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Die GAFAM-Kolumne

So zögerlich reagiert Big Tech auf den Ukraine-Krieg

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Seit einer Woche herrscht Krieg in der Ukraine. Die größten Techunternehmen haben reagiert – teilweise spät und verhalten. Welche Folgen hat Russlands Angriffskrieg für die GAFAMs?

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Haben Sie sich schon an die neue Realität eines Krieges im Herzen Europas gewöhnt? Genau eine Woche ist der Beginn der russischen Invasion in die Ukraine her – und noch immer kommt es mir komplett unwirklich und unvorstellbar vor, dass dieser Krieg, der tatsächlich keine 1.300 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt stattfindet, ungebremst weitergeht. Ich bin fassungslos und erschüttert angesichts der Bilder, die wir jeden Tag auf allen Kanälen zu sehen bekommen – erbarmungslos detailliert in den sozialen Medien, wenn wir genau genug hinschauen wollen. 

In den Nullerjahren habe ich Osteuropa, inklusive Kiew, in zahlreichen Reisen näher kennengelernt. Zunächst war es die journalistische Neugierde, nach den typischen Ferien in Italien, Spanien oder Frankreich einmal „das neue Europa“ zu bereisen, das schließlich in Form von gleich zehn Nationen 2004 in die EU aufgenommen wurde. Ich fing bei Polen an, bereiste das Baltikum und landete irgendwann in Moskau und Kiew. Jede osteuropäische Metropole hat ihre eigene Geschichte, Faszination und eigenen Hoffnungen.

Das gilt im Besonderen für die Ukraine, die im Dezember 1991 für die Unabhängigkeit gestimmt hat, in den folgenden drei Jahrzehnten bei der Suche nach einer neuen nationalen Identität zwischen West und Ost aber tragischerweise immer wieder von ihrer sowjetischen Vergangenheit eingeholt wurde. Höhepunkt ist nun ein russischer Angriffskrieg, der unsere Welt unmittelbar verändert und auf Jahre transformieren wird, ganz gleich, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet.

Von Beginn an ist Big Tech in den Ukrainekrieg mit hineingezogen worden, schließlich handelt es sich im 21. Jahrhundert auch um einen Informationskrieg, der über Smartphones und in den sozialen Medien ausgefochten wird – eine Welt, mit der Wladimir Putin, der im Oktober 70 Jahre alt wird, offenkundig wenig anfangen kann. Einen Twitter- oder Facebook-Account besitzt Putin nicht, worüber die Social Media-Giganten nicht unglücklich sein dürften, schließlich steht eine Grundsatzentscheidung über die Löschung eines Kontos wie im Falle Donald Trumps nicht im Raum. 

Misstöne aus Moskau sind im 280-Zeichen-Dienst dennoch zu vernehmen: Der frühere Ministerpräsident Medwedew äußert sich im Einklang mit der Kreml-Rhetorik.  

Auf der anderen Seite befindet sich der 44-jährige ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der in diesen Tagen zum Helden der freien Welt aufsteigt. Dass der frühere Comedian, Fernsehmoderator und -produzent den großen Auftritt in den (sozialen) Medien versteht wie kaum ein zweiter Politiker, ist seit Wochen zu beobachten.  In bewegenden Videos wendet sich Selenskyj täglich auf Facebook an seine Landsleute und verbreitet sich mehrfach in Ukrainisch und Englisch auf Twitter. 

Selenskyj ist im Armee-Look zu sehen, im khakifarbenen T-Shirt, unrasiert, die Augen dunkel gerändert, er ist einer von 44 Millionen Ukrainern – die Macht der Bilder und Kurzbotschaften ist gewaltig und kaum zu überschätzen. Seine Ansprachen gehen unter die Haut, er hält die Moral des angegriffenen Landes trotz der militärischen Unterlegenheit hoch. „Die Ukraine gewinnt den Informationskrieg gegen Russland“, titelt der Finanzinformationsdienst CNBC bereits.  

Angesichts des immensen Leids in der Ukraine ist die wirtschaftliche Betrachtung nicht mehr als ein Nebenschauplatz. Weltkonzerne mit Verbindung zu Osteuropa stehen in diesen Tagen natürlich unter besonderer Beobachtung: Wie und wann wurde reagiert, Big Tech ist da keine Ausnahme.

In Falle von Big Tech kann man durchaus eine zögerliche Haltung erkennen, obwohl für die GAFAM-Konzerne verhältnismäßig wenig auf dem Spiel steht. Keiner der „Großen Fünf“ verbucht in Russland mehr als ein Prozent seiner gesamten Konzernumsätze.  „Big Tech hatte keinen Plan, wie es mit dem Bodenkrieg in Europa umgehen soll“, kritisierte etwa Medienprofessor David Carroll auf Twitter. 

Erst am Dienstagabend – und damit mehr als fünf Tage nach Beginn der russischen Invasion – verkündete etwa Apple einen Verkaufsstopp seiner Produkte, die Deaktivierung des Bezahldienstes Apple Pay und entfernte die Staatsmedien RT News und Sputnik aus dem AppStore. Zum Vergleich: Öl-Multi BP nahm bereits am Wochenende den Ausstieg aus dem russischen Ölkonzern Rosneft vor, der eine Abschreibung in Höhe von 25 Milliarden Dollar zur Folge hat. 

