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Umstrittener Gastbeitrag

Mathias Döpfner und die Wut der queeren Community

Sexualisierung durch die öffentlich rechtlichen Medien? Axel Springer Vorsitzende Mathias Döpfner kommentiert einen Gastbeitrag in der Welt

Sexualisierung durch die öffentlich rechtlichen Medien? Der Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner kommentiert einen umstrittenen Gastbeitrag in der "Welt" – Foto: Imago

Ein umstrittener Gastbeitrag in der „Welt“ stellt Minderheiten aus der LGBTQ-Bewegung und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an den Pranger. Nach viel Kritik hat sich Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in einem eigenen Gastbeitrag zu Wort gemeldet. Der Text ist halb Entschuldigung, halb Rechtfertigung und vergisst etwas ganz wesentliches: die ausgeklügelte Strategie, mit der bei der „Welt“ Abos und Aufmerksamkeit generiert werden.

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Mathias Döpfner hat ein Problem. Das zeigt sich in seinem Kommentar, den er jetzt in der „Welt“ veröffentlicht hat. „Unser Haus steht für Vielfalt und Freiheit“ ist der überschrieben. Eine Offensichtlichkeit, die sich jeder Verlag auf die Fahnen schreiben würde und deswegen niemand öffentlich betonen muss. Eigentlich. Warum hat es der Axel Springer-Vorstandschef trotzdem getan? Weil er zwei Tage nach dem Erscheinen einen Gastbeitrags in der „Welt“ einfangen muss. Am 1. Juni erschien in der „Welt“ ein Gastbeitrag, der unter dem Label der Wissenschaftlichkeit eine „bedrohliche Agenda“ der öffentlich-rechtlichen Medien konstruiert, die angeblich „unsere Kinder sexualisieren und umerziehen“ wollen. Döpfner selbst ordnet den Gastbeitrag und seinen Ansatz ohne Umschweife als „unterirdisch“ ein, genauso wie die pauschale Kritik an den ÖRR-Medien für die Berichterstattung zu den Themen. Wissenschaftlich sieht er den Text „bestenfalls grob einseitig“. Die Grundannahme der Autoren lautet, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt. Dass darüberhinaus andere Geschlechtsidentitäten existieren, spielt für die Verfasser keine Rolle, genauso wenig wie der Stand der Forschung, die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlecht oder dass ihre Sicht ganze Bevölkerungsteile stigmatisiert. Auf dieser Basis sehen die Autoren eine „Umerziehung“ durch die Berichterstattung von ARD, ZDF über Funk-Angebote bis zu Arte in den letzten vier Jahren. Darunter auch Beiträge, die sich an Kinder und Jugendliche richten und von schwul-lesbischen bis zu transsexuellen Identitäten aufklären. Döpfner spricht von einem Ton, der „oberflächlich, herablassend und ressentimentgeladen“ sei und er sieht den Text nicht weit entfernt von einer reaktionären Haltung, die Homosexualität als Krankheit und Transsexualität als Einbildung sehe. Die Kritik, gerade aus der LGBTIAQ+-Community heraus, dass so ein Beitrag in der „Welt“ erschienen ist, kann der Springer-Vorsitzende nachvollziehen.

Imageschaden für Axel-Springer als Arbeitgeber

Warum der Beitrag in der „Welt“ nicht nur eine Belastung für den Vorsitzenden persönlich ist, sondern auch für die Konzernmutter Axel Springer, zeigt sich weiter unten im Kommentar von Mathias Döpfner. Denn nach dem Erscheinen wurde der gesamte Verlag von der queeren Jobmesse Sticks & Stones ausgeladen, zumindest für dieses Jahr. Für Döpfner ist das Sippenhaft von über 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, auch von der eigenen LGBTIAQ+-Community im Verlag, wie er schreibt. Dass die sich selbst öffentlichkeitswirksam von dem Beitrag distanziert hat, verschweigt er an dieser Stelle.

