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New Work

Fachkräftemangel in Agenturen: Glücklich wie Sisyphos

David Eicher – Illustration: Bertil Brahm

Alle beklagen den Fachkräftemangel in unserer Branche. Aber wegen ein bisschen Purpose wird keiner zum enthusiastischen Kreativstar. Fluktuation ist Teil unseres Geschäftsmodells – und wird es auch bleiben.

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Geisteswissenschaft boomt. Allein im vergangenen Wintersemester befanden sich gut 300.000 Studenten in einem geisteswissenschaftlichen Fach, gleichzeitig waren aber nur 13.000 Personen beruflich in dieser Branche beschäftigt. Warum finden angesichts dieser unklaren Aussichten nur so wenige Absolventen den Weg zu uns?

Rund die Hälfte aller AgenturmitarbeiterInnen (laut GWA) ist unter 35 Jahre – nur sieben Prozent ist älter als 55 Jahre. Wo und wie ist uns diese Altersgruppe verloren gegangen? Knapp zwei Drittel der AgenturmitarbeiterInnen sind maximal vier Jahre im aktuellen Unternehmen. Nur 16 Prozent bleiben zehn Jahre und länger. Warum können wir so viele nicht langfristig an uns binden?

Keiner will zu uns, keiner bleibt bei uns, keiner will schnell Verantwortung. Viele Agenturchefs müssen sich beim Thema Personal inzwischen fühlen wie Sisyphos. Weise, aber mit einer schweren Bürde: Kurz bevor die mühevolle Arbeit fertig scheint – nämlich das Personaltableau – geht’s wieder von vorne los. Die tragische Figur aus der griechischen Mythologie findet auf dieses Schicksal bekanntlich nur eine Antwort: einfach immer wieder den Felsbrocken auf den Berg tragen. Und wurde so, meint ja zumindest Albert Camus, trotzdem glücklich.

So weit sind wir noch nicht. Wir haben inzwischen Antworten gefunden – zum Beispiel mehr Purpose, obwohl wir längst wissen: Das eigene berufliche Glück steht nur selten in Beziehung zum Unternehmen. „Ein unklarer Purpose treibt kaum jemanden in die Kündigung, fehlende Anerkennung dagegen schon“, meinte dazu etwa neulich der Wirtschaftspsychologe und Buchautor Ingo Hamm in der „Welt am Sonntag“.

„Wir sind die Talentschmiede der deutschen Wirtschaft.“

David Eicher

Wir haben Antworten, aber keine Lösung. Wir haben mit der Suche noch gar nicht richtig angefangen. Wir meinen zu wissen, was die jungen Leute wollen. Aber wir haben die vergessen, die uns Adieu gesagt haben. Und auch die, die uns nicht kennen und nicht kennenlernen wollen. Vielleicht sollten wir denen viel öfter eine Bühne geben.

Und vielleicht müssten wir erkennen, dass sich Menschen ab einem bestimmten Alter einfach nicht mehr mit unserem Geschäftsmodell anfreunden können. Weil trotz aller Strukturen und Prozesse immer noch zu viel ungeplantes den eigenen Rhythmus unterbricht. Weil woanders scheinbar mehr Sicherheit, mehr Planbarkeit, mehr Geld zu holen sind. Weil schöne Büros den Leistungsdruck kaum kaschieren können.

Vielleicht ist es an der Zeit zu erkennen, dass die Anstrengungen in Sachen Recruiting und die Fluktuation einfach dazugehören. Positiv gedreht: Wir sind die Talentschmiede der deutschen Wirtschaft. Ja, auch ein Purpose.


David Eicher gründete 2000 die Social-Media- und Digitalagentur Webguerillas. Nach seinem Ausstieg startete er mit der Business-Beratung Müllers Garage durch. Seit 2021 ist er außerdem Gesellschafter der Conteam-Gruppe.

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