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Ellen Heinrich, GF des Bonn Institute

Warum RTL, „RP“ und Deutsche Welle auf konstruktiven Journalismus setzen

Ellen Heinrichs, Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institute

Ellen Heinrichs hat jahrelang die Digitalisierung bei der Deutschen Welle vorangetrieben, jetzt ist sie Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institute das Bonn Institute für Journalismus und konstruktiven Dialog gegründet – zusammen mit RTL, der Rheinischen Post Mediengruppe, der DW und dem dänischen Constructive Institute – Foto: Florian Görner

Mit dem Bonn Institute bekommt Deutschland ein eigenes Zentrum für konstruktiven Journalismus. Eine Überraschung: Als Gesellschafter sind RTL, Deutsche Welle, Rheinische Post Mediengruppe und das dänische Constructive Institute an Bord. MEEDIA hat mit der Gründerin und Geschäftsführerin Ellen Heinrichs darüber gesprochen, was konstruktiven Journalismus ausmacht.

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Man hört schon zweimal hin, wenn ein Privatsender, ein Verlag und eine öffentlich-rechtliche Anstalt sich für ein gemeinsames Projekt zusammenschließen. Genau das ist jetzt mit der Neugründung des Bonn Institute für Journalismus und konstruktiven Dialog geschehen. Unter dem Dach der gemeinnützigen Organisation machen es sich RTL, Deutsche Welle, die Rheinische Post Mediengruppe und das Construcitve Institute zur Aufgabe, Lösungsorientierung und konstruktive Debatten im Journalismus zu fördern. Für das Kuratorium konnten unter anderem Jay Rosen, Susanne Amann, David Schraven, Wolfgang Blau und Sham Jaff gewonnen werden. Der gemeinsame Start ist auch ein Neuanfang für Ellen Heinrichs. Zuvor bei der Deutschen Welle für Digitalisierung und Wissenstrasfer zuständig, ist sie nicht nur Initiatorin und Gründerin des Instituts, sondern auch die Geschäftsführerin. Was sie mit der Einrichtung vorhat, welchen Mehrwert Publisher, Redakteurinnen und Redakteure haben sollen und was es generell mit dem konstruktiven Journalismus auf sich hat, darüber und mehr hat MEEDIA mit ihr gesprochen.

Frau Heinrichs, Sie haben mit dem Bonn Institute eine Anlaufstelle für konstruktiven Journalismus gegründet. Was hat Sie angetrieben, diesen Weg zu gehen?

Ich habe über Jahre die Digitalisierung bei der Deutschen Welle mit vorangetrieben und viel über die Zukunft des Journalismus nachgedacht. Mit der Zeit habe ich ein gewisses Unbehagen darüber entwickelt, dass Innovation im Journalismus doch ein sehr technologiefokussiertes Geschäft ist. Ich denke, wir müssen uns nun daranmachen, auf unser Kerngeschäft, den Journalismus zu schauen. Wir sollten uns zu fragen, wie der sich in einer digitalen Welt verändern muss, in der wir alle fast untergehen in Informationen und anderen Angeboten, die unsere Aufmerksamkeit fordern.

Was meinen Sie genau? 

Mein Eindruck ist, dass wir mit neuen Technologien und Prozessen die Digitalisierung nicht gewinnen werden. In den Medienhäusern ist zwar schon wahnsinnig viel gute Arbeit geleistet worden, es sind neue Tools, Ausspielwege und Plattformen hinzugekommen, Paywalls wurden etabliert, Formate werden sehr viel professioneller entwickelt. Aber die Diskussion darüber, wie sich der Journalismus selber weiterentwickeln muss, um im digitalen Zeitalter den Menschen einen Mehrwert zu bieten und damit auch relevant zu sein, diese Debatte, die an das eigene Selbstverständnis geht, muss die Branche noch führen. Dafür ist es essenziell, weniger auf uns selbst als auf die Bedürfnisse der Menschen zu schauen, für die wir arbeiten. Wenn man das tut, kommt man um die Erkenntnis nicht umhin, dass viele, besonders Jüngere, eine sehr viel stärkere Lösungsorientierung fordern, einen größeren Reichtum an Perspektiven und auch mehr konstruktive Debatten in den Medien. Mit dem Bonn Institute wollen wir diese Diskussion gemeinsam mit der Branche voranbringen. 

