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Krieg in der Ukraine

ARD in der Kritik: Man kann den Krieg nicht vom Tellerrand bewerten

Brennpunkt Das Erste vom 2.3.

Unter dem Eindruck des Kriegs gegen due Ukraine sind der "Brennpunkt" im Ersten und die "Tagesschau" gefragt wie keine andere Sendung im deutschen Abendprogramm. Damit einher geht auch eine Verantwortung, der der Sender nicht immer gerecht geworden ist. Das soll sich jetzt ändern – Foto: Screenshot Brennpunkt Das Erste

Während Putin versucht, die Informationen über seinen Angriffskrieg in der Ukraine zu beschränken, gibt es bei der größten Sendeanstalt in Deutschland ein anderes Problem: es gab wenig eigene Informationen aus dem Krisengebiet, weil Korrespondenten nicht mehr vor Ort waren. Das wirft ein schlechtes Licht auf die ARD.

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Der Krieg in der Ukraine läuft seit dem 24. Februar. Seit dem 22. Februar gibt es fast jeden Tag einen „Brennpunkt“ im Ersten. Und seit dem Vorrücken der russischen Armee rücken die eigenen Korrespondenten der Sendeanstalten aus dem Kriegsgebiet, an den Rand oder außer Landes. Jetzt hat der WDR mitgeteilt, dass wieder ein ARD-Korrespondent in die Ukraine gereist sei und man die Einreise weiterer Teams vorbereite. Nach tagelanger Kritik. Das Informationsbedürfnis zu den Geschehnissen in der Ukraine ist riesig, genauso wie das Angebot. Ganz vorne bei den Einschaltquoten ist seit Kriegsbeginn das Erste mit der „Tagesschau“ oder den aktuellen Brennpunkten. Ganz vorne in der Berichterstattung waren sie nicht. Nämlich nicht vor Ort. Dagegen haben die ARD-Anstalten die Ukraine gekonnt umzingelt, etwa mit Berichten aus dem Grenzgebiet zu Polen, Ungarn oder der Slowakei oder flankiert mit Einschätzungen aus Moskau. Aber immer dann, wenn direkt aus dem Kriegsgebiet berichtet wurde, gab es keine Live-Schalte zu einer eigenen Journalistin oder einem Journalisten im Land, sondern zu einer Abgeordneten, zu Flüchtlingen oder einer ukrainischen Journalistin – die allesamt ihre sehr persönlichen Erfahrungen wiedergegeben haben. Das ist alles eindrücklich, keine Frage. Aber was fehlt, ist die journalistische Einordnung der Geschehnisse. Statt Bilder und Videos aus den sozialen Medien, die alle eine Wiederholung des gleichen Schreckens sind und teilweise nicht verifiziert werden können, brauchen wir kenntnisreiche Hintergründe von Experten, auch vor Ort. 

CNN, „Bild“ und ZDF berichten aus der Ukraine, ARD über die Ukraine

Dass dies möglich ist, zeigen nicht nur BBC und CNN, sondern auch die „Bild“. Während die ARD ihre Korrespondenten abgezogen hat, ist Paul Ronzheimer wieder einmal direkt zum Geschehen gereist, berichtet aus Kyjiw. „Bild“ hat auch noch weitere Journalisten in der Ukraine. Für den „Spiegel“ befinden sich aktuell fünf Journalistinnen und -Journalisten in der Ukraine. Christian Esch, sonst eigentlich in Moskau, und Alexandra Rojkov berichten aus der Hauptstadt. Dass dies wirkt, zeigen auch die Zahlen. 57 Prozent Zuwachs an Onlinevisits verzeichnet man bei dem Hamburger Magazin im Vergleich zur Vorwoche, ein überdurchschnittlicher Anstieg, der nicht nur dem reinen Informationsbedürfnis der Lesenden zuzuschreiben sein dürfte, sondern sicherlich auch der Qualität der Berichterstattung.

Auch das ZDF ist vor Ort im Krisengebiet

Der öffentlich-rechtliche Gegenpart der ARD, das ZDF, hat mit Katrin Eigendorf eine Kennerin in der Kriegsberichterstattung und des postsowjetischen Raums in der Ukraine – zum Erscheinen dieses Artikels berichtet sie aus Chmelnyzkyj, zwischen Lwiw und der Hauptstadt. Auch die ARD hatte Korrespondenten vor Ort. Ina Ruck etwa war zum Ausbruch des Krieges noch in der Hauptstadt und reiste dann über die Grenze zu Rumänien aus, als die Lage zu kritisch wurde. Und das ist richtig. Kein Mensch soll sich selbst in Gefahr bringen müssen, wenn er nicht in dieser Situation im Lande sein möchte. Nicht jeder Mensch ist ein Paul Ronzheimer. Nur: Es gibt sie die Berichterstatterinnen und Berichterstatter. Die Frage ist, warum sie in den Anfangstagen des Krieges nicht für die ARD berichtet haben. Während es bei anderen Medien möglich war – zwischenzeitlich hat das Erste sogar auf den Korrespondenten des ORFs vor Ort zurückgegriffen – bleibt der ARD nur der Blick vom Tellerrand. Es ist gut, dass sich das jetzt ändert und ein wichtiger Schritt für eine qualitative Berichterstattung. Denn dieser Krieg hat gerade erst begonnen. Es ist schlecht, dass die mit Abstand größte deutsche Sendeanstalt so lange für diesen Schritt gebraucht hat. 

Korrekturhinweis: In der ersten Version war noch zu lesen, dass die ARD in der Anfangsphase des Krieges gegen die Ukraine keine Korrespondenten im Krisengebiet gehabt hätte. Das stimmt so nicht. Die Korrespondenten, die vor Ort waren, wurden erst nach ein paar Tagen aus dem Gebiet abgezogen bzw sind ausgereist.

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