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Die GAFAM-Kolumne

Elon Musk will Twitter kaufen – Drama voraus!

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Die Aufregung um Elon Musks Twitter-Investment reißt nicht ab. Die zehn Tage unter dem neuen Großaktionär gleichen Twitters bisheriger Achterbahn an der Börse. Allein: Als der ehrwürdige Ritter, der dem 280-Zeichendienst als möglicher neuer Eigentümer zum neuen Höhenflug verhilft, taugt der Tesla-CEO kaum – Elon Musk ist eher der Joker.

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Haben Sie es jemals mit Twitter-Aktien probiert? Wenn ja, dann waren Sie wahrscheinlich bis vorvergangene Woche nicht zu beneiden, denn der Kursverlauf des einst hochgehypten Social-Media-Dienstes gleicht seit dem Börsengang 2013 einer endlosen Achterbahnfahrt. Seit zehn Tagen hebt der Kurs nun wieder ab – Elon Musk und seinem Einstieg sei Dank.

Jetzt geht der reichste Mann der Welt noch weiter und macht Twitter und seinen Aktionären ein Übernahmeangebot – und zwar ein feindliches. In seinem Schreiben an Twitters Aufsichtsratschef Bret Taylor wird Musk überdeutlich: „Seit meiner Investition ist mir jedoch klar geworden, dass das Unternehmen in seiner jetzigen Form weder gedeihen noch diesem gesellschaftlichen Imperativ dienen wird. Twitter muss als privates Unternehmen umgewandelt werden.“

Dafür bietet der reichste Mann der Welt 54,20 Dollar je Aktie. Gegenüber dem gestrigen Tagesschluss entspricht das einem Plus von lediglich 18 Prozent, das kaum das „außergewöhnliche Potenzial“ reflektiert, von dem Musk in seinem Schreiben an Taylor spricht. Allerdings: Bevor Musks Twitter-Einstieg bekannt wurde, notierten die Anteilsscheine bei gerade mal 33 Dollar. Entsprechend hat Musk einen Punkt, wenn er davon spricht, dass sein Angebot einem 38-prozentigen Premiumaufschlag entspricht.

Allein: Der Markt misstraut Musk und seiner Offerte. Anstatt sich in Richtung der gebotenen 54 Dollar je Aktie zu bewegen, legte die Aktie zunächst gerade mal ein paar Prozent auf 47 Dollar zu, um dann alle Gewinne wieder abzugeben. Auf dem aktuellen Niveau notieren die Anteilsscheine allerdings kaum über den Kursen der ersten Handelswoche 2013, auf die eine achtjährige Talfahrt folgte, die erst von der liquiditätsgetriebenen Corona-Hausse 2020/21 abgelöst wurde, in der so ziemlich jede Techaktie auf Allzeithoch schoss.

Der Vergleich jedoch, was in den achteinhalb Jahren mit anderen Tech- und Internetaktien möglich gewesen wäre, fällt bitter für Twitter aus. Anteilsscheine der großen vier Big Techs Apple, Microsoft, Amazon und Alphabet legten im Vergleichszeitraum zwischen 500 und 900 Prozent zu, während der große Social Media-Rivale Facebook selbst nach dem schweren Absturz in diesem Jahr zwischen 2013 und heute immer noch 500 Prozent an Wert gewonnen hat.

Man kann Twitter also getrost als die größte Enttäuschung unter den großen Social Media-Anbietern bezeichnen – nur Pinterest performte seit dem Ausgabekurs schlechter. Die Geschäftsentwicklung und Monetarisierung sind angesichts der immensen Verbreitung der Weltmarke Twitter kaum nachvollziehbar: Lediglich fünf Milliarden Dollar setzte der 280-Zeichendienst im vergangenen Geschäftsjahr, immerhin dem 15. des Bestehens, um – so viel wie Apple alleine mit seinem Accessoire AirPods pro Quartal erlöst. Noch alarmierender ist die Entwicklung des Konzernergebnisses, das nach zwei Jahren im Plus – 2020 und 2021 – wieder tief in die Verlustzone geraten ist.

Mit anderen Worten: Twitter könnte einen Antreiber des Kerngeschäfts gut gebrauchen. Ob Elon Musk aber der Heilsbringer ist, der Twitters fraglos immenses Potenzial endlich freisetzt, darf mehr als bezweifelt werden. Als wollte Musk einmal mehr seinen Ruf als unberechenbarer Freigeist unterstreichen, nahmen die Turbulenzen nach seinem Einstieg bei Twitter ihren Lauf. Der reichste Mann der Welt trollte in bekannter Manier den Social Media-Dienst, in den er gerade Milliarden investiert hatte und blamierte CEO Parag Agrawal, der ihn erst mit warmen Worten im Aufsichtsrat willkommen geheißen hatte, nur um dann doch den Rückzieher zu machen. Man kennt solche Peinlichkeiten eigentlich nur aus der Politik.     

