Anzeige

Gastbeitrag

Krieg in der Ukraine: Was das Publikum wissen muss, was Medien beachten sollten

Foto: Imago / Itar-Tass

Kritischer Journalismus ist ein Rückgrat demokratischer Gesellschaften. Ihn kennzeichnet, dass er die Grautöne von Ereignissen und Themen aufzeigt. Wir müssen aufpassen, dass auch beim Berichten über den Angriffskrieg Putins auf die Ukraine diese Stärke erhalten bleibt, schreibt die Medienethikerin Marlis Prinzing in einem Beitrag für MEEDIA.

Anzeige

Von Marlis Prinzing

Um Zweifel gar nicht aufkommen zu lassen: Dieser Krieg gegen einen souveränen Staat ist völkerrechtswidrig. Aber auch wenn es weltweit große Einigkeit in diesem Verständnis der aktuellen Lage in der Ukraine gibt, sollten gerade wir uns in der Berichterstattung auf die (europäischen) Werte stützen, auf denen im Kern auch die journalistische Berufsethik beruht. Autokratische Systeme kennen fast nur die Schwarz-Weiß-Sicht, sie vertrauen auf Propaganda und fürchten sich vor kritischen Medien.

Vier Aspekte sind aktuell zentral: Professionelle Distanz halten, Sorgfalt wahren, sensibel bleiben (etwa bei diskriminierenden Zuschreibungen oder „Wahnsinns“-Ferndiagnosen) und mittelfristig eine Kehrtwende hin zu mehr Auslandsjournalismus für ein differenziertes Bild der Welt.

Die professionelle Distanz halten

Zur Stärke von Demokratien gehören die Fähigkeit, auch andere Ansichten auszuhalten sowie der differenzierte Blick und ein Gespür für professionelle Distanz. Das macht die Seite Eins der gedruckten „Bild-Zeitung“ vom 2. März grenzwertig: „Wir gegen Putin“, „wir vereint“. Da schwingt ein Hoch mit auf den patriotischen Journalismus, auf eine mediale Kriegsführung und Quasi-Kriegsbeteiligung der deutschen Bevölkerung. Doch was, wenn auch dieser Krieg, wie eigentlich alle Kriege, schmutzig wird? Wenn es zu Kriegsverbrechen auf allen Seiten kommt? 

Zur Person

Marlis Prinzing ist Studiendekanin am Campus Köln der Hochschule Macromedia, Local Head der Kölner Wirtschaftsfakultät sowie Professorin für Journalistik.

Ihre journalistische Laufbahn begann sie bei einer Regionalzeitung.

Als freie Journalistin schrieb sie für „Die Zeit“, die „Financial Times Deutschland“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Am Tag des Kriegsbeginns, am 24. Februar, appellierte bei „Bild“ die ukrainische „Lehrerin Milla“, ihrem Land endlich mit Waffen zu helfen. Sie wurde als Augenzeugin und Kennerin der Lage präsentiert und sollte offenbar der Position der Redaktion zusätzlich Gewicht verleihen. Sie war also gleichsam eine „opportune Zeugin“, wie man in der Kommunikationswissenschaft sagt. Wenn jemand auch deshalb zu Wort kommt, weil er ausspricht, was die Redaktion so deutlich nicht sagen kann oder möchte.

Superheikel war dies auch, weil herauskam, dass sie anscheinend aus Deutschland zugeschaltet wurde und gar nicht, wie es den Eindruck hatte, direkt aus Kiew. Die Redaktion hatte zumindest nicht genügend getan, um hier den falschen Eindruck zu zerstreuen. Ein fatales Versäumnis!

Immer und ganz besonders in Zeiten des Krieges müssen sich die Menschen auf beiden Seiten der Front auf glaubwürdige Informationen verlassen können; und weil der Zugang zu Informationen sowie deren Überprüfung dann noch schwieriger ist als ohnehin, ist dies oft eine immense Herausforderung. Es irritiert noch dazu, wenn in einem Land wie Deutschland, in dem Medien frei berichten können, einzelne ohne Not ihr Publikum manipulieren.

Der Krieg in der Ukraine stellt die Nachrichtenredaktionen der Welt auf die Dauerprobe. Meist geht es nicht darum, ob zu berichten ist, sondern wie. Ein ethischer Kompass hilft beim Kernhandwerk: einordnen. Nur so lassen sich zentrale Fragen sachgerecht beantworten: Wie sehr soll man jemanden in Szene setzen ohne ihn heldenhaft überhöhen? Haben wir Nationalismus hinreichend vermieden? Genügend Empathie für das Leid vor Ort gezeigt, ohne die Leidenden vorzuführen?

Viele Medien, international und in Deutschland, leisten Hervorragendes. Sie setzen auf Information statt auf Meinungsmache, auf Belegbares statt auf Spekulation, widerstehen also der Versuchung, auch Dinge zu verbreiten, die nicht bestätigt sind, aber den Menschen falsche Bilder in die Köpfe setzen würden.

