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Coaching Corner

Das Imposter-Syndrom: 5 Ansätze, um der Hochstapler-Angst zu begegnen

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Regelmäßig beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA- Leser*innen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und optimistisch. Dieses Mal geht es um das Imposter-Syndrom, zu deutsch: das Hochstapler-Syndrom. Im Fokus: Eine junge Führungskraft, die ihrer eigenen Erfolgsgeschichte nicht über den Weg traut und glaubt, unverdient in ihre verantwortungsvolle Position gelangt zu sein.

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Leser*innen-Frage: „Vor rund sechs Monaten wurde ich in meine neue Funktion als Practice Lead in einer globalen Kommunikationsagentur befördert, weil durch den Weggang einer Kollegin plötzlich eine Stelle frei wurde. Ich hatte damit nicht gerechnet, da ich deutlich jünger als die anderen Practice Leads bin. Als einzige habe ich nicht studiert und meine letzte Beförderung war gerade mal ein Jahr her. Es ging einfach zu schnell. Die Angst, dass meine Kollegen und Kunden bemerken könnten, dass ich für diese Position nicht erfahren und qualifiziert genug bin, stresst mich total. ‚Das kann ich gar nicht. Wer anderes hätte den Job viel mehr verdient….‘ So dreht sich der Gedankenkreisel in meinem Kopf. Also mache ich Überstunden ohne Ende, um mich auf wichtige Termine intensiv vorzubereiten, und die fehlende Erfahrung und Wissenslücken auszubügeln. Eine befreundete Kollegin sagte, dass meine Selbstzweifel Quatsch seien, und meint, dass ich das ,Imposter-Syndrom‘ habe. Stimmt das und wenn ja, kann ich es wieder loswerden?“

Zur Person

Als systemischer Business Coach und Kommunikationsberaterin begleitet Ines Thomas Unternehmen und Führungskräfte in Veränderungsphasen. 

Die Herausforderungen des Mediengeschäfts kennt sie allzu gut. Rund 15 Jahre war sie in Führungspositionen selbst in der Branche tätig und hat daher auch im Coaching ein Faible für die Arbeit mit Medienmenschen.

Ob Sie das Imposter-Syndrom haben, mag ich auf die Ferne nicht beurteilen, zumindest aber beschreiben Sie einige ganz typische Symptome: Obwohl Ihr tatsächlicher Erfolg eine andere Geschichte erzählt, haben Sie ständig Angst als inkompetent „aufzufliegen“. Sie glauben Ihre schnelle Karriere sei nur Glück („weil plötzlich eine Stelle frei wurde“). Und Sie stecken in dem typischen Perfektions- und Überengagement-Strudel, mit dem Imposter-Kandidaten versuchen, sich vor möglichem Misserfolg zu schützen.  

Das Imposter-Syndrom (Hochstapler-Syndrom) verpasst uns das unangenehme Gefühl, eine Mogelpackung zu sein und blockiert uns damit innerlich. Hilfreich zu wissen ist vielleicht, dass es keine psychische Erkrankung ist, sondern ein weit verbreitetes psychologisches Phänomen. Engagierte „High Achiever“ wie Sie, die noch dazu ein wissensintensives, anspruchsvolles Berufsumfeld haben, sind besonders empfänglich dafür. Trigger sind häufig Herausforderungen, die mit mehr Verantwortung und auch erhöhter Aufmerksamkeit des Umfelds einhergehen – ein neuer Job zum Beispiel, Beförderungen, eine wichtige Präsentation oder Vortrag.

Was das Auftreten des Imposter-Syndroms zusätzlich befeuern kann, sind biographische Faktoren, die Sie von der Masse abheben: Sie sind die Jüngste unter Ihren Peers, haben als einzige kein Studium vorzuweisen. Vielleicht sind Sie sogar die einzige Frau auf dieser Position? Solche Faktoren können, obwohl sie nichts über die Qualität Ihrer Arbeit oder Qualifikation aussagen, das Gefühl auslösen, „eigentlich fehl am Platz“ zu sein.

Zusammengefasst: Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich das Imposter-Syndrom bei Ihnen eingenistet hat. Es findet in Ihrer aktuellen Konstellation sein natürliches „Habitat“ vor.

Diese Ansätze können gegen das Hochstapler-Syndrom helfen

Das Erfreuliche ist: Es gibt mehrere wirksame Ansätze, wie Sie es ihm hier unbequem machen können. Hier ein paar Empfehlungen:

Machen Sie sich bewusst, dass Sie das Imposter-Syndrom haben

Je besser Sie das Imposter-Syndrom und die typischen Gedanken und Reaktionsmuster kennen, die es auslöst, desto leichter ist es, bewusst gegenzuwirken. Lesen Sie einige der vielen Veröffentlichungen zum Thema, denn das Wissen über die Symptome schärft den Blick dafür, wann mal wieder der Imposter in Ihnen aktiv ist. Auch, wenn Sie die Trigger, die ihn aktivieren nicht abschalten können oder wollen, können Sie lernen, die Auslöser-Momente, zu erkennen und sich ganz bewusst für ein neues Verhalten entscheiden.