Sind Sie in ihrer neuen Position weiterhin bei der Deutschen Welle angesiedelt?

Nein, ich habe das Projekt zwar während meiner Zeit bei der DW angestoßen, bin aber jetzt Geschäftsführerin des Bonn Institute und somit im Auftrag aller Gesellschafter tätig. 

Diese Gesellschafter sind ja nicht irgendwer, die Deutsche Welle, die „Rheinische Post“ und RTL sind an Bord. Die Anschubfinanzierung kommt vom Land NRW. Das klingt nach einer größeren Aufgabe, vor allem wenn es um Journalismus geht. Wie hat das funktioniert?

Diese Konstellation ist in der Tat einzigartig. Zumal mit dem Constructive Institute aus Dänemark noch ein internationaler Akteur mit dabei ist. Letztlich ist mit diesen Gesellschaftern die ganze Breite der Medienbranche repräsentiert – von lokal über national bis international und von privat zu öffentlich-rechtlich. Das Bonn Institute selbst ist dazu noch gemeinnützig. Das hat es so noch nie gegeben, und ich hätte es mir nicht besser vorstellen können. Warum es funktioniert hat? Ich denke, dass dieses Projekt vielleicht auch dank Corona möglich geworden ist. Mit so einer großen Idee an so große Unternehmen heranzugehen und zu sagen, gründet doch zusammen etwas Gemeinnütziges, das funktioniert nur, wenn die Welt gerade ein Stück weit aus den Fugen ist und man auch unkonventionelle Dinge anstoßen kann. Außerdem hat die Pandemie sehr deutlich gezeigt, dass vor allem faktenbasierter, lösungsorientierter Journalismus gewonnen hat. Die Menschen mit den Problemen alleine zu lassen, wird auch in Zukunft nicht mehr funktionieren. Dass das Land NRW uns bei diesem Projekt finanziell unterstützt, ist eine Form von Medienförderung, die wirklich der gesamten Branche zugute kommt und im besten Sinne Medienqualität und -vielfalt stärken hilft.

Gab es denn große Differenzen zu überwinden? Die Bande zwischen öffentlicher Hand, öffentlich-rechtlichen Sendern und Privaten ist ja nicht besonders eng, hat man den Eindruck. 

Ich kenne diese Diskussionen und umso wichtiger ist es, das von dem Institut ein Signal ausgehen kann, dass wir hier ein Angebot für die gesamte Branche geschaffen haben. Wir haben ja auch viele prominente Unterstützerinnen und Unterstützer im Kuratorium, die ebenfalls aus der gesamten Medienbranche kommen: Von David Schraven als Vertreter des gemeinnützigen Journalismus über Susanne Amann vom Spiegel, Astrid Maier von Xing, oder der jungen Journalistin Sham Shaff. Mit dem amerikanischen Prof. Jay Rosen haben wir einen international führenden Kopf für die Zukunft des Journalismus und mit Wolfgang Blau den bekanntesten Vordenker für Klimajournalismus mit an Bord. Das zeigt doch, wie sehr die Branche selbst den Bedarf an Vernetzung und Austausch sieht und auch bereit ist, uns zu unterstützen.

Zur Person

Ellen Heinrichs ist Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institute für Journalismus und konstruktiven Dialog. Zuvor war sie über die 20 Jahre für die Deutsche Welle (DW) tätig, seit 2014 im Stab der Programmdirektorin der DW. Zuletzt war Heinrichs Head of Knowledge & Transformation, sie kümmerte sich vor allem um den digitalen Wandel bei dem deutschen Auslandsender.

