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Berichterstattung aus Russland

„Bild“-Chefreporter Peter Tiede aus Moskau: „Wir sind nicht in Lebensgefahr“

Peter Tiede ist Chef-Reporter von "Bild" und berichtet weiterhin aus Moskau, trotz der Strafandrohungen

"Bild"-Chefreporter Peter Tiede berichtet aktuell direkt aus Moskau – Foto: Screenshot Bild

Als einer der wenigen deutschen Journalisten berichtet „Bild“-Chefreporter Peter Tiede aktuell noch aus Moskau. Im Interview mit MEEDIA berichtet er, warum ihn die Rückzugsforderung des Deutschen Journalisten-Verbands so geärgert hat, wie die Lage für Korrespondenten in Moskau ist und wie eine Berichterstattung aus Russland möglich ist – trotz verschärftem Mediengesetz.

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Seit dem 4. März 2022 hat sich die Lage für Reporter in Russland auf dramatische Weise verändert. Wladimir Putin hat an dem Tag ein Mediengesetz unterzeichnet, das das „Verunglimpfen“ der russischen Armee mit drakonischen Strafen belegt, bis zu 15 Jahre Haft drohen für „Falschinformation“ über die russischen Streitkräfte im Krieg gegen die Ukraine. Nicht einmal das Wort Krieg darf noch verwendet werden, stattdessen soll von einer „militärischen Sonderoperation“ die Rede sein. Die Bundesregierung hat Journalisten deswegen zur Vorsicht aufgerufen. Der DJV-Vorsitzende Frank Überall forderte am Montag den Abzug aller Journalisten aus dem Land. Und tatsächlich, viele internationale Korrespondenten befinden sich nicht mehr in Russland, von der ARD bis zur „New York Times“ haben viele ihre Mitarbeitenden abgezogen.

Peter Tiede ist einer der wenigen aus Deutschland, die noch direkt aus Moskau berichten. Auf Twitter hat sich der Chefreporter der „Bild“ mit starker Kritik gegen die Forderung des DJV zum Abzug geäußert. „Sie fallen uns in Moskau in den Rücken. Schlag ins Gesicht derer, die wie ich, nach Abwägung beschlossen zu bleiben“, so Tiede auf dem sozialen Netzwerk. Für den DJV ist die Kritik unverständlich. „Nach der Lektüre seines Tweets frage ich mich, ob Peter Tiede dieses Gesetz gelesen hat. Den Vorwurf, wir fielen den verbliebenen Journalisten in den Rücken, kann ich vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehen“, sagte DJV-Sprecher Hendrik Zörner (das ganze Statement hier).

MEEDIA hat mit dem „Bild“-Chefreporter in Moskau gesprochen, über seinen Tweet, seinen Ärger, seine Forderung an den DJV. Und auch darüber, wie er die Lage für Journalistinnen und Journalisten in Moskau aktuell einschätzt und wie man unter den Bedingungen des neuen Mediengesetzes arbeiten kann.

Herr Tiede, zuerst einmal: Wie ist die Lage aktuell für Sie in Moskau?

Es ist unangenehm, es ist mulmig. Man schaut immer dreimal nach, wer um einen herumsteht, aber es ist momentan – wenn man sich an die Grenzen hält – nicht gefährlich. Das kann morgen anders sein, wir sind hier reiner Willkür ausgesetzt. Aber deswegen schätzen wir die Lage jeden Tag neu mit der Redaktion ein.

Auf Twitter haben Sie mit einer starken Kritik auf die Forderung des DJV-Vorsitzenden Frank Überall reagiert, dass alle deutschen Reporter Russland verlassen sollen.  

Ich habe das Statement gesehen und war außer mir. Gifte gegen die Russen, gifte gegen den Kreml, gerne. Man kann ja auch vollstes Verständnis für die Kollegen äußern, die gegangen sind und in Gedanken bei denen sein, die noch in Moskau sitzen. Das erwarte ich von einem Journalistenverband, Loyalität und nicht einfach nur diese blöde Portion Gratismut.

Man hört ihre Erregung noch, auch Ihre Kritik fiel recht heftig aus, Sie sprachen davon, dass Ihnen und den Kollegen in den Rücken gefallen wurde.   

Wissen Sie, was mit meiner Frau los war, als Frank Überall das gesagt hat? Die Familien brechen in Panik aus, haben Todesangst und denken wir sind hier in Lebensgefahr. Aber wir sind nicht in Lebensgefahr. Ich sitze im Kempinski, knabbere Nüsse, trinke ein Bier und fahre morgen wieder durch die Stadt. Gleichzeitig sitzen Leute von uns im Luftschutzbunker in der Ukraine. Da stimmen die Maßstäbe nicht.