Volatiler geht es kaum, insofern passen Musk und Twitter eigentlich ganz gut zusammen, könnte man meinen. Für Twitters Management wurde Musks Volatilität indes schnell zur unkalkulierbaren Variablen. Mit dem ausgeschlagenen Einzug in den Aufsichtsrat standen Musk plötzlich alle Optionen offen, als aktiver Investor auf Twitter Einfluss zu nehmen, wie es ihm beliebt. Und das bedeutet eben auch im Sinne eines echten Großaktionärsaktivisten im Stile eines Carl Icahn: feindlich. Genau dazu ist es jetzt gekommen. Elon Musk lässt damit die Maske fallen: Er war nie als ehrwürdiger Ritter, als Batman, gekommen, sondern als der Joker – und zwar im Wortsinne.

Musk kann das Twitter-Management jetzt vor sich hertreiben, wie es ihm beliebt. Nach den jüngeren Attacken und erst recht nach dem feindlichen Übernahmeangebot ist Parag Agrawal ein CEO auf Abruf, der abwägen muss, was im besten Interesse der Anleger ist. Gemessen an der Entwicklung der Twitter-Aktie kann das Musks mutmaßlich „erstes und letztes Gebot“ kaum sein, denn die Anteilsscheine notierten im Februar 2021 auf Allzeithochs von knapp 80 Dollar deutlich höher. Warum also sollte das Management und der Aufsichtsrat nun ein Jahr später einem ein Drittel geringeren Übernahmeangebot zustimmen?

Vielmehr sollten Twitter-Aktionäre durchaus die Risiken im Blick behalten, die Musks Einstieg und nun erst recht das Übernahmegebot mit sich bringen. In der Vergangenheit hat Musk mit seinem erratischen Verhalten oft genug bewiesen, dass er mehr an kurzfristiger Effekthascherei denn als langfristiger Wertschöpfung interessiert zu sein scheint. „So agiert er halt“, fasst Techreporterin Kara Swisher Musk Geschäftsgebaren zusammen. Seine Äußerungen zu den Kryptowährungen Bitcoin, Dogecoin und Shiba Inu besitzen etwa die Langlebigkeit einer Teenagerlaune – entsprechend volatil performten die Coins dann auch, als der große Fürsprecher wenig später wieder seine Zuneigung entzog.

Ein vergleichbares Szenario erscheint bei Twitter nicht mal unwahrscheinlich: Mit seinem alles andere als generösen Übernahmeangebot, das man durchaus als vergiftet betrachten kann, hat sich der 50-Jährige nämlich zugleich einen idealen Ausweg seinem bisherigen Investment geschaffen. Schlägt Twitters Aufsichtsrat seine Offerte aus, könnte sich Musk wunderbar mit dem Narrativ zurückziehen, Twitter habe es eben nicht besser verdient – und wie ein gelangweiltes Kind, das sein neustes Spielzeug durchgespielt hat, seine bisherigen Twitter-Anteile veräußern.

Dass der Mehrfach-CEO dabei mutmaßlich noch einen satten Gewinn einfahren würde – schließlich legten die Twitter-Aktien nach Verkündung seines Einstiegs um rund 25 Prozent zu –, macht den Hochfinanzkapitalismus, aber auch Musk selbst für den Durchschnittsbürger, der gerade sieben Prozent an Kaufkraft pro Jahr an die Inflation verliert, nicht unbedingt sympathischer.   

Twitter wiederum stünde – zumindest an der Wall Street – wieder einmal als Verlierer da und könnte einen Teil der durch Musk ausgelösten Kursgewinne der vergangenen Handelstage wieder abgeben, schließlich wäre die Elon Musk-Fantasie dann weg. Ein ähnlich turbulentes Auf und Ab ereignete sich 2016, als Twitter einen Verkauf erwog, aber kein Big Tech-Konzern zuschlagen wollte. Der Rest ist bekannt: eine jahrelang Talfahrt folgte. Neues Drama ist quasi vorprogrammiert: Twitters Aufsichtsrat berät heute Abend über Musks Offerte.

+++ Short Tech Reads +++

The Verge: Meta will AR-Brille 2024 auf den Markt bringen 

Dass der US-Konzern, der früher mal als Facebook bekannt war, alles auf das Metaverse setzt, lässt sich schon an der Namensänderung ablesen: Seit vergangenem Herbst heißt der Mutterkonzern des weltgrößten Social Networks bekanntermaßen Meta. Der „heiligen Gral“ (O-Ton!) zum Metaverse ist für CEO Mark Zuckerberg unterdessen eine AR-Brille, die auch Apple seit Jahren nachgesagt wird. Nach Angaben des gut unterrichteten Techportals „The Verge“ dürfte Meta die erste Generation einer AR-Datenbrille 2024 auf den Markt bringt. Bisher bietet Meta mit Occulus Quest eine Headset für VR-Anwendungen an.  