Werden Sie Expertin im Gedanken-Management

Ein wichtiger Hebel im Umgang mit dem Imposter-Syndrom ist das bewusste „Management“ Ihrer Gedanken. Denn, um es mit Heinz Erhardt zu sagen: Sie sollten nicht alles glauben, was Sie denken. Das klingt zwar leichter gesagt als getan, ist mit etwas Übung aber möglich. Achten Sie bewusst darauf, wie Ihre innere Stimme mit Ihnen spricht. Extrahieren Sie typische übertrieben selbstkritische Sätze wie „Ich hab den Job nicht verdient“ und formulieren Sie aus einer wohlwollenden Haltung neu, was Sie stattdessen Hilfreiches zu sich sagen möchten. „Ich wurde aufgrund meines Engagements und Talents befördert“ könnte so ein Satz sein, mit dem Sie neue Denkmuster stärken können.

Sammeln Sie täglich Beweise, um Ihren Imposter der Hochstapelei zu überführen

Ihre neuen, stärkenden Sätze können Sie untermauern, indem Sie anfangen, über Ihre täglichen kleinen und großen Erfolge Buch zu führen. Notieren Sie sich jeden Abend was Ihnen gut gelungen ist. Zwei bis drei Punkte sollten da jeden Tag mindestens stehen – egal wie selbstverständlich sie Ihnen vorkommen. Es kann sogar richtig Spaß machen, akribisch Gegenbeweise für die eigenen destruktiven Gedanken zu sammeln und sich sozusagen selbst der Lüge zu überführen. Dabei kann vielleicht auch die erwähnte Kollegin eine tolle Sparringspartnerin sein. Teilen Sie zweifelnde Gedanken mit ihr und bitten sie um eine ehrliche Einschätzung, an welchen Stellen der Imposter am Werk ist.

Trainieren Sie den Strategie-Wechsel von 110 Prozent hin zur 80/20-Regel

Es mag vielleicht überraschen, aber Überstunden und Über-Engagement sind nicht die Kur, sondern ein Katalysator fürs Imposter-Syndrom. Auch wenn Sie Ihr großer Einsatz wie ein warmer Mantel vor den gefürchteten Blamagen schützt, heizen Sie mit dieser Strategie versehentlich den Gedankenkreislauf weiter an. Denn Sie beweisen sich so mit jeder Situation aufs Neue, dass die anderen Ihre vermeintliche Inkompetenz nur dann nicht bemerken, wenn Sie ganz viel Extra-Energie aufbringen. Also: Trauen Sie sich aus der Komfortzone und verordnen sich bewusst immer wieder die 80/20-Regel. Je häufiger Ihr Imposter merkt, dass Sie auch mit 80 Prozent Vorbereitung einen guten Job machen, desto kleinlauter wird er. Und keine Sorge, Sie dürfen auch „auf Nummer sicher“ anfangen, etwa bei Terminen und Anlässen, die Ihnen nicht ganz so wichtig sind.

Definieren Sie Erfolg neu

Zu guter Letzt kann auch ein kritischer Blick auf Ihre Definition von Erfolg helfen und diese abzugleichen mit den Kriterien, an denen Sie in Ihrem Job tatsächlich gemessen werden. Für wen genau arbeiten Sie eigentlich so hart? Wer sagt, dass Sie alles alleine und zu 110 Prozent erreichen müssen? Vielleicht ist nach einer Neu-Definition ein entscheidender Beitrag auch schon ein Erfolg? In dem Zusammenhang kann es sich lohnen, auch mal offen zu erfragen, aufgrund welcher Fähigkeiten Sie für die Position als Practice Lead ausgewählt wurden. Fragen Sie Ihre/n Vorgesetze/n, was zur Beförderung geführt hat: Vielleicht sind ja andere Dinge viel wichtiger als jahrzehntelange Erfahrung aus vergangenen Projekten? Vielleicht ja das Talent, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten und Wissen zu verknüpfen oder die Fähigkeit, Menschen zu motivieren…? Es gibt viele Kriterien, die Sie zu Recht für mehr Verantwortung qualifizieren können.

Soweit meine „Top 5“. Ich hoffe, es sind hilfreiche Ansätze für Sie dabei. Und da Humor ja oft auch sehr heilsam ist noch eine „Bonus-Idee“: Googlen Sie mal „Dunning-Kruger-Effekt“ und freuen sich, dass Sie ganz sicher nicht unter dieser Spielart kognitiver Verzerrung leiden. Es beschreibt, das Phänomen, wenn Menschen, die in einem bestimmten Bereich nur sehr geringe Fähigkeiten haben, aus purer Unwissenheit ihre eigene Leistung völlig überschätzen.


Jetzt sind Sie dran!

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter CoachingCorner@meedia.de.

Kleingedrucktes

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

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