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Fehlende Transparenz in Verlagen

„Berliner Zeitung“ über das „Biotop Holtzbrinck“ – mehr als eine Retourkutsche?

Dieter von Holtzbrinck als absolutistischer Herrscher auf dem Cover der Wochenend-Beilage der "Berliner Zeitung" – Foto: Berliner Zeitung

Die „Berliner Zeitung“ kritisierte in ihrer Wochenendausgabe fehlende Transparenz und Vermischungen von Berichterstattung und Beteiligungen beim Holtzbrinck-Verlag. Man habe mit dem Artikel eine Debatte anstoßen wollen. Es riecht aber eher nach Retourkutsche.

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Ein echter Blickfang, der der „Berliner Zeitung am Wochenende“ da gelang: Verleger Dieter von Holtzbrinck im aristokratischen Gewand, stilisiert zum Verleger von Gottes Gnaden. Darüber die knallige Überschrift „House of Holtzbrinck“, in Anlehnung an die machthungrige, intrigierende Serienfigur Frank Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“.

Um eine Debatte anzustoßen, reicht nicht der einseitige Blick auf ein allgemeines Problem, meint MEEDIA-Redakteur Andreas Marx –Illustration: Bertil Brahm

Der Artikel „Schön & kuschelig: das Biotop Holtzbrinckhat es in sich. Schon im Editorial schreibt Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur der Wochenendausgabe der „Berliner Zeitung: „Wir hatten den Hinweis bekommen, dass Dieter von Holtzbrinck über die Beteiligungsgesellschaft ‚Dieter von Holtzbrinck Ventures‘ in Startups investiert, über die zugleich Holtzbrinck-Titel wie ‚Tagesspiegel‘, ‚Handelsblatt‘ und ‚Die Zeit‘ berichten, ohne die Holtzbrinck-Investments und mögliche Interessenkonflikte offenzulegen. Zufall oder System? Das sei die Frage, die man habe beantworten wollen – den Leser*innen zuliebe. „Die Leidtragenden dieses Systems sind vor allem die Leserinnen und Leser, die sich informieren und zugleich keine Kenntnis darüber haben, dass mögliche Interessenkonflikte bestehen. Doch auch Journalisten seien betroffen, wenn sie nichts über die wirtschaftlichen Verstrickungen zwischen Verlag und Protagonisten der eigenen Artikel wüssten. So weit, so richtig.

Nach dem Lesen stellt sich allerdings die Frage: Wenn die Intention der Anstoß einer Debatte gewesen sein soll („Zufall oder System?), warum wirft man dann keinen Blick auf die gesamte deutsche Verlagslandschaft? 

Fehlende Kennzeichnungen gibt es zuhauf 

Beginnen wir also mit Axel Springer Verlag, genauer gesagt mit dessen Joint Venture Plug & Play Accelerator, einem eigenständigen Unternehmen, welches zu gleichen Teilen der Axel Springer SE sowie dem Silicon-Valley-Investor Plug & Play gehört. Auf der Homepage finden sich viele IT-Unternehmen, in die der Verlag investiert hat. Nach kurzer Internet-Suche kann man feststellen: Die hausinternen Berichterstattungen weisen tatsächlich überwiegend korrekte Kennzeichnungen von Beteiligungen auf. So wie im Fall des Startups Instaff: Im Jahr 2018 berichtete gründerszene.de über jenes Unternehmen unter dem Titel „‘Im schlechtesten Fall werden wir nur ein 10-Millionen-Unternehmen’“. Dort findet sich der Hinweis, dass Plug & Play selbst 25.000 Euro beigesteuert habe. Ebenso korrekt gekennzeichnet ist ein Artikel über die Lernplattform Redi School, welche auch im Plug & Play-Portfolio gelistet wird. Über das Fintech-Unternehmen N26 berichtete „Die Welt“ sogar kritisch. Die Erwähnung einer Springer-Beteiligung findet sich jedoch nicht in einem Artikel über die Boot-Plattform Zizoo. Diesen findet man erst, wenn man der Verlinkung auf einen anderen Artikel folgt, der zwei Jahre zuvor veröffentlicht worden war. Gänzlich verzichtet wurde jedoch der Hinweis in einem Interview mit den Gründern von ZenMate, ebenfalls einer Plug & Play-Beteiligung. 

