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Debatte um "Welt"-Gastbeitrag

Warum der „Trans-Lobby“-Beitrag für Springer zum Dauerproblem werden könnte

Sexualisierung durch die öffentlich rechtlichen Medien? Axel Springer Vorsitzende Mathias Döpfner kommentiert einen Gastbeitrag in der Welt

Sexualisierung durch die öffentlich rechtlichen Medien? Der Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner kommentiert einen umstrittenen Gastbeitrag in der "Welt" – Foto: Imago

Mit der Veröffentlichung des umstrittenen Gastbeitrags zur angeblichen „Umerziehung“ von Kindern im Sinne einer „Trans-Ideologie“ durch ARD und ZDF, hat sich Axel Springer ein faules Ei gelegt. CEO und „Welt“-Chef haben mit Rückruder-Bewegungen begonnen. Die Aufarbeitung könnte länger dauern.

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Das gibt es nicht alle Tage, dass Springer-CEO Mathias Döpfner in einem Text einen Gastbeitrag aus der eigenen „Welt“ als „unterirdisch“, „oberflächlich“ und „herablassend“ bezeichnet. Der Beitrag von fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern warnt davor, dass ARD und ZDF Kinder „umerziehen“, „sexualisieren“ und „indoktrinieren“ wollen, und zwar im Sinne einer „woken Trans-Ideologie“. Starker Tobak. Die Reaktionen auf den Beitrag sind überwältigend negativ. Homosexuelle fühlen sich angegriffen, Transsexuelle sowieso, generell die „queere Community“ und vermutlich auch die Öffentlich-Rechtlichen.

Axel Springer könnte mit dem umstrittenen Gastbeitrag dauerhaft queere Bewerberinnen. und Bewerber verschreckt haben, meint MEEDIA-Chefredakteur Stefan Winterbauer – Illustration Bertil Brahm

Es ist durchaus legitim, über Auswüchse in der Berichterstattung von ARD und ZDF zu schreiben und kritisch zu beäugen, dass Transsexualität in Teilen der Öffentlichkeit zu einer Art Lifestyle verbrämt wird. Man kann auch finden, dass die schwerwiegenden körperlichen und psychischen Folgen von Transsexualität in der Berichterstattung zu häufig zu kurz kommen und dass Begriffe wie Transsexualität, Intersexualität und Homosexualität allzu oft in einen queeren Topf geworfen werden.

Leider macht der viel gescholtene Gastbeitrag genau diesen Fehler auch. Es geht durcheinander zwischen Kritik an journalistischen Defiziten des ÖR, Kritik an einer nicht näher benannten „Trans-Lobby“ bis hin zu Geschmacksfragen der sexuellen Aufklärung, wenn die Autoren die Zeichnung von Geschlechtsteilen in irgendeinem Funk-Format blöd finden. Wenn man sich schon das Label „Wissenschaft“ auf die Fahnen schreibt und ein selbst ernanntes „Dossier“ veröffentlicht, sollte man es selbst auch ein wenig genauer nehmen und vor allem Kampf-Begriffe wie „woke“ tunlichst meiden. Das wissenschaftliche Argument bedarf einer nüchternen Darreichungsform. Wie man das Thema weitaus besser aufgreifen kann, zeigte jüngst die „Taz“ in einem Interview mit dem Jugendpsychiater Alexander Korte, der auch einer der Autoren des „Welt“-Beitrags ist.

Dazu kamen dann handfeste redaktionelle Fehler bei der „Welt“. Wie etwa, dass man in einer ersten Version die für Toleranz stehende Regenbogenflagge neben die Maus aus der gleichnamigen Sendung und unter die Zeile „Wie ARD und ZDF unsere Kinder sexualisieren und umerziehen“ packte. Später wurde das halbherzig korrigiert. Dieses Triptychon aus übergeigter Zeile, Maus und Regenbogenfahne ergab zusammen mit dem Text eine insgesamt toxische Mischung, die nicht nur dem Springer-internen Queer-Network supersauer aufstieß. Dort war nach Veröffentlichung zu lesen, man schäme sich für seinen Arbeitgeber – und das war noch einer der freundlicheren Kommentare. Döpfner selbst zeigte in seiner Replik Verständnis für die Verletztheiten, sogar Ulf Poschardt bekannte öffentlich, dass es nicht ganz rund gelaufen war. Die Frage, wo denn da die viel beschworene redaktionelle Kontrolle und Sorgfalt war, muss erlaubt sein.

Bei der Jagd nach Aufmerksamkeit und Digital-Abos nimmt man bei der „Welt“ schon mal in Kauf, dass Porzellan zerdeppert und Leute vor den Kopf gestoßen werden. Diesmal hat man offenkundig überzogen. Poschardt hat nun eine ganze Phalanx an weiteren Gastbeiträgen zum Thema angekündigt. Die Debatte geht also weiter, die Abo-Zahlen dürften steigen. Die Verantwortlichen flüchten sich in eine Hauptsache-drüber-reden-Haltung. Ob sie diesmal damit davonkommen?

Das Kern-Problem für Axel Springer ist, dass man mit dieser unsensiblen Holzhammer-Art womöglich nachhaltig queere Bewerberinnen und Bewerber verschreckt hat. Dass die queere Jobmesse Sticks & Stones nach der Veröffentlichung gleich den ganzen Konzern rausgeworfen hat, ist ein Zeichen, dass die Sache auf dem C-Level-Deck ganz oben angekommen ist. Allerhöchste Recruiting-Alarmstufe! Döpfner bedauert, dass nun 18.000 Mitarbeiter pauschal „in Mithaftung“ genommen würden. Nun, durch die Veröffentlichung in der „Welt“ wurden noch viel mehr Leute pauschal verletzt. Manchmal sollte man sich vorher überlegen, dass das, was man tut und sagt, Konsequenzen haben kann.

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