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Die GAFAM-Kolumne

Wie Apples iPhone-Abodienst für die nächste Börsen-Billion sorgen könnte

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Apple hat einen Lauf an der Wall Street, einen Traumlauf. Die alten Hochs sind fast wieder erreicht – nicht zuletzt, weil ein Gerücht die Runde macht, dass Apple in Zukunft einen Abodienst launchen könnte, der Hardware-Produkte beinhaltet. Kommt das iPhone-„Rundle“, hätte Tim Cook das Perpetuum mobile für die Börse neu erfunden.

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Sind Sie iPhone-Besitzer? Wenn nein, warum nicht? Zu teuer? Zu mainstreamig? Und wenn ja: Wann haben Sie das letzte iPhone gekauft? Das sind am Ende des Tages die Fragen, die an der Wall Street Billionen bewegen. Ganz recht: Nicht Millionen, nicht Milliarden – Billionen Dollar. Genau drei Billionen Dollar war Apple am ersten Handelstag des Jahres bei Kursen von über 180 Dollar wert. Es war ein neues Allzeithoch und gleichzeitig der höchste Börsenwert, der je an den Kapitalmärkten für einen Konzern festgestellt wurde.

Nach der jüngsten Kurserholung, die durch die längste Serie an positiven Handelstagen in Folge – elf! – seit 2003 befeuert wurde, steht die Apple-Aktie erneut in Schlagdistanz zum Fabelwert und könnte möglicherweise bald den Marsch zum nächsten Meilenstein antreten: die 200-Dollarmarke. Der Treiber des nächsten Kursaufschwungs scheint unterdessen ausgemacht. Ja, es wird auch in diesem Jahr wieder viele neue Produkte geben, darunter mit dem iPhone 14 mutmaßlich eine Runderneuerung im neuen Design, mit Verzicht auf die berüchtigte Notch und im Display verarbeiteten Fingerabdrucksensor Touch ID.

Der eigentliche Gamechanger könnte indes die Kaufoption sein: Wie Bloombergs gut vernetzter Techreporter Mark Gurman berichtet, könnte Apple im Herbst oder Anfang 2023 einen neuen Abonnementdienst einführen, der über das vor eineinhalb Jahren gestartete Service-Bundle Apple One hinausgeht, das bereits alle Internetdienste bündelt. Diesmal zusätzlich im Angebot: Hardware.  

Seit Jahren bringt Marketingguru Scott Galloway dieses ultimative Abo-Bundle, das er wegen der fortlaufenden Umsätze (Englisch: „recurriung revenues“) als „Rundle“ taufte, ins Spiel – nun könnte es Realität werden. Für Apple-Kunden, aber natürlich auch den wertvollsten Konzern böte sich potenziell die beste aller Welten – eine once ina decade- bzw. once in a century-Chance.

Die Grundidee dahinter ist so einfach wie naheliegend: Apple-Fans bekommen immer das beste und neuste Gerät – und können sich die alle Jahre quälende Frage sparen, ob es die neuste Produktgeneration nun sein muss oder nicht. In meinem Fall hat mich das fortschreitende Alter und damit der Unwillen, ein neues Nerdspielzeug auszuprobieren, einerseits noch enger an Apple gebunden, andererseits meine Käufe aber auch verzögert. Wenn es das alte Gerät noch tut, überlegt man sich dreimal, ob man die 1.500 Euro für ein neues iPhone, die 3.000 Euro für ein neues MacBook und die – oh Graus! – 5.000 Euro für einen neuen Mac-Studio inklusive Studio-Display wirklich ausgeben will.

Wenn man nun aber jedes Jahr garantiert die neusten iGadgets für eine monatliche Pauschalsumme bekommt, verschieben sich die psychologischen Stellschrauben. Einerseits freut man sich über die allerneusten State-of-the-Art-Produkte Designed in California, andererseits schreibt man die monatlichen Abbuchungen mental leichter ab.

Dies ist am Ende schließlich der heilige Gral der subscription economy, die Galloway zurecht als „monogamste Beziehung der Wall Street“ bezeichnet: Einmal bezahlt, hinterfragt man die Ausgabe irgendwann nicht mehr, sondern zahlt als treuer Kunde weiter. Der Prozess ist psychologisch gelernt wie die Abbuchung der Miete, des Hausgeldes, des Kitabeitrags oder der Steuervorauszahlung. Das Geld ist weg, daran gibt es nichts zu rütteln, nur dass man am Ende dafür das neuste one more thing bekommt.

Für Tim Cook, den Carl Friedrich Gauß des Silicon Valley, gilt es nun ein Preismodell zu finden, an dem Apple exponentiell so viel mehr verdient, ohne die Kunden zu vergraulen. Die Preisstufen für die All-in-Lösungen leuchten gedanklich schnell auf: Darf es ein Apple-All-Inclusive-Abo für 99, 149 oder 199 Dollar sein? Selbst Effekte wie die explodierende Inflation ließen sich mit einem Dreh an der Preisschraube von 10 Dollar / Euro vom einen auf den anderen Monat schneller begegnen.

Für Apple wäre ein alles umfassender Abodienst das Perpetuum mobile für Jahre weiter sprudelnder Umsatz- und Gewinnzuwächse, die sich am Reißbrett skalieren ließen. Man muss kein Prophet sein, um die Reaktion der Wall Street zu erahnen, wenn Apples neuer Abodienst Wirklichkeit werden sollte. Es wäre die ultimative Kursstimulans, die alle Kunstgriffe des financial engineerings wie Aktiensplits, -rückkäufe und Dividendenanhebungen in den Schatten stellen würde. Apple hätte auf Jahre einen Blankoscheck, der an der Wall Street schnell eingelöst werden dürfte.

