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Wochenrückblick

Wohin gehst Du, wenn Dir Axel Springer zu woke ist?

Der angeblich transphobe Gastbeitrag von Wissenschaftlern in der „Welt“ sorgt weiter für Rumpeleien im Hause Axel Springer. Ferda Ataman räumt ihr Twitter-Konto vielleicht ein bisschen zu gründlich auf. Die Leute haben keine Lust auf schlechte Nachrichten. Und ein allseits beliebter Tech-Milliardär stellt sich seinen (vielleicht) künftigen Angestellten vor. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die Sache mit dem angeblich transphoben „Welt“-Gastbeitrag erschüttert immer noch den Axel-Springer-Konzern. Naja, zumindest beschäftigt sie ihn. Jetzt hat die durchaus bekannte „Bild“-Autorin Judith Sevinç Basad hingeschmissen, weil CEO M. Döpfner – und damit der ganze Laden – in ihren Augen „vor der unerträglichen Tyrannei der woken Aktivisten eingeknickt“ sei. Grund des Furors von Frau Basad ist die Replik Döpfners auf den angeblich transphoben Gastbeitrag (der ja gar nicht transphob war). Döpfner hat in seinem Text den „Welt“-Beitrag als als „unterirdisch“, „oberflächlich“ und „herablassend“ runtergeputzt. Ein zentraler Vorwurf von Frau Basad ist, dass ein Artikel von ihr, der in „Bild“ den ursprünglichen „Welt“-Beitrag in Schutz nehmen wollte, verhindert worden sei: „Mir wurde gesagt, dass ich den Wissenschaftler-Aufruf kritisieren sollte, ansonsten würde der Artikel nicht erscheinen.“ „Bild“-Chefredakteur Johannes Boie parierte den Vorwurf auf Twitter mit dem Totschlag-Argument, Basads Text sei halt einfach zu schlecht gewesen.

Zack. Bumm. Entfernt erinnert mich das Dramolett an den Resignation Letter der Autorin Bari Weiss an die „New York Times“. Auch diese Redaktion war Frau Weiss zu woke geworden. Man könnte wohl auch sagen, die „NYT“ ist in ihrer Lesart „vor der unerträglichen Tyrannei der woken Aktivisten eingeknickt“. Bloß, dass Bari Weiss anschließend bei Springers „Welt“ Unterschlupf fand. Verwirrende Zeiten. Die Woke-Grenzziehung scheint aktuell so fluide, wie manch eine Gender-Identity. Die Frage ist nun, wo geht Frau Basad hin, wenn ihr Springer zu woke ist? Zu „Tichys Einblick“? Zu Julian Reichelts seltsamem Wutbürger-Projekt? Wir werden sehen und staunen.

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Ferda Ataman hat einigen Furor, auch von den Woke-Heinis vom Springer-Verlag (sorry!) auf sich gezogen, weil sie ihre alten Tweets großzügig en bloc gelöscht hat. Die Publizistin soll Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung werden. Nach ihrer Nominierung verschwanden dann rund 10.000 Tweets von ihrem Twitter-Profil. Natürlich kann jeder von seinem eigenen Zeug löschen, was er oder sie will. Ob das besonders schau ist, steht auf einem anderen Blatt. Ferda Ataman macht mit dieser Lösch-Aktion mit dem Flammenwerfer jedenfalls sehr viel Raum für Spekulationen auf. Was hat sie zu verbergen!? Offenbar war da einiges an Twittereien drunter, womit sie als Antidiskrimierungsbeauftragte nicht mehr so gern konfrontiert werden möchte. Bekannt ist u.a., dass sie häufiger den Begriff „Kartoffel“ für weiße Deutsche benutzt hat. Wenn’s weiter nix wäre. Ich empfinde die Bezeichnung „Kartoffel“ eher als putzig-hilflosen Versuch, für Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft auch ein irgendwie diskriminierendes Label zu finden. Dabei kann man die doch angeblich gar nicht diskriminieren. Ich (mittelalt, weiß, Mann) wurde noch nie als „Kartoffel“ bezeichnet. Und wenn, wäre mir das herzlich egal. Ich finde Kartoffeln per se gar nicht schlecht.

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Diese Woche wurde mal wieder der Reuters Digital News Report veröffentlicht, eine Art globale Bestandsaufnahme der Medienwelt. Die meisten Schlagzeilen machte das Ergebnis, dass sich nur noch 57 Prozent der erwachsenen Internetnutzer für „News“ interessieren, womit stets eher allgemein journalistische Inhalte gemeint sind. Das ist ein Rückgang von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei den 18- bis 24-Jährigen ging das Interesse an „News“ sogar um 19 Prozent auf 31 Prozent zurück. Grund sei eine allgemeine Überforderung und miese Laune wegen zu vieler schlechter Nachrichten. Corona usw. Der Ukraine-Krieg ist hier noch nicht einmal berücksichtigt. Kann man da was machen? Ich wüsste nicht wie. Alle Versuche, dem nachrichtlichen Journalismus-Geschäft einen positiven Spin zu geben, würden sich zu Recht dem Vorwurf der Bevormundung aussetzen. Und dann sinkt wieder das Vertrauen. Es gilt die Devise: Doomscrolling hat jeder selbst in der Hand, bzw. im Daumen.

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Ob Elon Musk Twitter kauft, ist immer noch nicht ausgemacht. In einem All-Hands-Meeting vor Twitter-Angestellten eröffnete der Multi-Milliardär der Herzen nun, dass seiner Meinung nach Twitter eine Milliarde Nutzer habe sollte, aber den einen oder anderen Mitarbeiter weniger. Not profitable, Baby! Die planmäßig vielfach geleakten Reaktionen der Belegschaft waren erwartungsgemäß alles andere als begeistert. Dabei sagte Musk nicht viel anderes, als er ohnehin schon öffentlich geäußert hatte. Unter anderem will er Nutzern erlauben, auch „ziemlich empörende“ Dinge zu veröffentlichen. Hat Elon Musk vielleicht die alten Tweets von Ferda Ataman gelesen?

Nächste Woche macht diese Kolumne Pause, behalten Sie bitte die Nerven.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche““ spreche ich mit Christian Meier von der „Welt“ über den Reuters Report, Ferda Ataman und die plötzliche Präsenz der „FAZ“ bei TikTok. Außerdem geht es um den aktuellen Bericht des Beitragsservices: Die Öffis bekommen mehr Geld! Wenn das mal nicht den Puls hochtreibt. Es freut mich, wenn Sie reinhören.

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