Bloomberg: Apple Watch mit Blutdruck-Messung kommt frühestens 2024 

Tim Cook wirbt dem Versprechen seit dem Launch vor sieben Jahren: Die Apple Watch das führende Gadget für den Gesundheitsmarkt werden. Eines der am sehnsüchtigsten erwarteten Features dürfte sich nun aber doch erheblich länger verzögern als erwartet: die Blutdruckmessung. Weil der wertvollste Konzern der Welt bei Tests bislang nicht die erhofften Ergebnisse erzielt hat, sei mit einem Rollout frühestens in zwei, wenn nicht erst drei Jahren zu rechnen, berichtet Mark Gurman bei Bloomberg.    

Reuters: Shopify splittet Aktien im Verhältnis 10:1

Wie bekommt man eine Aktie wieder zum Fliegen? Aktiensplits helfen in der Regel: Apple und Tesla haben es in den vergangenen Jahren erfolgreich vor-, Amazon und Alphabet zuletzt nachgemacht – fast immer stieg der Kurs. Nun bedient sich auch der zuletzt an der Börse schwer abgestürzte E-Commerce-Software-Anbieter Shopify des Kapitalmärkte-Kniffs und splittet die Anteilsscheine im Verhältnis 10:1, aus Kursen 600 Dollar werden also 60 Dollar. 

+++ One more Thing: Sollten Journalisten lieber nicht mehr twittern? +++ 

Twittern oder lieber doch nicht, das ist nicht nur für Elon Musk eine weitreichende Frage. Auch und gerade Journalisten haben sich auf dem 280-Zeichen-Dienst immer wieder ein Bein gestellt, wie gerade in den vergangenen Wochen zu beobachten war. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist das aktuelle Interview von „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt in der „Zeit“: „Twitter ist ein sehr uninspirierender Ort geworden. Deswegen habe ich ihn verlassen“, wird Poschardt dort zitiert.

Für die „New York Times“ wäre der 55-Jährige mit der Einstellung wahrscheinlich so etwas wie der ideale Angestellte. Die „Gray Lady“ hat nämlich zuletzt Social Media-Guidelines erlassen, die man durchaus als Maulkorb empfinden kann. Vergangene Woche verschickte Chefredakteur Dean Baquet an die „NYT“-Mitarbeiter ein Memo, in dem der 65-Jährige seinen Angestellten mitteilte, die Twitter-Präsenz sei „vollkommen optional“. In anderen Worten: lasst das lieber. „Wenn Sie sich dafür entscheiden, weiterzumachen, empfehlen wir Ihnen, die Zeit, die Sie auf der Plattform verbringen, twittern oder scrollen, im Verhältnis zu anderen Teilen Ihrer Arbeit deutlich zu reduzieren“, schrieb Baquet in dem Memo. Übersetzt: weg da, bitte. 

Der einst prominentesten Twitterin der „NYT“ stießen die neuen Guidelines ihres Ex-Arbeitgebers –  weniger überraschend – ziemlich auf. „So sollte eine Redaktion das Internet oder die sozialen Medien nicht angehen“, erklärte Taylor Lorenz, einst das Social Media-Aushängeschild der „NYT“ die neuen Richtlinien, die sie weiter „enttäuschend und widersprüchlich“ nennt.

Lorenz, die im März zur „Washington Post“ wechselte, hatte in der Vergangenheit fehlende Rückendeckung ihres Arbeitgebers beklagt. Gegenüber MSNBC erklärte Lorenz, bei der „NYT“ herrsche eine Praxis, Journalisten zu bestrafen, die selbst „Gegenstand von  Verleumdungskampagnen geworden sind“. Harter Tobak für die vermeintlich „beste Zeitung der Welt“, die mit einer konsequenten Digital-Abonnentenstrategie zum Aushängeschild der Verlagsbranche geworden ist. Wie sehr Lorenz die ständigen Hassattacken selbst zugesetzt haben, ist im MSNBC-Interview ebenfalls zu sehen – Lorenz brach in Tränen aus. 

Twitter: Es ist und bleibt kompliziert, sehr sogar. Es gibt wohl kaum eine andere Tech-Plattform, die so schonungslos die 360-Grad der menschlichen Psyche offenlegt wie die des 280-Zeichendiensts, der mal das Fenster zur Welt, mal aber auch die Büchse der Pandora sein kann. In den Worten des französischen Schriftstellers und Moralisten Jean de la Bruyère: „Alles ist möglich  und auch das Gegenteil von allem.“ Vielleicht sind auch ein paar Tage ohne Twitter mal wieder eine Option…

In diesem Sinne: Fröhliche Ostern + bis nächste Woche!

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