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14 Chefredakteure für fünf Bereiche

So baut RTL den „Stern“ und die übrigen Journalismus-Marken um

Neue Chefredakteur-Riege bei RTL. Hinten v..l.: Jan Spielhagen, Sonja Schwetje, Lotte Lang, Martin Gradl, Gregor Peter Schmitz, Doris Brückner, Wolf-Ulrich Schüler und Christina Gath. Vorne v.l.: Stephanie McClain, Horst von Buttlar, Gerhard Kohlenbach, Brigitte Huber, Jutta Bielig-Wonka und Michael Wulf – Foto: RTL / Boris Breuer

Der „Stern“ bekommt eine neue Führungsspitze. Gregor Peter Schmitz wird – wie seit Längerem erwartet – neuer Chefredakteur des Wochentitels. RTL-Co-Chef Stephan Schäfer plant zudem einen weiteren Umbau des journalistischen Bereichs, um die Marken von Gruner + Jahr bei RTL besser zu integrieren.

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Mehr als sechs Wochen hüllt sich die RTL-Führung um Co-Chef Stephan Schäfer in Schweigen, wie die künftige Chefredaktion des „Stern“ aussehen soll. Jetzt ist gewiss, was MEEDIA seit Längerem berichtet. Gregor Peter Schmitz wird Vorsitzender der Chefredaktion des Wochenmagazins. 

Schmitz soll der Marke „Stern“ neuen Glanz verleihen. Geboren 1975 studiert der Journalist in München, Paris sowie Cambridge zunächst Jura und Politikwissenschaften. Nach seinem Studium an der Harvard University leitet er für zwei Jahre das Brüsseler Büro der Bertelsmann-Stiftung. Danach wechselt er zum „Spiegel“ und „Spiegel Online“. Dort arbeitet er als Korrespondent aus Brüssel und Washington. Im Mai 2015 übernahm er die Leitung des Hauptstadtbüros der „Wirtschaftswoche“ und ging später als Chefredakteur zur „Augsburger Allgemeinen“. Schmitz wurde für seine Arbeit hoch gelobt. 2008 zeichnete man ihn mit dem Arthur F. Burns Preis aus, 2014 erhielt er den Henri-Nannen-Preis. Er enthüllte u.a., dass der US-Geheimdienst das Handy der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel angezapft und abgehört hatte. 

Schmitz bekommt aber neben dem „Stern“ noch weitere Aufgaben. Er ist Teil der Chefredaktion „Reportage, Dokumentation & Investigativ“, die neben ihm aus Stephanie McClain, Lotte Lang und Michael Wulf besteht. Unter der Führung von Stephanie McClain werde die Marke „Stern TV“ weiter ausgebaut, wie jüngst mit dem Start von „Stern TV am Sonntag“. Michael Wulf und Lotte Lang sollen sowohl für die Primetime bei RTL als auch für Streaming und weitere Angebote der Gruppe Themen und Formate aus den Bereichen Factual Entertainment, Dokumentation / Reportage, Spezials sowie investigative Formate wie „Team Wallraff“ oder das RTL-Magazin „Extra“ entwickeln.   

Gless verlässt den „Stern“

Der bisherige „Stern“-Co-Chefredakter Florian Gless verlässt hingegen das Blatt auf „eigenen Wunsch“. Seine Chefredakteurs-Kollegin Kollegin Anna-Beeke Gretemeier hat sich in den Mutterschutz verabschiedet und kehrt danach wieder auf ihren Posten zurück, heißt es. Man wird sehen. Dass RTL die „Stern“-Führung neu besetzt, liegt wohl auch an den Auflagenproblemen des Titels. Während „Spiegel“ und „Zeit“ in jüngster Vergangenheit immer mehr Hefte absetzen, verliert der „Stern“ bei der Auflage deutlich. So verbuchte das Blatt im 1. Quartal 2022 wieder ein Gesamt-Verkaufsminus, auf nur noch 343.388 Exemplare (minus fünf Prozent zum Vorjahreszeitraum). Die Abos bröckeln auf auf 156.035 Hefte ab (minus drei Prozent).

Schmitz soll also vor allem den Absatz der gedruckten „Stern“ deutlich ankurbeln. Nach Informationen von MEEDIA hat hier RTL-Co-Chef Schäfer ehrgeizige Vorstellungen. Denn der Print-„Stern“ ist weiterhin ein wichtiger Erlösbringer des einstigen Gruner + Jahr-Portfolios, das RTL Anfang des Jahres übernommen hat. Dabei ist unklar, wie Schmitz die Redaktion des Wochentitels ausrichten will. Möglicherweise versucht er, er namhafte journalistische Köpfe abwerben, um dem Blatt publizistisch mehr Bedeutung zu geben. Denn fraglich ist, ob die Journalisten des geschaffenen Bereichs „Reportage, Dokumentation & Investigativ“ hierfür ausreichen. Sie sollen in der neuen Struktur auch den gedruckten „Stern“ mit Geschichten beliefern. Unklar ist auch noch, ob Schmitz an der von Gless und Gretemeier eingeführten Führungsstruktur festhält.


