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Global Media Forum 2022

Journalismus und Aktivismus: „Das muss kein Widerspruch sein“

Wo hört Journalismus auf, wo fängt Aktivismus an? – Foto: Imago

Auf dem Global Media Forum, veranstaltet von der Deutschen Welle, ging es in diesem Jahr auch um eine Grundsatzfrage: Gibt es noch eine rote Linie zwischen Journalismus und Aktivismus oder verschwimmt diese? Anna Biselli, Chefredakteurin von „netzpolitik.org“, und Politikwissenschaftler Prof. Christoph Bieber halten eine zwanghafte Trennung für falsch. Ein paar Grenzen sollten Redaktionen demnach trotzdem ziehen.

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Dass es Grauzonen zwischen Aktivismus und Journalismus gibt, wurde beim Diskussionspanel auf dem Global Media Forum schnell klar: Wikileaks? Impact Comedy im Stile von Jan Böhmermann und dem „ZDF Magazin Royale“? Die Klima-Sonderausgaben von „Stern“ und „Taz“ (MEEDIA-Kommentar)? Was davon eher aktivistisch, was eher journalistisch ist, spaltete die Zuhörenden oft in ähnlich große Lager.

Zur Person: Christoph Bieber

Foto: Privat

Christoph Bieber ist Leiter des Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum, wo er das Forschungsprogramm „Digital Democratic Innovations“ verantwortet. Kürzlich erhielt Bieber ein Thomas-Mann-Stipendium 2022, um seine Forschungen über Ethik und die Smart City in Los Angeles zu erweitern.

„Es sind nicht mehr nur die klassischen Medienhäuser und Journalisten an der Herstellung von Öffentlichkeit beteiligt“, sagt Bieber. „Gerade investigative Aktivitäten kommen von Akteuren, die man vor zehn, zwanzig Jahren nicht als Journalisten bezeichnet hätte oder die es noch gar nicht gegeben hätte.“ Ist es nicht gerade deshalb und trotz aller Überschneidungen und Ähnlichkeiten notwendig, eine Grenze zu ziehen? Klar zwischen parteiischer Interessensvertretung und unabhängiger Berichterstattung zu unterschieden?

Anna Biselli hält eine Grundsatzdiskussion über die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus nicht für zielführend. Die Chefredakteurin von „netzpolitik.org“ erinnert an die Geschichte ihres Mediums: „Am Anfang waren wir ein Blog, der sich für digitale Rechte einsetzte. Auch heute werden wir deshalb noch oft mit dieser Frage konfrontiert. Aber welche Auswirkung hat das auf unser Tun? Sich an journalistische Grundsätze halten, aber mit einer Haltung, einem Ziel – das muss kein Widerspruch sein.“

Wovon beide Akteursgruppen profitieren können, da sind sich Biselli und Bieber einig, sind projektbezogene Kooperationen. Noch vor wenigen Jahren seien diese aber oft an der Fremdwahrnehmung gescheitert, erzählt die „netzpolitik.org“-Chefredakteurin. „Um 2014/15 war es wegen des Images schwierig, mit anderen Medien zusammenzuarbeiten. Manche sagten, wir seien Aktivisten oder gar Lobbyisten.“

Dabei seien solche „Partnerings“ oft erfolgsversprechend. „Bei großen und erfolgreichen Recherchen finden sich in der Entstehung meistens Praktiken sowohl aus Journalismus und Aktivismus“, so Bieber. Wie bei Wikileaks könnten Aktivisten von der Reichweite des Journalismus profitieren, andersherum profitieren Journalisten wiederum von Spezialkenntnissen und besonderen Zugängen zu Quellen, die Aktivisten mitbringen. Heute gäbe es beispielsweise vermehrt Recherche-Startups oder Akteure, die sich sehr stark auf die Visualisierung von Daten spezialisiert hätten. „Das Skillset klassischer journalistischer Ausbildung reicht an manchen Stellen vielleicht nicht aus, auch wenn sich dieses Gefälle in den vergangenen Jahren verringert hat.“

Zur Person: Anna Biselli

Foto: Darja Preuss/Owieole

Anna Biselli ist Chefredakteurin von „netzpolitik.org“. Sie beschäftigt sich vor allem mit staatlicher Überwachung und digitalen Formen der Migrationskontrolle. Im Jahr 2019 hat sie gemeinsam mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte eine Studie zur Analyse von Smartphones von Flüchtlingen verfasst.

Braucht es überhaupt noch ein „journalistisches Gütesiegel“?

Die Frage der Fremdwahrnehmung sei für die Redaktionen selbst aber gar nicht entscheidend: „Die Frage ist eher, ob die Grenze nach außen hin überhaupt erkennbar sein muss, ob es ein journalistisches Gütesiegel braucht“, so Bieber. „Wenn Dinge gut recherchiert und aufbereitet sind und wenn sie einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte leisten, bedarf es keiner zusätzlichen Besiegelung durch traditionelle journalistische Akteure. Hier hat es einfach einen Wandel gegeben.“ Wichtig sei vielmehr das interne Bewusstsein für journalistische Qualität.

Beim Blick in die Praxis finden sich daher schnell Unterschiede zwischen Journalismus und Aktivismus – und auch Grenzen, die Journalisten ziehen sollten. So müssten neben dem journalistischen Handwerkszeug vor allem bei der Themenwahl immer journalistische Maßstäbe wie Relevanzkriterien eingehalten werden, sagt Biselli. Pflichten, denen der Aktivismus an sich nicht unterliege. Ein weiterer wichtiger Aspekt, gerade auch bei Kooperationen zwischen den Akteursgruppen sei zudem Transparenz. „Wir geben den Nutzern so viele Informationen wie möglich, Originalquellen soweit möglich, originale Dokumente.“

Und auch in der rechtlichen Behandlung von Aktivisten und Journalistischen gibt es faktisch Differenzen, allen voran für die jeweiligen Akteure selbst: „In den meisten Ländern werden Journalisten besser geschützt als Aktivisten“, gibt Bieber zu bedenken.

Klar abgrenzen von parteiischen Akteuren

Klar und sichtbar abgrenzen sollte sich der Journalismus nach Ansicht des Wissenschaftlers aber von bewusst und offen parteiisch agierenden Akteure geben. „Politische Akteure haben die Produktion eigener quasi-journalistischer, aber ideologisch klar strukturierter Angebote längst massiv aufgerüstet.“ Barack Obama habe mit seinem Wahlkampf 2008 erstmals Trends in die Richtung der Nutzung der sozialen Medien gesetzt. Um ihre eigene unabhängige Informationsfunktion nicht zu gefährden, sollten Medien deshalb schlicht „ihre Arbeit machen“: Gut recherchieren, kritisch hinterfragen. Biselli und Bieber zeigten beim Global Media Forum jedoch auf, dass das auch in Kooperation mit nicht originär-journalistischen Akteuren möglich sein kann.

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