Anzeige

Die GAFAM-Kolumne

Apple könnte bald den Börsenthron verlieren

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Der furchtbare Krieg in der Ukraine hat auch an den Kapitalmärkten Konsequenzen. Techaktien büßen weiter dramatisch an Wert ein. Apple könnte gar bald den Börsenthron verlieren – an den Branchenprimus einer längst abgeschriebenen Industrie.

Anzeige

„Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert. Und es gibt Wochen, in denen Jahrzehnte passieren “– Wladimir Iljitsch Lenin

14 Tage. So lange dauert der russische Angriffskrieg auf die Ukraine bereits an und genauso lange verbringe ich die Tage und Nächte vor CNN und den einschlägigen Twitter-Feeds aus der Ukraine. In den vergangenen zwei Wochen kam es mir vor, als sei die Zeit eingefroren, als stecke man fest in einer Endlosschleife aus „The Americans“, „Homeland“ und „Berlin Station“ fest, doch das, was sich vor unseren Augen in Echtzeit abspielt, ist fürchterlicherweise real, ist nicht weniger als history in the making.

Geopolitisch sind diese Tage die bedeutendsten seit dem Fall der Berliner Mauer, leider zeigt die Geschichte diesmal ihre hässlichste Fratze. Hedgefondsmanager Bill Ackman vertritt eine ähnliche Meinung – nur dass sie noch pessimistischer ausfällt. „Der Dritte Weltkrieg hat vermutlich begonnen, aber wir haben ihn nur langsam erkannt“, twitterte der legendäre Investor, dem der Pershing Square-Fonds gehört, am vergangenen Wochenende.

Während sich die Einschätzung hoffentlich als seltener Fehler Ackmans erweist, spricht viel dafür, dass die Folgen von Russlands Invasion in die Ukraine der Weltwirtschaft so schwer zusetzen wird wie lange keine Krise mehr. Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar haben die Kapitalmärkte Kapriolen geschlagen wie selten in diesem Jahrhundert: Risiko-Assets wie Technologieunternehmen gerieten erneut schwer unter Druck. Es sind dabei fast immer die gleichen Kandidaten, die noch brutaler abverkauft werden als der breite Markt: Bei PayPal, Snap oder Shopify sind die Verkäufer immer noch nicht fertig, obwohl sich die Aktien längst halbiert haben.

Auch Big Tech kommt in der aktuellen Krise, die das Potenzial besitzt, an die Lehman-Krise von 2008/09 heranzureichen, natürlich nicht ungeschoren davon: Alle GAFAMs haben seit Jahresbeginn zweistellig verloren. Bemerkenswert bleibt jedoch, wie sich die Trends des Vorjahres weiter verfestigen: Apple, Alphabet und Microsoft werden mit überschaubaren Verlusten zwischen 12 und 16 Prozent einmal mehr ihrem Status als Fels in der Brandung gerecht. Andererseits knüpft Underperformer Amazon an die relative Schwäche des Vorjahres nahtlos an. Bemerkenswert ist zudem, dass Meta trotz des dramatischen Kurssturzes einfach keinen Boden finden will. Allein seit Jahresbeginn hat die Facebook-Mutter fast 45 Prozent an Wert eingebüßt und sich seit den Höchstkursen gar mehr als halbiert. Fast 600 Milliarden Dollar an Börsenwert wurden inzwischen vernichtet.

Doch anders als in anderen Krisen gibt es im großen Crash von 2022 eine durchaus unterschätzte Kehrseite der Medaille. Es gibt tatsächlich Unternehmen und Branchen, die seit Jahres- und Kriegsbeginn zugelegt haben – und das massiv. Es sind die Profiteure der Neuen Welt, die mutmaßlich über längere Zeit von einer Inflation und rasant steigenden Rohstoffpreisen geprägt sein dürfte: Öl- und Gaskonzerne. Ironischerweise handelt sich dabei um eine längst abgeschriebene Industrie, die die Weltwirtschaft über weite Strecken des 20. Jahrhunderts bestimmte: Big Oil.

Die Zuwächse der abgeschriebenen Giganten seit Jahresbeginn sind enorm – es ist die Gegenwelt zum Debakel der Techbranche, die als legitimer Nachfolger – namentlich in Form von Big Tech – zumindest die vergangenen Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts bestimmte. Wird die Wachablösung nun rückabgewickelt? Die erneute Zeitenwende könnte ihre Übersetzung tatsächlich schon bald im Tableau der wertvollsten Konzerne der Welt finden.

