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Ortsbesuch bei "Salon5"

„Correctiv“-Jugendredaktion „Salon5“ – die Bewegung aus Bottrop

Die "Salon5"-Redaktion – Foto: Ivo Mayr/Correctiv

„Salon5“ hat im Mai seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Was wie eine trendige Bar klingt, ist die Jugendredaktion von “Correctiv”. Seit 2020 ist das Team um Redaktionsleiterin Hatice Kahraman mit einem Webradio auf Sendung, produziert Podcasts und Social-Media-Formate für eine junge Kernzielgruppe im Ruhrgebiet. Wer steckt hinter dem Projekt und was hat „Salon5“ vor? Ein Redaktionsbesuch in Bottrop.

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Mitten in der Bottroper Innenstadt, neben einem Sportgeschäft und einem Supermarkt, prangt das Logo von „Salon5“ auf der Schaufensterscheibe: Die Jugendredaktion der gemeinnützigen Recherche-Plattform „Correctiv“ versteckt sich nicht. Das große Ladenlokal mit Kaffeeküche und Chill-Ecke im Eingangsbereich wirkt einladend und frisch, in der Fußgängerzone ist es gut sichtbar. Wer hier hereinkommt, wird direkt herzlich empfangen – egal, ob MEEDIA-Reporter oder ein geflüchtetes ukrainisches Paar, das nur wenig später interviewt wird. Hier arbeiten einzelne junge Redakteurinnen an diesem Nachmittag konzentriert an ihren Projekten, miteinander gesprochen wird nur in kleiner Runde.

Vorbei an einigen Schreibtischen geht es in die Herzkammer der Redaktion: das Untergeschoss. Da stehen schwere Ledersofas, an der Wand hängt ein Imbiss-Schild mit D-Mark-Preisen, auch ein Ein-Euro-Shop war hier mal Mieter: Die Räume, in denen „Salon5“ seit März 2020 sein Zuhause hat, haben Patina. Die Ausstattung dagegen ist professionell, die Atmosphäre eines Startups würdig: ein Greenscreen-Studio, eine Bühne mit Live-Schnittplatz für Shows und ein Tonstudio für Podcast-Aufnahmen.

Hier unten produziert ein wechselndes Team aus etwa 50 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren, Festangestellten, Volontären und Werkstudenten ein Webradio, Podcasts sowie Instagram- und TikTok-Formate für junge Leute aus dem Ruhrgebiet. Bitter: Kurz nach dem Start musste wegen der Pandemie alles ins Digitale verlegt werden. Daran scheiterte der Plan, ein Jugendcafé in der Redaktion zu betreiben, der bis heute nicht realisiert wurde. Noch im Mai 2020 kehrte die Redaktion aber mit einem Hygienekonzept zurück. Nach wie vor können Projekte auch rein digital, von daheim aus umgesetzt werden.

Jugendliche sollen ihre Stimme in der Gesellschaft finden

Die 5 im Namen soll auf das Grundgesetz verweisen. Artikel 5, das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit. Laut Konzept sollen Jugendliche bei „Salon5“ ihre Stimme in der Gesellschaft finden und sich einbringen. Ob mit klarem Themenplan oder nur mit einer vagen Idee – wer in diese Redaktion geht, bekommt individuelle Unterstützung und Beratung bei der Umsetzung. So wie Alison. Die 17-Jährige, die zum Zeitpunkt des Besuchs mitten in ihren Abiturklausuren an einem Essener Berufskolleg steckt, ist über einen Workshop auf die Jugendredaktion aufmerksam geworden. Heute produziert sie bereits erste eigene Projekte. Gerade hat sie vor dem Greenscreen eine Instagram-Story zum Todestag von George Floyd aufgezeichnet. Ihr Blick auf Redaktionsarbeit sah früher so aus: „Ich hatte immer das Vorurteil, dass man in eine Redaktion geht, ein Thema bekommt und das dann innerhalb von zwei Wochen bearbeiten muss.“ Die Arbeit bei „Salon5“ hat diese Sicht jedoch verändert: „Hier bin ich viel freier und individueller in der Themenauswahl und am Ende kommt meistens auch das raus, was ich mir am Anfang vorgestellt habe.“ In diesem Fall: eine Themenwoche zur „#blacklivesmatter“-Bewegung.

