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Krieg in der Ukraine

Wie russische Desinformation in deutsche Medien kommt

So berichten deutsche Medien über den Angriffskrieg von Putin

Genauigkeit in der Sprache ist wichtig – das gilt im Journalismus jetzt noch mehr als in friedlicheren Zeiten. Wer den Angriff auf die Ukraine als "Militäroperation" bezeichnet, der übernimmt die Sprachregelung aus dem Kreml und damit auch die Sichtweise des Kremls. Die Anführungszeichen sind der mindeste Abstand dazu, den man als Medium leisten können sollte – Foto: Screenshot Google

Genauigkeit in der Sprache ist wichtig – das gilt im Journalismus jetzt noch mehr als in friedlicheren Zeiten. Ein Blick in die deutschen Medien zum Einmarsch in die Ukraine zeigt, dass es noch viel zu tun gibt.

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„Ein furchtbarer Tag für die Ukraine und ein düsterer Tag für Europa“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz in seinem Statement vor der Hauptstadtpresse. Und, leider muss auch das gesagt werden, es ist eine düstere Zeit auch für die Presse selbst. Das erste Mal wurde das heute morgen beim Einschalten des Deutschlandfunks klar, als in den Nachrichten von einer Militäroperation die Rede war. Militäroperation. Der Einmarsch in Ukraine. Die Sprachwahl macht sprachlos. Eine schnelle Recherche ergab, woher diese Bezeichnung stammt: „Ich habe beschlossen, eine Sonder-Militäroperation durchzuführen.“ Wer hat’s gesagt? Russlands Präsident Putin war’s, in seiner Fernsehansprache. Schaut man, was Google zum Stichwort „Militäroperation“ noch zu bieten hat, dann wird schnell klar, dass einige Medien, vom „Spiegel“, über BR24 bis „T-online“ den Duktus übernommen haben. Manche setzen das Wort in Anführungszeichen, um die Distanz klar zu machen, andere verzichten darauf. Dafür schrieben „T-Online“ und Deutschlandfunk in ihren Beiträgen, dass Putin den „Einsatz“ „genehmigt“ habe. Wer den Angriff auf die Ukraine als „Militäroperation“ bezeichnet, der übernimmt die Sprache aus dem Kreml und damit auch die Sichtweise des Kremls. Die Anführungszeichen sind der mindeste Abstand dazu, den man als Medium leisten können sollte, aber sie reichen bei weitem nicht aus.

Dieselbe Problematik zeigt sich auch bei der Zielsetzung der „Operation“. Laut Putin handele es um den „Schutz der Menschen, die seit acht Jahren Misshandlung und Genozid ausgesetzt sind“.. Denselben Satz kann man im Intro beim „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ lesen: der Kremlchef möchte „die Menschen in den Regionen Donezk und Luhansk ‚schützen'“. Die Lüge steht zwar in Anführungszeichen, aber sie steht trotzdem dort. Auch wenn danach folgt, dass Kiew von einen Angriffskrieg spricht, wir sind hier nicht in einer Situation des Ausgleichs. „He said – she said“ ist hier fehl am Platze.

Es geht nicht darum, ein Appeasement mit Worten zu finden, wo es nicht angebracht ist. Es geht nicht darum, in Worten freundliche Diplomatie zu pflegen, um Schlimmeres zu verhindern. Es geht auch nicht darum einen Krieg herbeizureden. Denn Krieg herrscht bereits in der Ukraine und das nicht erst seit gestern, sondern seit 2014. Aber seit heute herrscht ein Angriffskrieg. Und Russlands Präsident Putin hat sich dazu entschlossen, diesen Krieg unter fadenscheinigen Begründungen zu führen. Es ist ein völkerrechtswidriger Angriff auf die Souveränität eines Landes nach einem medial ochestrierten Pseudo-Hilferuf zweier Separatistenregionen. Warum es übrigens auch nicht angebracht ist von der Ukraine-Krise zu sprechen, das hat die Journalistin Gesine Dornblüth im Deutschlandradio Kultur sehr gut erklärt

„Berliner Zeitung“ betreibt Hofberichterstattung

Die Spitze des Eisbergs der falschen Formulierungen findet sich übrigens in der „Berliner Zeitung“, darauf machte „Tagesspiegel“-Redakteur Julius Betscka auf Twitter aufmerksam. Unter dem Titel „Ukraine: Rebellen rufen russische Armee zu Hilfe“ kann auf knapp dreitausend Zeichen die russische Regierungsseite nachgelesen werden. Ohne Einordnung. Da ist von den „Volksrepubliken Donezk und Lugansk“ die Rede, von einem „Hilferuf“ als „Abwehr der Aggression der ukrainischen Streitkräfte“.

Kreml-Sprecher Peskow darf im Artikel von Diktatoren als den „Staatsoberhäuptern dieser Republiken“ reden ohne einen Widerspruch der „Berliner Zeitung“ befürchten zu müssen. Unterm Strich kann man hier im Unterschied zum Deutschlandfunk auch nicht von fehlendem Feingefühl oder nicht vorhandenem redaktionellem Wissen sprechen, sondern von einer bewussten Entscheidung zur Hofberichterstattung.  

Neben dem noch genaueren Factchecking sind zwei Dinge für die Berichterstattung wichtig: 

  1. Tatsachen müssen also solche benannt werden. 

Der Angriff von Putin ist ein Krieg. Es handelt sich um eine schwere Verletzung des allgemeinen Gewaltverbots der Charta der Vereinten Nationen nach Artikel 2 Absatz 4. 

2. Es darf keinen Platz für Nationalismen geben

Dieser Krieg darf nicht als ein Gegeneinander der Völker inszeniert werden. Diesen Konflikt „den Russen“ und „Belarussen“ zuzuschreiben führt zu einer Entmenschlichung von Nationen, die im Zweifel genauso wenig hinter diesem Angriff auf einen souveränen Staat stehen, wie es bei der Bevölkerung hierzulande der Fall ist.   

Wie sind als Journalistinnen und Journalisten in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich Desinformation nicht gegen Information durchsetzt. Dass das nicht leicht ist, zeigt der journalistische Alltag, der vor allem von Schnelligkeit und Hektik geprägt ist. Im Zweifel müssen Behauptungen neu eingeordnet und Artikel revidiert werden. Kein Problem. Ein Problem ist es, wenn bereits im Vorfeld Deutungen einer Seite übernommen werden. Dabei spielt es keine Rolle, von welcher.  

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