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Umfrage unter Regionalverlagen

Kein Selbstläufer mehr – Funke, Ippen, Madsack und Co. buhlen um den Nachwuchs

Die Richtige oder den Richtigen zu finden, wird für Verlage immer schwieriger – Foto: Imago

Lokal- und Regionalverlage sind durch die digitale Transformation ohnehin stark gefordert, doch auch der „War for Talents“ stellt die Verantwortlichen vor anspruchsvolle Aufgaben. Welche Ideen sie bei der Nachwuchssuche verfolgen und warum die schwieriger geworden ist, zeigen die Beispiele von Funke, NOZ/mh:n Medien, Madsack und Co.

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Die lokalen und regionalen Medienhäuser stehen vor großen Herausforderungen. Da ist allen voran die Transformation des jahrzehntelang auf Auflagen- und Anzeigenverkauf basierenden Printgeschäfts in die digitale Welt. Die Folgen sorgen vielerorts für massive Veränderungen in der redaktionellen Organisation und Arbeitsweise. Doch auch der sogenannte „War for Talents“ fordert den Journalismus heraus. Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren verändert. Das sagt auch Hendrik Zörner, Pressesprecher beim DJV: „In diesem Zeitraum sind bis zum Beginn der Corona-Pandemie immer mehr Redakteursstellen abgebaut worden. Stattdessen kamen häufiger Freie in den Medien zum Einsatz. Seit dem Ausbruch von Corona ist es für viele Freie schwieriger geworden, im Journalismus noch genug zu verdienen.“ Beim DJV, so Zörner, höre man inzwischen häufiger von Freien, dass sie den Journalistenberuf aufgeben, weil sie davon nicht mehr leben können. Das deckt sich mit einer Studie der Otto Brenner Stiftung, in der die teils dramatische Lage der Freien in der Region Bremen untersucht wurde (MEEDIA berichtete).

„Junge Leute mit Berufswunsch Journalist haben offenbar keine Lust, außerhalb der Metropolen zu arbeiten.“

Hendrik Zörner, Pressesprecher beim DJV

Wie aber reagieren die lokalen und regionalen Medienhäuser auf die Herausforderungen im Arbeitsmarkt? Sind die Verlage vom Nachwuchsmangel betroffen? Welche Wege gehen sie, um Talente zu rekrutieren und hat sich eigentlich die Qualität der Bewerbenden über die Jahre verändert? Um das herauszufinden, haben wir zahlreichen Medienhäusern einen Fragebogen zugeschickt. Nicht alle haben geantwortet; die Funke Mediengruppe, Ippen Media, die Madsack Mediengruppe, NOZ/mh:n Medien und die Mediengruppe Pressedruck geben aber aufschlussreiche Einblicke in die Nachwuchssuche.

Man finde den benötigten Nachwuchs, aber es ist schwieriger geworden, sagt Alexander Marinos, stellvertretender Chefredakteur der „WAZ“ – Foto: Funke

Rekrutierung und Nachwuchsmangel

„Wir finden den Nachwuchs, den wir brauchen. Aber es ist schwieriger geworden.“ Das sagt Alexander Marinos, stellvertretender Chefredakteur der Funke-Zeitung „WAZ“. „Es wird zunehmend schwerer, junge Menschen für den Beruf des Redakteurs zu begeistern. Früher kamen die Bewerber*innen auf uns zu, heute müssen auch wir aktiv auf die jungen Menschen zugehen“, antwortet die NOZ/mh:n Medien. Die Nachwuchssuche, das zeigt die Umfrage, hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Das Buhlen um neue Talente hat zugenommen. Madsack betont, dass das Employer Branding für Verlage immer wichtiger wird. Zur Gruppe gehören Medien wie die „Neue Presse“ und die „Ostsee-Zeitung“. Der Verlag sagt: „Wir müssen intensiv um die besten Talente eines Bewerbungsjahrgangs werben – in Konkurrenz zur eigenen Branche, aber auch zu vielen Unternehmen anderer Geschäftsfelder.“ Nachwuchsmangel verspürt man im Norden aber nicht. Dort verweist man auf den Medien Campus im Haus, mit dem man sich bei den Themen Ausbildung und Employer Branding „sehr gut im Wettbewerb“ positioniert habe.