Was kritisieren Sie besonders an der Äußerung vom DJV-Vorsitzenden?

Mich stört, dass ein Journalistenverband nicht zur Kenntnis nimmt, dass es auch Kollegen gibt, die sagen, dass man auch hier bleiben kann. Gerd Ruge musste früher jeden seiner Beiträge vorlegen. Natürlich ist er nicht mit solchen drakonischen Haftstrafen bedroht worden. Aber es ist auch nicht so, dass man hier sofort weggeschnappt wird. (Ruge war von 1956 bis 1959 der erste ARD-Korrespondent in Moskau, von 1987 bis 1993 leitete er das Studio, Anm. d. Red.) Andere Kollegen haben sich anders entschieden. Wir haben uns so entschieden. Dann aber zu sagen, die Journalisten müssen raus, als würde hier die Stadt bombardiert werden und Massenverhaftungen von Journalisten stattfinden. Das ist einfach nicht der Fall.

„FAZ“, RTL, „BILD“ und Co –  So wird aktuell noch aus Russland berichtet

Viele Sender und Verlage haben ihre Korrespondenten inzwischen aus Moskau abgezogen. Foto: Imago

Was ist Ihre Forderung an den DJV?

Wir brauchen, als die letzten, die noch in Moskau sind, eine Rückenstärkung. Nach dem Statement des DJV stehen wir nun als diejenigen da, die völlig durchdrehen und volles Risiko gehen, gerade als Boulevard. Aber so ist es nicht. Es ist nicht an einem Journalistenverband zu sagen, die Reporter müssen außer Landes. Es ist an einem Journalistenverband zu sagen, dass das, was in Russland passiert ein Rechts- und ein Zivilisationsbruch ist. 

Aber man muss schon sagen, dass die Androhung von 15 Jahren Haft für die „falsche“ Berichterstattung auch eine reelle Gefahr ist, vor der der DJV hier warnt. 

Das ist erst einmal eine Gefahr für die Russen im Land. Denn die russischen Kollegen, die über den Krieg, über die „Sonderoperation“ andere Russen informieren wollen, können das jetzt nicht mehr gefahrlos. Für uns ist die Situation doch eine ganze andere. Wir von „Bild“ haben Kollegen in und außerhalb von Kiew – da wo schon viele Journalisten nicht mehr sind. Wir berichten weiter über den Krieg. Richtig ist, dass wir nicht mehr über den russischen Teil des Kriegs berichten können. Aber das ist dann halt so. Nur deswegen zu sagen, ich wohne einem historischen Ereignis nicht mehr bei oder ich verzichte auf den eigenen Augenschein – diese Entscheidung kann man für sich treffen und das will ich gar nicht bewerten. Aber wir haben sie für uns anders getroffen. Wir können von der Stimmung im Land berichten, wir können von der wirtschaftlichen Situation berichten. Wir können berichten, was Experten sagen, wir können es sogar kommentieren.

Peter Tiede ist Chefreporter bei der "Bild" - hier bei

Seit 2014 berichtet Peter Tiede als Korrespondent für Landespolitik für „Bild“. Zuvor war Tiede, Jahrgang 1970, beim „Spiegel“ tätig und Chefredakteur der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“. Aktuell berichtet er aus Moskau.

Haben Sie denn den Eindruck, dass der Journalistenverband mit Kollegen vor Ort gesprochen hat?

Da hat niemand mit irgendjemandem gesprochen, wenn Sie mich fragen. Und das ist der Punkt: Als Journalisten berichten wir über Dinge, die wir einschätzen können und müssen. Und wenn der Journalistenverband sich zu Sachen äußert, die er schlicht und einfach gar nicht einschätzen kann, dann macht er irgendwas falsch. (Der DJV wiederum betont in seinem Statement, dass man sich selbstverständlich ein Bild der Lage gemacht habe, bevor der Verband die deutschen Journalistinnen und Journalisten aufgefordert hat, sich so schnell wie möglich aus Russland zurückzuziehen, Anm. d. Red.)

Das eine ist die individuelle Entscheidung zu bleiben, das andere die des Arbeitgebers, seine Korrespondenten und Mitarbeiter abzuziehen. Wie war das bei Ihnen und der „Bild“?  