Seit dem ersten Handelstag des Jahres, als der iKonzern kurzfristig die Bewertungsmarke von drei Billionen knackte, hat Apple rund 400 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren. Dagegen legte der wertvollste Ölkonzern der Welt, Saudi Aramco, knapp um eine halbe Billion Dollar zu. Lediglich zehn Prozent – fünf Prozent in die eine, fünf Prozent in die andere Richtung – trennen Apple und Saudi Aramco noch von einer wahrlich historischen Börsenthronfolge. Big Oil wäre dann tatsächlich das neue Big Tech. Keine Sorge: An dieser Stelle werden Sie trotzdem selten bis nichts über Gazprom, Shell oder Exxon Mobil lesen – mein Interesse an und meine Kenntnis über Big Oil sind begrenzt.

Dabei ist die russische Invasion, wie in der vergangenen Woche bereits beschrieben, lediglich der Lackmustest für die möglicherweise größte Zeitenwende dieses Jahrhunderts: das Verhältnis und der Umgang mit China. Sollte sich die nächste geopolitische Krise nach Asien verschieben und gar Taiwan ins Zentrum eines chinesischen Expansionsstrebens rücken, dürften die Kursverluste bei Big Tech schnell um den Faktor zwei- bis dreimal größer ausfallen als aktuell. Vor allem Apple, das in Russland pro Jahr nun etwa iPhone-Absätze in Höhe von drei Millionen Stück einbüßt, würde von möglichen Sanktionen gegen China schwer getroffen, von einer Verengung der Lieferkette durch eine stockende Chip-Produktion in Taiwan gar nicht zu sprechen. Wie schnell sich die Welt verändern kann…

+++ Short Tech Reads +++

TheStreet.com: Alphabet übernimmt das Cybersicherheits-Unternehmen Mandiant für 5,4 Milliarden Dollar

Die Rechnung, bitte: Stolze 5,4 Milliarden Dollar will der wertvollste Internetkonzern für die Übernahme der Cybersicherheitsfirma Mandiant überweisen. Es ist Alphabets zweitgrößte Übernahme der Firmengeschichte – nach Motorola Mobility vor elf Jahren. „Cybersicherheit war nie so wichtig wie heute“, erklärte Mandiant-CEO Kevin Mandia die Motivation hinter der Übernahme. Mandiant soll in Googles stark wachsende Cloudsparte integriert werden.

CNBC: Zwei von Frauen geführte Nationen sind noch nie gegeneinander in den Krieg gezogen, sagt Meta-COO Sheryl Sandberg

Starke Worte zum Weltfrauentag: Meta-COO Sheryl Sandberg erklärte CNBC am Rande eines Cartier-Events in Dubai, dass die Welt „sicherer und viel florierender wäre“, wenn sie zur Hälfte von Frauen geführt wäre. Die Corona-Pandemie habe „dreieinhalb Jahrzehnte von Fortschritten für Frauen ausgelöscht“, merkte Sandberg zudem an.

Variety: Apple TV+ startet Sport-Übertragungen mit MLB-Baseball-Spielen

Fiktionaler Content ist nicht genug: Amazon wird es tun, Apple prescht jetzt sogar vor und wird auf seinem Streaming-Dienst künftig Live-Sport-Inhalte anbieten. Wenn die amerikanische Baseball-Liga MLB ihre nächste Saison startet, wird Apple jede Woche im Rahmen des „Friday Night Baseball“ zwei Freitagsspiele übertragen.

CNBC: Amazon kündigt 20:1 Aktiensplit und Aktienrückkauf an

Und Amazon bewegt sich doch: Seit Jahren warten Aktionäre auf einen Split der optisch teuren Anteilsscheine – jetzt kommt er. Nach Handelsschluss an der Wall Street kündigte der zweitwertvollste Internetkonzern der Welt die Ausgabe von 20 neuen Aktien für ein bisheriges Wertpapier des Seattler E-Commerce-Riesen an.

