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Gastbeitrag von Annabelle Jenisch

Wie die Agenturbranche mit dem Thema Vereinbarkeit umgehen sollte

Annabelle Jenisch, neu in der Führung der Digitalagentur TLGG – Foto: Annabelle Jenisch

Annabelle Jenisch ist im Januar in die Geschäftsleitung von TLGG aufgerückt und im neunten Monat schwanger. Was selbstverständlich sein sollte, erzeugt Rede- und Erklärungsbedarf: Im Gastbeitrag schildert sie erste Reaktionen auf die Verkündung sowie Learnings, die „die Agenturbranche gesamt einmal mit in die internen Steuerungskreise nehmen könnte“, wie sie meint.

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Von Annabelle Jenisch

Zahlreiche Gespräche, die ich in den vergangenen Wochen über Vereinbarkeit und Gleichstellung führte, haben mir gezeigt: Es ist mehr als überfällig, dass die Agenturbranche endlich einen anderen Umgang mit dem Thema Vereinbarkeit findet. Solange wir die Vereinbarkeit von Lohn- und Care-Arbeit als „Frauen-Thema“ abtun, die Ausgestaltung in erster Linie weiblichen Individuen überlassen und das Ganze immer in Konkurrenz statt Bereicherung zu Karriere und Beruf sehen, wird echte Vereinbarkeit weiter auf sich warten lassen – und großes Potenzial im Wettbewerb um Fachkräfte verschenkt.

Erst kürzlich betonte der Branchenverband GWA, dass in den Mitgliedsagenturen derzeit über 2.000 Fachkräfte fehlen. Insgesamt, so die Schätzung der Verbandspräsidentin Larissa Pohl, fehlten in der Agenturszene insgesamt Tausende, wenn nicht gar mehr als zehntausend Mitarbeitende. Der weibliche Nachwuchs, ältere Kandidat*innen, Ehemalige, und Elternzeitrückkehrer*innen lächeln müde und sind: kein bisschen überrascht.

Kinder erfordern Flexibilität – nicht nur von Eltern

Ich bin in der privilegierten Position, mich (hoffentlich) nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden zu müssen. In der späten Phase meiner nun bald endenden Schwangerschaft wurde ich im Januar 2022 in die

Zur Person

Annabelle Jenisch ist gerade neu in die Geschäftsleitung von TLGG aufgerückt. In ihrer Funktion verantwortet sie die operative und kommerzielle Leitung der Berliner Omnicom-Agentur. Seit Anfang 2021 baut sie zudem die TLGG-Growth-Unit auf, die übergreifend von der Agentur TLGG und TLGG Consulting Unternehmen und Marken zu transformativen Wachstumspotenzialen berät. Jenisch ist zudem unter anderem Gründerin der Mind Conference. Als sie den Text im Januar schrieb, war sie im neunten Monat schwanger.

Geschäftsleitung von TLGG berufen. Dass ich bald Mutter sein sollte, stand dem nicht im Weg. Ich plane, recht früh nach dem Mutterschutz wieder zu arbeiten und die beiden Rollen als Mutter und Geschäftsleitung voll auszufüllen. Das wird sicher etwas Anlaufzeit brauchen, aber ich sehe in der doppelten Herausforderung keinen Widerspruch, im Gegenteil. Meine Arbeit erfüllt mich, macht mich zu einem ausgeglicheneren Menschen und damit zur bestmöglichen Mutter für mein Kind. Mein Muttersein wiederum wird mir neue Perspektiven und Fähigkeiten bescheren, die mich zur besseren Führungskraft machen.

Das war bei TLGG nicht immer selbstverständlich. Christoph Bornscheins Reaktion auf die Schwangerschaft seiner Co-Gründerin Fränzi Kühne – „Willst du uns ruinieren?“ – ist überliefert, genau wie seine nachfolgende Entschuldigung. So direkt seine Antwort war, so ehrlich war sie auch, denn wie Vereinbarkeit von beruflichen wie privat anspruchsvollen Jobprofilen funktioniert, musste auch TLGG erst lernen. Und es ist wirklich an der Zeit, dass Unternehmen – nicht nur Agenturen – mit genau der Flexibilität auf Kinder reagieren, wie es Eltern tun. Was TLGG angeht, heißt das: Ob mein Plan, sehr bald nach der Geburt wieder einzusteigen, aufgeht, wissen wir nicht. Ich werde zum ersten Mal Mutter, TLGG ist zum ersten Mal mit mir in dieser Situation. Der Vertrauensvorschuss und der Wille, es zu versuchen, die sind jedoch da, und dies ist der entscheidende Faktor.