„Bei uns macht sich kein Nachwuchsmangel bemerkbar, als große Regionalzeitung mit einer renommierten Journalistenausbildung bekommen wir zum Glück nach wie vor zahlreiche Bewerbungen“, sagt Lea Thies. Gemeint ist die „Augsburger Allgemeine“ unter dem Dach der Mediengruppe Pressedruck, deren Nordausgabe laut IVW im vierten Quartal 2021 eine harte Auflage von über 170.000 Exemplaren hatte. Thies leitet die Günter-Holland-Journalistenschule, wo jährlich zwölf Volontärinnen und Volontäre der Regionalzeitung beginnen. Thies sagt aber auch, dass die absolute Menge an Bewerbungen in den vergangenen zehn Jahren abgenommen hat.

Bei den NOZ/mh:n Medien, zu der Tageszeitungen wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ und das „Flensburger Tageblatt“ gehören, spürt man die steigende Konkurrenz. Dort stehe man in einem „hartem Wettbewerb“ mit dem öffentlichen Sektor. Dieser sauge viele „unserer kontinuierlich, gut und breit qualifizierten Nachwuchsjournalisten“ ab. Ippen wiederum betont, dass es auch vor zehn Jahren eine Herausforderung war, erfolgsversprechenden Nachwuchs fürs Lokale zu rekrutieren. Diese Herausforderung hat sich aber laut dem Medienhaus, das etwa die „Frankfurter Rundschau“ und den „Münchner Merkur“ herausgibt, verschärft. Der Grund? „Weil junge Leute den Journalismus oft nicht mehr so sehr als Traumberuf vor Augen haben, wie das früher der Fall war.“

Das Ansehen des Journalisten

Dazu passt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Beamtenbunds DBB von 2021. Dort wurde gefragt, welche Berufsgruppen ein hohes oder sehr hohes Ansehen haben. Journalistinnen und Journalisten landen im Ranking nur im Mittelfeld, mit Verlusten im Vergleich zu den Befragungen aus früheren Jahren. Berufe wie Soldat, Altenpfleger, Förster oder Lehrer genießen ein teils deutlich höheres Ansehen, wie eine Grafik zeigt.

Auf die Frage, inwieweit der Lokal- und Regionaljournalismus vom Nachwuchsmangel betroffen ist, antwortet DJV-Sprecher Hendrik Zörner, dass dem Verband keine Zahlen dazu vorliegen, „aber eine wachsende Zahl an Rückmeldungen aus den Redaktionen von vor allem kleineren Zeitungen in der sogenannten Provinz“. Demnach werde es immer schwieriger, freie Volontariate zu besetzen. Zörner sagt: „Junge Leute mit Berufswunsch Journalist haben offenbar keine Lust, außerhalb der Metropolen zu arbeiten.“

Die Qualität der Bewerberinnen und Bewerber

Steigende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und ein sich an digitale Begebenheiten anpassender Job. Die Veränderungen sind enorm, doch wie steht es um die Qualität der Bewerberinnen und Bewerber? Bei NOZ/mh:n Medien findet man deutliche Worte: „Bedingt durch das stark gesunkene Schulniveau ist die Qualität der Bewerbenden heruntergegangen. Allgemeinwissen, Rechtschreibung, Grammatik, Ausdruck – aber auch: Auftreten. Viele wollen ‚etwas mit Menschen machen‘ und verwechseln dabei Journalismus mit PR.“ Außerdem wüssten die Generationen Y und Z trotz Medienunterricht und Medienkompetenzförderung „heute erschreckend wenig über den Journalistenberuf“. Gewachsen sei wiederum das politische Interesse, auch die „digitalen sowie die Social Skills sind besser als früher“. Punkte wie Leistungswille und -bereitschaft, Verantwortungsbereitschaft und Durchhaltevermögen seien wiederum vielfach schwächer, beobachtet die Mediengruppe. Das Fazit: „Die Medientechnik-Kompetenz ist höher als die Medienkompetenz.“

Madsack wiederum verweist auf zahlreiche engagierte junge Menschen mit viel Potenzial, jedoch auch auf folgenden Punkt: „In den letzten Jahren stellen wir allerdings fest, dass viele Bewerberinnen und Bewerber keine oder lediglich eine geringe journalistische Vorbildung mitbringen.“ Fast bei allen befragten Medienhäusern ist zu hören, dass Bewerberinnen und Bewerber heutzutage überwiegend sehr gute digitale Kenntnisse mitbringen.