Mit dem konstruktiven Journalismus setzt sich die Journalistin bereits länger auseinander,  2020 war sie als erste Deutsche Fellow am dänischen Constructive Institute in Aarhus, für das Grimme Instituts führte sie eine Studie über die Auswirkungen des konstruktiven Journalismus durch. Aktuell erscheint ihr Buch „Journalismus auf der Couch“ im Herder-Verlag. Im Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten wie Isabel Schayani, Maren Urner, Giovanni di Lorenzo und Ulrik Haagerup ergründet Heinrichs einen Weg aus der Krise, die die Branche derzeit durchlebt.   

Sie haben sich für den Namen Bonn Institute entschieden, hat das eine besondere Bewandtnis? Mit der Stadt sind ja viele Assoziationen verbunden. 

Auch wenn wir uns viel mit konstruktiven Ansätzen beschäftigen, so geht es doch darum, den Journalismus als Ganzes voranzubringen. Daher wollten wir einen Namen, der dem Projekt kein Label aufklebt. Als Wiege der bundesdeutschen Demokratie und als UN-Stadt mit einer beeindruckenden Forschungslandschaft ist Bonn ein guter Ort für die Arbeit an der Zukunft. Auch erinnern sich viele an die ehemalige Hauptstadt, an die oft konstruktiven Petersberger Dialoge etwa und vielleicht auch an ein Stück Bescheidenheit.

Gibt es denn eine Art Selbstverpflichtung der Gesellschafter, sich auch individuell mit dem Thema auseinanderzusetzen? 

Wir werden mit allen Gesellschaftern konkret arbeiten. Deswegen sind sie auch an Bord. Das Bonn Institute ist kein Sponsoring Projekt, sondern eines, von dem sich die Gesellschafter konkrete Resultate und Impulse versprechen. RTL News etwa hat schon einen kompetenten Ansprechpartner für Lösungsjournalismus im Newsroom, der den dortigen Informationsbereich gemeinsam mit uns noch konstruktiver aufstellen wird. RTL – wie auch die Deutsche Welle – weiß aus der eigenen Nutzerforschung, wie groß der Bedarf der Zuschauerinnen und Zuschauer an verständlichen Informationen, vielfältigen Perspektiven und möglichen Lösungen ist. 

Wie ist es bei der „Rheinischen Post“?

Auch dort will man neue Wege zu erschließen und über mehr Lösungsorientierung einen Mehrwert für Abonnentinnen und Abonnenten schaffen. Chefredakteur Moritz Döbler ist davon überzeugt, dass da große Potentiale liegen, und gemeinsam wollen wir noch mehr darüber lernen, wie konstruktiver Journalismus zum Erfolg von Lokalmedien beitragen kann. Deshalb hat die RP eine Pilotredaktion benannt, mit der wir ein redaktionelles Experiment starten werden, um zu messen, wie es auf strategisch wichtige KPIs eines solchen Medienhauses wirkt, wenn man regelmäßig ein lösungsorientiertes Format bedient.

Gibt es darüber hinaus schon erste Projekte, von denen Sie zum Start des Instituts berichten können?

Tatsächlich haben sich schon vor dem Launch des Bonn Institute einige Medienhäuser gemeldet, die mit uns arbeiten wollen. Sobald diese Projekte spruchreif sind, werden wir darüber auf unserer Website berichten. Wissenstransfer in die Branche ist eines unserer Hauptanliegen, daher werden wir die Ergebnisse unserer Projekte stets offenlegen und daraus zum Beispiel Masterclasses, Schulungen und Konferenzen konzipieren. Vom Start weg bieten wir digitale Events zu den Basics des konstruktiven Journalismus an. Dieses offene Angebot werden wir sukzessive entlang des Bedarfs der Branche ausbauen. Angedacht sind etwa maßgeschneiderte Angebote für Klima- oder Lokaljournalisten, für Nachrichtenredakteurinnen oder Leute, die für junge Zielgruppen Programm machen.

So wie es klingt, zielen Sie mit Ihrem Institut also generell eher auf die Redakteursebene, richtig?

