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Die GAFA-Kolumne

Facebook wird 18 – aber die Party fällt aus

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Facebook wird morgen schon 18 Jahre alt. In Partylaune dürften Nutzer nach den endlosen Datenschutzskandalen kaum sein. Für Facebook gilt das ebenfalls: Nach schwachen Quartalszahlen erlebte der Social Media-Pionier einen historischen Kurssturz, bei dem mehr als 200 Milliarden Dollar vernichtet wurden.

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber spätestens seit ich meine Vierzigerjahre erreicht habe, sind Geburtstage nicht mehr meine Sache. Wenn man einmal die Hälfte seines Lebens mutmaßlich überschritten hat, mischt sich in den vermeintlichen Ehrentag ein Schuss Melancholie.

Mit 18 hat man noch Träume: Das Erwachsenenleben bricht an, das ganze Leben liegt vor einem. Das muss gefeiert werden! Ob Facebook indes so richtig zum Feiern zumute ist, wage ich zu bezweifeln. Tatsächlich gehört nicht viel dazu, sich den morgigen Geburtstag – wirklich: der Mutterkonzern des Social Networks wurde am 4. Februar 2004 gegründet – als das traurigste Jubiläum des Silicon Valleys der jüngeren Vergangenheit vorzustellen. Mit 18 Jahren gleicht Facebook einem peinlichen Teenager, zu dessen Party ohnehin keiner kommen würde – so unbeliebt hat sich das weltgrößte Social Network in den vergangenen Jahren gemacht.

Die Liste der PR-Skandale („The Facebook-Files“) und Datenschutzverfehlungen ist so lang, dass sie die nächsten fünf Kolumnen füllen könnte – Facebook ähnelt in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen fast einem Geächteten. Der einstige Web 2.0-Pionier und das früher einmal coole Gründer-Wunderkind sind längst zum Synonym der Toxizität von Social Media geworden – für Scott Galloway ist Mark Zuckerberg seit langem „der gefährlichste Mann der Welt“.

Bei aller ätzender – und berechtigter – Kritik der Kara Swishers, Walt Mossbergs und Scott Galloways der Techwelt schien der erst 37-jährige Facebook-Chef dennoch stets das letzte Lachen auf seiner Seite zu haben.  Zuckerberg wird seit einem Jahrzehnt notorisch angefeindet, legte aber trotzdem – von kurzen Büßerposen abgesehen – immer wieder die Attitüde eines 18-Jährigen an den Tag, der um seinen Erwachsenenstatus weiß: „Du kannst mir gar nichts“ – so mächtig war der kurzzeitig sogar mit einer Billion Dollar bewertete Internetgigant in der Corona-Zeit geworden.

Das Erfolgsrezept war das gleiche wie beim Zigarettenkonsum: Facebook mochte so verpönt wie ein Tabakkonzern sein, doch die Begierde der Nutzer nach Social-Media-Zeitvertreib schien noch größer als bei einem Kettenraucher, der einfach nicht vom blauen Dunst lassen kann. Facebook, Instagram und WhatsApp mögen nicht gut für die mentale Gesundheit ihrer Nutzer sein, gescrollt, gelikt und gemessaged wurde aber trotzdem immer mehr von immer mehr Nutzern.

Bis jetzt.

Das Mantra des ewigen „Weiter-so“ fand ausgerechnet am Vorabend des 18. Firmenjubiläums ein so krachendes, Hollywood-reifes Ende, dass es in einem Biopic à la „The Social Network“ als zu stilisiert gewirkt hätte. Binnen wenigen Minuten lösten sich sage und schreibe über 200 Milliarden Dollar Börsenwert der Facebook-Mutter Meta in Luft auf – das entspricht dem gesamten Firmenwert von Netflix.

Wie ist der größte Kurssturz, den die Wall Street je gesehen hat, zu erklären? Mit drei Worten: der neusten Geschäftsbilanz. Einerseits lagen die beiden wichtigsten Kennzahlen für das abgelaufene Dezember-Quartal halbwegs im Rahmen der Erwartungen. Der Umsatz fiel mit 33,68 Milliarden Dollar etwas besser aus als von der Wall Street erwartet (33,4 Milliarden Dollar), während der Nettogewinn von 10,2 Milliarden fast eine Milliarde unter dem Vorjahreswert – und den Analystenerwartungen – blieb. 

