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Elon Musks Twitter-Übernahme

Vom Tesla-Pionier zum Sonnenkönig der Meinungen

Elon Musk und das Twitter Logo. Bei Twitter stimmt man einer Übernahme durch den Tesla-Milliardär zu.

Elon Musk greift nach Twitter. Oder doch nicht? – Foto: Imago

Elon Musk darf Twitter übernehmen. Der Verwaltungsrat der Online-Plattform hat dem Angebot des reichsten Mannes der Welt nicht standgehalten. Ein Sieg für die Meinungsfreiheit, sagen Musk und seine Anhänger. Dabei dürfte es ein schwarzer Tag sein.

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Eines ist jetzt schon klar, die Meldung von Montagabend dieser Woche wird weitreichende Folgen über diesen Tag hinaus haben. Elon Musk übernimmt Twitter. Das Netzwerk hat dem Angebot des Tech-Milliardärs zugestimmt. Für 44 Milliarden US-Dollar soll der 280-Zeichendienst zum Privatspielzeug von Musk werden, vorausgesetzt die Aktionäre stimmen zu. Bereits eine Stunde nach Verkündung hat die Nachricht Eingang in das ZDF „Heute Journal“ gefunden. Nur landete sie nicht im Hauptblock, sondern ganz am Ende, im Börsenteil. Natürlich, diese Summen bewegen den Markt. Dabei sollte bei der Übernahme von Twitter durch Musk etwas ganz anderes im Fokus stehen.

MEEDIA-Redakteur Tobias Singer meint, dass der Meinungsfreiheit durch die Twitter-Übernahme durch Milliardär Elon Musk schwere Zeiten bevorstehen könnten – Illustration: Bertil Brahm

Denn es geht nicht um eine weitere Wirtschaftsnachricht à la „Apple wieder wertvollstes Unternehmen“ oder „Amazon verzeichnet erneut Milliardengewinne“. Das hier ist nicht das Happy End eines Startup-Märchens, egal wie sehr das auf LinkedIn oder in der Gründer-Community entsprechend hochgejubelt wird, egal wie viele Nullen der Deal vor dem Komma zählt. Musk investiert in eine Meinungsmaschine, in seine ganz private, mit allen führenden Nachrichtenmedien, Staatenlenkern und Denkern an Bord. Einst verbannte Demokratiegefährder wie Donald Trump, die das Netzwerk mit gezielten Fake News fluteten, dürften unter Musk wieder zurückkehren, auch wenn der Ex-Präsident noch Gegenteiliges behauptet.

Auch lesenswert: Was Elon Musks Übernahme über den Zustand von Twitter sagt

Aber was will Musk eigentlich mit dem Netzwerk? Erst einmal ihm seinen ganz eigenen Stempel aufdrücken: Dabei geht es nicht nur um die Macht des Algorithmus, die wurde schon immer von der Community kritisiert. Alles soll gesagt werden dürfen, von jedem, zu jeder Zeit. Hass im Netzwerk zu äußern, gehört dann zur Freiheit der Meinung, zum neuen guten Ton. Desinformation gibt es nicht mehr, nur noch Information. Im Umkehrschluss ist jeder, der sich dagegen stellt, ein Feind der Meinungsfreiheit, illiberal. Das Wort fällt dieser Tage öfter. So funktioniert die Logik vieler Liberaler derzeit oder solcher, die ihre persönliche Ablehnung minimalster Regulation mit dem philosophischen Siegel den Anschein von Legitimität verpassen wollen. Dabei handelt es sich mehr um radikale Libertäre, für die kein Eingreifen des Staates gerade Staat genug ist. Genau in diesem Gegensatzdenken ist auch Musk groß und reich geworden und in dem scheint er auch weiterhin verhaftet zu sein. Er sieht sich als eine Art Verteidiger der absoluten Meinungsfreiheit, droht dabei aber selbst zu etwas wie einem absolutistischen Herrscher zu werden. Mit Twitter an der Hand hat er die Chance dazu.

Man darf es nicht falsch verstehen: Auch bei Meta gibt es diese Sorge mit der Macht einer einzelnen Person. Auch Twitter-Gründer Jack Dorsey war kein Heiliger, auch wenn er zunehmend die asketische Optik annahm, auch Jeff Bezos‘ Übernahme der „Washington Post“ darf keinen Moment aus dem kritischen Auge verloren werden. Was jetzt anders ist? Vielleicht nicht viel, aber Musks Ambitionen, die öffentliche Meinung beeinflussen zu wollen, Musks Streitigkeiten mit der Börsenaufsicht, die er jetzt umgehen kann, weil er Twitter vom Aktienmarkt nehmen möchte, Musks lange Liste der Unfähigkeit mit Kritik umzugehen, von privaten Personen bis zur Presse – all das ergibt kein gutes Bild. Wie bei Tesla, wie bei SpaceX, will Musk auch hier an die Spitze, sich das Meinungsmonopol sichern.

Elon Musks Twitter-Übernahme ist eine Zeitenwende

Kurz nachdem die Übernahme bekannt wurde, gab es einen Talk vom US-Wirtschaftsdienst Bloomberg zur Zukunft von Twitter, natürlich auf Twitter. Der wesentliche Satz fiel ganz am Ende.

Nachdem sehr lange über die Finanztaktiken, wirtschaftliche Implikationen und Kreditgeber gesprochen wurde, äußerte sich Big-Tech-Autor Brad Stone mit folgender Einschätzung: „Ich glaube nicht, dass es sich hier um eine wirtschaftliche Übernahme handelt, sondern eine politische.“ Dieser Schritt ist eine wirkliche Zeitenwende, eine die Gegenöffentlichkeit brauchen wird.

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