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Wochenrückblick

Die wenig witzigen Insta-Konferenzen des Julian Reichelt

Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt läuft sich auf Instagram und LinkedIn für sein neues Medium warm. „Kress Pro“ parierte erfolgreich eine Millionen-Klage des Verlegers Walterpeter Twer. Elon Musk sorgte für Schnappatmung in der Twitter-Bubble. Und es braucht eindeutig mehr schräge Chefredakteurs-Fotos. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Mein ehemaliger Arbeitgeber, der „Kress Report“, der heute „Kress Pro“ heißt, hat einen bizarren Rechtsstreit mit dem Verleger der „Rhein Zeitung“, Walterpeter Twer, ausgestanden. Der hatte den Verlag von „Kress Pro“, den Oberauer Verlag, auf rund 1,4 Mio. Euro Schadensersatz verklagt, weil das Magazin über einen Streit zwischen Twer und einem Tischler berichtet hatte. Dabei ging es darum, dass Twer als Investor für eine Erfindung des Tischlers auftrat, diesen aber über den, äh, Tisch zog, aus dem Unternehmen drängte und in den Ruin trieb. So die Darstellung des Tischlers. Twer fühlte sich falsch dargestellt und zettelte einen jahrelangen Rechtsstreit mit „Kress“ an, der in der Forderung von rund 1,4 Mio. Euro Schadensersatz gipfelte, weil nach der Berichterstattung angeblich ein mündlich vereinbartes Geschäft geplatzt sei. Die Landgerichte Hamburg und Köln – beide nicht direkt bekannt überschäumend pressefreundlich zu urteilen – ließen den Verleger jeweils abblitzen. Wie „Kress Pro“-Chefredakteur Markus Wiegand in der jüngsten Ausgabe schreibt, hielt das LG Hamburg in einer Begründung fest: „Der Kläger hat keinen Anspruch darauf, nur so in der Öffentlichkeit dargestellt zu werden, wie es ihm genehm ist.“ Wohlgemerkt: Der Mann ist Zeitungsverleger. Jetzt sind die Fristen für eine Berufung verstrichen. Für einen kleinen Verlag sind solche Klagen durchaus existenzbedrohend. Gut, dass Twer damit nicht durchgekommen ist.

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In einer bemerkenswerten Stellenanzeige auf LinkedIn versprach der ehemalige „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt u.a. „Konferenzen, die oft so lustig sind, dass man sie eigentlich live übertragen müsste“. Kurz darauf fing er an Redaktionskonferenzen seiner Firma Rome Medien tatsächlich zu übertragen. Zwar nicht live, aber als eine Art Zusammenschnitt auf Instagram. Er nennt das Format „DIE KONFERENZ“. Leider ist das, was man dort sieht, gar nicht lustig. In einer Konferenz, pardon: KONFERENZ, wurde langatmig über das Geburtstagsfoto der Queen mit den zwei weißen Shire-Ponys räsoniert. In einer anderen KONFERENZ ging es um die Attraktivität deutscher Fußball-Clubs.

Da die Rome Medien GmbH noch nicht mit einem wirklichen Produkt live ist, scheint es sich hierbei um Fingerübungen, um ein Warmlaufen zu handeln. Genau wie die Insta-Videos, in denen Reichelt in Schwurbler-Manier täglich gegen die da oben austeilt. Ich frage mich, wie so ein Medienprodukt aus dem Hause Reichelt aussehen könnte. Julian Reichelt, der in die Kamera schäumt, vielleicht noch eine Talkrunde nach dem Vorbild von „Viertel nach Acht“ bei Bild TV? Roger Köppel hätte vermutlich Zeit. Aber reicht das, um ein Medien-Produkt über das Niveau eines x-beliebigen YouTube-Querdenker-Kanals zu heben? Reichelt hat sich bei Twitter schon öfters beklagt hat, dass LinkedIn-Beiträge von ihm wegen angeblicher Verstöße gegen Community-Richtlinien nicht verbreitet würden.

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Das wird ihm bei Twitter mutmaßlich nicht passieren. Jedenfalls nicht, wenn Elon Musk tatsächlich den Kurznachrichtendienst kauft und dort die totale Meinungsfreiheit ausruft. Dass Musk Twitter übernimmt, hat bei Teilen der Filterblase für Schnappatmung gesorgt. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, bei Twitter herrschte bisher eine von gegenseitigem Respekt geprägte, gepflegte Salonkultur, die durch den Turbo-Kapitalisten Musk jetzt auf einmal bedroht ist. Und es ist auch nicht so, dass Twitter bisher der Heilsarmee gehörte. Eigentümer sind u.a. die Kingdom Holding des saudischen Milliardärs Al-Walid ibn Talal, der Donald Trump mal eine gebrauchte Super-Yacht abgekauft hat, Black Rock, Morgan Stanley und Konsorten. Neben seinen ganzen Pennäler-Witzchen hat Musk öffentlich beteuert, dass in Sachen freie Rede für ihn in erster Linie geltende Gesetze maßgeblich sind. Das ist ja nun erst einmal keine schlechte Ausgangsbasis. Blöd halt, dass bei einem globalen Medium überall andere Gesetze gelten. Das macht die Sache kompliziert. Aber Musk eilt nicht der Ruf voraus, solcherlei Dinge vorab kaputtzudenken.

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Es gab einiges an Buzz über ein Foto des neuen Chefredakteurs der „New York Times“. Der heißt Joseph Kahn und ist ein typischer, intellektueller US-Ostküsten-Heini. Das Foto zeigt Kahn in verrenkt-lasziver Pose auf einem Teppich. Daneben eine Tasse mit chinesischem Schriftzeichen. Anspielung: Er leitete mal das „NYT“-Büro in Peking! Und eine drapierte Print (!) Ausgabe der „New York Times“. Bildunterschrift: „Kahn relaxing with the paper.“

Nun, „relaxed“ sieht das ganz und gar nicht aus. Der Herr Kahn musste sich auf diesem Twitter einiges an Häme durchlesen und hat mittlerweile Abbitte geleistet für seinen Foto-Fauxpas. „Bloomberg“ sagte er, er wisse nun, „dass man Nein zu manchen Dingen sagen sollte, um die ein Fotograf bittet, um die Aufnahme aufzumöbeln“. Warum denn bitte? Das Foto mag schräg sein und irgendwie auch ein bisschen peinlich, aber das ist doch immer noch tausendmal besser als die sturzlangweiligen Manager-Bilder mit verschränkten Armen und zufällig hochgerutschten Ärmeln, so dass gerade noch die Rolex Submariner hervorlugt.

Schönes Wochenende!

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