Die Nachfrage von Redakteurinnen und Redakteuren ist ganz klar da, und die möchten wir auch bedienen. Allerdings wollen wir da nicht stehenbleiben, sondern von Beginn an mit ganzen Redaktionen zu arbeiten. Dabei ist es uns wichtig, auch die Ebene der Führungskräfte und Entscheider mit einzubeziehen. Aus meiner Erfahrung im Innovationsmanagement weiß ich: Nur wenn die Chefs den richtigen Kompass haben, kann ein Schiff umgesteuert werden. Deshalb hilft es nicht, alleine Trainings anzubieten. Ich nehme außerdem wahr, dass gerade sehr viele Entscheider bereit sind, ihren Kompass neu zu justieren und in den Austausch zu gehen.

„Das Bonn Institute ist kein Sponsoring Projekt, sondern eines, von dem sich die Gesellschafter konkrete Resultate und Impulse versprechen.“

Jetzt gibt es ja nicht das Grundgesetz des konstruktiven Journalismus, der Begriff kann auch weiter und enger gefasst werden. Was verstehen sie darunter für das Bonn Institute?

Wir orientieren uns an dem Drei-Säulen-Modell, das das Constructive Institute in Aarhus entwickelt hat mit der Lösungsorientierung, dem Perspektivenreichtum und den konstruktiven Debatten. Wir haben das aber für uns weiterentwickelt und sprechen von konstruktiven Kompetenzen, die Journalistinnen und Journalisten trainieren können – wobei viele davon schon Einiges mitbringen: Die Fähigkeit zur professionellen Empathie etwa, lösungsorientiertes Denken, oder auch das Bestreben, Komplexität zuzulassen und Storytelling nicht routiniert auf das Betonen von Gegensätzen zu reduzieren.

Es ist für Verlage natürlich immer reizvoll, das eigene Haus mit einem Label zu versehen, würden Sie in diesem Fall dazu raten? 

Ein Label für konstruktiven Journalismus ist aus meiner persönlichen Sicht nicht zielführend, und Experimente, die in Deutschland oder in Nordeuropa dazu gelaufen sind, bestätigen das. Insofern würde ich niemandem empfehlen, ein Label auf seinen Journalismus zu kleben, denn im Zweifel kann das Publikum damit ohnehin nichts anfangen – schließlich geht es beim konstruktiven Journalismus nicht um das Verbreiten von Good News, die man extra kennzeichnen müsste, sondern um wirklich relevanten Journalismus, der sich den wichtigen Themen der Zeit widmet – daran hat sich nichts geändert. 

Zum Unternehmen

Bonn Institute GmbH ist eine Gründung von RTL Deutschland, der Rheinischen Post Mediengruppe, der Deutschen Welle und dem Constructive Institute Aarhus in Dänemark. Die Gesellschafter haben die Organisation gegründet, um neue konstruktive Impulse zu setzen und den Wissensaustausch in der Branche voranzutreiben. Eine Anschubfinanzierung stellt die Staatskanzlei NRW zur Verfügung.

Zu den Mitgliedern des Kuratoriums zählen Prof. Jay Rosen (CUNY New York), Wolfgang Blau (Oxford Climate Journalism Network), Astrid Maier (Xing), Prof. Christina Elmer (TU Dortmund), Sham Jaff (Freie Journalistin), David Schraven (Correctiv), Melanie Stein (Wir sind der Osten), Ursula Ott (Chrismon), Prof. Volker Kronenberg (Universität Bonn) und Susanne Amann (Spiegel).

Hier geht es zum Webauftritt des Bonn Institute

Welche Hindernisse begegnen Ihnen auf dem Weg für den konstruktiven Journalismus?

