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Dienstreisen im Wandel

Frequent Traveller gehören der Vergangenheit an

Kein Standard mehr: morgens hin – abends zurück für ein kurzes Meeting – Foto: Imago

Nachhaltigkeit, Klimawandel, Corona und nicht zuletzt die Digitalisierung haben nicht nur die tägliche Arbeit verändert. Sie haben auch Einfluss auf die Dienstreisen genommen. Was früher normal war, ist heute nicht nur verpönt. Agenturen und Marken orientieren sich auch in Sachen Geschäftsreisen neu.

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Es gab einmal eine Zeit, da war es schick, morgens den Flieger zu nehmen, um in gerade mal 600 Kilometer Entfernung ein einstündiges Meeting abzuhalten und sich dann auf den Rückweg zu machen. Wer das oft genug gemacht hat nannte sich Frequent Traveller und hatte Zugang zu den Lounges der Airlines, gehörte dazu, war ein VIP.

Champagner und Gebäck in der gut besuchten Senator Lounge der Lufthansa am Münchner Flughafen. Heute ein eher seltenes Bild Foto: Imago

Heute verursacht solches Verhalten nur noch ein Kopfschütteln. Heute geht es um den CO2-Fußabdruck, um Nachhaltigkeit und natürlich auch darum, dass man während der Corona-Reisebeschränkungen, Homeoffice-Pflicht und zunehmender Digitalisierung gelernt hat, dass es manches Meeting nicht vor Ort braucht.

Doch beim Thema real versus virtuell gibt es laut der Reise-Analyse Business 2021 einen klaren Trend hin zum „wieder ausrücken“, zumindest was die Geschäftsreisenden angeht. Das gilt insbesondere für Messen und Vertriebsbesuche. Mehr als die Hälfte der Befragten meint, auch Besuche in der Zentrale oder in den Niederlassungen sollten, ebenso wie Konferenzen, vor Ort stattfinden. Bei Fortbildungen halten sich die Präferenzen zwischen virtuell und digital in Waage. Lediglich für Projektbesprechungen wird – allerdings auch nur mit einem knappen Vorsprung – die digitale Lösung bevorzugt.

Diesem Trend folgt auch Britta Poetzsch. Für die CCO Campaign bei der Agentur Track sind persönliche Begegnungen nicht zu ersetzen. Dieses, wie sie es nennt, „Feinstoffliche“, diese besondere Schwingung, die es manchmal braucht, um zusammen zu arbeiten oder auch etwas gemeinsam zu entwickeln, würde in einer Videokonferenz fehlen. Darum finden bei Track auch wieder erste Kunden-Workshops statt. „Und ich denke, dass wichtige Pitch Entscheidungen auch ganz schlecht über eine Videokonferenz getroffen werden können”, sagt sie.

Remote First

Das sieht man bei Wunderman Thompson differenzierter. Die Agentur hatte mit Beginn der Pandemie alle Geschäftsreisen auf nahezu null Prozent eingefroren und bislang hat der Auftau-Prozess noch nicht wieder stattgefunden. Was aber nicht bedeutet, dass sich das in Zukunft nicht ändern kann. Auch bei Wunderman Thompson herrscht die Überzeugung vor, dass für den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen auf ein persönliches Treffen nicht verzichtet werden kann. „Alles andere, sogar Drehs und Shootings, lassen sich auch mit reduzierter Präsenz durchführen“, heißt es aus dem People & Culture Team der Agentur.

Eine ähnliche Erfahrung macht gerade Beiersdorf. Hier wird davon ausgegangen, dass sich das Reiseverhalten langfristig und dauerhaft verändert. „Unsere Erfahrungen seit Beginn der Pandemie zeigen, dass sich viele Dienstreisen dank der verschiedenen Kommunikationstechnologien – wie Videokonferenzen – sinnvoll ersetzen lassen. Insofern werden wir auch in Zukunft die jeweiligen Erfordernisse genau prüfen“, erläutert der Konzern. Allerdings sei das Reiseverhalten aktuell noch so gering, dass ein wirklicher Trend noch nicht abzusehen ist.

Auch bei Nestlé sind seit Beginn der Corona-Pandemie die Geschäftsreisen national wie international stark eingeschränkt und finden kaum statt. Ausgenommen davon seien lediglich Reisen, die absolut geschäftskritisch sind, so sie denn vom jeweiligen Marktchef respektive den zuständigen Führungskräften vorab genehmigt wurden.

Ein Vorgehen, das bei Mercedes-Benz bereits seit Jahren verfolgt wird. Der Autobauer sagt, Arbeitsabläufe, Konferenzen und Abstimmungen über Standorte und Ländergrenzen hinweg seien bei Mercedes-Benz seit jeher beruflicher Alltag. Insofern lautet die Vorgabe, Dienstreisen sollten möglichst nur angetreten werden, wenn es keine Alternative dazu gibt.

Einig in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz

Dass nur gereist wird, wenn es nicht anders geht, soll auch in Zukunft so bleiben. Vor allem, weil weniger Reisen auch einen geringeren CO2-Fußabdruck bedeuten. „Anstelle von persönlichen Treffen nutzen die Mitarbeiter*innen digitale Kollaborationstools. Diese sind mittlerweile fester Bestandteil des Arbeitsalltags und tragen zu mehr Effizienz und auch Vermeidung von CO2-Emissionen bei, wenn Reisen vermieden werden“, erläutert Isabel Hörnle, Media Relations Manager, Sustainability & Corporate Communication von Nestlé Deutschland. An den Werksstandorten kämen beispielsweise verstärkt Augmented-Reality-Technologien zum Einsatz, um den Austausch zwischen Produktions- und Forschungsstandorten sowie Lieferanten zu unterstützen.

Wenn eine Reise jedoch unerlässlich ist, herrscht auch eine Übereinstimmung bei der Wahl des Verkehrsmittels vor: Innerhalb Deutschlands ist die Bahn erste Wahl. „Der Vorteil von Bahnreisen ist doch, dass man gleich auch das Ticket für den Nahverkehr hat und somit auch am Ziel gut von A nach B kommt“, heißt es aus dem People & Culture Team von Wunderman Thompson Germany. Gleiches gilt bei Scholz & Friends.

Bei Beiersdorf ist man noch nicht ganz so weit. „Angesichts der ,New Ways of Working’ und die gesetzten CO2-Ziele wird sich das Reiseverhalten insgesamt, aber auch die Wahl der Verkehrsmittel verändern. Dies wird künftig durch eine ergänzte Richtlinie und systemische Lösungen unterstützt“, sagt Christina Hoberg.

Unterm Strich lässt sich also feststellen, dass das Ergebnis der „Reise-Analyse Business 2021“ in den wesentlichen Punkten doch sehr stark von dem abweicht, was tatsächlich in den Unternehmen verfolgt wird. Den klaren Trend zu „wieder ausrücken“ gibt es jedenfalls bei den von uns befragten Unternehmen nicht.

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