Google schaltete unterdessen in Rücksprache mit ukrainischen Behörden in Google Maps die Echtzeitverkehrsdaten in der Ukraine ab, entfernte russische Staatsmedien aus seiner Nachrichtenplattform Google News und limitierte die Ausspielung ihrer Videos auf YouTube.

Die Eingriffe auf Informationsmedien wirken natürlich von beiden Seiten. Bei der größten russischen Suchmaschine Yandex, die als „Google Russlands“ bekannt ist, findet der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nicht statt. Knapp drei Jahrzehnte nach Aufkommen des Internets macht das geflügelte Wort vom „Splinternet“, der Aufteilung des Internets nach nationalen, kommerziellen oder technologischen Interessen, plötzlich die Runde. 

Besonders ins Brennglas der Beobachtung ist unterdessen wieder einmal Facebook gerückt, das seit Jahren mit der Verbreitung von Falschnachrichten zu kämpfen hat. Seit Kriegsbeginn ist das weltgrößte Social Network in Russland nach Eingriff der russischen Behörden nur noch eingeschränkt zu nutzen. Facebook könne seinen Faktencheck nicht mehr wie gewohnt durchführen und Nachrichten der Staatsmedien nicht mehr als solche ausweisen, teilte das US-Unternehmen mit.

Sowohl Facebook als auch YouTube und Twitter erteilten russischen Staatsmedien zudem einen Werbestopp, der sich kaum auf ihre Unternehmensbilanz auswirken wird. Entsprechend unbeeindruckt vom Krieg notieren die Aktien seit Ausbruch vor einer Woche – die GAFAMs tendieren mit dem Markttrend, der wiederum von der Einpreisung der Inflationserwartungen bestimmt wird. Herbe Verluste hatten Techaktien bereits in den Monaten zuvor in Sorge um steigende Leitzinsen erlitten.     

+++ Short Tech Reads +++

Cult of Mac: Apple kündigt neues Presse-Event am 8. März an 

Neue Apple-Produkte, bitte: Bereits am nächsten Dienstag, dem 8. März, lädt der wertvollste Konzern der Welt wieder zu einer virtuellen Presseveranstaltung. Marketing-Chef Greg “Joz” Joswiak kündigte das Event in einem Tweet mit den Worten “Peek performance. March 8th. See you there. #AppleEvent.” an. Erwartet werden bei der alljährlichen Frühjahrs-Keynote ein neues iPhone SE mit 5G, neue iPads (mutmaßlich das iPad Air 5) und möglicherweise neue Macs. 

Reuters: Amazon kündigt Schließung von 68 Einzelhandelsgeschäften an

Auch Amazon will nicht alles gelingen: Der E-Commerce-Gigant will seine 68 Pop Up- und Buchläden in den USA und England wieder schließen, berichtet Reuters. Insgesamt kann das physische Einzelhandelsgeschäft nicht mit dem Wachstum des Onlineangebots mithalten.  

CNBC: Das deutsche Fintech N26 will bis Ende des Jahres an die Börse 

Deutschland könnte noch in diesem Jahr ein Fintech-Einhorn an der Börse haben. N26-Co-CEO Maximilian Tayenthal bestätigte gegenüber dem Finanzinformationsdienst CNBC, dass die 2013 gegründete Direktbank für die Smartphone-Generation bis Ende des Jahres „strukturell börsenfähig“ sei. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im vergangenen Herbst wurde N26 bereits mit neun Milliarden Dollar bewertet – und damit fast so viel wie Deutschlands zweitgrößtes Kreditinstitut, die Commerzbank. 

+++ One more Thing: Mark Zuckerbergs familiäres Abendritual +++

Meta-Chef Mark Zuckerberg erlebt in diesen Tagen fraglos die schwerste Zeit seit der Gründung seines Social Media-Unternehmens vor 18 Jahren. Der Absturz der Meta-Aktie ist historisch: Der Kursverlust betrug vergangene Woche kurzzeitig mehr als 50 Prozent, mehr als eine halbe Billion Dollar an Börsenwert hat sich damit inzwischen in Luft aufgelöst.

Die bestmögliche Ablenkung vom Börsenniedergang, der Zuckerbergs Vermögen binnen eines halben Jahres um und auf 75 Milliarden Dollar halbiert hat, dürfte der 37-Jährige im Kreis seiner Familie finden. Wie der zweifache Familienvater am Wochenende in einem zweistündigen Podcast mit Lex Fridman verriet, pflegt Zuckerberg mit seinen beiden Töchtern ein besonderes Abendritual: Er spricht darüber, was ihnen am wichtigsten im Leben ist und worauf sie sich in Zukunft am meisten freuen, was in diesen schwierigen Zeiten gar nicht so einfach sei.     

Ein anderes Abendritual enthüllte Zuckerbergs Frau Priscilla Chan im vergangenen Herbst: Bereits im Alter von drei habe der Facebook-Chef angefangen, seiner Tochter August – wohl gemerkt: im Alter von drei – Programmieren beizubringen

Da kann ich eindeutig nicht mithalten und bleibe dabei, meinem kleinen Sohn Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen, die ich gestern um Zuckerbergs Zukunftsfragespiel erweitert habe. Klare Antwort: „Polarexpress, Papa!“ Immerhin: Auf eines ist in diesen bewegten Zeiten noch Verlass. Ich bin froh, dass unser Kind noch zu klein ist, den Wahnsinn der letzten Woche zu verstehen. Was für eine Dekade sind die 20er, bitte, bisher?

Auf bessere Tage – bis nächste Woche!

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