steigende Inflation die Kauflaune ihrer Leser trübt und dadurch der Absatz ihrer Zeitung sinkt. Verstärkt würden ihre Sorgen durch die deutlich gestiegenen Papierpreise, die den Kostendruck auf den Essener Zeitungskonzern erhöhen könnten, raunt es in Belegschaftskreisen. Deshalb sei es wichtig, dass man gemeinsam in der Redaktion Hand in Hand am Produkt arbeitet. 

Hingegen hätten einige Redakteure wohl auch Geschmack am Home Office gefunden und sähen im mobilen Arbeiten eine Chance, weniger in starren Strukturen zu arbeiten, heißt es aus Mitarbeiterkreisen. Ganz anders sieht wohl die Situation in der Vermarktung aus. Hier seien die Mitarbeiter mobiles Arbeiten gewöhnt und in der Vergangenheit viel unterwegs gewesen, um Face-to-Face mit den Kunden über Budgets, Kampagnen und die Preise zu sprechen und zu verhandeln. Jetzt hätten sie die Chance, wieder mehr mit ihren Kunden persönlich in Kontakt zu treten. Das könnte ihnen helfen, mehr Geschäftsabschlüsse zu tätigen.

RTL setzt auf Freiwilligkeit

Beim WDR überlässt man die Regelung von mobilem Arbeiten den Führungskräften, die „bestmögliche Arbeitsorgansation innerhalb ihres Teams festzulegen“. Zwar möchte die Geschäftsleitung des WDR „mobiles Arbeiten beziehungsweise Home Office auch für die Zeit nach der Pandemie dauerhaft ermöglichen“, doch sei dies bei einem Rundfunksender in bestimmten Bereichen „aufgrund der technischen Ausstattung schwierig bis unmöglich“. Dies gelte etwa für die Regie-Zonen, das Szenenbild und die Dreh-Teams. Die Erfahrungen während der Pandemie hätten aber gezeigt, dass die Belegschaft die Möglichkeit des mobilen Arbeitens begrüßen würde. „Uns erreichen überwiegend positive Rückmeldungen“, so der WDR. Doch da erst vor wenigen Wochen die Corona-Regelungen zum Home Office ausgelaufen sind, „fehlen uns für die aktuell gelebte Praxis noch Erfahrungswerte“.

Bei RTL Deutschland geht man mit dem Thema Office-Regelung wesentlich flexibler um. Von offizieller Stelle heißt es, dass die Freiwilligkeit, ins Büro zu kommen, bis auf weiteres bestehen bleibe. Alle Kolleg*innen, die nicht zur Sicherstellung des Produktions- und Sendebetriebs vor Ort erforderlich seinen, könnten auch weiterhin im Mobile Office arbeiten. „Die Absprache erfolgt in den jeweiligen Teams“, erklärt RTL. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten die Lockerungen der Corona-Beschränkungen in den Wochen zuvor bereits genutzt, um wieder regelmäßig ins Büro zu kommen und die Kolleg*innen zu treffen und sich persönlich in ihren Teams auszutauschen. „Damit sich auch alle, die ins Büro kommen, wohlfühlen, setzt RTL Deutschland insbesondere beim Tragen der Maske sowie den Hygiene- und Abstandsregeln auf die Eigenverantwortung der Kolleginnen und Kollegen. Zudem stehen für Konferenzen oder Meetings weiterhin kostenlose Selbsttests zur Verfügung.“

Das Bild, das sich zusammensetzt, lässt sich je nach Blickwinkel anders deuten. So haben Verlage und Medienunternehmen aufgrund der Corona-Pandemie verstanden, dass viele Produktionsabläufe nicht zwangsläufig vor Ort betreut werden müssen und daher ihren Redakteuren mehr Freiheiten eingeräumt. Über das neu eingeführte Angebot von flexiblem Arbeiten dürften die meisten Mitarbeitenden auch froh sein. Gleichzeitig beklagen viele, dass jenes noch zu starr sei und wöchentliche Präsenztage nicht über den Monat hinweg verteilt werden können. Auch das Thema Sonderregelung für ein dauerhaftes ortungebundenes Arbeiten ist für viele Arbeitnehmer*innen nicht transparent genug kommuniziert und scheint eine Verhandlungsfrage zu sein. Bis nicht endlich ein nachvollziehbares Gesetz zum Thema Home Office verabschiedet wird, wird das wohl auch so bleiben. Für Medienschaffende jedenfalls bleibt Home Office ein wichtigeres Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers und wird in Zeiten, in denen von Arbeitnehmer*innen Flexibiltät verlangt wird, auch von anderer Seite immer mehr verlangt werden. Diesen Punkt sollten sich Medienunternehmen zu Herzen nehmen, wenn sie attraktiv für gute Leute sein wollen.

Mitarbeit: Thomas Borgböhmer, Gregory Lipinski, Ann-Katrin Raudszus, Stefan Winterbauer

Anzeige