Richtig oder falsch? Sorgfalt als Herausforderung

Die russische Armee greift Ziele in der ganzen Ukraine an. Soziale Netzwerke werden geflutet mit Bildern und Videos von Panzern, Angriffen und Menschen auf der Flucht. Vielem davon kann man nicht trauen. Sich dessen bewusst zu sein, ist der erste Schritt, der einen davor bewahrt, Täuschungen auf den Leim zu gehen.

Etliche Medien haben längst professionelle Faktencheck-Teams eingesetzt (zum Beispiel der #Faktenfuchs, Correctiv und neu ein globales Netzwerk #UkraineFacts), die zudem erklären, was jede und jeder tun kann, um grobe Manipulationen und Täuschungen zu entdecken. Zusammengefasst ergeben sich vier Punkte für den Basischeck, den jeder Mediennutzende machen kann:

  1. Grundskeptisch bleiben, wenn man die Quellen nicht kennt.
  2. Recherchieren: Lässt sich herausfinden, wem das Profil gehört, über das eine Mitteilung kommt? Enthält eine Website ein Impressum mit Hinweisen? Ist die Person bei einem Medium, das als unabhängig und seriös gilt? Bestätigen unterschiedliche Quellen ein- und dieselbe Information? Was ergibt die Recherche in Bildersuchmaschinen (etwa von Google oder Tineye): Wurde ein Bild verändert? Oder bearbeitet?
  3. Zurückhaltung: Es gehört zur Publikumsethik, auch nichts zu teilen, bei dem man nicht sicher ist, ob es verifiziert ist.
  4. Schauen, ob sich die Faktenchecker-Teams oder etwa das Recherche-Kollektiv Bellingcat mit einer Behauptung, die einem merkwürdig vorkommt, befasst haben.

Weit verbreitet wurde ein Bild, auf dem zwei Kinder ukrainischen Soldaten salutieren. Das sollte belegen, dass das gesamte ukrainische Volk zusammensteht. Das Foto stammt aber aus dem Jahr 2016, erklärt etwa der Faktenfinder der „Tagesschau“ und zeigt, wie man das herausfindet. Noch etwas komplizierter und etwas für die Profis ist das Entlarven bei Videoaufnahmen oder sogenannten „Deep Fakes“, wo durch entsprechende Tools etwa Putin manipuliert wurde, der den Rückzug aus der Ukraine verkündete.

Auf der Hut sein tut durchgängig not. Facebooks Mutterkonzern Meta teilte am 27. Februar mit, dass man gefälschte Profile gelöscht habe, über die angebliche Journalisten oder Nachrichtendienste Falschinformation zum Krieg verbreitetet haben; deren Urheber soll eine Trollfabrik in Sankt Petersburg sein. Teilweise kann man solche Profile auch selbst „enttarnen“, weil sie oft mit Bildern versehen sind, die gar nicht existierende Personen zeigen, was man daran erkennen kann, dass sie „irgendwie“ künstlich wirken.

Sensibel gegenüber Zuschreibungen

Zuschreibung Eins: Es gibt bessere Menschen. Menschen gegeneinander aufzuwiegen ist unethisch. Die Solidarität mit der Ukraine hat gute Gründe. Aber die Begründungen beziehungsweise „Einordnungen“, die manche Journalisten und Journalistinnen anbieten, sind diskriminierend. Charlie D’Agata, Korrespondent des amerikanischen Senders CBS News in Kiew, fand, die Ukraine sei ein europäisches und zivilisiertes Land, sie lasse sich nicht mit Afghanistan oder mit dem Irak vergleichen. Eine solche Formulierung erzeugt einen Kausalzusammenhang, der diskriminierend wirkt und uns hellhörig machen muss, zumal es keine Einzelbeispiele sind. Daniel Hannan wundert sich im „Telegraph“, dass nun ein Krieg plötzlich nicht mehr die armen Länder treffe („The Telegraph“: „They seem so like us. That is what makes it so shocking. War is no longer something visited upon impoverished and remote populations. It can happen to anyone.“).

Gabor Steingart bemüht in der Talkshow „Hart aber Fair“ am 28. Februar religiöse Attribute. Die aus der Ukraine Flüchtenden seien Christen, weshalb er sich vorstellen könne, dass es nun besser funktioniere als 2015 mit den syrischen Flüchtlingen. Zudem, so Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse, kämen ja jetzt Frauen, Mütter und Kinder; die ukrainischen Männer hingegen blieben, um ihr Land gegen die russischen Truppen zu verteidigen. All dies blieb unwidersprochen. Jedenfalls in der Talkshow. Die „Washington Post“ beispielsweise thematisiert die sich hier offenbarende rassistische Schlagseite in manchen westlichen Medien ausführlich, ähnlich das Medienmagazin „Übermedien“.

Medienethikerin Marlis Prinzing fordert, dass der Auslandsjournalismus gestärkt wird – Foto: Martin Jepp

Zuschreibung Zwei: Ferndiagnose Wahnsinn. Ethisch problematisch sind auch die Ferndiagnosen, Putin sei krank, wahnsinnig, verrückt, durchgeknallt, ein Monster. Solche Zuschreibungen zu unterlassen, ist medien- sowie medizinethisch geboten und als „Goldwater-Regel“ im Handbuch American Psychiatric Association (APA) niedergeschrieben. Sie geht auf den Wahlkampf 1964 in den USA zurück, als über tausend Psychiater aus der Distanz Kandidat Barry Goldwater für aus psychologischen Gründen heraus ungeeignet für das Präsidentenamt erklärten.