Vereinbarkeit muss auch Vielfalt bedeuten

Flexibilität auf Unternehmensseite bedeutet auch, dass „Vereinbarkeit“ kein Konzept ist, das allein als Kostenfaktor in der Kalkulation auftaucht. „Vereinbarkeit“ ist schlicht ein Aspekt des weit größeren und gewinnbringenden Konzepts der Diversität. Verschiedene Hintergründe, Perspektiven, Philosophien und Lebensmodelle addieren sich zu einem klugen, flexiblen, wandlungsfähigen Unternehmen. Die Zeit der homogenen und exklusiven kreativen Kumpelklubs, die sich die Nächte um die Ohren ballern und stolz auf ihren Burnout sind, ist doch längst vorbei. Heute schaffen die verschiedenen Aspekte verschiedener Persönlichkeiten exakt die Vielfalt, die eine Welt und eine Branche im Wandel braucht. Eltern in all ihren Variationen sind ebenso ein Teil dieser Vielfalt wie alle anderen, die Care-Arbeit leisten, die Verwandte pflegen, sich ehrenamtlich engagieren. Unternehmen brauchen die Erfahrungen und die Empathie dieser Menschen und dafür ein entspanntes Verhältnis zur Komplexität anstelle eines Entscheidungsdrucks. Um das zu erreichen, bedarf es Dialog. Vielfalt bleibt ein Lippenbekenntnis, wenn wir als Unternehmen unserer Mitarbeitenden nicht ehrlich nach ihren Bedürfnissen befragen. Nur so können sie bestmöglich als ganzer Mensch ihren Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten.

Wieder einmal ist die Zeit der Krise eine Zeit der Chancen

Die ganze Agenturbranche steht unter gewaltigem Margendruck und leidet unter massiver Fluktuation. Es ist teuer, immer wieder Leute zu verlieren, Leute zu suchen, Leute neu einzustellen. Das wird sich nicht ändern, solange beim Recruiting der Versuchung nachgegeben wird, sich dann doch für vermeintlich vertrautere, einfacher in ein ohnehin größtenteils homogenes Team zu integrierende Kandidat*innen zu entscheiden. Gerade in Zeiten der Pandemie, des Remote Works als Standard und der Parallelität verschiedenster Rollen lassen sich vielfältige Modelle und Ansätze ausprobieren.

„Es ist nach wie vor konfliktfreier, Arbeit und Familie klar voneinander zu trennen, und manchen Frauen ist es wichtig, in erster Linie Mutter zu sein.“

Arbeitszeitmodelle, Kommunikationsstrukturen, Anreizsysteme – was brauchen Eltern, Väter, Mütter, Pflegende, Junge, Alte, Laute, Leise, um sich bei uns wohlzufühlen? Unsere soziale Prägung als Menschen und erst recht die branchenspezifische Prägung von Agenturen führen zu etlichen Biases. Insbesondere in Bewerbungsgesprächen, aber auch in der Karriereplanung mit eigenen Mitarbeitenden werden bekannte Muster und vermeintliche Erfolgskonzepte reproduziert. Durch Trainings und einen offenen Umgang mit Vorurteilen sollten Agenturen üben, diese bekannten Denk- und Bewertungsmuster abzulegen und so neuen, diverseren Erfolgskonzepten Raum zu geben.

Gesellschaft mitgestalten und dabei die eigene Position verbessern: vereinbar!

Natürlich ist das auch ein Nachfrageproblem. Auch unter jungen Kreativen sind konservative Rollenbilder verbreitet. Die erste Antwort eines männlichen Kollegen auf die Verkündung meiner Schwangerschafts- und Arbeitspläne war eine Gratulation, gefolgt von der Vermutung, dass das mit der frühen Rückkehr in die Agentur doch sicher nicht mein Ernst sei. Im Freundeskreis muss ich mir für meine Pläne im Jahr 2022 ebenso „Rabenmutter!“-Vorwürfe anhören wie 2015 die ähnlich planende TLGG-Gründerin Fränzi. Es ist nach wie vor konfliktfreier, Arbeit und Familie klar voneinander zu trennen, und manchen Frauen ist es wichtig, in erster Linie Mutter zu sein.

„Kolleginnen mit Kindern zweifeln sicherlich, ob wirkliche Diversität trotz faktischer Unterschiede zwischen Geschlechtern oder Personen mit und ohne Kinder etc. möglich ist – aber es ist alternativlos!“

Beide Entscheidungen verdienen tatkräftige Unterstützung im privaten und beruflichen Umfeld – auch dadurch, dass werdende und seiende Mütter eine echte Wahl haben. Ein berufliches Umfeld zu schaffen, in dem eine solche Wahl überhaupt getroffen werden kann, ist Verantwortung der Arbeitgeber*innen. Eine solche Art von Vereinbarkeit ist ein Lernprozess, den Agenturen, Teams und Individuen miteinander gehen. Ich sage nicht, dass es leicht ist. Kolleginnen mit Kindern würden sicherlich hier und da zweifeln, ob wirkliche Diversität trotz faktischer Unterschiede zwischen Geschlechtern oder Personen mit und ohne Kinder etc. möglich ist – aber es ist alternativlos! Ich freue mich sehr darauf, den Prozess der echten Vereinbarkeit voranzubringen. Fast so sehr wie auf mein Kind.

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