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Porträt

Der Co-Chefredakteur des „Zeit Magazins“: Was treibt Sascha Chaimowicz an?

Co-Chefredakteur des "Zeit Magazins", Sascha Chaimowicz – Foto: Diana Pfammatter / "Zeit"

Das „Zeit Magazin“ hat sich verändert: Neben Maria Exner hat Sascha Chaimowicz die Chefredaktion übernommen. Ein junger Blattmacher, der Avantgarde liefern will, ohne Menschen auszuschließen. Ein Porträt.

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Der Artikel ist zuerst am 5. April 2021 erschienen.

Entweder wirst du auf der Deutschen Journalistenschule angenommen. Oder du bekommst irgendwie ein Empfehlungsschreiben von Heribert Prantl.“ Diese zwei Optionen hatte Sascha Chaimowicz, als er seinen Eltern eröffnete, er wolle sein Medizinstudium abbrechen, um Journalist zu werden. Zur Erinnerung, Prantl, Instanz der „Süddeutschen Zeitung“, leitete dort damals unter anderem das Innenpolitik-Ressort. Ein halbes Jahr habe er Zeit, so die Abmachung. Ansonsten müsse er wohl zurück in den Medizin-Hörsaal. Heute, knapp 15 Jahre später, leitet Chaimowicz eines der renommiertesten Magazine Deutschlands.

Eine wachsende Familie

Seit dem Start 2007 bauen die Verantwortlichen um Christoph Amend eine Markenfamilie auf: Neben dem „Zeit Magazin“ sind das Kiosk-Ableger wie die Männer-Ausgabe, regionale Hefte sowie das digitale Magazin. Hinzu kommen ein täglicher Newsletter und eine Konferenzreihe. Gemeinsam mit „Zeit Online“ soll 2021 ein neues Printmagazin erscheinen, basierend auf der Kolumne „Wochenmarkt“.

Im Juli 2020 kam Maria Exner zum Magazin dazu. Seitdem hat sich die Chefredaktion nach und nach verändert: Sascha Chaimowicz und Exner als Doppelspitze, Emilia Smechowski als deren Stellvertreterin. Weiteres Mitglied der Chefredaktion ist Tillmann Prüfer. Amend, von Beginn an Chefredakteur, ist seit Dezember Editorial Director. In dieser Rolle verantwortet er die strategische Ausrichtung aller Titel und Projekte der „Zeit Magazin“-Gruppe.

Gemeinsam mit Maria Exner bildet er seit Dezember 2020 die neue Doppelspitze des „Zeit Magazins“. Damit übernimmt eine jüngere, diverse Generation die Magazinleitung: Chaimowicz und Exner, beide 36, dazu Emilia Smechowski (37) als stellvertretende Chefredakteurin. Doch was bedeutet das für die inhaltliche Ausrichtung und redaktionelle Zusammenarbeit? Chaimowicz sei jemand, der ganz genau weiß, welche Art von Journalismus er machen will und wie er arbeiten möchte, sagt ein Weggefährte aus Gruner+Jahr-Zeiten. Und sei dann mit Feuereifer dabei. Seine neue Kollegin Exner schätzt Chaimowicz‘ Stärke in der Entwicklung überraschender, emotionaler und sinnlicher Themen für das Blatt sowie seinen Blick auf aktuelle Debatten. Was aber treibt ihn an?

Englischsprachige Medien, Motown-Soul, „Süddeutsche Zeitung“

Groß geworden ist der 1984 geborene Chaimowicz in München, im Stadtteil Obermenzing. Der Vater Arzt, die Mutter Englischlehrerin in einem Konzern, später Personalleiterin, dazu eine jüngere Schwester – ein zweisprachiger Haushalt. „Ich bin in einer sehr internationalen, multikulturellen Familie aufgewachsen, als Kind einer schwarzen, karibisch-britischen Mutter und eines weißen, jüdischen Vaters“, erzählt er im Gespräch. Zugleich fühle er sich auch sehr münchnerisch. Gemütlich, heiter, mit Hang zum Genuss. Das politische Interesse der Eltern springt schon früh auf Chaimowicz über. Auf dem Gymnasium herrscht aus seiner Sicht aber oft ein großer Konformitätsdruck, etwa zu Themen amerikanischer Außenpolitik oder dem Israel-Palästina-Konflikt. „Bei uns daheim ging es liberaler und kontroverser zu als auf dem Pausenhof“, sagt er. Zuhause wird viel diskutiert, vor allem über Politik, die deutsche Migrationspolitik oder auch die Motive des Irakkriegs: „Das war ein wichtiger Grund, weshalb ich mich für Journalismus interessiert habe.“

