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"ZDF Magazin Royale" vs Fynn Kliemann

Was bedeutet die Offenlegung von Rechercheanfragen für den Investigativ-Journalismus?

Jan Boehmermann und Fynn Kliemann

Mehr als nur schlechtes Management: Jan Böhmermann und das "ZDF Magazin Royale"-Team haben einen Betrugsskandal um Fynn Kliemann aufgedeckt. Dabei geht es unter anderem um Geschäfte mit Masken – Foto: Imago

Fynn Kliemann wurde von Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ um eine Stellungnahme zu verschiedenen Unternehmensfragen gebeten. Statt zu antworten veröffentlichte Kliemann die Fragen inklusive ausführlichem Statement auf Instagram. Was bedeutet diese Praxis der Gegenveröffentlichung für den investigativen Journalismus? Wir haben bei Günter Bartsch von Netzwerk Recherche und Investigativjournalist Hajo Seppelt nachgefragt.

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Dass Jan Böhmermann Fynn Kliemann ins kritische Auge gefasst hat, wissen Fans des Satirikers bereits länger. In Böhmermanns Storys auf Instagram verging zuletzt kaum ein Tag, an dem er sich nicht im Kliemann-Look über den Multiunternehmer aus Niedersachsen mokierte. Kliemann ist als Allrounder, Sänger, Maler, Bauernhofbetreiber auf allen digitalen Kanälen vertreten, als Hausbootbauer bekam er im letzten Jahr zusammen mit dem Musiker Olli Schulz eine eigene Netflix-Doku

links: Jan Böhmermann im Fynn Kliemann Look auf einem Fahrrad. Rechts: Fynn Kliemann veröffentlicht die Anfrage von ZDF Magazin Royale in einem Instagram-Video
links: Jan Böhmermann im Fynn Kliemann Look in seiner Insta-Story. Rechts: Fynn Kliemann veröffentlicht die Anfrage von ZDF Magazin Royale in einem Instagram-Video
Fotos: Instagram

Dass es Böhmermann und seinem Team um mehr als nur um reine Unterhaltung in den sozialen Medien geht, war für die breite Öffentlichkeit spätestens klar, als Kliemann sich am 2. Mai die Zeit für ein ausführliches Video auf Instagram nahm. An dem Tag veröffentlichte er einen fast halbstündigen Beitrag mit dem Titel: „Stellungnahme oder wie das ZDF Magazin es nennt ‚Konfrontation‘“. Wie sich im Post zeigte, reagierte er damit auf eine Anfrage, die er durch die Redaktion des „ZDF Magazin Royale“ erhalten hatte. Darin ging es hauptsächlich um Fragen zu Kliemanns unternehmerischer Tätigkeit und zu seinem Außenbild als One-Man-Show. Woher das bekannt ist? Weil Kliemann die Fragen gleich mitveröffentlichte. Gleich eingangs äußerte er sich selbst positiv zu der Anfrage: „Ich finde es gut, wenn es investigative Journalist*innen gibt, die so etwas hinterfragen.“ Im nächsten Satz formuliert er aber auch Bedenken, sicherlich nicht zu Unrecht, Gegenstand von Jan Böhmermanns Show zu sein. Seinem Instagram-Publikum erklärt er, warum er die Stellungnahme per Video mache: „Dann brauche ich das nicht alles tippen. Außerdem scheint das für das ‚Neo Magazin‘ ein Thema wert zu sein. Demnach interessiert euch das vielleicht auch aus erster Hand.“

Das ist eine Erklärung. Eine andere ist die, dass Kliemann seine eigene Öffentlichkeit vor einer Veröffentlichung von Böhmermann und seinem Team im ZDF schaffen möchte. Auf dem Netzwerk selbst zählt Kliemann immerhin über 800.000 Fans. Dass das funktioniert, zeigen auch die Aufrufe: Innerhalb von drei Tagen liegt das Video bereits bei über 500.000 Views. Zahlen, die wenige andere Videos erst jetzt in der Spitze auf Kliemanns Kanals erreicht haben. Und die Veröffentlichung in Verbindung mit dem Namen Jan Böhmermann sichert ihm weitere Berichterstattung – neben norddeutschen Lokalmedien hat auch das Reichweitenportal „Tag24“ berichtet sowie der MDR in seiner Medienkolumne „Das Altpapier“ und das Medienportal „Übermedien“.