Andere Beispiele einer fehlenden Kennzeichnung lassen sich bei der Berichterstattung über die Joint-Venture-Beteiligungen von Burda Principal Investments finden. So informierte Burdas „Focus Online“ über das Startup The Female Company, ohne die Beteiligung des Verlags an jenem textlich zu erwähnen. Selbiges wurde in einem Artikel über das Startup Vinted verpasst, an dem Burda seit 2015 beteiligt ist; ebenso in der Berichterstattung über die Tierarzt-App Felmo. Hingegen wurde in einem Artikel über die E-Commerce-Website Etsy eine Beteiligung Burdas an jenem Startup korrekterweise erwähnt.  

Und bei Gruner + Jahr? Auch dort findet man nach kurzer Recherche Beispiele für die fehlende Kennzeichnung von Verlagsbeteiligungen und Berichterstattung; beispielsweise in einem Interview von „Business Punk“ und FabFab, an dessen Plattform Makerist der verlagseigene Venture-Fonds G+J Digital Ventures beteiligt ist. Oder in einer Watchlist (wieder „Business Punk“), in der Menschen vorgestellt wurden, die das Potential hätten, 2018 „etwas zu bewegen“. Auf dem fünften Platz der Slidebar: Chanyu Xu mit ihrem Startup Ono Labs (heute: Her1), das auch zum Portfolio von G+J Digital Ventures zählt. Obwohl nicht deutlich wird, ob die Beteiligungen vor oder nach Erstellung der Artikel beschlossen wurden: Eine nachträgliche Kennzeichnung stellt in der Regel kein Problem dar. 

Debatte oder Retourkutsche?

Berichte über Startups und Beteiligungen des eigenen Hauses sind also nicht nur beim Holtzbrinck-Verlag zu finden. Und das stellt ganz klar ein für den Journalismus ethisches Problem dar, wie auch im Artikel der „Berliner Zeitung“ richtigerweise festgehalten wird. So muss sich der Holtzbrinck-Verlag die Frage gefallen lassen, warum eigene Beteiligungen in Artikeln nicht transparent gemacht wurden. Auch die Berufung Gabriel Grabners in die Geschäftsführung des „Tagesspiegels“ – als Sohn von Michael Grabner (derzeitiger Aufsichtsratsvorsitzende der Holtzbrinck Mediengruppe) und Gesellschafter dessen Investmentfirma mit Beteiligungen an DvH Ventures – hat zumindest ein „Geschmäckle“. Doch das ist kein spezielles Problem des Holtzbrinck-Verlags, sondern eins der gesamten Branche. 

Jetzt könnte man argumentieren, dass „Whataboutism“ auch hier nicht weiterhilft. Doch eine Debatte wird nicht allein damit angestoßen, indem man ein Problem nur über einen Einzelfall betrachtet. Dass der Berliner- und der Holtzbrinck-Verlag eine gemeinsame Vergangenheit haben, die sogar einen Rechtsstreit nach sich zog, sollte aber nicht von einer notwendigen Diskussion abhalten. Immerhin war der „Berliner-Zeitungs“-Verleger Holger Friedrich selbst schon in der Kritik, weil in seinem Blatt nicht transparent geschäftliche Verbindungen aufgezeigt wurden. Dem anderen nun dieselben Fehler vorzuwerfen, die man selbst begangen hat, lassen die Vermutung zu, dass es sich um eine Retourkutsche handeln kann – auch wenn das eigene Verfehlen im Editorial der Wochenend-Ausgabe nochmals erwähnt wurde. 

Besser wäre es gewesen, die „Berliner Zeitung“ hätte damals schon den Versuch unternommen, eine Debatte anzustoßen, als sie in der Kritik stand. Immerhin: Eine Kennzeichnung, dass sich die „Berliner Zeitung am Wochenende“ mit der „Zeit“, dem „Handelsblatt“ und dem „Tagesspiegel“ im Konkurrenzverhältnis befindet, wurde korrekterweise vorgenommen. Pluspunkt dafür.

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