Immer wieder das Missverständnis, dass es um Schönfärberei ginge – was nicht der Fall ist, denn über Lösungen kann man genauso kritisch berichten, wie über Probleme. Und dann, dass Chefredakteure und Redaktionsleiterinnen beklagen, es dauere viel länger, zusätzlich zum Problem auch mögliche Lösungen zu recherchieren. Das wiederum passe nicht in den Schichtplan, weil ein Stück eben um vier Uhr oder wann auch immer fertig sein müsse. Für mich ist das der Punkt, an dem man anfangen muss zu arbeiten und zu fragen, wodurch denn der wahre Mehrwert entsteht. Dadurch, dass jeden Tag pünktlich um vier ein Stück fertig ist, oder dass am nächsten Tag um elf Uhr eines fertig ist, das dann aber einen wirklichen Mehrwert für die eigene Zielgruppe bringt? In vielen Redaktionen heißt es, man wolle eigentlich nach „weniger ist mehr“ streben, aber am Ende traut sich keiner, irgendetwas wegzulassen. Insofern kann konstruktiver Journalismus eine Transformation einleiten, wenn er dabei hilft, zu beantworten, was man weglassen kann, um Ressourcen für im wahrsten Wortsinne wertvolle Stücke freizuschaufeln. 

Es ist nun so, dass wir bei Publishern in der Regel auch von Firmen sprechen, die wirtschaftlich arbeiten müssen, die auf Effektivität getrimmt werden. Das zeigt sich auch oft in den Kennzahlen, der Klick zählt, der Blick auf Analytics und Conversion Rate. Kommen Sie da durch?

Es ist natürlich die Frage, auf welche KPIs man schaut. Katastrophenmeldungen klicken immer sensationell, und auch Blaulicht-Meldungen tun das. Aber wenn man neben der reinen Reichweitenmessung auch darauf schaut, wie lange die Leute bleiben, dann sieht man, dass sie, wenn sie die Überschrift oder den Teaser gelesen haben, auch gleich wieder weg sind. Das ist eine Sache von Sekunden. Der Chefredakteur von Focus Online hat interessanterweise mal berichtet, dass dort die User im Schnitt zweieinhalb Mal länger bleiben, wenn es sich um einen konstruktiven Artikel handelt – wobei ich nicht weiß, was man bei Focus Online genau ein konstruktiver Inhalt ist. Jedoch deuten auch Untersuchungen aus den USA darauf hin, dass lösungsorientierter Journalismus Monetarisierung treibt. 

Gibt es noch andere Anhaltspunkte aus Ihren Befragungen?

In Gesprächen mit der „Sächsischen Zeitung“, die unter Chefredakteur Uwe Vetterick schon länger mit lösungsorientiertem Journalismus gute Erfahrungen macht, habe ich beispielsweise erfahren, dass solche Artikel dort besser konvertieren. Und auch anderswo, wo Redaktionen mehr messen als die blanke Reichweite, finden wir positive Wirkungen von konstruktiven Ansätzen. Dann steigen Faktoren wie Verweildauer, die Beteiligung weiblicher Nutzerinnen in Diskussionen auf sozialen Netzwerken, oder es gibt weniger Hatespeech. Das sind alles sehr interessante, aber noch nie systematisch untersuchte Hinweise darauf, wie konstruktiver Journalismus wirken kann. Mit dem Bonn Institute werden wir uns darum bemühen, diese Effekte gemeinsam mit den Redaktionen tiefer und methodisch sauber zu erforschen und die Ergebnisse mit der Branche zu teilen. 

Das eine ist es, über Probleme im Lokalen konstruktiv zu berichten, das andere sind Situationen wie Investigativrecherchen oder straffe Politikerinterviews – findet sich immer ein Ansatz für den konstruktiven Journalismus oder gibt es dort Grenzen?

Investigativjournalismus werden wir immer brauchen. Die Watchdog-Funktion des Journalismus darf nicht verloren gehen. Die Frage ist, wenn man ohnehin schon eine umfangreiche Recherche macht, ob man die Leute mit den Problemen hinterher komplett allein lässt, oder ob man sich nicht auch noch die Mühe machen kann, zu recherchieren, wo ähnliche Probleme bereits gelöst wurden, oder wer zumindest schon tätig geworden ist, um solche Missstände in Zukunft zu vermeiden? 

„In vielen Redaktionen heißt es, man wolle eigentlich nach ‚weniger ist mehr‘ streben, aber am Ende traut sich keiner, irgendetwas wegzulassen. Insofern kann konstruktiver Journalismus eine Transformation einleiten.“

Sie wollen also nicht den ganzen Journalismus auf Konstruktiv drehen?