Anteilsscheine von Amazon, die aktuell bei knapp 3000 Dollar notieren, kosten nach dem Split, der Anfang Juni erfolgen soll, dann nur noch 150 Dollar. Aktiensplits sind eine Maßnahme des Managements, um Kleinanlegern leichteren Zugang zur Aktie zu verschaffen. Zudem kündigte CEO Andy Jassy ein neues Aktienrückkaufprogramm über 10 Milliarden Dollar an. Amazon-Aktien legten in Reaktion auf die Ankündigung nach Handelsschluss um knapp 10 Prozent zu.

+++ One more Thing: Apples „Ideenkraftwerk“ ab 2.300 Euro beerbt den 27-Zoll-iMac+++

Es gab einmal eine Zeit, in der waren neue Apple-Keynotes für mich ein Event  – vergleichbar mit einem neuen James Bond-Release oder einem Wimbledon-Finale von Roger Federer. Diese Zeit lag in den Nullerjahren. Steve Jobs kam auf die Bühne, brannte ein Produktfeuerwerk ab und zog zum Ende der Keynote noch ein Ass aus dem Ärmel – das viel zitierte „One more Thing“, nach dem dieser Schlusspunkt der Kolumne benannt ist.

In der weitaus ausrechenbareren Tim Cook-Ära ist davon nicht viel geblieben. Apple-Keynotes laufen inzwischen so klinisch rein und erwartbar wie ein Adele-Album ab – man weiß im Vorfeld, was man bekommt. Am Dienstag war es wieder so weit: Der iKonzern stellte in seiner turnusmäßigen Frühjahrs-Keynote erwartungsgemäß eine Produktauffrischung vor – die dritte Generation des Einsteiger-iPhones SE (ab 519 Euro), die fünfte Generation des iPad Air (ab 679 Euro) und das iPhone 13 Pro (max) in neuer, gewöhnungsbedürftiger Farbe („Alpingrün“).

Die eigentliche Überraschung war das, was nicht gelauncht, sondern sogar aus dem Programm genommen wurde: Bye, bye, 27-Zoll-iMac, auf dem gerade diese Zeilen getippt werden. 13 Jahre nach dem Launch wurde der 27 Zoll große iMac nicht mehr – wie erwartet worden war – erneuert, sondern durch ein neues Duo-Modell ersetzt, das mich ebenfalls an die Nullerjahre erinnert: einen Desktop-Mac, den Apple Mac Studio nennt.

Zur Einordnung: Es gab einmal eine Zeit (2005, um genau zu sein), als Steve Jobs den Mac mini als Einsteiger-Mac ohne Bildschirm vorstellte – für ganze 500 Euro. Viele, viele Generation später bekommen Apple-Nutzer nun ein „Ideenkraftwerk“ mit M1 Max bzw. M1 Ultra-Chip für eine erweiterte Rechenleistung zum Einstiegspreis von happigen 2.300 Euro angeboten, bei denen es jedoch kaum bleiben dürfte – dafür sind nämlich nur ganze 512 GB Festplattenspeicher enthalten. Für die Standardgröße von 2 TB muss der geneigte Apple-Nutzer schon 690 Euro mehr berappen, was die Ausgaben mal schnell auf knapp 3.000 Euro steigert. Wer mehr Rechenpower benötigt, bekommt in der Maxi-Version mit M1 Ultra-Chip das doppelte – auch im Preis: Dieser Mac Studio beginnt bei sage und schreibe 4.600 Euro.

Und das war’s noch nicht: Auch ein Bildschirm wäre schließlich nicht schlecht. Apple stellte gestern ebenfalls eine neue Version seines Studio Displays vor, das ich in den Nullerjahren einst für einen Preis von weniger als 700 Euro erworben hatte.

Heute kostet die Einstiegsvariante mit „neigungsverstellbarem Standfuß“ 1.750 Euro; man kann aber auch 2.210 Euro für den Bildschirm ausgeben und bekommt dafür einen „neigungs- und höhenverstellbaren Standfuß“ geboten. Summa summarum kostet die Kombi aus Mac Studio und Studio Display also schnell 4.000 bis 5.000 Euro. Puh, die Inflation! In anderen Worten: Mein 27-Zoll-iMac aus dem Jahr 2015 sollte noch ein bisschen länger durchhalten….

Interessante Fußnote: Tim Cooks Kleidungswahl – blauer Sweater, gelbe Apple Watch – dürfte kaum zufällig, sondern eine chiffrierte Botschaft der Solidarität mit der Ukraine gewesen sein.

Auf bessere Tage – bis nächste Woche!

Anzeige