„Junge Leute haben den Journalismus oft nicht mehr so sehr als Traumberuf vor Augen, wie das früher der Fall war.“

Ippen Media

„WAZ“-Vize-Chefredakteur Marinos bemängelt, dass die Qualität bei vielen Bewerbungen „leider“ nachgelassen hat. „Es gibt natürlich nach wie vor auch viele gute bis sehr gute Bewerber*innen. Diese Gruppe fährt allerdings meistens mehrgleisig, weshalb wir hier häufig direkt eine Zusage machen. Nur so setzt man sich als Verlag gegen die Konkurrenz durch.“ Allerdings gebe es viele unkreative Bewerbungen, gespickt mit Floskeln. Generell gilt: „Anschreiben, in denen es vor Rechtschreib- und Kommafehlern nur so wimmelt, scheiden bei uns direkt aus.“

Lea Thies von der „Augsburger Allgemeinen“ sagt, die Qualität habe sich grundsätzlich nicht verändert. Jedoch seien die Bewerberinnen und Bewerber durch G8 und Bachelor-Studiengänge etwas jünger als noch vor zehn Jahren. „Auffallend ist, dass die Lebensläufe sehr durchgetaktet und mit zahlreichen Praktika gespickt sind“, sagt die Leiterin der dortigen Journalistenschule.

Anforderungen im Wandel

Spätestens seit das viel zitierte Modewort „Work-Life-Balance“ Einzug in den Sprachgebrauch gefunden hat, stellt sich für Arbeitgeber auch verstärkt die Frage, was man künftigen Angestellten zu bieten hat – oder gar bieten muss. Wie also haben sich die Anforderungen verändert? „Heute stehen wir vor einem Arbeitsmarkt, auch im Journalismus, der eindeutig mehr Arbeitnehmer- denn Arbeitgebermarkt ist. Der vielzitierte ‚War for Talents‘ ist längst Realität“, sagt Ippen. Deshalb sei es auch so wichtig, als Arbeitgebermarke den Bewerberinnen und Bewerbern ein zeitgemäßes Angebot zu unterbreiten.

Madsack sagt, dass nach wie vor junge Menschen bei ihnen ankommen, „die den Journalismus als Berufung verstehen und sich seinen ethischen Werten verpflichtet fühlen“. Eine sinnstiftende Tätigkeit zu finden, sei wichtig: „Bewerberinnen und Bewerber legen viel Wert darauf, während ihres Volontariats sowohl gefordert als auch gefördert zu werden. Sie wünschen sich eine wertschätzende Ausbildung, die auf ihre Bedürfnisse eingeht.“ In den Redaktionen des Medienhauses habe man in den letzten Jahren ein wachsendes Selbstbewusstsein der Bewerbenden festgestellt, diese Wünsche schon im Auswahlprozess deutlich zu machen.

Bei den NOZ/mh:n Medien heißt es wiederum: „Da das Schulniveau in den vergangenen zehn Jahren stark gesunken ist, haben wir auch die Ansprüche an die Bewerber herunterschrauben müssen.“ Andere Aspekte, wie der Besitz eines Führerscheins, würden auch nicht mehr zwangsläufig erwartet. „Wir müssen der Helikopter-Generation Rechnung tragen.“ Andererseits habe man höhere Ansprüche im Bereich Digitales, Daten- und Technikaffinität. „Die Anforderungen an journalistische Kernqualifikationen versuchen wir dennoch hochzuhalten und teils sogar neu aufzuladen: Ausgewogenheit und Sorgfaltspflicht ist heute gegenwärtiger als in der Vergangenheit.“

Lea Thies leitet die Günter-Holland-Journalistenschule. In Augsburg setzt man auch stark auf Praktika bei der Nachwuchsrekrutierung – Foto: Richard Walch

Die Anforderungen an die Bewerbenden seien in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, sagt Marinos von der „WAZ“. „Wir suchen bei den Tageszeitungen eben nicht mehr nur talentierte Journalist*innen, sondern Menschen, die digital aufgestellt sind.“ Es gibt nur noch Online-Volontariate, so der Vize-Chefredakteur. „Unsere Redakteur*innen in den Lokalredaktionen bereiten alle Texte für waz.de auf.“ Die tägliche Arbeit bestehe inzwischen zu 80 Prozent aus Digitalem. In Essen setzt man sich zudem mit der Frage auseinander, warum manche Bewerberinnen und Bewerber am Ende doch nicht zu Funke kommen und was sich verändern muss, um sie zu gewinnen. Ein Teilzeit-Volontariat gehört auch zu den Überlegungen, mit dem man jungen Eltern eine journalistische Ausbildung erleichtern will.

