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Umstrukturierung

Warum die neue RTL-Führungsstruktur der Marke „Stern“ schaden kann

Neue Chefredakteur-Riege bei RTL. Hinten v..l.: Jan Spielhagen, Sonja Schwetje, Lotte Lang, Martin Gradl, Gregor Peter Schmitz, Doris Brückner, Wolf-Ulrich Schüler und Christina Gath. Vorne v.l.: Stephanie McClain, Horst von Buttlar, Gerhard Kohlenbach, Brigitte Huber, Jutta Bielig-Wonka und Michael Wulf – Foto: RTL / Boris Breuer

RTL-Co-Chef Stephan Schäfer mauert den „Stern“ in eine verschachtelte „Community of Interest“-Führungsstruktur ein, um die ehemalige G+J-Marke bei dem Kölner Sender zu integrieren. Damit droht der Wochentitel im riesigen RTL-Getriebe unterzugehen, findet MEEDIA-Redakteur Gregory Lipinski.

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Was für ein Eiertanz! Wochenlang hüllt sich RTL-Co-Chef Stephan Schäfer in Schweigen, ob Gregor Peter Schmitz nun der neue Chefredakteur des „Stern“ wird. Dabei war bereits mit seinem Wechsel im April zu RTL klar, dass der frühere Chefredakteur der „Augsburger Allgemeinen“ das Ruder bei dem Gruner + Jahr-Verlagsflaggschiff übernimmt. Zu glücklos hatten Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier das Blatt in den vergangenen vier Jahren geführt. Die Gemeinschaftsredaktion in Berlin sowie eine neue Führungsstruktur mit 30 Leitungsfunktionen halfen nicht, um den Absatzrückgang des gedruckten Wochentitels zu stoppen. Zudem erschwerte die Übernahme von Gruner +Jahr durch RTL Anfang des Jahres den beiden Journalisten, das Magazin in ruhiges Fahrwasser zu steuern. Frustriert dürfte Gless deshalb hingeworfen haben. Und ob Gretemeier nach ihrer Elternzeit wieder als Chefredakteurin zurückkehrt, ist stark zu bezweifeln.

Die Marke „Stern“ würde besser als Solitär neu ausgerichtet werden, meint MEEDIA-Redakteur Gregory Lipinski – Illustration: Bertil Brahm

Jetzt zementiert Schäfer die Marke „Stern“ in eine Führungsstruktur ein, die sich an dem alten G+J-Muster der „Communities of Interest“ orientiert. Dabei sortiert er die Markenwelt des gedruckten „Stern“ und von „Stern TV“ in der Chefredakteurseinheit „Reportage, Dokumentation & Investigation“ ein, der Schmitz als Chefredakteur angehört, dagegen wird der Digitalableger stern.de von der Einheit „Nachrichten & Gesellschaft“ gesteuert, wo Schmitz hingegen als Mitverantwortlicher nicht auftaucht. Wie soll das funktionieren?

Unklar und unausgegoren ist auch die Führungsstruktur und Ausrichtung des für die Politik- und Wirtschaftsberichterstattung wichtigen Hauptstadtbüros. „Capital“-Chefredakteur Horst von Buttlar wird hier die Führung mittelfristig abgeben, da sich die Berliner Gemeinschaftsredaktion von „Stern“, „Capital“ und „Business Punk“ wohl als Rohrkrepierer entpuppt hat. 

Mit der neuen RTL-Führungsstruktur zeigt sich jetzt mehr als deutlich, dass die von Henri Nannen gegründete Marke „Stern“ zu einem kleinen Rädchen im riesigen RTL-Getriebe verkümmert. Fraglich ist, ob dies der richtige Weg ist. Besser wäre es, wenn Schäfer den „Stern“ als Monolith unabhängiger und eigenständiger aufgestellt hätte. So hätte er Schmitz mehr Luft zum Atmen gelassen, um die Marke „Stern“ als Solitär neu auszurichten und zu entwickeln. Gute Vorbilder sind die beiden Platzhirsche „Spiegel“ und „Zeit“. Hier sind die Chefredaktionen nicht Bestandteil eines komplizierten, übergeordneten Konstrukts. Im Gegenteil. Sie agieren unabhängiger und freier – und damit erfolgreicher. Bei beiden Titeln sind mittlerweile Print und Digital sehr gut verzahnt. Ob Schäfer mit dem komplizierten Führungsmodell dem neuen Hoffnungsträger Schmitz einen Gefallen getan hat, ist mehr als fraglich. Kommt der Titel jetzt nicht rasch wieder nach oben, bleibt nach Christian Krug und Florian Gless mit Schmitz erneut ein frustrierter Chefredakteur auf der Strecke — und die einst publizistisch sehr angesehene Marke droht noch mehr Schaden zu nehmen.

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