Besonders oft kämen bei „Salon5“ Klima-, Schul- und psychologische Themen auf den Tisch, erzählt die Redaktionsleiterin Hatice Kahraman, die sich an diesem Nachmittag nur digital in die Redaktion zuschalten kann – eine Vorsichtsmaßnahme wegen Corona. Den jungen Menschen aus Bottrop und Umgebung viel Platz für eigene Ideen und Interessen zu geben, sei eine zentrale Aufgabe. Kahraman ist 27 Jahre alt, leitet die Redaktion seit Januar dieses Jahres und ist ein Eigengewächs. Ihr Volontariat hat sie bei „Correctiv“ in Essen gemacht. Die Verbindung dorthin ist heute noch eng. Es könne sogar inhaltliche Überschneidungen bei den Themen geben, „aber wir haben immer eine andere Herangehensweise“, so Kahraman. Bietet das „Correctiv“ beispielsweise einen großen „Sanktions-Tracker“ als Übersicht aller gegen Russland verhängten Sanktionen an, kümmert sich „Salon5“ erst einmal um grundlegende Fragen: Was sind überhaupt Sanktionen? Wofür werden die verhängt? Die Jugendredaktion setzt beim Zielpublikum nicht zu viel Vorwissen voraus.

Zum Unternehmen

„Salon5“ ist die Jugendredaktion des Recherchezentrums “Correctiv” mit Sitz in Bottrop. Hier arbeiten Jugendliche an selbstgewählten journalistischen Projekten, eng betreut von erfahrenen Mentoren.

Finanziert wird die Jugendredaktion zum Großteil aus Mitteln der Ruhrkonferenz (rund 151.000 Euro) und der RAG-Stiftung (85.000 Euro). Damit sei auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom “Correctiv” gewährleistet, betont die Redaktionsleiterin.

„In der Region gab es immer zu wenige Angebote für junge Leute“

Die 18-Jährige Mevize, die eben noch das ukrainische Paar zum Interview empfangen hat, steht nun wieder zwischen den Laptops an den Schreibtischen. Der Podcast-Schnitt steht an. Gesprochen hat sie mit den beiden Gästen über deren Flucht und die persönliche Geschichte. Aktuelle Nachrichten aus einer jüngeren Perspektive zu betrachten und vor allem an Menschen zu erzählen, sei ihr wichtig, erzählt sie. Andere in der Redaktion setzen sich intensiv mit „klassischen Jugendthemen“ wie Freundschaft oder Sexualität auseinander. „In der Region gab es aus meiner Sicht immer zu wenige Angebote für junge Leute“, sagt Mevize, die aus der Nachbarstadt Gladbeck regelmäßig vorbeikommt. Außer der „Funky“-Jugendredaktion der Funke Mediengruppe gibt es im Ballungsgebiet Ruhr keine vergleichbar groß aufgezogenen Angebote. Die Kreativität, so wirkt es, war bei den Jungen in der Region immer da – mit „Salon5“ hat sie inzwischen ein festes Forum.

Aber „Salon5“ will nicht nur ein Forum für diejenigen sein, die ohnehin den Drang haben, sich einzubringen. Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Vermittlung von Medienkompetenz und -bildung. Schulen seien dabei ein „ganz wichtiges Thema“, so Kahraman. Gemeinsam mit ihrem Team bietet sie für alle Schulformen Workshops an. Schülerinnen und Schüler von Gymnasium bis Hauptschule bekommen darin etwa einen Crashkurs im Podcasting. Dieses „Durchmischen“ der Jugendlichen sei auch später in der Redaktion wichtig, um verschiedene Erfahrungswelten einzubringen. „Wenn wir diese Barrieren brechen können, schaffen wir eine sehr gute Diversität.“ Für die Jugendlichen sei das ohnehin kein Thema, vielfältige Hintergründe und Denkweisen vielmehr eine Selbstverständlichkeit.

