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Mehr Habeck wagen – die Zeitenwende der politischen Kommunikation

Virginie Briand – Illustration: Bertil Brahm

Das Netz steht Kopf. Sobald Robert Habeck auf Insta einen neuen Clip hochlädt, gerät (Social Media) Deutschland in Verzückung. Wenn er in den einschlägigen Talkshows auftritt, werden sogar Kritiker weich.

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Da steht er, hemdsärmelig oft, ohne vorgefertigtes Skript. In den Wüsten von Doha und Abu Dhabi, in Warschau, Washington, im oder vor dem Wirtschaftsministerium. So sehen und hören wir ihn in der „Tagesschau“, im „Heute Journal“, bei CNN. Inhaltlich relevant, ohne Leerformeln. Das begeistert auch jene Kritiker, die ihm einst gefühlige Vertrauenslehrer-Attitüde ankreideten.

Er liefert Erklärvideos. Menschlich, empathisch, authentisch. Er zeigt sich verletzlich, zweifelt offen. Das geht sympathisch und eingängig rein wie bei der „Sendung mit der Maus“, nur auf höchstem weltpolitischen Parkett.

Die Rede ist nicht von einem Super-Influencer, der Life-Hacks oder Produkte feil bietet, sondern vom deutschen Vizekanzler und Wirtschafts- wie Energieminister Robert Habeck. Der Grüne (!) ist jetzt Erdgas-Chefeinkäufer und Waffenbroker. Das hätte er sich sicher anders vorgestellt, als er sein Amt antrat.

Politik ist bei ihm, dem deutschen Mega-Influencer der Stimmungen, Befindlichkeiten und Informationen nicht Produkt, sondern Prozess. EIn Prozess, an dem alle teilhaben können. Mit Habeck beginnt eine Zeitenwende, aber anders als die von Kanzler Olaf Scholz gemeinte. Eine neue, eine andere Form politischer Kommunikation!

„Der Mann ist ein Naturtalent in Sachen Kommunikation. Er kann’s einfach.“

Haben wir jetzt, nach der Mutti-Merkel-Ära, einen Vati, einen „Papa“, der uns und seinen Job ernst nimmt? Und wohlwollend und unterstützend unseren Ängsten und Sorgen begegnet? Und – soweit ihm diplomatisch und politisch möglich – Wahrheiten kredenzt? Mögen diese auch noch so unangenehm sein?

Sein Stil: Offen, präzise, pragmatisch. Bewegt und bewegend, mitnehmend, nicht mitgenommen vor lauter Wichtigkeit. Auf Augenhöhe. Empathisch. Wir haben bei ihm nicht das Gefühl, er balbiere uns über den Löffel. Wir haben nicht den Argwohn, er sage Dinge aus Kalkül, um seinen Job zu rechtfertigen oder diese Art von „cover your ass“-Rhetorik zu betreiben, die uns so ermüdet.

Der Mann ist ein Naturtalent in Sachen Kommunikation. Er kann’s einfach. Und vielleicht liegt es tatsächlich daran – ich traue mich kaum es auszusprechen – weil es ihm wirklich um die Sache geht. Bislang ist Politiker-Sprech eine Sprache, die Probleme umschifft, austauschbare Worthülsen liefert, die man als Politiker wohl einstudiert haben muss, um ein solcher/eine solche zu werden. Doch jetzt spricht Habeck. Statt entpolitisierender Sprache zieht er uns voll rein in die Politik. Was er damit schafft: Er baut mit seiner Kommunikation eine Brücke für eine zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Trotz aller menschlichen Zerbrechlichkeit. Er sagt: Wir müssen reden! Immer. Mit all unseren Gefühlen, unseren Ängsten, unserer Empathie, unserer Menschlichkeit. Nur so können wir als Gesellschaft diese epochalen Herausforderungen meistern, ohne daran zu zerbrechen. Mein Plädoyer: mehr Habeck wagen! Daumen hoch und Smiley.


Virginie Briand war Co-Gründerin und Managing Partnerin der Agentur 19:13. Seit dem 1. April ist sie Director Creative Consulting bei Deloitte Digital. Hier schreibt sie darüber, wie Marken sich erfolgreich wandeln können. Ihr MEEDIA-Kolumnen finden Sie hier.

Korrektur-Hinweis: In einer früheren Version stand, dass Robert Habeck auch twittert. Das ist nicht korrekt, Habeck twittert schon seit längerem nicht mehr. Wir haben das korrigiert.

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