Anzeige

Die GAFAM-Kolumne

Der historische Tech-Börsencrash von 2022

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

2022 ist nicht einmal zwei Monate alt, doch Besitzer von vielen Techaktien haben bereits die Gewinne von Jahren wieder hergegeben, so erbarmungslos ist der große Börsencrash. Es spricht vieles für eine harte Zeitenwende: Die fetten Jahre sind vorbei, doch Big Tech ist für die neue Krisenzeit noch am besten positioniert.

Anzeige

Haben Sie heute schon ins Portfolio geschaut? Dann haben Sie vermutlich keine oder wenige Techaktien im Depot. Deren Anblick ist dieser Tage ein Bild des Jammers. Keine andere Anlageklasse kam in den letzten Monaten so brutal unter die Räder wie die Techindustrie. 

Die Gründe für den Niedergang sind zahlreich. Da ist die Inflation, die die Spiegelregeln an den Kapitalmärkten verändert, weil die Notenbanken in den USA (und vermutlich auch bald in Europa) an der Zinsschraube drehen werden, um dem Preisdruck und der Geldentwertung zu begegnen. Wenn es nun nach einer Dekade-langen Periode ohne nennenswerte Verzinsung plötzlich wieder auf dem schnöden Sparbuch Monat für Monat sicher mehr zu holen gibt, sinkt entsprechend die Risikobereitschaft für Wachstumswerte – also Technologieaktien.

Und dann ist da noch der sich immer weiter verschärfende Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der seit Donnerstag zum Krieg geworden ist und damit natürlich auf die Kurse drückt. Abgesehen von der humanitären Katastrophe droht ein neuer Ölpreisschock – und damit ein noch stärkerer Gegenwind für die Weltwirtschaft. In anderen Worten: Es hat sich in den vergangenen Monaten der perfekte Sturm zusammengebraut – alles ist angerichtet für ein veritables Horrorjahr an den Weltbörsen

Das gilt im Besonderen für konjunktursensitive Technologieunternehmen, die traditionell als Risikoinvestment gelten. Wer die Techbranche über Jahrzehnte verfolgt hat, weiß, wie schnelllebig die Industrie ist. Im Gegensatz zu Klassikern der Weltwirtschaft wie Procter & Gamble, Nestlé, Coca-Cola oder McDonalds sind selbst die wertvollsten GAFAM-Champions nur so gut wie ihre letzte Innovation.  

Apple und Microsoft wurden zwar in den 70ern geboren, erlangten die alles dominierende Relevanz jedoch erst in den 90er- bzw. Nullerjahren. Das Gleiche gilt eine Dekade später für Amazon, Google und Facebook, das sich als erstes Unternehmen der großen Fünf 18 Jahre nach der Gründung schon wieder auf dem absteigenden Ast zu befinden scheint – und im letzten halben Jahr atemberaubende 49 Prozent an Unternehmenswert verloren hat. Allein 2022 beträgt das Minus enorme 41 Prozent.

Die Kursverluste bei den andern vier fallen dagegen seit Jahresbeginn mit 12 (Apple, Alphabet), 15 (Amazon) und 16 Prozent (Microsoft) noch geringer aus als beim Vergleichsindex Nasdaq 100, der mehr als 18 Prozent seit Anfang Januar an Wert verloren hat. 

Doch die eigentlichen Verwerfungen haben sich längst unter der Oberfläche zugetragen. Die nächst hoch kapitalisierten Techunternehmen wie Nvidia, Tesla, Netflix oder PayPal haben heftige Abverkäufe zwischen 26 und 49 Prozent in gerade einmal acht Wochen erlitten, während ein Highflyer wie Shopify – bis vor wenigen Wochen noch ein Unternehmen mit einem Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar –, 2022 gar schon mehr als die Hälfte seines Wertes eingebüßt hat.

Tatsächlich ist der erdrutschartige Crash, der sich 2022 bei Technologieaktien ereignet, so dramatisch wie nur wenige Male in diesem Jahrhundert: Nicht einmal beim Platzen der Internetblase Anfang 2000 haben so viele Aktien an der Techbörse Nasdaq ein 52-Wochentief aufgestellt wie 2022.

In anderen Worten: Wir erleben bei Technologieaktien gerade einen absolut denkwürdigen Crash, der in einem Atemzug mit dem Corona-Crash vor zwei Jahren, dem Lehman-Crash 2009 und dem Dotcom-Crash vor 22 Jahren genannt werden kann. Die historischen Vorbilder könnten unterdessen unterschiedlicher nicht sein: Vor zwei Jahren wendete die Aussicht auf schnelle Liquidität durch die Notenbanken und den Staat die Coronakrise an den Weltbörsen ab. Techaktien sprangen wie ein Flummi zurück und wurden in der Folge in astronomische Höhen befördert, in denen sie nie hätten stehen sollen.

