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Hybride Kriegsführung

So kämpfen Faktenchecker gegen Desinformationen zum Ukraine-Krieg

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geht es auch um die Deutungshoheit der Lage – Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

Der Krieg in der Ukraine wird auch an der Informationsfront geführt: Verifizierungsteams in sämtlichen Redaktionen arbeiten unter Hochdruck. Welches die mächtigsten Tools für Faktenchecks sind, wie diese funktionieren und warum der Krieg eine besondere Herausforderung für die Verifizierung ist.

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Knapp drei Wochen dauert der Krieg in der Ukraine mittlerweile schon an. Drei Wochen, in denen die Brutalität der von Wladimir Putin befohlenen Invasion zugenommen hat. Ein Dauerchaos, in dem es für viele Menschen in Kiew, Charkiw, Odessa und etlichen weiteren ukrainischen Städten nur eine Richtung gibt: Raus aus den Städten, Flucht aus der Heimat. Aufnahmen dieser Fluchtbewegungen, von fliegenden Bomben und zerstörten Wohnblocks, von verwundeten Soldaten zeigen das Leid, das dieser Krieg über das Land an der Ostgrenze der EU bringt. Oft sind es Handyvideos – verwackelt, verpixelt und ohne Einordnung manchmal schwierig zu verstehen oder gar zu überprüfen.

Der Krieg, das ist vielen mittlerweile klar, ist auch ein Informationskrieg, der über die sozialen Netzwerke geführt wird. Er stellt Nachrichtenredaktionen vor eine große Herausforderung. Verifizierung und Factchecking gewinnen durch die aktuelle Lage an Bedeutung. „Wir sehen seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine eine Zunahme an Desinformation zu diesem Thema“, sagt Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales bei ARD aktuell. Der Schwerpunkt der im Netz verbreiteten Fake News habe sich von Corona-Themen zum Ukraine-Krieg verlagert. Ähnliches berichten auch die Nachrichtenagentur AFP und der Rechercheverbund „Correctiv“. Die Nachfrage nach Berichterstattung ist gestiegen (MEEDIA berichtete), während es gleichzeitig viel mehr Informationen und Bilder gibt, die die Redaktionen prüfen und einordnen müssen.

RTL-Verifizierung: „Wir schauen uns jeden Videoschnipsel, jedes Bild und jede Behauptung an“

Beim Nutzerinteresse massiv zugelegt haben auch die Angebote von NTV, das zur RTL-Gruppe gehört. Die Website des Nachrichtensenders verzeichnete ein Plus von mehr als 80 Prozent in der ersten Kriegswoche im Vergleich zur Vorwoche. Andreas Greuel leitet das seit 2016 bestehende Verifizierungsteam bei RTL News aus drei Mitarbeitern, aktuell verstärkt durch fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Abteilungen. Er beschreibt das Verifizierungsteam als „Absicherung für alle Gewerke“ bei RTL und NTV. „Unser Ziel ist es, jeden User Generated Content, der mit der Behauptung geteilt wird, er sei aus der Ukraine, zu überprüfen“, sagt Greuel. „Wir warten nicht, bis etwas Großes kommt, sondern schauen uns jeden Videoschnipsel, jedes Bild und jede Behauptung an.“ Das bedeutet in der aktuellen Lage eine massive Herausforderung: Die Anzahl der Fälle, die sein Team bearbeitet, sei mit Beginn des Krieges innerhalb von fünf Tagen um 300 Prozent im Vergleich zum normalen Monatswert gestiegen.

Andreas Greuel, Teamleiter Verifizierung bei RTL News – Foto: RTL 

Die Kriegssituation ist für Faktenchecker herausfordernd. In der hybriden Kampfführung der beiden Kriegsparteien aus klassischen Militäreinsätzen, Computerangriffen und Propaganda in den Medien und sozialen Netzwerken gehe es um die Deutungshoheit über die Geschehnisse, sagt Greuel. „Wir sind sensibilisiert und wissen, dass auch von offiziellen Stellen, dem Kreml oder dem ukrainischen Präsidentenpalast, mit Emotionen und Informationen versucht wird, Stimmung zu machen.“ Falschinformation gäbe es dabei auf beiden Seiten. „Videos, die den Mut und den Stolz der Ukrainer in die Welt tragen sollen, werden natürlich viel geteilt.“ Auch „Normalos“ verbreiteten so aus verschiedensten Gründen und teilweise unbewusst Falschinformationen.

Man dürfe nicht vergessen: „Obwohl die Ukraine die Partei ist, die angegriffen wurde, bedeutet das noch lange nicht, dass sie immer die Wahrheit sagt“, so Greuel. Auch die ARD beobachtet das: Von ukrainischer Seite handele es sich bei Desinformationen häufig um ungenaue Aussagen, Übertreibungen und Weglassungen. Von russischer Seite kämen dazu gezielte Lügen und falsche Erzählungen, etwa über einen angeblichen „Genozid“ an Russinnen und Russen in der Ukraine.

