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Neues Twitter

Warum Elon Musks Plan für ein eigenes soziales Netzwerk so gefährlich ist

Elon Musk bei der Eröffnung der Tesla-Fabrik in Grünheide, Brandenburg.

Elon Musk – Foto: Imago

Twitter steht immer wieder in der Kritik – auch bei einem seiner prominentesten Nutzer: Elon Musk. Der Tesla-Gründer schickt sich jetzt an, eine eigene Plattform auf die Beine zu stellen. Gar keine gute Idee, findet MEEDIA-Redakteur Tobias Singer.

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Die Tesla-Fabrik in der Brandenburger Heide ist fertiggestellt, in Rekordzeit. Nur das mit der Bevölkerung des Mars, das dauert wohl noch ein bisschen länger. Wie könnte man sich da als Halbgott und mit Abstand reichster Mensch der Welt kurzzeitig die Zeit vertreiben bis zum nächsten Giga-Projekt? Vielleicht indem man den Planeten mit einem neuen sozialen Netzwerk beglückt. Genau diese Idee hatte jetzt Elon Musk. Aber von vorne: 

Ende März postete der Gründer aller Gründer eine Umfrage auf Twitter, die er mit dieser Feststellung einleitete: „Die Freie Rede ist essenziell für eine funktionierende Demokratie.“ Check. Da lässt sich nichts dagegen sagen. Danach folgte die Frage: „Glauben Sie, dass Twitter sich strikt an dieses Prinzip hält?“ Darunter gab es noch eine Mahnung an seine Follower, gewissenhaft abzustimmen. Denn „die Folgen dieser Umfrage werden wichtig sein“.

Vor Schreck entzogen dann auch 70 Prozent der Befragten Twitter das demokratische Grundvertrauen. Für Musk ein Grund, aktiv zu werden. Nach Ablauf der Suggestiv-„Umfrage“ im Stile von „Glaubt ihr nicht auch, was ich glaube“ ging es gleich weiter.

In Gedenken an PR-Profi Lenin stellte Musk auf Twitter die Grundfrage aller Agitatoren: Was tun? Die Antwort kam, genau von Musk, keine drei Minuten später. In Form einer nächsten Frage, die Trump bereits für sich beantwortet hat: „Brauchen wir eine neue Plattform?“ Die Leserinnen und Leser von „Gewinne wirklich jeden Pitch“ kennen diesen Trick: man muss seine Aussagen nur mit einem Fragezeichen versehen, schon ergibt sich die Notwendigkeit beim Gegenüber von ganz alleine. Dafür flogen dem Tesla-Gründer gleich mehr als 300.000 Twitter-Herzen entgegen. 

Sind wir also kurz davor, dass der Mann der seine E-Autos nach einem Sex-Witz benennt (Model S, Model 3, Model X, Model Y = „S3XY“), im Kampf um mehr Meinungsfreiheit ein soziales Netz aus dem Silicon-Valley-Boden stapft? Zuzutrauen wäre es ihm. Der Mann hat für sich alles erreicht, was man auf dieser Erde erreichen kann, expandiert sogar ins Weltall mit SpaceX. Die Ressourcen hätte er.

Aber ist es wirklich eine gute Idee, wenn Mr. Selfmade sich jetzt noch sein eigenes Netzwerk bastelt? Die Antwort fällt leicht: Nein, ist es nicht. Elon Musk ist der Mann, der Ende 2020 die Tesla-Presseabteilung aufgelöst hat. Elon Musk ist der Mann, der bei kritischen Nachfragen vom ZDF zum Bau der Tesla-Fabrik, keine Antworten gibt und lieber seine eigene Twitterarmee auf den Sender losschickt (damals noch 50 Millionen Follower). Zur Eröffnung der Fabrik war das ZDF „Heute Journal“ nicht eingeladen. Wirtschaftsminister Habeck musste vom ZDF-Team vor dem Gelände interviewt werden, so gut konnte Musk mit der Kritik in einer Dokumentation umgehen. Elon Musk ist der Mann, der Vernon Unsworth in einem Twitter-Eintrag als „Pedo Guy“ bezeichnet hat.  Warum? Weil der Höhlenforscher 2018 Musks Angebot, die dramatischen Rettung von Kindern aus einer Unterwasserhöhle in Thailand mit einem Mini-U-Boot zu unterstützen, öffentlich als „PR-Trick“ anzweifelte. Musk gab sogar 50.000 Dollar für einen Privatdetektiv aus, um Unsworth auszuspionieren. All das wurde später in einem Gerichtsverfahren bekannt. Elon Musk ist der Mann, der das Netzwerk Twitter nutzt, um die Börsenkurse seiner eigenen Firmen mit Tweets anzufeuern. Und Elon Musk ist der Mann, der zuletzt den kanadischen Premier Justin Trudeau mit Adolf Hitler verglich, weil ihm seine Politik gegenüber Truckerfahrern an der US-Grenze nicht gefiel.  

Wenn also ein erfolgreicher Egomane wie Elon Musk, der nicht gerade dafür bekannt ist Gegenmeinungen zu tolerieren, ein eigenes Netzwerk gründen will, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, dann sollte man keine Likes verteilen, dann sollte man sich wirklich große Sorgen machen.

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