Wir wollen ein konstruktives Mindset fördern. Dazu gehört, neben Problemen auch mögliche Lösungen kritisch zu recherchieren. Dazu gehört auch, eigene Sichtweisen und Werte zu reflektieren und sich zu fragen, ob in der eigenen Redaktion vielleicht wichtige Perspektiven fehlen – Perspektiven, die für die eigene Zielgruppe aber relevant sein könnten. Und dazugehört, nicht reflexhaft nach Gegensätzen zu suchen, sondern bewusst und konstruktiv Debatten zu inititeren und zu moderieren. Das kann dann gerne auch Streit geben. Konstruktives Streiten ist etwas Wunderbares und hat einen hohen Mehrwert für das Publikum.

Mit dem Krieg in der Ukraine sind Medien wieder besonders gefragt, es gibt ein starkes Informationsbedürfnis, und wir befinden uns in einer dauerhaften Breaking-News-Schleife. Wie bewerten Sie das aus Ihrer Sicht, sind andere Ansätze hilfreich?

Zuerst einmal finde ich es großartig, was Journalistinnen und Journalisten vor Ort gerade leisten. Ich war selber für die DW in Konfliktregionen unterwegs, und habe einen riesengroßen Respekt vor den Kolleginnen und Kollegen, die gerade über den Ukrainekrieg berichten und in den Redaktionen zu Hause ihr Bestes geben. Deshalb nur einige Gedanken: Wichtig ist es, wo immer es Konflikte gibt, sollten wir nicht auf einen Konflikt zwischen Politikern zu verengen, sondern schauen, wer ist eigentlich alles betroffen. Je mehr Perspektiven wir einbinden, desto treffender das Bild von der Wirklichkeit, das wir für unser Publikum zeichnen. Dabei auf das wirkliche Informationsinteresse der Leute achten: Viele wünschen sich wesentlich mehr Kontext und Hintergründe, denn nur die Allerwenigsten sind so gut informiert wie wir Journalisten. Indem wir auf ihre tatsächlichen Informationsbedürfnisse eingehen, reduzieren wir das Gefühl von Ohnmacht bei den Menschen, für die wir berichten. Und indem wir Handlungsoptionen aufzeigen – wer kann was tun, um zu helfen – natürlich auch. Auch wichtig: Komplexität zulassen. Wir Menschen sind nicht ausschließlich gut, oder ausschließlich böse. Das sollten wir auch in unserer Berichterstattung berücksichtigen. Indem wir diese Komplexität zulassen, schaffen wir Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit schafft Vertrauen – eine wichtige Voraussetzung für Monetarisierung.

Abschließend die Grundsatzfrage: Warum braucht es Ihrer Meinung nach überhaupt einen konstruktiven Journalismus?

Wir haben eine immense Verantwortung im Journalismus, mit welchen Informationen wir die Leute versorgen. Auch jetzt. Wenn wir den Menschen permanent Angst machen, werden wir nicht dahin kommen, dass sie handlungsfähig sind. Menschen, die Angst haben, sind nicht handlungsfähig, sondern gestresst. Und gestresste Menschen setzen auf Attacke oder Rückzug – wir wissen ja, dass immer mehr Menschen bewusst den Nachrichtenkonsum vermeiden. Unsere Demokratie braucht aber informierte Menschen, die informierte Wahlentscheidungen treffen. Und Menschen, die sich im Angesicht der Klimakrise und anderer Herausforderungen tatkräftig statt ohnmächtig fühlen. Die Qualität der Informationen, die wir den Menschen zur Verfügung stellen, trägt entscheidend zum Zustand unserer Gesellschaft bei. Das hat gar nichts Parteipolitisches und auch nichts radikal Neues. Es erinnert uns daran, dass wir Journalistinnen und Journalisten die vierte Säule der Demokratie sein wollen. Wenn wir das weiterhin für uns in Anspruch nehmen möchten, dann bedeutet das, dass wir einen Dienstleistungsberuf ausüben – wir arbeiten für die Demokratie und für die Menschen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich das am Ende nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Medien selbst lohnt.

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