Daran knüpfte jetzt am 2. März Matthias Koch für das „RND“ an und rief den bewussten Regelbruch aus: „Was aber ist mit dem Geisteszustand von Wladimir Putin? Bei dieser Frage geht es um den Weltfrieden. Und deshalb darf man sich hier über die Goldwater-Regel getrost hinwegsetzen“, heißt es. Er verweist auf den Psychiater Ian Robertson, der für ihn nun zum opportunen Zeugen wird. Robertson habe 2014 bereits „die Gefahr, die in Wladimir Putins Gehirn lauert“ beschrieben: Putin sei extrem machtorientiert, dulde keinen Widerspruch, verachte Menschen und Institutionen, die seine Macht einschränken könnten. Kurz vor dem Einmarsch in die Ukraine habe er, Koch, mit Robertson telefoniert, ob Chancen für die Frieden bestünden, und ein Nein als Antwort erhalten. Nun habe er ihn erneut um eine Einschätzung gebeten, ob Putin „wenigstens vor dem Einsatz von Atomwaffen zurückschrecken werde“. Und wieder sehe der Psychiater schwarz, zitiert ihn Koch: Putin würde nicht „zögern, auch den nächsten, für viele noch undenkbaren Schritt zu gehen“. Der Westen müsse auf eine Palastrevolution hoffen, schließt Koch seinen Kommentar.

Oder man setzt auf einen russischen Oligarchen, der aus dem Exil in den USA heraus auf Facebook einen Steckbrief im Wildweststil postet und ein Kopfgeld von einer Million Dollar auslobt. Auch er erhält dafür hohe mediale Aufmerksamkeit – und dies überwiegend ohne, dass dabei dieses „Angebot“ in Frage gestellt wird.

Auslandsjournalismus stärken

Die Politik will Deutschland mit Waffen aufrüsten. Medien sollten einordnen, was dies bedeutet. Vor allen Dingen aber sollten sie die Bevölkerung mit Wissen aufrüsten. Zumindest mittelfristig.

Da kommt eine Studie der Otto Brenner Stiftung, freilich ungeplant, zur rechten Zeit. Das Resümee von Autor Marc Engelhardt, der selbst Korrespondent ist (gegenwärtig in Genf): Die weißen Flecken in der deutschen Auslandsberichterstattung sind groß, weite Teile der Welt sind medial unsichtbar. Das führt in den Medien und damit in den Köpfen der Menschen zu einem verzerrten Bild der Welt. Untersucht wurden 23 auflagenstarke überregionale und regionale Tageszeitungen einschließlich Onlineausgaben in der Dekade 2010 bis 2019; hinzu kamen Interviews und eine Umfrage unter deutschen Auslandskorrespondenten und -korrespondentinnen.

Der Fokus auf bestimmte Länder spitzte sich zu, erläutert Engelhardt. Auf Platz Eins: die USA, mit weitem Abstand gefolgt von Großbritannien, Frankreich und Österreich; Russland ist auf Platz fünf, die Ukraine auf Platz 16. Über die USA wurde mehr als 100.000 Mal berichtet, 34 Länder hingegen wurden in einer ganzen Dekade weniger als fünfzigmal erwähnt, darunter auch Länder in der Sahel-Region, die geostrategisch eigentlich relevant wäre. Obwohl die Bundeswehr an einem Einsatz in Mali beteiligt war, wurde auch von dort nur isoliert und nicht ständig informiert. Eine Zahl der Beiträge speist sich aus Pressereisen, was auch bewirkt, dass es kaum kritische Einordnungen etwa der Entwicklungen im Land gibt.

Der gegenwärtige Schrumpftrend ist nicht neu, aber anhaltend. Die Gründe sind vielfältig. Gekürzte Redaktionsbudgets, weniger Sendezeit und Sendeplatz, weniger Personal. Das erzeugt zudem hohen Druck, der zusätzlich wächst, weil weltweit die Zahl autoritärer Systeme zunimmt und dort journalistisches Arbeiten durch staatliche Repression und Propaganda erheblich beeinträchtigt wird. Die Pandemie hat die Lage noch verschärft.

Engelhardt verlangt eine Kehrtwende. Sie erfordere dreierlei:

  • Eine Debatte darüber, wie Auslandberichterstattung als eine Public Value für unsere Gesellschaft erbringende, bedeutsame Dienstleistung finanziell gesichert werden kann.
  • mehr globales Engagement Deutschlands für die Pressefreiheit als zentrale, journalistisches Arbeiten sichernde Norm.
  • darauf aufbauend ein gestärktes Korrektiv durch Korrespondenten und Korrespondentinnen vor Ort.

Der Krieg in der Ukraine macht klar, wie notwendig hier die Kehrtwende ist.

Anzeige