Wirklich auf dem falschen Fuß erwischt wurden Anleger indes mit dem Ausblick auf das laufende Quartal, in dem sich die Umsätze lediglich auf 27 bis 29 Milliarden Dollar belaufen sollen, was nur noch einem Plus von 3 bis 12 Prozent entspricht. Und dann sind da Nutzerzahlen, die es bislang nie gegeben hat: Bei den täglich aktiven Facebook-Nutzern wurde erstmals – wenn auch nur marginal – ein Rückgang verzeichnet.          

Das Problem ist jedoch: Das Nutzerwachstum scheint ausgereizt und kommt nicht wieder. Die knapp drei Milliarden Menschen, die sich einmal im Monat im größten aller sozialen Netzwerke einloggen, sind die Schallmauer. Zumindest auf diesem Planeten gibt es kaum Menschen, die den 18 Jahre alten Social-Network-Dinosaurier jetzt erst in ihrem Leben entdecken. Ergo: Von hier an wird es nicht besser, sondern schlechter. Entsprechend laut dürften die Abgesänge in den kommenden Monaten auf Facebook werden – inklusive des unvermeidlichen MySpace-Vergleichs, für den es (in letzter Konsequenz) noch Jahre zu früh ist.  

So verzweifelt Facebook in Zukunft bemüht sein wird, den Nutzerexodus zu stoppen, so sehr dürften Mark Zuckerberg und seine rechte Hand Sheryl Sandberg in den kommenden Jahren Instagram und WhatsApp als die wahren Wachstumswerte des Unternehmens preisen und melken. Allein: Auch hier handelte sich um zwei reife Apps, die immerhin schon zwölf bzw. 13 Jahre auf dem Markt sind und in TikTok vor allem bei der jüngeren Zielgruppe einen immer härteren Rivalen haben. Vielleicht fünf, vielleicht aber auch nur noch drei Jahre, dann dürfte das Wachstum der beiden App-Töchter ähnlich ausgereizt sein.     

Mark Zuckerberg weiß das – und hat im vergangenen Herbst mit seiner Neufirmierung in Meta so beherzt wie nie zuvor versucht, gegenzusteuern. Indes: Allein diese Harakiri-Rebranding-Maßnahme hätte ein Alarmsignal sein müssen. Das Unterfangen „Neustart im Web 3.0“ ist zu vage und möglicherweise noch zehn bis 15 Jahre weit entfernt, als dass es den nun kommenden Niedergang kaschieren könnte.

In der Zwischenzeit verbrennt Mark Zuckerberg Milliarden guter Profite in Rekordzeit. Allein 2021 hat Meta enorme zehn Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung im Metaverse versenkt – unfassbare 3,3 Milliarden gingen allein im vierten Quartal verloren. Mit anderen Worten: Zuckerberg verwettet die Profitabilität des drittwertvollsten Internetkonzerns für eine vage VR- und AR-Idee, die bestenfalls in den 2030ern-Jahren aufgeht.      

Anleger schütteln zu Recht den Kopf. Wie Eltern, die mitansehen müssen, wie ihr gerade 18-jähriges Kind das Startkapital ins Erwachsenenleben für zweitklassige Kryptowährungen, NFTs oder andere Finanzinnovationen verprasst. Dabei ist das Kapital ausgerechnet am Vorabend der Volljährigkeit dramatisch zusammengeschrumpft:  Stärker kann man sich den eigenen Geburtstag kaum ruinieren als mit einer 200 Milliarden-Dollar-Wertvernichtung am Tag zuvor. 

Statt Aufbruch- herrscht nun Endzeitstimmung. Ausgerechnet am Abend vor dem 18. Geburtstag ist absehbar, dass Facebook die besten Tage hinter sich hat – und mit dem Start in die Volljährigkeit ironischerweise der Unschuld der Kindheit nachtrauern wird, als das Leben ein einziges großes Spiel ohne Konsequenzen war.

Für Mark Zuckerberg selbst geht es ab jetzt um nicht weniger als die Rettung seines Lebenswerks. Mehr als zu jedem Augenblick in der vergangenen Dekade läuft der umstrittene Facebook-Gründer Gefahr, sein Imperium zu verspielen. Der Ernst des Lebens hat begonnen …

+++ Short Tech Reads +++

CNBC: Alphabets Aktiensplit könnte Google-Mutter zum Dow Jones-Kandidaten machen 

Die Quartalssaison von Big Tech ist mit dieser Woche so gut wie gelaufen – Amazon vermeldet nach Handelsschluss noch sein neues Zahlenwerk. Die Bilanz der Techriesen fällt unterdessen sehr gemischt aus: Während Meta, Tesla und Netflix ihre Aktionäre schwer enttäuscht haben, haben Microsoft und Apple in der vergangenen Woche geliefert.