Der Gastbeitrag in der „Welt“ wird so zu einem Problem für den ganzen Verlag, der sich gerade international zum Top-Player aufstellen will und sein US-Geschäft mit großen Schritten aufbaut. Döpfner selbst gibt nach offizieller Lesart sogar sein Amt als BDZV-Präsident vorzeitig ab, um sich auf diese Expansion zu konzentrieren. All das kann er nicht unter dem Image der Unfreiheit und einer feindlichen Einstellung gegenüber Minderheiten. Immer weniger funktioniert das auch gegenüber den eigenen Mitarbeitenden und schon gar nicht gegenüber zukünftigen Bewerberinnen und Bewerbern auf einem hart umkämpften Arbeitsmarkt – weswegen die Ausladung aus der queeren Jobmesse keine Lappalie ist und einer der wesentlichen Gründe für den jetzigen Kommentar in der „Welt“ sein dürfte. Und es funktioniert auch nicht gegenüber internationalen Investoren, die die Expansion finanzieren sollen. Wie schnell solche Entwicklungen auf dem heimischen Markt problematisch werden können, hat sich schon im Fall von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt gezeigt, der nach zahlreichen Vorwürfen von Sexismus und Machtmissbrauch gegenüber Frauen den Hut nehmen musste, und zwar erst als die „New York Times“ über bereits bekannte Sachverhalte berichtete. Für die geplante Übernahme von „Politico“ und die US-Expansion von Springer war der Imageschaden eine ernsthafte Gefahr

Keine Redaktionsmeinung, aber die Meinung von Chefredakteur Ulf Poschardt? 

Interessant ist noch etwas anderes an dem Kommerntar über den Gastbeitrag. Denn natürlich kommt Döpfner nicht ohne einen Verweis auf die Meinungsfreiheit aus. Er weist darauf hin, dass Gastbeiträge ihre Berechtigung hätten um „Grenzen auszuloten und auf diese Weise Debatten anzustoßen“. Sie seien eben nicht die Stimme der Redaktion. Dass „Welt“-Chef Ulf Poschardt das anders sieht, zeigt er etwa auf LinkedIn. In einem Post auf dem Karrierenetzwerk fordert er mit dem Verweis auf den Artikel Union und FDP zum Handeln gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf. Er schreibt von „wir“ statt von den Autoren, wenn es um den Beitrag geht und macht sich die Inhalte des Beitrags damit zu eigen. Poschardt spricht davon, dass auf dem ÖRR „zudem – immer ausgehend von der Falschaussage der Vielgeschlechtlichkeit – „trans“ ein Dauerthema“ sei. Wenn der Chefredakteur so postet, kann von einer redaktionellen Distanz kaum die Rede sein.

 

„Welt“- Strategie: Abo-Baiting mit gesellschaftlichem Zündstoff

Was in der Argumentation von Döpfner zudem untergeht, ist etwas ganz anderes: Debattenbeiträge dieser Art sind fester Bestandteil einer Strategie bei der „Welt“. Meinungen, die Redakteure im Haus nicht publizieren würden, werden über Interviews oder Gastbeiträge verbreitet. Thema war das Ganze bereits vor einem Jahr mit dem sogenannten #Weltgate. (Hier gibt es einen Spiegel+-Artikel zum Thema) Unter dem Titel „Es geschehen bei den Intensivstationen seltsame, unverständliche Dinge“ wurde in der Coronapandemie einem umstrittenen Thesenpapier von Forscher Matthias Schrappe Raum gegeben, das den Vorwurf der Manipulation bei den Intensivbetten aufmachte. Das Problem waren nicht nur die falschen Vorwürfe, die schnell entkräftet wurden und die auch die „Welt“ später korrigieren musste. Das Problem war auch, dass die „Welt“ damit einen Artikel hinter der Bezahlschranke publizierte, von dem sich in Windeseile vor allem der Vorwurf der Überschrift in den sozialen Netzwerken verbreitete und damit Falschinformationen. Solche Artikel gelten intern als Abo-Bringer – eine Währung, die für alle Verlage in Zeiten sinkender Printerlöse maximale Bedeutung hat. Und bei der „Welt“ ist man gut mit dieser Währung ausgestattet. Im April konnte Ulf Poschardt einen neuen Rekord von 200.000 Digitalabos verkünden. Wenn User sich dafür entschließen, sei das „das größte Kompliment für unsere Arbeit“, so der „Welt“-Chef in einer Pressemitteilung. 

