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Die GAFAM-Kolumne

Warren Buffett vs. Michael J. Burry: Ist Apple jetzt „The Big Short“?

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Buffett gegen Burry – so lautet das spannendste Duell der Wall Street in diesen Tagen. Auf der einen Seite der erfolgreichste Anleger aller Zeiten, auf der anderen ein legendärer Hedgefondsmanager. Objekt der Zwietracht: Apple! Der eine Investor wettet auf fallende, der andere auf steigende Kurse beim einst wertvollsten Konzern der Welt. Wer hat recht?

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Was ist eigentlich Ihr Lieblings-Finanzfilm? Für mich fällt die Wahl schnell und einfach aus: „The Big Short“ aus dem Jahr 2015 ist der eine Film, von dem man nicht genug bekommen kann und der das Wesen der Wall Street am sehenswertesten einfängt. (Wenn man die Umfrage um Serien erweitern würde, würde die Wahl fraglos auf „Billions“ fallen, das unlängst auch in der sechsten Staffel noch neue Maßstäbe setzt). 

Im Zentrum steht die aufziehende Hypothekenkrise der Nullerjahre, die sich schließlich in der Lehman-Pleite und damit der großen Finanzkrise 2008 entladen sollte. Entdeckt hatte das Missverhältnis Hedgefondsmanager Michael J. Burry, der zunächst im Bestseller  „The Big Short“ in Erscheinung trat und dann vor sieben Jahren legendär auf der Leinwand von Christian Bale in Szene gesetzt wurde. 

Der Hedgefondsmanager wettete in den Nullerjahren auf den Kollaps des amerikanischen Immobilienmarktes und die damit verbundenen Schrottanleihen. Burry ging „short“, was bedeutet: Er setzte auf fallende Kurse der gebündelten Anleihen der Subprime-Kredite (CDOs). Es dauerte, bis seine riskante Wette aufging, aber als sie es tat, bescherte sie Burry einen persönlichen Gewinn von 100 Millionen Dollar und Legendenstatus. 

Fast forward in 2022: Im ersten Quartal eröffnete Burry wieder eine Short-Wette, die zwar mit 36 Millionen Dollar zunächst um einiges kleiner ausfiel, dafür aber nicht weniger ungewöhnlich erscheint. Wieder wettet Burry gegen die vorherrschende Wahrscheinlichkeit – nämlich gegen den König der Techbranche und den bis letzte Woche noch wertvollsten Konzern der Welt: Apple. 

Die Put-Position seines Hedgefonds Scion Asset Management wurde Anfang der Woche im turnusmäßigen Bericht der US-Börsenaufsicht SEC publik. Zur näheren Erklärung sei gesagt, dass Burry im ersten Quartal „short“ auf Apple ging – also, als sich die Aktie in einer Range zwischen dem gleich am ersten Handelstag des neuen Jahres aufgestellten Allzeithoch bei 182 oder einem Tiefstkurs von 150 Dollar bewegte. Wo Burry exakt einstieg, ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass der 50-Jährige, der im vergangenen Jahr auch Tesla shortete, eindeutig auf der Gewinnerseite steht, denn der Kurs der Apple-Aktie notierte bis heute am frühen deutlich unter der Marke von 150 Dollar, nämlich nach einem neuerlichen Kursrutsch sogar auf einem Jahrestief bei 137 Dollar. 

Auf der anderen Seite der Medaille steht der erfolgreichste Investor aller Zeiten, der mit Apple die größten Milliarden-Gewinne seiner überlebensgroßen Karriere einstrich: Warren Buffett. Das 91 Jahre alte Orakel aus Omaha investierte für seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway seit 2016 36 Milliarden Dollar in den iKonzern und steigerte den Wert seines Investments bis diese Woche auf 155 Milliarden Dollar.

In anderen Worten: Ein gigantischer Buchgewinn von über 120 Milliarden Dollar in sechs Jahren. Und Buffett hat immer noch Appetit auf mehr: Im ersten Quartal erwarb Berkshire im Wert von 600 Millionen Dollar weitere Anteile an GAFAM-Giganten.

Wer hat nun recht mit seiner Wette: Buffett oder Burry? Kurzfristig kann sich der Hedgefondsmanager auf der Gewinnerseite fühlen, denn Apple stürzte bekanntlich seit Jahresbeginn um 22 Prozent ab; Buffetts AAPL-Nachkauf ist also, zumindest kurzfristig betrachtet, damit ein Minus-Geschäft sein.

Aber ist Apple damit der „Big Short“, also die nächste große Wette auf deutlich fallende Kurse? Die Beantwortung der Billionen-Dollar-Frage kann und wird nun der Markt regeln. Beide Investoren haben durchaus einige überzeugende Argumente auf ihrer Seite. Für Burry spricht etwa, dass Apple durch die zunehmenden Lieferkettenprobleme in China unter Druck steht und CEO Tim Cook für das laufende Quartal nicht mal einen Ausblick geben wollte, wohl aber die Milliarden-Umsatzeinbußen durch die Engpässe im Reich der Mitte auf 4 bis 8 Milliarden Dollar taxierte. Angesichts eines historisch eher hohen KGVs von 23 scheint die Luft für mögliche Enttäuschungen durchaus dünn. Zudem hat sich die Charttechnik zuletzt deutlich eingetrübt. Apple taumelt aktuell an der Wall Street wie ein angeschlagener Boxer durch den Ring. Folgt der KO? 