Gemäß dem Konzept werden die Heranwachsenden in der Redaktion in engem persönlichem Austausch begleitet. „Wir machen keine Massenabfertigung. Jeder wird immer individuell betreut. Wir haben so viele verschiedene Formate, weil jeder Jugendliche unterschiedlich tickt“, so Kahraman. Erfahrene Redakteure und Werkstudenten stehen den Jugendlichen je nach Fachgebiet von der Themenplanung über die Recherche bis hin zur Interviewführung beratend zur Seite. „Obwohl sie so jung sind, sind die meisten Jugendlichen schon sehr gut in dem, was sie tun“, sagt die Redaktionsleiterin. Schon bei der Planung ergäbe sich aus den vielen Ideen, die die Jugendlichen einbringen, meist die Entscheidung, eine Themenwoche zu planen. Bei der Formatwahl entschieden letztendlich ebenfalls die Jugendlichen, was gemacht wird: Instagram-Reels, Feed-Beiträge und TikTok-Clips sind neben einer Podcast-Folge die üblichen Optionen. Den Schnitt übernehmen mit einigen Ausnahmen meist die Betreuenden. Und auch um einen weiteren Aspekt der redaktionellen Arbeit kümmern sich die Jugendlichen nicht selbst: das Community-Management. „Das ist zum einen etwas sehr Schwieriges, zum anderen wollen wir unsere Jugendlichen, die vor der Kamera stehen, vor Hass beschützen“, sagt Kahraman. Besonders auf TikTok gebe es dafür großes Potenzial.

Hatice Kahraman leitet die „Salon5“-Redaktion – Foto: Ivo Mayr/Correctiv

Emotionale Fragestellungen und auch ethische Diskussionen, mit denen sich die Jugendlichen konfrontiert sehen, greift die Redaktion regelmäßig dienstags in einer Konferenz auf. Hier darf jeder Teilnehmer erzählen, wie es ihm persönlich geht und was ihn gerade beschäftigt. Aus diesem „Gespräch unter Freunden“ ergäben sich auch die allermeisten der Themenvorschläge. „Es ist keine klassische Konferenz, bei der jeder sofort seine mitgebrachten Themen vorstellen muss“, erläutert Kahraman. Darüber hinaus laufe ein reger Austausch über eine eigene WhatsApp-Gruppe. „Die Jugendlichen haben untereinander eine sehr unterstützende, einfühlsame Umgangsweise.“

Bundesweite Expansionspläne

Knapp 3.000 Follower auf Instagram und bis zu 4.000 Views auf den einzelnen Videos erreicht „Salon5“ mittlerweile, dazu kommen rund 2.000 App-Downloads. Das ist zwar im Vergleich zu etablierten Medienmarken noch nicht viel, selbstbewusst tritt die Redaktion dennoch auf: „Wir wollen ausgehend von Bottrop eine Bewegung starten“, heißt es auf der Website. Die ersten Schritte in diese Richtung werden gerade gemacht: In Hamburg und in Greifswald, wo auch „Katapult“ seinen Sitz hat, entstehen weitere Redaktionen; inhaltlich und strukturell angedockt an die Kernredaktion in Bottrop. In Greifswald liegt der Fokus auf dem Klima-Journalismus. „Das ist einfach ein Thema, das immer wieder total gefragt ist“, so Kahraman. Während man in Hamburg in einem Jugendhaus bereits eine zweite Heimat gefunden hat, fehlen entsprechende Räumlichkeiten in Greifswald noch. „Wir sind aber zuversichtlich, dass wir in Greifswald genauso groß werden können wie in Bottrop“, sagt die Redaktionsleiterin.

In Konkurrenz zu anderen Medien denkt trotz aller Expansionspläne niemand. Auf der „YouMeCon“, der ehemaligen Jugendmedienkonferenz, will die Redaktion in diesem Jahr mit einem zur mobilen Radiostation umfunktionierten Transporter vertreten sein. Wo es möglich ist, möchte „Salon5“ mit lokalen Bildungseinrichtungen wie auch mit anderen jungen Medien in den Austausch kommen und zusammenarbeiten, betont Kahraman. Die Hauptsache sei, dass Jugendliche mit Medienangeboten erreicht würden.

Diskutieren, planen und produzieren – Kahraman und ihr Team arbeiten fleißig an Inhalten, die von Jugendlichen für Jugendliche gemacht sind. Mit großem Elan und wachsendem Erfolg.

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