Maximale Konvertierung und maximale Reichweite

Dass diese Komplimente hart erarbeitet sind, zeigt auch der aktuell umstrittene Beitrag, der ebenso hinter der Bezahlschranke liegt. Die Aufmachung, in der der Artikel am 1. Juni erschien, macht klar, dass man hier nichts dem Zufall überlassen hat. Das Ziel: maximale Abokonvertierung und maximale Reichweite für das Thema. Das zeigen mehrere Faktoren. Einmal ist da die Aufmachung. Und zwar nicht nur die skandalisierende Headline „Wie ARD und ZDF unsere Kinder sexualisieren und umerziehen“ – sie macht die Sender in der Überschrift stellvertretend für alle ÖRR-Medien zu übergriffigen Tätern gegenüber den schützenswertesten Individuen. Das Bild – zu sehen war die lachende orangene Maus mit einer Regenbogenflagge, darauf die Symbole für die drei Geschlechter weiblich, männlich und divers – schlägt die Brücke von der Überschrift zu einer der bekanntesten Kindersendungen der Republik „Die Sendung mit der Maus“ hin zum Symbol der LGBTQIA+ Bewegung, der Regenbogenfahne. Der ressentimentgeladene Ton des Beitrags, von dem Döpfner in seinem eigenen Kommentar schreibt, wurde von der Redaktion damit in ein griffiges Bild gegossen, das schnell verstanden und schnell geteilt werden kann. Dass Bild und Headline selbst für die „Welt“ problematisch waren, zeigen die späteren Änderungen.

Nach der Kritik an der Welt folgte die Änderung der Überschrift und des Aufmacherbildes – eine öffentliche Erklärung gab es dafür nicht.
Foto: Screenshot Welt

Die Headline wurde abgewandelt in: „Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren“. Von dem Bild verschwand die Regenbogenflagge, es blieb nur eine Maus mit Sonnenbrille. Sogar die URL, also die direkte Internetadresse des alten Artikels, wurde geändert, sie enthielt die Überschrift. Bei der „Welt“ war man sich der Problematik also bewusst. Eine öffentliche Erklärung gab es dazu nicht. Ulf Poschardt schrieb auf Twitter sogar, dass der Beitrag Auftakt zu einer ganzen Reihe sein solle.

Problematisch sind aber nicht nur die Zuschreibungen in der Überschrift. Problematisch ist auch etwas anderes: Bei dem prominenten Aufmacher auf der Startseite fehlte am 1. Juni der Hinweis, dass es sich um einen Gastbeitrag handelt. Es ist ein wichtiger Unterschied, wie Döpfner ja selbst festgestellt hat, ob hier Redakteure schreiben oder Externe Raum für ihre Meinung erhalten. Leser haben das erst im Einleitungstext erfahren, in dem in der Mitte von „Gastautoren“ die Rede ist oder wenn sie auf den Beitrag klicken. (Nachvollziebar ist das mit der archivierten Version der Webseite vom 1. Juni, von der man sich hier selbst überzeugen kann.)

Ein Hinweis auf einen Meinungs- oder Gastbeitrag fehlte auf der Startseite der „Welt“

Über die Bewegründe kann man nur spekulieren. Fakt ist: Nachrichtenkonsum ist Headlinekonsum, erfahrungsgemäß sind starke Überschriften der größte Anreiz, um auf einen Artikel zu klicken. Das zeigt sich auch in den sozialen Netzwerken. Der prominenteste Twitter-Post bei der „Welt“ bestand dann auch nur aus der Überschrift „Wie ARD und ZDF unsere Kinder sexualisieren und umerziehen“ und aus dem besagten Artikelbild. Von dem eventuell ablenkenden Hinweis auf einen Gast- oder Meinungsbeitrag fehlte jede Spur. Dass die Kombination ihre Wirkung entfalten konnte, verrät die Reichweite des Posts. 

Die Variante, die für den Beitrag auf mehreren Ebenen angemessen gewesen wäre, findet sich auf Facebook. Auf dem Netzwerk hat sich die Redaktion entschieden, ein neutrales Bild zu wählen, sofort auf die Gastautorenschaft hinzuweisen und den Post mit dem Hinweis #meinung zu versehen, einzig die Überschrift bleibt fast im Original erhalten.  

