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Führungsfragen

Von Führungskräften, die keine Ahnung haben

Oliver Blecken – Illustration: Bertil Brahm

Chef*innen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Wer kennt das nicht? Wer hat sich darüber nicht schon einmal echauffiert: Wie konnte der oder die denn in so eine Führungsposition kommen?

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Dieser Frage liegt meiner Erfahrung nach ein fundamentaler Irrtum zugrunde. Nämlich der, dass Führungskräfte alles (am besten) wissen müssen. Ein Irrtum, dem sowohl Mitarbeitende, Unternehmen, als oft auch die Führungskräfte selbst erliegen. „Unwissenheit“ muss nämlich nicht unbedingt zur Disqualifikation für höhere Aufgaben führen. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall:

Einer Klientin von mir wurde die Verantwortung für eine große Fachabteilung übertragen, von der sie nur sehr begrenzt Ahnung hat. Mein spontaner Gedanke war: Wie kann man das denn machen – was hat das Management sich dabei gedacht?

Heute, ein paar Monate später, denke ich: Wie klug und vorausschauend hat dieses Unternehmen gehandelt, dieser Frau diese Aufgabe zu übertragen! Warum? Weil sie eine begnadete Führungskraft ist, jemand im Unternehmen das erkannt hat und sie fördert.

Es spielt nämlich keine Rolle, dass sie inhaltlich nicht in allen Themen drin ist. Denn sie versteht ihre Aufgabe als Führungskraft anders. Sie sieht sich nicht als „Macherin“, sondern als „Ermöglicherin“. Sie kümmert sich um ihre Mitarbeitenden. Sie spricht mit ihnen und hört zu. Versteht, welche Wünsche und Bedürfnisse sie haben. Sie unterstützt und fördert. Sie schenkt Vertrauen und gibt ihren Leuten (Eigen-)Verantwortung und Handlungsspielraum.

Sie macht aus Einzelkämpfern ein Team, indem sie individuelle und gemeinsame Ziele definiert und für Klarheit sorgt. Und sie managt gleichzeitig das Spannungsfeld, in dem sich jede Führungskraft befindet: zwischen Mitarbeitenden, Chef, Unternehmen, Kunden und – last but not least – den eigenen Ansprüchen.

„Fachwissen schützt nicht vor Führungsschwäche!“

Ich habe in Agenturen regelmäßig erlebt, dass Mitarbeitende aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz ge- und befördert wurden – ungeachtet ihrer Führungsqualitäten. Das führte oft zu Problemen im Team oder mit Kunden. Denn Fachwissen schützt nicht vor Führungsschwäche! Gut beraten sind deshalb die Unternehmen, in denen es Fachkarrieren ohne Führungsverantwortung als alternative Karriereoption gibt.

Aber zurück zu den Chefs, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben: Mein schlechtester Chef war tatsächlich der, der fachlich am qualifiziertesten war. Er konnte immer alles selbst am besten. Von ihm habe ich zwar inhaltlich viel gelernt, gleichzeitig blieb dabei das Menschliche oft auf der Strecke. Und wenn Chefs ihre Mitarbeitenden ihre fachliche Überlegenheit ständig spüren lassen, kann das bei denen schnell zu Demotivation führen.

Ahnung zu haben ist zwar hilfreich, aber eben nicht immer ausreichend. Deshalb mein Appell an alle Unternehmen: Beurteilt eure Mitarbeitenden nicht ausschließlich danach, was sie machen, sondern besonders wie sie es machen. Denn aus manch „Ahnungslosen“ ist später eine richtig gute Führungskraft geworden.


Oliver Blecken hat lange in Management-Positionen für Agenturen in Deutschland und International gearbeitet. Heute hilft er als Coach und Mediator Führungskräften und Teams dabei, Herausforderungen und Krisen zu meistern. Seine MEEDIA-Kolumnen finden Sie hier.

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