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Menschen und Marken

Geld verkündet alles – aber es hilft nichts

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Während traditionelle Kirchen gegen den Aderlass ihrer Glaubensgemeinschaft kämpfen, hat eine Ersatzreligion weltweit Milliarden neuer Anhänger gefunden. Der Glaube an die Allmacht des Geldes ist heute die vermutlich größte Glaubensbewegung unseres Planeten: Geld verspricht uns die Erlösung von allem Leid. Ein Irrglaube. Wir sind live dabei, wie Geld alles verkündet und nichts löst.

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Geld hatte schon seit der Geburt keinen Wert an sich. Wir bekamen es nur im Tausch gegen einen Gegenwert, ein Produkt, ein Pfand oder eine sichtbare Gegenleistung. Dann begann der Mensch Zahlen auf Papier zu drucken und die Finanzindustrie entdeckte die Illusion Geld mit Geld zu verdienen. Mit immer neuen Finanztricks koppelte sich die Finanzbranche von der realen Welt ab und führt seither ein Eigenleben in Saus und Braus. Drei Jahre Pandemie, Klimakatastrophen und selbst Putins Krieg haben an der Börse noch keine großen Einschläge hinterlassen.

So schlich sich über die Jahre der tiefe Geldglaube an die Allmacht des Geldes in die Chefetagen und des Bundeskanzleramts ein. Das Opium des Volkes heißt heute Bazooka und besteht aus einer Zahl mit vielen Nullen. Die Regierung bekämpfte das Corona-Virus mit Milliarden. Sie löste damit Hyperaktivität im Bereich der Maskenbeschaffung, Corona-App-Entwicklung und Testcentergründung aus. Doch im Herbst werden wir wieder erkennen, all das Geld hat nichts bewirkt.

Der frisch gewählte Finanzminister flutet ein Krisenthema nach dem anderen mit frisch gedrucktem Geld. Die Automobilbranche, die Deutsche Bahn, die Commerzbank. Wenn die Schmerzen zu groß werden, hilft die Geldspritze. Die CEOs sind Brüder und Schwestern im Geiste. Wenn es klemmt, wird Budget freigeschaufelt und dann läuft die Sache. So einfach ist die Sache allerdings nicht, wie wir bei der Bahn und der Bank sehen. Geld hilft nicht bei Ideenarmut und Entscheidungsschwäche. In den dramatischen Wochen des Putin-Kriegs erstickt der Bundeskanzler ukrainischen Hilfeschreie in seinem Behördenapparat und verspricht Hilfszahlungen. Doch mit diesem Geld kann die Ukraine nichts abwehren, sich nicht mal freikaufen. Trotz Geldzusage wachsen die Zahl der Toten und die Verzweiflung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Ablasshandel der unmenschlichen Art. Geld kommt immer dann ins Spiel, wenn das Mitgefühl nicht groß genug ist.

Was die Geldgeber nicht auf ihren Rechenzetteln haben, sind die Nebenkosten ihres unerschütterlichen Geldglaubens – der Vertrauensschwund, der Ansehensverlust, das nachlassende Verständnis. Nestlé als global Player hat, angeführt vom weltweiten CEO Mark Schneider, stets die Finanzbranche im Auge, den hohen Rat der Geldgläubiger. Die Geschäfte mit Russland einzustellen ist in dieser Welt undenkbar. Allen Sanktionsbemühungen zum Trotz, ziehen sie ihr Ding durch. Jeder Euro zählt.

„Der Goodwill, eine wichtige Größe der Bilanz, wird in Zukunft negativ miteingerechnet werden müssen.“

Frank Dopheide

Doch die Rechnung wird nicht lange auf sich warten lassen. Die bestehenden Kunden und aktuellen Umsätze scheinen stabil, aber die Rechnung wird auf den Tisch kommen: Fallende gesellschaftliche Akzeptanz und die gnadenlose Abwendung der nachfolgenden Generation werden Nestlé teuer zu stehen kommen. Der Goodwill, eine wichtige Größe der Bilanz, wird in Zukunft negativ miteingerechnet werden müssen, von massiven Budget-Erhöhungen in Employer Branding und Kommunikation gar nicht zu reden. So ist Nestlé auch einer der Weltmarktführer der Hall of Shame geworden, dem medialen Pranger, der die Geldgierigen und Uneinsichtigen in aller Öffentlichkeit präsentiert. Jeden Tag aufs Neue und für die Ewigkeit im Internet. Das geht an die Substanz – und kostet.

Geld hilft nicht, wenn die Ursachen akute Ideenarmut und massive Umsetzungsschwäche sind. Die Zukunft braucht keine Überweisungsträger, sondern Menschen, die es wagen und machen. Fangen wir am besten gleich damit an.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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