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Wochenrückblick

„Sorry“ scheint für die „Tagesschau“ ein schwieriges Wort zu sein

Das war eine schwierige Woche für die ARD-„Tagesschau“. Die „Zeit“ ließ Patricia Schlesinger und Markus Söder aufeinander los. Das „Handelsblatt“ versteigert jetzt NFTs – und sind Kinder-Kommentare in Nachrichtensendungen wirklich eine gute Idee? Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die „Tagesschau“ hat mehr so eine Geht-So-Woche hinter sich. Zuerst leistete sich der nach Kiew gereiste Georg Restle den Fehler, in der 20-Uhr-Ausgabe zu behaupten, Butscha sei ein Sperrgebiet für Journalisten. Das stimmte so nicht. Offensichtlich konnten einige Journalisten den Kiewer Vorort besuchen, der mittlerweile zum Synonym für russische Kriegsverbrechen in der Ukraine geworden ist. Später ruderte Restle auf Twitter zurück, sprach von Äußerungen, die man habe missverstehen können. Er fragte aber auch, ob es um „Wahrhaftigkeit oder Schnelligkeit“ geht. Damit konstruierte Restle einen Gegensatz, den es im aktuellen Fall gar nicht gab, denn die Reporter vor Ort hatten ja durchaus „wahrhaftig“ berichtet. Kurz darauf gab es dann neuen Ärger, weil Restle von „mutmaßlichen Kriegsverbrechen“ sprach. Da sind nun auch Medienwissenschaftler der Ansicht, dass es absolut richtig ist, diese vorsichtige Art der Formulierung zu wählen. Zumindest der Fehler mit der „Sperrzone“ wäre von der „Tagesschau“ auf Social Media leicht abzuräumen gewesen. Man hätte twittern können, dass hier ein bedauerlicher Fehler unterlaufen ist und man um Entschuldigung bittet. Man hätte sogar am nächsten Tag den Fehler kurz in der „Tagesschau“ on air korrigieren können, aber das wäre vermutlich wirklich zu viel verlangt an Fehlerkultur.

Eine Falschinformation betreffend Kampfdrohnen wurde von der „Tagesschau“ auch nur online mit einem „Hinweis der Redaktion“ korrigiert.

Das ZDF verbreitete dieselbe Falschinformation, die wohl auf eine AFP-Meldung zurückging. Wann korrigiert man wo und in welchem Umfang? Ich persönlich fände eine Korrektur auch on air in der nächsten Folge derjenigen Sendung, in der der Fehler passierte, angemessen.

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Markus Söder und die aktuelle ARD-Chefin Patricia Schlesinger zu einem Streitgespräch über die „Zukunft der ARD“ zu bitten, war eine gute Idee der „Zeit“. Das Stück ist ein Füllhorn an Top-Zitaten. Etwa wenn Frau Schlesinger sagt:

„Der Begriff der Haltung wird mittlerweile zu oft mit dem der Gesinnung verwechselt. Gesinnung hat im Journalismus nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Haltung dagegen brauchen wir sehr wohl. Zu sagen, was ist, ist zum Beispiel eine Haltung.“

Zu sagen, was ist, ist jetzt schon Haltung? Interessant. Auch gut natürlich der Söderismus: „Ich bin immer sachlich.“ Einen Grund für einen möglichen Links-Bias im Journo-Biz macht Frau Schlesinger im Pekuniären aus:

„Der Journalismus, in dem keine großen Gehälter mehr winken, ist leider gerade für sogenannte Bürgerliche kein hyperattraktiver Job mehr.“

Weiß Jan Fleischhauer darüber Bescheid? Frau Schlesinger ist zudem der Ansicht bei den „Tagesthemen“ „wirklich gute konservative Kommentatorinnen und Kommentatoren“ im Stall zu haben. Mutmaßlich bekommen die dann aber ja kein hyperattraktives Gehalt.

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Eine sehr junge „Tagesthemen“-Kommentatorin war diese Woche die zwölfjährige Ella, Jury-Mitglied des Kika-Awards. Sie findet: „Kinderrechte sind eine wichtige Sache“. Und: „Niemand sollte in Armut leben.“ Kann man nix gegen sagen.

Wenn Kinder solche Auftritte haben, beschleicht mich stets ein komisches Gefühl. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass hier jemand kommentiert, der tatsächlich betroffen ist vom Thema des Kommentars. Es geht um Kinderrechte – da kann ja ein Kind kommentieren! Wenn es um Flüchtlinge geht, könnte vielleicht ein Flüchtling kommentieren. Geht es um die Kriminalitätsstatistik, könnte ein Verbrechensopfer kommentieren. Die Reihe klingt vielleicht absurd, aber ist so ein Kinder-Kommentar zu Kinderrechten etwas anderes? Für die „Tagesthemen“ war es jedenfalls auch ein gelungener PR-Stunt.

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Brace yourself, das „Handelsblatt“ versteigert jetzt NFT-Cover! Die Wirtschaftszeitung springt auf den Hype-Train rund um Non Fungible Tokens auf. Das sind digitale „Güter“, die mit Hilfe der Blockchain-Technik kopiersicher gemacht werden. Somit sind digitale Unikate möglich, was Teile der Kunst und Marketingszene aktuell recht wuschig macht. So kann man nun online etwa auf ein „Handelsblatt“-Merkel-Motiv im Caspar-David-Friedrich-Stil oder ein aufgeblasenes Einhorn bieten. Bisher halten sich die Gebote bei dem „biggest financial daily in Germany“ (gibt es noch andere?) in Grenzen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Kolumne stehen sie exakt bei 0 Euro. Einstiegskurse, würde das „Handelsblatt“ vielleicht schreiben.

Schönes Wochenende!

PS:

Im Podcast „Die Medien-Woche“ geht es diesmal mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ um den Kommunikations-GAU von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, wir sprechen über die Kabbeleien unter Kriegsreportern, Elon Musks Twitter-Stunt und den ARD-Kinder-Kommentar. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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