Die nächste Bewertungs-Billion – immerhin nur ein Zuwachs von weiteren 33 Prozent vom gegenwärtigen Niveau – wäre demnach nur eine Frage der Zeit. Finanzdienstleister Evercore sieht sie bereits am Horizont.

+++ Short Tech Reads +++

Time Magazine“: Das sind die einflussreichsten 100 Firmen unserer Zeit

Das „Time Magazine“ hat eine runde Bestenliste gemacht, aber hat es sie wirklich gebraucht? Man kann darüber diskutieren, schließlich sind viele Nennungen allein nach dem Börsenwert ein „Big Tech-No-Brainer“: Natürlich zählen Apple, Amazon, Microsoft, Alphabet und auch Facebook-Mutter Meta, aber ebenso Chip-Gigant Nvidia, Netflix und Disney für „Time“ zu den 100 einflussreichsten Firmen 2022. Weitere Techunternehmen auf der Bestenliste: Sony, TikTok, AirBnb, Spotify, DoorDash, Reddit, Rivian und sogar Memaktie AMC. Einmal alles, bitte.   

CNBC: Tesla kündigt nächsten Aktiensplit an 

Was Alphabet und Amazon können, kann Tesla schon lange, muss sich Elon Musk gedacht haben und kündigte zu Wochenbeginn ebenfalls einen Aktiensplit an. In Reaktion auf die Ankündigung des Splits legte die Tesla-Aktie um zehn Prozent zu und notiert 2022 damit wieder im Plus. Zuletzt hat der mit Abstand wertvollste Autobauer der Welt seine Anteilsscheine im August 2020 gesplittet – und seitdem Kurszuwächse von 120 Prozent erzielt.

CNN: Baut Elon Musk ein eigenes Social Network?

Elon Musk, die Zweite: Wieder einmal ist Wochenende, wieder einmal denkt Elon Musk über die großen Themen unserer Zeit nach. Zunächst fragte der Tesla-Chef, ob auf Twitter wirklich der Platz für freie Meinungsäußerung sei.

Musk ließ sogar darüber abstimmen. Ergebnis:  Für die meisten Twitter-Nutzer erfüllt der 280-Zeichendienst nicht diese Funktion. Die Folge: Nun denkt der Seriengründer darüber „ernsthaft“ nach, selbst noch ein Social Network zu kreieren, schließlich hat Musk mit Tesla, Space X, SolarCity und sieben Kindern auch noch nicht genug zu tun…

+++ One more Thing: Will Smith überschattet Apples Streaming-Wunder +++

Es war eine Ohrfeige für die Ewigkeit – leider im schlechtesten aller Sinne. Als ich Sonntagnacht Will Smiths historischen Aussetzer bei den Oscars sah, gingen mir schlagartig vier Dinge durch den Kopf:

1.) Das war’s. Davon erholt sich Will Smith nicht wieder. Die Cancel Culture vergibt nie. 

2.) Tragik. Die Szene war gemacht für die Erklärung des Begriffs: Kurz vor dem potenziell größten Moment seines Lebens lässt sich Smith zum Fauxpas hinreißen, der ihm nicht passieren darf.

3.) Kommt einem das nicht bekannt vor? Genau, da war doch was: Eine ähnlich tragische Szene spielte sich im WM-Finale 2006 ab, als Zinedine Zidane, der beste Fußballer der Vor-Messi/Ronaldo-Ära, sich im Endspiel über 100 Minuten von seinem Gegenspieler Materazzi provozieren ließ, um sich dann mit einem Kopfstoß ins Aus zu verabschieden.

4.) Plötzlich sieht Kanye West, der 2009 bei den MTV VMAs die Bühne stürmte und Taylor Swift bei ihrer Rede das Wort abschnitt, nicht mehr wie der größte Award-Buhmann aus.

Zurück zur Oscar-Verleihung: Im Drama um Will Smith ging die eigentliche Oscar-Sensation unter. Tatsächlich: Die Auszeichnung für den Film des Jahres ging an „Coda“ – und damit an Apple! Der iKonzern konnte den höchsten Preis der Filmbranche nicht einmal zweieinhalb Jahre nach dem Launch von Apple TV+ einheimsen und damit Netflix, Disney und Amazon gehörig die Show stehlen.

Die „New York Times“ stellt im Moment des Apple-Triumphs indes ein paar kritische Fragen: Ein Oscar ist schön, aber was hat Apple mit seinem Streaming-Angebot am Ende eigentlich vor? Und wie sieht es bei der Konkurrenz von Amazon aus, die Prime Video auch eher als Zusatzfeature für seine Premium-Kunden anbietet? Wenn einer der Big Tech-Player die Lust verliert, Milliarden Dollar für TV-Unterhaltung zu verbrennen, könnten die Preise der Konkurrenz schnell steigen…

So weit ist es noch lange nicht. Aktuell befinden wir uns im Goldenen Zeitalter des Streaming. Ich muss gestehen, dass mir „Coda“ auf meiner Watchlist durchgerutscht ist, ich aber in den vergangenen Monaten immer mehr Apple TV+ gesehen habe. Nach einem zähen Start mit zu wenig Content scheint der Streaming-Dienst aus Cupertino endlich ins Rollen zu kommen. Jüngste Favoriten: „Suspicion“ und das sehr gute WeWork-Biopic „WeCrashed“.

Happy Streaming + bis nächste Woche!

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