Die Multikulturalität zeigt sich auch beim Medienkonsum: englischsprachige Filme und Zeitschriften, jüdische und schwarze Stand-Up-Comedians aus den USA, der Motown-Soul, den seine Mutter gerne hört. Dazu die Münchner Einflüsse. „Wir schauten Gerhard-Polt-Sketche und waren ein ‚Süddeutsche-Zeitung‘-Haushalt.“ Bei seiner Zukunftsplanung beeinflusst ihn eine Idee seiner Eltern stark: Der Beruf sollte einem die Freiheit geben, von überall aus in der Welt in Sicherheit zu arbeiten. Sollte es in Deutschland vielleicht nicht mehr sicher für einen sein. Also fällt die Wahl auf ein Medizinstudium. Dabei spielen die Biografien der Eltern rein: Sein Vater ist Kind polnischer Holocaust-Überlebender; seine Mutter wanderte in den späten 50er-Jahren als junges Mädchen mit ihrer Familie von der Karibik-Insel Trinidad, damals noch eine britische Kolonie, nach London ein. In eine Gesellschaft, „die rassistisch und von Kolonial-Denken geprägt war“, so Chaimowicz, der derzeit an einem Buch über seine Familiengeschichte arbeitet.

Dass Sascha, der Medizinstudent, vielleicht doch besser in einer Redaktion aufgehoben sein könnte als im Operationssaal, offenbart sich während eines Praktikums bei „Jetzt“, dem Jugendportal der „SZ“. „Als ich dort die Konferenzen erlebt habe, war sofort klar, ich will Journalist werden“, sagt er. Das Redaktionsleben habe ihm „irrsinnig gut gefallen“. Es folgt der Deal mit dem Vater: Das Empfehlungsschreiben von Prantl sollte Chaimowicz nicht brauchen. Während der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule sammelt er Erfahrungen bei der „taz“, dem „Zeit Magazin“ und der „Neon“ – und fällt schon in dieser Phase seiner Karriere auf. Beim Magazin von Gruner+Jahr derart positiv, dass er nach der Hospitanz als Redakteur anfangen kann, im Juni 2010 mit Mitte 20.

Chaimowicz bringt die Leute irgendwie zum Reden, sagt Oliver Stolle

„Neon“ gilt zu der Zeit als das Magazin für junge Menschen in Deutschland. 2003 gestartet, hatte sich das Blatt zum Auflagen-Hit für G+J entwickelt. Ein Vorzeigeprodukt für das Hamburger Verlagshaus. Und auch junge Journalist*innen finden dort gute Arbeitsbedingungen vor, allen voran ein großes Publikum. Oliver Stolle, heute Geschäftsführer des Redaktionsbüros Nansen & Piccard, ist Teil der „Neon“-Geschichte und des Ablegers „Nido“. Als Textchef lernt er zu jener Zeit auch Chaimowicz kennen. „Er hatte den positiven Ruf, Leute irgendwie zum Reden zu kriegen. Sascha kam so nah an die Leute heran, dass sie ihm spannende Geschichten erzählt haben, zum Teil auch intime“, erinnert er sich im Gespräch. „Damit hat er eine große Nähe ins Heft geholt und für solche Artikel stand er in der Redaktion.“

Beispiel gefällig? Interviews mit Menschen nach dem Sex. Chaimowicz hatte für diese Geschichte junge Paare gefunden, die bereit waren, sich mit ihm direkt nach dem Geschlechtsverkehr zu unterhalten. Stolle sagt, dass er den Artikel später gerne herangezogen hat, wenn es darum ging, die Besonderheiten von „Neon“ zu erklären. Eben die Nähe, aber auch, wie mit vermeintlichen Tabus „auf eine gute Art Aufmerksamkeit“ erregt wurde. Auch politische Themen gehörten zu Chaimowicz‘ Repertoire: So führte er etwa ein Interview mit Angela Merkel, in dem er der Bundeskanzlerin persönliche Details entlockte.

