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Menschen und Marken

Führung darf nicht putisch sein, sie muss empathisch sein

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Die Führung unseres Landes hat wenig Gespür für den Menschen. Der Ukraine-Krieg zeigt, was erfolgreiche Führung ausmacht – nicht nur in der Politik sondern auch in der Wirtschaft.

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Was wir immer schon ahnten, zeigt sich im Moment höchster Not mit eisiger Klarheit. Die Führung unseres Landes hat wenig Gespür für den Menschen. Selbst die Intuitivste aller menschlichen Reaktionen, das spontane Mitgefühl, scheint ihr abhanden gekommen. Diese Instinktlosigkeit führt zu Kollateralschäden in jeder Beziehung – privat und auch zwischen Staaten. Wir gucken fassungslos auf unsere Wahlgewinner und fragen uns: wie konnte es so weit kommen?

Eine jahrzehntelange Entwicklung

Parteifunktionäre machen Karriere durch eiskaltes Taktieren, nicht durch feinfühliges Reagieren. Treffen sie auf Unlogik oder Irrsinn, sind sie auf ganzer Linie überfordert. Vorsicht ist die Mutter der politischen Porzellankiste. Der Vater ist von Beruf Worthülsenproduzent. Das Politbarometer hat als Navigationssystem die tägliche Routenplanung übernommen, die Menschen auf dem Fahrersitz haben das Steuer aus der Hand gegeben und kennen sich in der realen Welt nicht mehr aus. Wir und der Rest der Welt spüren, diese Führung sucht ihren inneren Kompass. So verlieren sie erst den Überblick und dann das Vertrauen der Menschen. Eine verlorene Politikergeneration, titeln die Medien. Die erste Politikerliga tastet sich betont sachlich, von Umfrageergebnissen gesteuert, durch die politische Weltlage., während unzählige Privatpersonen längst Hilfspakete schnüren.

Das ist keine Führungsstärke, sondern menschliche Schwäche. Fehlende Empathie führt unweigerlich zu tiefen Kommunikationsstörungen. Rationalität ist nicht die richtige Antwort auf alle Fragen des Lebens. Tiefes Verstehen bedingt immer das Zusammenspiel beider Gehirnhälften, der rationalen und der emotionalen Seite.

„Die Führung der Zukunft wird nicht putisch sein, sondern empathisch.“

Frank Dopheide

Der ukrainische Präsident Selenskyj zeigt: Führung geht anders und besser. Obwohl die Dramatik um ihn herum unvorstellbar ist und sein Leben in höchster Gefahr, weiß er, was zu tun und zu sagen ist. Wenn das Schiff unter Beschuss ist, gehört der Kapitän an Deck in Sicht- und Rufweite der Mannschaft. Selenskyj hat einen inneren Kompass, der es selbst in unübersichtlichster Lage möglich macht, schnell Entscheidungen zu treffen. Er wächst vor den Augen der Welt über sich hinaus und wird innerhalb von 48 Stunden zu einer globalen Ikone. Er findet die richtigen Worte und die richtigen Bilder. Die Menschen vertrauen ihm – über die Grenzen hinweg. Hundertausende hängen über Social Media an seinen Lippen und beginnen, sich für ihn und sein Land ins Zeug zu legen: Hacker, Musiker, Formel-1-Fahrer, Wissenschaftler, Elon Musk, selbst das russische Volk zu tausenden.

Wir erkennen was möglich ist, wenn Führung neben der Bedachtheit die Empathie ins Spiel bringt und Menschen hinter sich versammelt. Möglicherweise hat der mächtige Wladimir Putin die Rechnung ohne Selenskyj gemacht. Der belächelte Comedian in der Riege der globalen Politprofis. Wer Menschen zum Lächeln bringen kann, muss sie mögen und verstehen. Das macht den Unterschied. In der Politik und in der Wirtschaft. Die Führung der Zukunft wird nicht putisch sein, sondern empathisch.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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