„Heftig“-Cliffhänger: den Haken kurz vor der Paywall setzen

Interessant ist auch der erste Absatz, der noch vor der Paywall zu lesen ist. Dieser endet mit einem Hebel, der verwendet wird, um kurz vor der Bezahlschranke das richtige Kaufinteresse bei den Lesenden zu wecken. Die letzten beiden Sätze lauten: „Wir mochten es selbst kaum glauben. Doch was wir in einigen Dutzend Sendungen des ÖRR quer durch alle Kanäle sahen, bot ein erschreckendes Bild.“ Wer sich bereits länger mit dem Thema Clickbaiting im Internet beschäftigt, wird darin einen Klassiker des Onlineteasings der Nuller- und früheren 2010er-Jahre wiedererkennen. Damals klangen sie eher subtil: „Heftig, was wir gefunden haben“ oder „Du wirst nicht glauben, was dann passierte“. Diese Art Cliffhanger, die jede Fortsetzungsgeschichte oder Serie nutzt, kommt auch hier zum Einsatz, nur etwas ausformulierter. Statt Clickbaiting ist es jetzt Abobaiting. An sich gehört diese Technik in irgendeiner Form immer zum Geschäft des Aboverkaufs. Hier spielt aber noch etwas anderes mit. Denn was ist unterm Strich geschehen? Die „Welt“ hat eine These stark gemacht, die durch das Thesenpapier in keiner Weise gestützt wird, ähnlich wie vor einem Jahr beim #Weltgate. Eine Mehrheit der Lesenden wird sich über diese Details kein Bild machen, weil sie kein Abo abschließen. Der Prozentsatz, der das Abo abschließt ist ein Nettogewinn für den Verlag. Was durch die „Welt“ in der Welt ist, ist die Kombination aus Headline, Bild und Teaser. In diesem Fall die Verknüpfung von Regenbogenfahne – dem Symbol einer ganzen Community von Gay bis Transgender – und der „Sendung mit der Maus“ mit der konstruierten Gefahr der Sexualisierung und Umerziehung „unserer Kinder“. 

Und genau hier bildet sich eine große Schere in der Argumentation von Döpfner und dem was wirklich geschehen ist. Döpfner verteidigt die Meinungsfreiheit, die „Welt“ angelt Abos und  maximale Reichweite im gesellschaftlich Reaktionären oder befördert diese Sichtweise, wo sie noch nicht existierte. Ulf Poschardt selbst macht damit politischen Druck in den sozialen Medien.

Schuldumkehr à la Döpfner

Und dabei bleibt es nicht. Denn ganz zum Schluss vollführt der Springer-Vorsitzende noch einen ungeahnten Schachzug. Er schließt seinen Beitrag eben nicht mit dem Verständnis für die Kritik an dem „Welt“-Beitrag. Im Gegenteil: In der Kritik an dem Beitrag in der „Welt“ und dem Ausladen von Axel Springer von der Jobmesse sieht Döpfner etwas Symptomatisches, ein Beispiel für die „Polarisierung von Publizistik und Gesellschaft“. Demnach würde in „besorgniserregendem Tempo die demokratische Tugend“ verlernt werden, unterschiedlicher Meinung zu sein. Statt zu reden würde ausgegrenzt werden. Dass sein eigener Titel, die „Welt“, mit der Strategie der Zuspitzung und Polarisierung Rekorde im Aboverkauf erzielt und dabei Gefahr läuft, gesellschaftliche Kollateralschäden zu hinterlassen, spielt in Döpfners Betrachtungen keine Rolle. Was macht er also? Er dreht den Spieß um, versucht die Kritiker zu entwaffnen und schwingt selbst die Keule der Cancelculture – inzwischen ein reaktionärer Kampfbegriff gegen jegliche Kritik. Die Schuld liegt damit auf der Seite der Kritiker. Seine eigenen Ausführungen führt Döpfner damit doppelt ad absurdum.

*(LGBTQIA+ meint die „Lesbian Gay Bisexual Trans Intersex A- Queer“-Community und weitere Geschlechtsidentitäten, die sich nicht auf das Bild von Zweigeschlechtlichkeit oder Heteronormativität festlegen lassen und oft mit den Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierungen zu kämpfen haben)

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