Lesen Sie hier das MEEDIA-Stück zum Umbau der „Stern“-Redaktion“ durch die alte Chefredaktion (+)

Die beiden hatten Mitte vergangenen Jahres 30 Leitungspositionen neu besetzt, um die Produktion der redaktionellen Inhalte von der Distribution in den verschiedenen Print- und Digital-Kanälen zu entkoppeln. Dabei geht die Redaktion nach folgendem Muster vor: Die Journalisten überlegen eine Idee für ein Thema, im zweiten Schritt entscheiden sie, was die beste Erzählweise ist. Danach legt die Redaktion fest, wo die Inhalte entsprechend veröffentlicht werden – ob Print, Digital, Audio oder Video. Das Vorgehen ist zwar passend. Es wird aber nicht ausreichen, um das G+J-Verlagsflaggschiff auf Wachstumskurs zu steuern. Schmitz muss alles daran setzten, dass der „Stern“ mit hochwertigen, investigativen Geschichten wieder mehr Gewicht in der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung bekommt.

Wird die Hauptstadtredaktion aufgelöst?

Dabei wird die Hauptstadtredaktion eine zentrale Bedeutung spielen. Hier ist aber offen, ob die Gemeinschaftsredaktion von „Stern“, „Capital“ und „Business Punk“ in dieser Form erhalten bleibt oder aufgelöst wird. Dies wird offenbar derzeit diskutiert. Unklar ist in diesem Zusammenhang auch, wer die Berliner Einheit künftig führt. Bislang hielt hier „Capital“-Chefredakteur Horst von Buttlar das Zepter in der Hand. Doch diesen Posten soll er mittelfristig abgeben. Er wird stattdessen mit Sonja Schwetje die Chefredaktion von NTV sowie „Wirtschaft & Wissen“ leiten. Dazu gehören die Marken NTV sowie die Wirtschafts- und Wissensmarken wie „Capital“, „Business Punk“ sowie  „Geo“. Sonja Schwetje bleibt unverändert Chefredakteurin von NTV. Um die Hauptstadtredaktion des „Stern“ hatte es hausintern viel Unmut gegeben. Der Magazin-Beirat hatte sich gegen die Maßnahme gewehrt.

Eine radikale Neuausrichtung der Hauptstadtredaktion ist aber wichtig, um sich gegen Platzhirsche wie „Spiegel“ und „Zeit“ durchzusetzen. Denn hochwertige Inhalte sind ein wesentlicher Baustein, um auch den Verkauf von RTL+-Abos anzukurbeln. Je mehr interessante Inhalte der „Stern“ zu dem Angebot beisteuert, desto stärker ist die Position des Wochenblatts im RTL-Portfolio. Dann wären unter Umständen auch mehr Menschen bereit, ein kostenpflichtiges „One App, all Media“-Angebot herunterzuladen. Damit will RTL-Group Chef Thomas Rabe den Umsatz der Sendergruppe in den nächsten Jahren deutlich steigern. Der gebürtige Luxemburger will die Sendergruppe in Deutschland zum nationalen Medienchampion ausbauen, um sich gegen der wachsenden Marktmacht der US-Techriesen wie Google, Facebook & Co. zur Wehr zu setzen. Deutschland ist dabei für die RTL Group einer der wichtigsten Märkte in Europa.  

14 Chefredakteure für fünf Bereiche

Der Umbau der „Stern“-Spitze ist nur ein Puzzleteil in einer komplexeren Neuausrichtung des journalistischen Apparats der Mediengruppe RTL Deutschland. So baut  der TV-Sender eine einheitliche Führungsstruktur aus 14 Chefredakteuren auf, die in fünf Bereichen die Zusammenarbeit organisieren werden. Die Chefredakteurinnen und Chefredakteure sollen direkt an den RTL-News-Geschäftsführer Stephan Schmitter berichten. Schmitter hierzu: „Bei uns entsteht Aufbruch: Wir schaffen die Redaktion für Deutschland, die verlässliche Informationen für jede und jeden anbietet. Mit Inhalten und Marken, die die Menschen lieben und denen sie vertrauen. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit den Chefredakteur*innen und ebenso mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen, jede und jeder ein Spezialist auf seinem oder ihrem Gebiet. Und weitere Talente sind uns herzlich willkommen.“ Alle Medienmarken bleiben weiterhin bestehen, heißt es.

Ein weiterer Bereich in der neuen Struktur ist „Nachrichten & Gesellschaft“ mit tagesaktuellen Newsformaten wie „RTL Aktuell“, „RTL Direkt“, „RTL Nachtjournal“. „Vox News“ sowie den Digitalangeboten rtl.de, stern.de, ntv.de, sport.de und weiteren Onlinemarken wie sport.de und wetter.de. Diese sollen Jutta Bielig-Wonka, Gerhard Kohlenbach und Wolf-Ulrich Schüler führen. Sie werden zugleich die crossmedialen Ressorts „Politik, Nachrichten & Wetter“ und „Sport“ verantworten, heißt es. Die Chefredaktion des Bereichs „Leute & Leben“  übernehmen Doris Brückner, Brigitte Huber und Martin Gradl, der zusätzlich stellvertretender Geschäftsführer von RTL News bleibt. Sie sollen informative und unterhaltende Angebote verantworten – darunter das RTL-Frühmagazin „Punkt 6“, aber auch Magazine wie „Brigitte“, „Eltern“, „Barbara“, „Guido“ sowie die jeweiligen Digitalangebote. Christina Gath und Jan Spielhagen führen künftig als Chefredakteure den Bereich „Wohnen & Genuss“. Hierzu zählen Magazine wie  „Schöner Wohnen“, „Couch“, „Essen & Trinken“ sowie „Chefkoch“.

Die Aufteilung in Themen-Bereiche erinnern ein wenig an das Konzept der „Communities of Interest“ der ausgeschiedenen G+J-Chefin Julia Jäkel. Man kann den Top-Managern bei RTL wünschen, dass sie mit dieser Neuauflage mehr Fortune haben.

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