Junge Internetunternehmen wie Etsy, Fiverr oder Block bei 300 Dollar, Zoom bei knapp 600 Dollar, Shopify bei 1700 Dollar – es waren Notierungen aus dem Phantasieland. Zu ihren Allzeithochs vor gerade einmal zwölf Monaten wurden das Fintech Block, der E-Commerce-Anbieter Shopify oder der Stories-Erfinder Snap mit Unternehmenswerten von weit über 100 Milliarden Dollar gehandelt – und damit auf den Niveaus der Dax-Champions Linde, SAP, VW oder Siemens. Der Unterschied zu den deutschen Traditionskonzernen: Die Emporkömmlinge der amerikanischen (bzw. kanadischen Digitalwirtschaft) bringen es nur auf einen Bruchteil der Umsätze der Dax-Riesen, können aber – wenn überhaupt – alle paar Quartale mal ein paar Millionen Dollar Gewinn ausweisen. 

In anderen Worten: Nach einem eineinhalbjährigen Börsenrausch, der seinen Höhepunkt in den Spekulationsexzessen bei Meme-Aktien und Kryptowährungen gefunden hat, wachen die Märkte in diesen Wochen in der neuen Realität eines massiven Inflationsdrucks und steigender Zinsen auf und versuchen diese neuen Rahmenbedingungen einzupreisen.

Die Erfahrung von 2000 und 2008/09 lehrt jedoch, dass es länger dauern kann, sich an dieses neue Normal zu gewöhnen. Die Charts von an sich erstklassigen Techunternehmen wie Netflix oder PayPal haben so massiven Schaden genommen, dass an eine schnelle Rückkehr zu alten Höchstkursen kaum zu denken ist. Nach Crashs folgt – mit der großen Ausnahme von 2020 – fast immer eine längere Phase der Neuorientierung und Bodenbildung.

Wegen des veränderten Zinsumfelds spricht tatsächlich vieles für eine harte Zeitenwende: An den Weltbörsen, an den M&A-Märkten und bei vielen Tech- und Internet-Start-ups. Die Ära des leichten Geldes ist zu Ende, es zählt wieder die hartgegossene Münze. Der Zugang zum Venture Capital könnte schwerer fallen, Investoren schauen ganz genau auf den „Path to Profitability“. 

Entsprechend dürfte Big Tech für die neue Krisenzeit noch am besten positioniert sein – den enormen Barreserven und der immensen Cashflow-Produktion sei Dank. 

+++ Short Tech Reads +++

Nikkei Asia: Alibaba wächst so langsam wie nie

Seit mehr als einem Jahr befindet sich der chinesische Onlineriese Alibaba im beschleunigten Ausverkaufsmodus wegen immer neuer Regulierungen auf dem Heimatmarkt – nun kommt eine sichtbare Verlangsamung des Kerngeschäfts hinzu.

Am Donnerstag vor Handelsschluss legte Alibaba das Zahlenwerk für das abgelaufene 4. Quartal vor, das vor allem bei den Umsätzen enttäuschte: So legten die Erlöse nur noch um 10 Prozent auf rund 38 Milliarden Dollar zu, während der Nettogewinn nach Abschreibungen um 86 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar einbrach.  

New York Times“: Big Tech setzt weiter auf das Großraumbüro

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, doch das Licht am Ende des Corona-Tunnels scheint absehbar. Big Tech teilt diese Einschätzung und setzt weiter auf die Rückkehr ins Großraumbüro, wie die „NYT“ berichtet. 

CNBC: Elon Musk würde bei Einladung aus dem Weißen Haus „das Richtige tun“

Dass Tesla-CEO Elon Musk nicht der größte Fan von US-Präsident Biden ist, wissen aufmerksame Twitter-Leser schon länger.

Musk hatte sich zuletzt wiederholt darüber beschwert, Biden habe Tesla in seinen öffentlichen Bemerkungen ignoriert und stattdessen für seine Fortschritte im Elektroautosegment gelobt. In einem Email-Wechsel mit CNBC erklärte Musk indes, er würde „das Richtige tun“, falls er in das Weiße Haus eingeladen werde“ – und den Besuch annehmen.     

+++ One more Thing: Bitcoin ist keine Krisenwährung, der Kryptowinter ist da +++

Als ich an dieser Kolumne geschrieben habe, ist das Undenkbare eingetreten: Russland hat die Invasion in die Ukraine tatsächlich begonnen. Ich habe die ersten Bilder auf CNN verfolgt und mich dabei wie in eine Zeitkapsel zurückgesetzt gefühlt. In meine Teenagerzeit, als der erste Irakkrieg ausgebrochen war und CNN damals seinen großen Durchbruchsmoment hatte – 31 Jahre ist das jetzt her.  

Vor dem Hintergrund, dass wieder eine militärische Auseinandersetzung in Europa ausgetragen wird, erscheint in diesem Moment alles andere so ziemlich nebensächlich. Nur der Chronistenpflicht halber die Feststellung, dass die vermeintliche Krisenwährung Bitcoin keine ist – sie verlor in Reaktion auf den Militärschlag sofort fünf Prozent an Wert, während die traditionellen Krisenwährungen Gold und Silber reflexartig zulegten. 

Bitcoin wird von Anlegern weiter wie Technologieaktien als „Risk asset“ behandelt – und verliert entsprechend weiter an Wert. Bereits zu Wochenbeginn mehrten sich die Stimmen, dass die im vergangenen Jahr noch hoch gewettete Kryptowährung in einen längeren Bärenmarkt eingetreten ist – den sogenannten „Kryptowinter“.  

Auf bessere Tage – bis nächste Woche!

Anzeige