Trotz aufmerksamkeitsstarker Inhalte hält das Auflagenhoch der „Neon“ nicht ewig an, im Gegenteil. Noch dazu entscheidet sich die Verlagsleitung im Jahr 2013, die Münchener Redaktionen nach Hamburg zu holen, was vor allem bei „Neon“ und „Nido“ auf Widerstand stößt. Die Doppelspitze verlässt das Haus, nur die Hälfte des Teams tritt den Umzug an, darunter Chaimowicz. Gemeinsam mit Anke Helle übernimmt er eine erste Führungsrolle: Sie werden stellvertretende Chefredakteur*innen bei „Neon“ und „Nido“. Zusammen mit Neu-Chefredakteur Stolle sollen sie den Umzug samt Wiederaufbau des Teams und inhaltlicher Weiterentwicklung beider Titel über die Bühne bringen. Stolle sagt, dass er für die Führungsposition auf das geachtet hat, was er schon zuvor an Chaimowicz zu schätzen gelernt hatte: die Sensibilität bei Themen, einen schnellen Kopf für gute Ideen und die Fähigkeit, diese in Geschichten zu übersetzen. Und den guten Umgang mit den Kollegen, sagt er.

Die intensive Zusammenarbeit der dreiköpfigen Chefredaktion endet bereits nach rund 16 Monaten. Alle drei verlassen nach und nach das Unternehmen. Nach fast sechs Jahren ist es für Chaimowicz Zeit für etwas Neues. Als im Juni 2018 schließlich mit der allerletzten „Neon“-Ausgabe ein erfolgreiches Kapitel des deutschen Magazinjournalismus endet, ist Sascha Chaimowicz längst woanders. In Berlin, nun seit knapp zwei Jahren beim „Zeit Magazin“.

Infos zum Zeit-Verlag

Geschäftsführer: Rainer Esser

„Zeit“-Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo

Verkaufte Exemplare: 547.390 (4. Quartal 2020, IVW)

Abonnements: 412.754 (4. Quartal 2020, IVW)

Umsatz 2020: 235 Mio. Euro (+4 Prozent)

Berlin calling: Ab in die Hauptstadt, zum Zeit-Verlag

Als verantwortlicher Redakteur betreut er zunächst das „Zeit Magazin Mann“ und ist mitverantwortlich für die Entwicklung der regionalen Ausgaben für Frankfurt und München. Im Juli 2018 folgt ein nächster Schritt: Redakteur für besondere Aufgaben. In Abstimmung mit der Chefredaktion soll er sich um Neuentwicklungen rund um das „Zeit Magazin“ kümmern. In jenen Jahren wandelt sich Chaimowicz zu einem prägenden Blattmacher im Zeit-Verlag – und auch mehr und mehr zur selbstbewussten Führungskraft.

Chaimowicz habe einen „unheimlich guten Blick auf andere Leute“, sagt eine „Zeit Magazin“-Redakteurin. Über die Jahre konnte sie beobachten, wie er sich eine Autorität aneignete. Im allerbesten Sinne, betont sie. Aus ihrer Sicht habe sich Chaimowicz „recht natürlich“ für eine Führungsposition empfohlen. Sie kennt ihn seit vielen Jahren und erlebt ihn inzwischen fast täglich als Chefredakteur. Mit den Konflikten, die es in einer Redaktion gibt, gehe er gekonnt um. Zudem habe er eine ruhige, ausgeglichene Art, mit Kritik umzugehen. Etwa, wenn seinen Themenvorschlägen widersprochen wird. Gerade in dieser Branche mit ihren großen Egos und Eitelkeiten dürfte das ein nicht zu unterschätzender Wesenszug sein.

An der Spitze des „Zeit Magazins“ sind Chaimowicz und Exner für etwa 30 Angestellte verantwortlich. Maria Exner beschreibt seine „vielleicht größte Stärke“ so: Er gehe offen mit Schwächen um. „Wenn er sich geirrt hat, tritt Sascha vor die Redaktion und räumt einen Fehler ein.“ Die beiden kennen sich erst seit einigen Monaten. Exner kam im Sommer 2020 zum „Zeit Magazin“, Chaimowicz weilte da im Sabbatical in Köln. Zuvor war Exner über vier Jahre stellvertretende Chefredakteurin bei „Zeit Online“, wo sie mehrere digitale Formate entwickelte, auch den Online-Ableger des „Zeit Magazins“ oder „Deutschland spricht“.

Verstanden hätten sich beide von Anfang an sehr gut, so Chaimowicz. Sie sprechen täglich viel miteinander, informieren sich gegenseitig über alles. „Als Duo braucht man ein großes Vertrauen zueinander, sonst funktioniert das nicht“, sagt er. Überhaupt schätzt Chaimowicz das Redaktionsleben, die Zusammenarbeit mit der Grafik und den Austausch von Ideen sehr. Er sagt aber auch: „Ein Teamgefühl zu bewahren, ist durch Corona wirklich schwer geworden. Mein Weg, wie ich die Redaktion führe: durch viel Kontakt und miteinander reden.“ Um diese Lücke zu füllen, geht er mit den Mitarbeitenden spazieren. Vor allem deshalb zeige sein Schrittzähler auf dem Smartphone inzwischen bis zu 20.000 Schritte am Tag an. Flanieren, ein Teil moderner Führung.