Günter Bartsch ist Geschäftsführer von Netzwerk Recherche, Hajo Seppelt ist Dopingexperte und Investigativjournalist
Günter Bartsch (li) ist Geschäftsführer vom Netzwerk Recherche, Hajo Seppelt ist Dopingexperte und Investigativjournalist. Hier äußern sich beide zur Reaktion von Fynn Kliemann auf die Anfrage des ZDF Magazin Royale. – Foto: Günter Bartsch/ Imago

Versuch, die Recherche zu untergraben

Aber was bedeutet diese Strategie Gegenveröffentlichung für den Journalismus? Günter Bartsch, Geschäftsführer beim Berliner Netzwerk Recherche – der Verein hat sich auf die Unterstützung von Investigativ-Journalismus spezialisiert – sieht einen großen Widerspruch zwischen Kliemanns Äußerung für den Investigativjournalismus und seiner Handlung: „Fynn Kliemann betont auf der einen Seite, wie wichtig ihm journalistische Recherchen sind. Auf der anderen Seite versucht er, die Veröffentlichung der Recherche durch das vorab gesendete Video zu untergraben.“ Das sei zwar sein gutes Recht und viele mögen das für clever halten, so Bartsch. Aber fair sei es nicht – und der journalistischen Recherche würde es auch nicht dienen. Hajo Seppelt, Dopingexperte und Investitgativreporter für die ARD-Anstalten, geht noch weiter: „Es sieht wie ein lumpiger Trick aus und ist sehr ärgerlich für investigativen Journalismus.“ Eine rechtliche Möglichkeit dagegen vorzugehen, sehe er aber auch nicht. 

Eine Gefahr für den Journalismus

Über die Reaktion von Kliemann zeigt sich Bartsch nicht verwundert. Er sei nicht der erste, der diese Taktik anwende. Das Problem für den Journalismus dabei: „Nicht selten werden bei dieser fragwürdigen Praxis Rechercheergebnisse vorab ausgeplaudert.“ Das könne bis dahin gehen, dass über „Fragen Rechercheergebnisse bekannt werden, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren.“

Auch Seppelt sieht eine Gefahr in der Praxis der „Gegenöffentlichkeit“, gerade weil „in einseitiger Darstellung Sachverhalte schon öffentlich vorab diskutiert werden, bevor die eigentliche Recherche publiziert wird.“ Das könne viel an journalistischer Arbeit entwerten oder gar kaputtmachen. Die Vorab-Veröffentlichung könne aber auch gegenteilige Auswirkungen haben und „die Aufmerksamkeit für eine journalistische Recherche erhöhen“. In diesem Fall dürfte die Reaktion von Kliemann auch für ein größeres Interesse an der Recherche der „ZDF Magazin Royale“-Redaktion gesorgt haben. Aus diesem Grund solle sich der Betroffene genau überlegen, „ob sein Vorgehen wirklich klug ist“.

Als Reaktion die Antwortfristen ausreizen

Der Geschäftsführer des Netzwerks Recherche sieht eine wichtige Aufgabe auf der Reporter-Seite. Diese sollten einen möglichst fairen Umgang mit den Objekten ihrer Berichterstattung anstreben und sie mit den Ergebnissen der Recherche transparent konfrontieren. „Ein Umgang wie der von Fynn Kliemann erschwert das aber“, so Bartsch. Das bestätigt auch Hajo Seppelt. Es sei oft ein schwieriges Abwägen, wann man Betroffene mit Recherchen konfrontiere ohne die Recherche selbst zu gefährden. Schließlich bestehe so auch die Möglichkeit, dass „Personen, die Gegenstand der Berichterstattung sind, so frühzeitig gewarnt werden und belastendes Material verschwinden lassen oder andere Vorkehrungen zur Vertuschung treffen“. Der juristische Grundsatz gelte aber trotzdem, dass man Betroffenen ausreichend Zeit zur Stellungnahme geben müsse. Was das im Konkreten heiße, würde von Fall zu Fall unterschiedlich zu betrachten sein. Dass Journalisten den zeitlichen Spielraum unter solchen Umständen soweit wie rechtlich möglich ausreizen, um eine Recherchearbeit nicht zu gefährden, findet Seppelt nur nachvollziehbar. 

Auch für Bartsch ergibt sich aus dem Verhalten von Kliemann eine logische Reaktion von journalistischer Seite. Er fände es demnach „wenig überraschend, wenn Journalist*innen infolgedessen die Antwortfristen ausreizen.“ Als Empfehlung möchte er das nicht verstanden wissen, es wäre aber denkbar, sollte sich eine solche Praxis durchsetzen. Die schriftliche Anfrage sieht Bartsch gerade auch aus juristischen Gründen als wichtigen Teil der Recherchearbeit. Eine Empfehlung gibt der Geschäftsführer vom Netzwerk Recherche dennoch: „Es könnte nicht schaden, sich wieder mehr um direkte Interviews zu bemühen.“

Mitarbeit: Thomas Borgböhmer

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