Analoge und digitale Maßnahmen

Den Kopf in den Sand steckt man ob der herausfordernden Suche freilich nicht. Der Nachwuchs wird schließlich dringend gebraucht. Eine meist wichtige Rolle spielen dabei Kooperationen mit Journalistenschulen, Universitäten und Hochschulen, etwa bei der „WAZ“. Dort sind vor allem die TU Dortmund (Studiengang Journalistik) und die Hochschule Gelsenkirchen (Journalismus and Public Relations) relevant. Derartige Kooperationen, fügt Ippen Media hinzu, dienen auch dazu, dass künftige Kolleginnen und Kollegen breit auf die Anforderungen des heutigen crossmedialen bzw. digitalen Journalismus vorbereitet werden. „Im Redaktionsnetzwerk von Ippen Media suchen wir beispielsweise nicht nur Redakteur*innen für Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Unterhaltung für Print und Online, sondern auch SEO-Redakteure oder Social Media Redakteure. Das bedeutet: Wir haben im Vergleich zu vor zehn Jahren zusätzliche Anforderungsprofile.“ Für die NOZ/mh:n Medien ist die Zusammenarbeit einiger Titel mit der Fachhochschule Kiel in doppelter Hinsicht nützlich: „Zum einen erhalten wir Bewerbungen über die Fachhochschule, zum anderen heben wir uns dadurch von Mitbewerbern ab.“ Das Haus bietet auch an, innerhalb von drei Jahren ein Volontariat zu absolvieren und nebenbei einen Master-Abschluss zu erwerben.

Doch zum modernen Recruiting gehören die sozialen Medien. Eine zunehmend wichtigere Rolle spielen Unternehmensaccounts und auch Video-Kampagnen bei Instagram und Facebook. Auch Jobportale, Podcasts und eigene journalistische Angebote sind Teil des Prozesses. „Wir müssen den Nachwuchs dort suchen, wo junge Menschen unterwegs sind – und das sind die sozialen Medien“, sagt „WAZ“-Mann Marinos. Bei Funke mache man sich zudem Gedanken über Live-Events. Der Vorteil daran? Die direkte Interaktion mit den Bewerberinnen und Bewerbern, so der Vize-Chefredakteur. Lea Thies sagt, dass das Recruiting im Zuge der Umstrukturierung des Curriculums der Günter-Holland-Journalistenschule breiter aufgestellt wird. Zum Hintergrund: Aufgrund der digitalen Transformation der Redaktion wurde der Lehrplan um digitale Schwerpunkte wie Coding oder Mobile Reporting erweitert. Bei der Nachwuchssuche möchte man im Süden allen vor allem die digitalen Kanäle stärker bespielen, um gezielter auf junge Menschen zuzugehen.

„Wir müssen der Helikopter-Generation Rechnung tragen.“

NOZ/mh:n Medien

Ippen betont, dass man Talente inzwischen viel früher erreichen muss: „Nicht erst, wenn der Nachwuchs bereits weiß, dass er journalistisch arbeiten will und schon erste Erfahrung gesammelt hat.“ In den Print-Lokalredaktionen bietet man deshalb mittlerweile auch Schülerpraktika an, im Online-Bereich Praktika in den Semesterferien, Werkstudentenjobs oder freie Mitarbeit. Auch in Augsburg setzt man stark auf Praktika bei der Nachwuchsrekrutierung, um die Bewerbenden „noch besser“ kennenzulernen. Die Mediengruppe um die „NOZ“ zeigt sich darüber hinaus offen gegenüber Quereinsteigern mit digitalen Fähigkeiten. Dazu werden hausinterne Fortbildungen und Qualifizierungen angeboten.

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