Wofür sollte Magazin-Journalismus heute stehen?

Anders als bei der „Neon“, wo der Erfolg auch an den Kioskverkäufen und Abonnements abzulesen war, liegt das „Zeit Magazin“ der Wochenzeitung bei. Geld verdient das Supplement mit Anzeigen. Im Vorjahr hat der Verlag dort etwas weniger eingenommen als 2019. Dafür lief es beim Vertrieb mehr als ordentlich: Die „Zeit“ verzeichnete im 4. Quartal laut IVW 478.985 per Abo und Einzelverkauf abgesetzte Exemplare – ein Plus von 15,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erfolg und Qualität bemisst sich dagegen beim Magazin nicht so stark am Verkauf, sondern eher an den Reaktionen der Leser*innen: Zuschriften, Leserbriefe und Online-Kommentare. „Wir merken, ob uns Hefte gelingen, über die gesprochen wird und die den Leserinnen und Lesern etwas bedeuten“, sagt Chaimowicz.

Gemeinsam mit Co-Chefin Exner bespricht er den Themen-Mix, die Linie des Blattes und das Cover-Motiv, Personalthemen und die Projektentwicklung; die Heftverantwortlichkeit wechselt wöchentlich. Chaimowicz hat recht genaue Vorstellungen davon, wie das „Zeit Magazin“ wahrgenommen werden soll. Sicherlich, betont er, seien Ansprüche und Ziele von der Vielfalt seiner biografischen Einflüsse geprägt: weltläufig soll das Heft sein, offen für vielfältige Perspektiven. Avantgarde? Sicher. Aber ohne Menschen auszuschließen, die nicht die allerneusten Entwicklungen und Codes kennen.

Zugänglichkeit ist ihm ein großes Anliegen. Ein Beispiel, das er nennt: der Begriff BIPoC, also Black, Indigenous, People of Color. Längst nicht allen bekannt. Chaimowicz möchte aber, dass auch jemand, der den Begriff noch nie gehört hat, Geschichten verstehen kann – und lesen will. Etwa bei einer der jüngsten Titelgeschichten über Rassismus im Fußball, in der der erste Schwarze deutsche Fußballnationalspieler Erwin Kostedde mit Ex-Schalke-Profi Gerald Asamoah spricht.

Wohin die inhaltliche Reise gehen könnte, deuten einige Geschichten der ersten Monate an: Da ist auf dem Cover das Plus-Size-Model Paloma Elsesser zu sehen, die im Interview über das neue Körperbewusstsein der Frau spricht. In einem anderen Artikel erzählt eine Autorin ihre Familiengeschichte, bei der die Mutter immer stärker in die Welt der Verschwörungsideologien abrutscht. Das Porträt von Sozialpädagoge Thomas Mücke, der rechtsextreme und islamistische Gefährder von ihrem Weg abbringen möchte. Oder der Text einer Journalistin aus Heinsberg über Karneval, wo wegen Corona die für sie wichtigste Jahreszeit erstmals in ihrem Leben ausfallen musste. Alles Beiträge, in denen viel Arbeit und Recherche steckt. Keine Selbstverständlichkeit, gerade in Zeiten, in denen Redaktionen und Budgets geschrumpft werden. Eine Tiefe, die Chaimowicz als Kern des „Zeit Magazins“ sieht. Was er damit meint? „Dass wir nicht oberflächlich sind, auch nicht bei den leichten Themen. Das geht nur mit einem hohen Ressourcenaufwand.“

Das Magazin komplett umkrempeln will das Duo Chaimowicz/Exner nicht. „Es wird ein evolutionärer Prozess, wo wir manches stärken, anderes nicht mehr so oft machen“, sagt er. Die große Linie des Blattes soll bestehen bleiben: weltoffen, unterhaltsam, nah an den Menschen, sich mit Gefühlen und persönlichen Geschichten beschäftigend – dazu politische Themen und optische Opulenz, etwa durch Foto-Reportagen.

Ein Fan großer Worte ist Chaimowicz nicht: „Ich bin fürs Handwerk und fürs kontinuierliche Weiterentwickeln, von Ausgabe zu Ausgabe.“ Hier sollte man ihn beim Wort nehmen.

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