Nach der dem Erlass des Gesetzes in Russland und dem Abzug der großen Networks wie BBC und CNN und vieler deutscher Kollegen waren die Redaktionen in heller Aufruhr, wir haben zwei Tage gebraucht, um die Wogen zu glätten und klar zu machen, dass wir das Risiko hier einschätzen können, wir hier nicht verhaftet werden, nicht einmal verfolgt. Ich habe meinen Chefredakteur schließlich davon überzeugen können, dass ich in Russland bleibe, weil die Lage eine andere ist als sie aktuell in Deutschland ankommt. Der DJV hat das mit seinem unqualifizierten Statement nicht einfacher gemacht.

Wie gehen Sie ganz praktisch mit den Einschränkungen durch das Mediengesetz um?

Wir benennen es in den Sendungen klar und deutlich. Wenn ich in einer Schalte zu sehen bin, gibt es zum Beispiel keine Kriegsbilder. Das wird erklärt. Dann bin eben nur ich zu sehen. 

„Um es ganz klar zu sagen: Ich verurteile niemanden, der aus dem Land geht. Da kritisiere ich keine Kollegen.“

In einem Straßeninterview haben Sie kürzlich eine Moskauerin mit Video- und Bildmaterial aus der Krieg in der Ukraine konfrontiert. Der Beitrag ist etwas älter als eine Woche. Würden Sie das heute noch einmal so machen?

Nein, das ist so nicht mehr möglich. Aber das ist auch nicht das Problem, weil es auch nicht die einzige Form von Journalismus ist. Ich war einmal Chefredakteur einer kleinen Tageszeitung. Wenn mir dann in einem fremden Land gesagt wird, dass man Feuilleton und Sport nicht mehr machen kann, dann überlege ich mir, ob ich Feuilleton und Sport nicht mehr mache oder gar nichts mehr mache.

Manche Sender sind jetzt dazu übergegangen, Bildmaterial aus Moskau zu nutzen und das Geschehen aus dritten Ländern wie Polen zu bewerten. Wäre das für Sie eine Lösung?

Das können Sie nicht machen. Man muss doch zumindest einschätzen können, was man dort sieht. Und das geht nur vor Ort und nicht aus Warschau, Berlin oder sonst wo. Das Deutschlandradio sitzt jetzt in Warschau. Was wollen die denn aus Warschau berichten? Das ist wie früher „Marcel Pott in Amman, wie ist die Lage in Kairo?“ (Marcel Pott leitete ab 1983 das Hörfunkstudio in Beirut und Amman, Anm. d. Red.)   

Wie gehen Sie denn mit brenzligen Situationen vor Ort um, wenn Sie von der Polizei angehalten werden?

Der Kollege Rainer Munz von RTL hat neulich ein Interview mit Pjotr Tolstoi geführt, dem Vizechef der Duma – der übrigens ein Enkel des Schriftstellers ist. Der hat explizit gesagt, die ausländischen Korrespondenten sind willkommen. Ich habe das Originalinterview als Video dabei und die wichtigsten Passagen hat mein Kameramann noch einmal auf russisch aufgeschrieben. Wenn die Polizei kommt, können wir vorzeigen, dass der Vize-Chef der Duma sagt, dass wir willkommen sind. 

Kam es zu einer Situation, in der Sie das Dokument vorzeigen mussten?

Wir waren heute kurz davor als wir an dem ersten McDonald’s in Russland gedreht haben, der hier am 31. Januar 1990 eröffnet wurde. Der befindet sich am Puschkinplatz und ist in Kremlnähe. Auf dem Platz wird gerne auch demonstriert, da stand bereits viel Polizei. Wir haben einen Kameraschwenk vom McDonald’s zu Puschkin gemacht, dazu den Spruch „Zwei Dinge, die den Russen wichtig sind“. Dann haben wir über die Nationalgarde geschwenkt und die Gefangenentransporte, die bereits dort standen. Nach unserem Interview kam die Polizei und hat uns kontrolliert. Der Kameramann hat dann erklärt, dass wir nur den McDonald’s gefilmt haben, dann wurden wir aber nicht in Ruhe gelassen. Irgendwann bin ich wütend geworden und habe zu meinem Kameramann gesagt, er solle fragen, ob es es jetzt schon verboten sei, McDonald’s und Puschkin zu filmen. Dann haben die dreimal überlegt, wen sie jetzt anrufen sollen. Und das war es auch schon.

Wieviele Kollegen sind denn nach ihrer Einschätzung noch in Moskau?

