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Vielfalt in den Medien

Auf Schmusekurs – der Gold-Standard in Sachen Diversität!

– Sabrina Harper Zeichnung: Bertil Brahm

Allzu häufig nutzen wir Worte, ohne uns über deren Herkunft, Bedeutung oder Kontext im Klaren zu sein. Viele Worte aus dem Jiddischen sind im allgemeinen Sprachgebrauch zum Beispiel deutlich negativ konnotiert. Medienschaffende können mit einer sensiblen Wortwahl ihren Beitrag leisten.

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Um Politikposten wurde bei den vergangenen Landtagswahlen geschachert, Ölkonzerne machen einen Reibach und bei der Erbschaftssteuer wird gemauschelt. Das alles sind Themen, die in den letzten Wochen durch den Newsfeed waberten. Interessant sind dabei die Verben „schachern“, „mauscheln“ und das Wort “Reibach”. Allesamt stammen sie aus dem Jiddischen und haben es in den deutschen Sprachgebrauch geschafft.

Was auffällt: Alle sind negativ aufgeladen. Ist das nur ein Zufall? Nein, ist es nicht. Insgesamt gibt es etwa 120 Worte, die aus dem Jiddischen abgeleitet sind und bis auf wenige Ausnahmen benutzen wir diese in einem negativen Kontext. Jemand ist uns nicht ganz koscher oder meschugge, der Pleitegeier oder auch der Knast – alles Worte, die wir benutzen und zeigen, wie tief und unauffällig Diskriminierung stattfinden kann. 

Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass wir nicht jedes Wort und seinen Ursprung auf unserer Festplatte abgespeichert haben. Aber gerade alle, die mit Sprache arbeiten, sollten einen Moment der Reflexion nutzen. Denn im Subtext vermittelt Journalismus weit mehr als bloße Informationen. Der Pressekodex mahnt zur Sorgfalt, zur Beachtung der Menschenwürde und spricht sich gegen Diskriminierung aus. Explizit steht dort nichts zur Wortwahl und alle Journalist*innen wissen, der Pressekodex ist ein „zahnloser Tiger“. Aber dennoch! Lasst es uns alle besser machen. Um Posten in der Politik kann man „feilschen“ oder noch besser „verhandeln“, Ölkonzerne können „ein Vermögen anhäufen“ und bei der Erbschaftssteuer könnte „getrickst“ werden. 

Eine Sache stört mich allerdings an dieser Lösung. Ich persönlich bin kritisch gegenüber Umbenennungen, denn sie sind mir zu kurz gegriffen. Ich möchte das Jiddische nicht aus unserer Sprache streichen – ich will es vielmehr umarmen. Warum ich so empfinde? Als Schwarze Person (so ist aktuell das öffentlich korrekte Wording) habe ich schon zu viele Begriffe erlebt: Mulatte, Mischling, Afro-Deutsch, braun, schwarz – immer wieder wurden weitere vermeintlich neutrale Begrifflichkeiten in den Diskurs getragen und zu einem gewissen Zeitpunkt waren sie dann doch wieder negativ geframed oder politisch inkorrekt.

„Der Kern im Diskurs um Worte und Sprache liegt doch im Umgang damit.“

Der Kern im Diskurs um Worte und Sprache liegt doch im Umgang damit. Wenn wir Sprache bewusst wählen und gezielt in positive Kontexte setzen, dann ändert sich langsam, aber stetig unser Blick auf das dahinter. Das ist ein langer Weg, aber es kann gelingen. Der Beweis: Wir schmusen mit dem Haustier. „Schmusen“ – eines der wenigen Worte, das aus dem Jiddischen entlehnt ist und in einen positiven Kontext gesetzt wird. Das ist das wirkliche Ziel – das ist Diversität als Gold-Standard.


Sabrina Harper erlebt im Media Lab Bayern, wie innovativ die Medienbranche sein könnte und wundert sich, warum es in vielen Häusern ein Konjunktiv bleibt – zum Beispiel bei der Diversität. Ihre MEEDIA-Kolumnen finden Sie hier.

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