So sei es aktuell wichtiger denn je, Quellen von Informationen kenntlich zu machen und auf Rechercheunsicherheiten hinzuweisen, wenn diese bestehen, betont Juliane Leopold. Bei Unklarheiten in der Berichterstattung müssten genau diese zum Thema gemacht und dargelegt werden, was bekannt sei und was nicht.

Großes Problem: Verbreitung echter Videos im falschen Kontext

Faktenchecker überprüfen Videos nicht nur darauf, ob gezeigte Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben, sondern auch, ob auch der Zusammenhang stimmt, in den sie gesetzt werden. „Momentan sehen wir viele Bilder und Videos, die in einem falschen Kontext verbreitet werden“, sagt Sophie Timmermann vom „Correctiv“-Faktencheck. In den ersten Kriegstagen seien das vor allem nicht-aktuelle Fotos und Videos von Gasexplosionen in anderen Ländern gewesen. Die Geolokalisierung von Inhalten sei daher eine zunehmend wichtige Aufgabe für die Verifizierung.

Die mächtigsten Tools sind dabei laut Andreas Greuel Bilder-Rückwärtssuchen und Kartensysteme. Zwar könnten die Rückwärtssuchen, bei denen Fotos hochgeladen und Websites gelistet werden, auf denen diese auftauchen, bei aktuellen Bildern nur selten einen Mehrwert liefern – altes Material oder im Netz kursierende Computersimulationen, die als aktuelle Ereignisse verkauft würden, ließen sich so aber zuverlässig vorab herausfiltern. Zum Überprüfen von Vor-Ort-Begebenheiten nutze sein Team vor allem die Rückwärtssuchen russischer Suchmaschinen wie Yandex. Orte ließen sich so beispielsweise anhand von Häuserreihen oder Baumformationen im Hintergrund verifizieren.

Zusätzlich zu diesem Handwerkszeug legt das Verifizierungsteam bei RTL News im Ukraine-Krieg ein größeres Augenmerk auf die Übersetzung russischer, belarussischer und ukrainischer Botschaften. „Mit diesem Mix kommen wir in 80 bis 90 Prozent der Fälle an die Informationen, die wir haben wollen“, sagt Greuel. Transparent macht seine Arbeitsweise wie viele andere Faktencheck-Redaktionen beispielsweise das „Correctiv“. In einem ausführlich beschriebenen Faktencheck zur Frage, ob Schwarze an der ukrainischen Grenze diskriminiert wurden, überprüften die Journalisten etwa ein Handyvideo, das genau dies zeigen soll. Sie verglichen markante Bauwerke und andere Auffälligkeiten in dem Video mit tatsächlichen Vor-Ort-Begebenheiten via Google Street View und identifizieren die im Video gezeigten ukrainischen Polizisten anhand ihrer Marke und Aufnäher via Bildersuche als eben solche. Die Echtheit des Videos konnte so belegt werden.

An ihre Grenzen stößt die Verifizierung laut Andreas Greuel jedoch bei angeblichen und tatsächlichen Geheimdienstinformationen, da das Überprüfen in solchen Fällen schlicht nicht möglich sei. Auch Videos von Aktivitäten bei Nacht seien wegen der eingeschränkten Erkennbarkeit oft nicht zu verifizieren.

Medienübergreifendes Verifizierungs-Netzwerk

Als großen Vorteil bei der täglichen Arbeit sieht Greuel das starke medienübergreifende Netzwerk von Verifizierern: „Die gesamte Verifizierungsbubble ist sehr vertrauensvoll. Das ist ein kleiner Kreis an Leuten mit großem gegenseitigem Respekt, weil man sich ja nicht viel wegnimmt, sondern eher noch hinzugewinnt und sich gegenseitig sensibilisiert.“ Obwohl man wisse, dass letztlich doch alle in Konkurrenz zueinander stehen, verfolge man das gemeinsame Ziel, keinem Fake aufzusitzen. „Faktencheck-Teams tauschen sich international aus und unterstützen einander“, heißt es dazu auch von der Deutschen Presse-Agentur. „Wahrscheinlich ist es gerade wichtiger denn je, die Leute an die Hand zu nehmen und ihnen nur das zu präsentieren, was man wahrhaftig darstellen kann“, so Greuel.

Doch gerade in den sozialen Netzwerken sind Nutzer oft auf sich gestellt. Reichweitenstarke Medien wie „Zeit Online“ („Zwölf Tricks, wie Sie Fake News schnell entlarven“) liefern deshalb zuletzt verstärkt Anleitungen zum Erkennen von Fake News. Die Kernbotschaft: Hinterfragen Sie immer die Quelle und die Plausibilität einer Botschaft! Kompetente Mediennutzer ersparen Faktencheckern wie Greuel eine Menge Arbeit.

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