Auf der anderen Seite erscheint jede große Wette gegen Apple gewagt, ist sie am Ende schließlich eine Wette gegen den beständigsten Techkonzern dieses Jahrhunderts, der weiter alle Trümpfe in seiner Hand hält. Historisch gesehen ist vor allem die Periode vor der Herbst-Keynote – in Erwartung neuer Produkte – die an der Börse ertragreichste. Zugleich besitzt Tim Cook mit der möglichen Einführung eines neuen Abo-Angebots, das auch Hardware-Produkte wie das iPhone umfasst, einen weiteren großen Joker – von neuen Produktkategorien wie der Smartbrille Apple Glass, die irgendwann in den nächsten Jahren kommen muss, ganz abgesehen.  

Als „Big Short“ drängt sich Apple nach dem jüngsten Kurssturz also nicht unbedingt (mehr) auf, schließlich scheint ein Teil des Downtrend-Szenarios nach dem Kursrutsch von inzwischen 22 Prozent seit Januar bereits eingepreist. Dass iKonzern wie zuletzt 2012/13 (im zweiten Jahr von Tim Cook) mal wieder in einer Größenordnung von etwa 50 Prozent (entspräche einem Kursniveau von 90 Dollar) unter die Räder kommt, erscheint aktuell zumindest fundamental nicht besonders absehbar.

Indes: Die Runde geht eindeutig an Michael J. Burry, weil er im ersten Quartal zu deutlich höheren Kursen eine kommende Schwächephase bei Apple identifizierte, die Buffett nicht erkannte. Gut möglich auch, dass Burry sich mit einem „Small Short“ – einem prozentual kleineren Gewinn – zufriedengibt und seine Wette gegen Apple mit einem realen Plus abschließt oder längst abgeschlossen hat: Die jüngste Meldepflicht der SEC umfasst nämlich lediglich alle Positionen bis zum 31. März. 

+++ Short Tech Reads +++

The Verge: Amazon launcht 60-Dollar-Tablet Fire 7

Wie viel darf, wie viel soll ein Tablet kosten? Unter 379 Euro bekommt bei Apple niemand ein iPad, bei Amazon kommt man bereits für 300 Euro weniger zum Zuge. Gestern aktualisierte Amazon sein Einstiegs-Tablet Fire 7, das in den USA für 60 Dollar und in Deutschland für 65 Euro zu haben ist und in erster Linie als Abspielgerät für Videos oder als E-Book-Reader fungiert.

CNBC: Cisco schockt die Techindustrie

Der Ausverkauf von Techaktien hat auch in dieser Woche nochmals an Dynamik gewonnen. Keine Hilfe für eine Der Ausverkauf von Techaktien hat auch in dieser Woche nochmals an Dynamik gewonnen. Keine Hilfe für eine Trendwende war der einst wertvollste Konzern der ganz frühen Tage des 21. Jahrhunderts – Cisco. Der Netzwerkanbieter verpasste sowohl im abgelaufenen als auch laufenden Quartal die Wall Street-Erwartungen und stellte im aktuellen Dreimonatszeitraum sogar einen Umsatzrückgang in Aussicht. Keine guten Aussichten für die IT-Branche.

CNN: Microsoft könnte Twitters Weißer Ritter werden

Was passiert eigentlich, wenn es doch nicht zur Twitter-Übernahme durch Elon Musk kommt? Die Wahrscheinlichkeit dafür stuft Wedbush-Analyst Dan Ives mit über 60 Prozent ein – und die Wall Street wohl auch, wenn man einem Blick auf den bröckelnden Kurs der Twitter-Aktie Glauben schenken darf. Nach Einschätzung von Techdirt-Chefredakteur Mike Masnick könnte mutmaßlich der zweitwertvollste Techkonzern der Welt als Weißer Ritter bereitstehen – Microsoft.

+++ One more Thing: Hat Elon Musk sein Blatt überreizt? +++  

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber die schier unendliche Twitter-Saga erinnert mich in ihrer Penetranz durch Elon Musk an eine andere Posse um einen Social Media-Konzern, die von einem Viel-Twitterer vor knapp zwei Jahren immer weiter vorangetrieben wurde: Donald Trumps Hin und Her um die Verbannung von TikTok in den USA.     

Passiert ist am Ende bekanntlich nichts – was nicht zuletzt mit dem abrupten Ende der Trump-Ära zusammenhing. Den Subtext, der seit knapp eineinhalb Jahren wie der Elefant im Raum steht, formulierte Scott Galloway im Wochenverlauf in prägnanter Form: Es geht weniger darum, ob Donald Trump noch mal auf den 280-Zeichendienst zurückkehrt, sondern maßgeblich um die Frage, ob Elon Musk irgendwann für seine Maßlosigkeit verbannt werde.     

Dieses Ereignis scheint aktuell bei einer möglichen Übernahme noch ausgeschlossen, doch wie lange eigentlich noch? Fast täglich arbeitet Musk mit destruktiver Natur daran, den von ihm im April angebotenen Deal wieder ins Wanken – und Twitter selbst zum Einsturz zu bringen, wie es scheint.

Mal legt Musk den Deal „auf Eis“, dann führt er als Grund dafür die Spam-Problematik an, twittert ein Fäkalien-Emoji in Richtung von Twitter-CEO Parag Agrawal, um sich am Ende in verbale Twitter-Keilereien mit aktuellen Mitarbeitern beim 280-Zeichendienst zu verstricken. 

In anderen Worten: Es ist das perfekte Chaos, das zu Twitter passt. In the end it was inevitable. Genau wie das heutige Ende der Kolumne.

Cheers + bis nächste Woche!  

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