Rainer Munz von RTL und ich. Vielleicht sind noch ein paar Zeitungskollegen vor Ort, das war es dann aber auch schon. Hier sind auch viele gegangen, die nicht in Gefahr sind, anders als exponierte Kollegen. Auch das ist ihre Entscheidung. Um es ganz klar zu sagen: Ich verurteile niemanden, der aus dem Land geht. Da kritisiere ich keine Kollegen.

ARD in der Kritik: Man kann den Krieg nicht vom Tellerrand bewerten

Brennpunkt Das Erste vom 2.3.
Unter dem Eindruck des Kriegs gegen due Ukraine sind der „Brennpunkt“ im Ersten und die „Tagesschau“ gefragt wie keine andere Sendung im deutschen Abendprogramm. Damit einher geht auch eine Verantwortung, der der Sender nicht immer gerecht geworden ist. Das soll sich jetzt ändern – Foto: Screenshot Brennpunkt Das Erste

Haben Sie inzwischen einen anderen Weg gefunden aus Moskau zu berichten, ohne in die Fallstricke der neuen Mediengesetzgebung zu geraten?  

Wenn es etwas zu berichten gibt, kann ich den Zuschauern klarmachen, was ich nicht berichten darf. Ich kann zum Beispiel sagen, dass die Sanktionen wegen der „Sonderoperation“ in der Ukraine verhängt werden. Ich nenne die in den Schalten gerne auch euphemistisch die „wirtschaftlichen Sonderoperationen des Westens“. All das kann ich ja benennen und ich kann damit auch spielen. An dem Tag, an dem Odessa bombardiert wurde, stand ich abends vor dem Restaurant Odessa und habe gesagt, dass ich aus bestimmten Gründen heute hier stehe. Da war völlig klar, warum.

Als Kiew am ersten Abend bombardiert wurde, stand ich vor dem Hotel Ukraine und habe gesagt, dass das mein Gruß an meine Kollegen in Kiew ist. Ich bin neulich die Ahnengalerie der Führer der Sowjetunion mit Lenin, Stalin, Breschnew und weiteren abgegangen und habe abschließend gesagt, dass hier irgendwann auch noch einmal Platz ist, ohn e konkret zu werden. Das kann ich machen, das ist mein Kommentar, das ist meine Art damit umzugehen. 

„Wenn es zu ähnlichen Situation kommt, wie ich sie um die Invasion im Grenzgebiet zu Ukraine erlebt habe, dann bin ich weg.“

Das klingt wie im Kalten Krieg als viel mit Andeutungen gearbeitet werden musste. 

Exakt, das sind alles Eulenspiegeleien – zwischen den Zeilen schreiben und zwischen den Zeilen lesen. Ich komme aus der DDR, ich bin damit großgeworden. Und was wir jetzt erleben, ist ein Rückfall. Es ist sogar mehr als ein Rückfall. Das, was wir jetzt erleben, gab es wahrscheinlich nicht einmal im Kalten Krieg.  

Haben Sie nach der Verschärfung des Mediengesetzes eine Streichliste an Wörtern, die Sie auf keinen Fall benutzen dürfen?

Nein, das gibt es so nicht. „Krieg“ kann ich zum Beispiel noch sagen, ich ergänze dann immer noch, wie man es hier nennt. Außerdem passieren den Russen selbst immer wieder Fehler. Es wurde zum Beispiel davon gesprochen, dass das Kriegsrecht verhängt werden soll. Warum, wenn kein Krieg ist? Man hat auch aus Versehen Taiwan anerkannt – weil es auf ihrer Liste der „Unfreundlichen Länder“ aufgeführt wurde. Das dürften den Chinesen wirklich nicht gefallen. 

Herr Tiede, wann ist für Sie Schluss, wann verlassen Sie Moskau?

Wenn es zu Repressionen kommt. Wenn es zu ähnlichen Situation kommt, wie ich sie um die Invasion im Grenzgebiet zu Ukraine erlebt habe – dort wurde ich dreimal festgenommen – dann bin ich weg. Aber das gibt es aktuell nicht. Wir werden nicht mitgenommen, wir werden nicht einbehalten. Das kann morgen anders sein. Aber es ist unser verdammter Job irgendwo zu sein, und aus eigenem Augenschein so weit wie möglich zu berichten. Es gibt ja auch Russen, die ablehnen, was hier passiert. Sollen wir die jetzt auch noch alleine lassen? Ich will hier gar kein großes Pathos reinlegen, aber ich habe eine Berufsehre. Ich bin doch aus einem bestimmten Grund Journalist. 

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