Alphabet setzte am Dienstag nach Handelsschluss mit einem starken Zahlenwerk noch einen oben drauf. Die Google-Mutter erlöste im vierten Quartal Rekordumsätze von 75,3 Milliarden Dollar und erzielte erstmals einen Nettogewinn von mehr als 20 Milliarden Dollar. Bonus für Aktionäre: Der Aktiensplit im Verhältnis: 1:20 macht die Alphabet-Aktie für Privatanleger attraktiver und könnte dem Internetdino endlich den Einzug in den US-Eliteindex Dow Jones bescheren.      

Reuters: Paypal bricht nach Quartalsbilanz schon wieder zweistellig ein

Für Techaktien scheinen dieser Tage Kursstürze im Stile von Kryptowährungen das neue Normal zu sein. Paypal erlebte das Debakel eines 20-Prozent-Crashs gar bereits zum zweiten Mal in Folge: Wie im Herbst taumelten die Papiere auch in dieser Woche nach Bilanzverkündung krachend in die Tiefe. Der Bezahldienstleister hatte im Weihnachtsquartal zwar noch die Erwartungen der Wall Street halbwegs erfüllt, dann aber beim Ausblick enttäuscht. Brutal: Seit Jahresgewinn hat die frühere eBay-Tochter auch schon wieder ein Drittel ihres Wertes verloren.  

Wiwo: Tonies SE übertrifft Erwartungen und peilt 250 Millionen Umsatz an 

Auch in Deutschland nimmt die Quartalssaison allmählich Fahrt auf. Zu Wochenbeginn gab die Tonies SE erstmals seit dem Börsengang Ende November vergangenen Jahres Einblick in die jüngere Geschäftsentwicklung. Ergebnis: Der Toniebox-Hersteller schloss 2021 mit einer Umsatzsteigerung um 37 Prozent auf 185 Millionen Euro ab, 19 Prozent wurden davon bereits im Ausland (vor allem den USA) erzielt. In diesem Jahr rechnet Tonies mit Erlösen von 250 Millionen Euro.  

+++ One more Thing: Big Tech erobert Hollywood +++

Verbringen Sie in diesen düsteren Wintertagen auch mehr Zeit auf der Couch als sonst? Ich halte es an dieser Stelle einmal mehr mit Warren Buffett, der sich bereits vor drei Jahren angesichts der zunehmenden Konkurrenz auf dem Streamingmarkt skeptisch zu den Marktaussichten von Netflix, Disney+ und Apple TV+ äußerte, aber gleichzeitig feststellte: „Es wird ein sehr, sehr hart umkämpfter Wettkampf – und der Zuschauer wird dabei der Gewinner sein.“

Genau das ist dieser Tage doppelt zu beachten: Einerseits im schweren Börsenabsturz von Netflix, andererseits aber auch auf dem Bildschirm. Selten habe ich so viele gute Filme und Serien gesehen wie in den letzten Wochen. Ganz oben auf meiner Watchlist: Die dritte Staffel von „Succession“ und die extrem gute zweite Staffel der Sky-Serie „Der Pass“, die für mich beste deutsche Serie seit „Dark“ und „Babylon Berlin“.

Allein: Was Big Tech-Nerds wie mich besonders fasziniert, ist natürlich die cineastische Aufbereitung des großen Tech-Traum(a)s, die mal – wie im Falle des Facebook-Films „The Social Network“ – grandios gelingen oder – wie beim endlos verschobenen „Steve Jobs“-Biopic –  ziemlich danebengehen mag.

Stoff genug für tollen Content gibt es schließlich genug in der Techwelt: etwa die faszinierende Aufstiegs- und Fall-Geschichte von Co-Working-Space-Anbieter WeWork, die tatsächlich als Verfilmung „WeCrashed“ im März auf Apple TV+ zu sehen ist. Ebenfalls in der Mache ist bei Apple TV+ das Elizabeth Holmes-Biopic „Bad Blood“, in dem Jennifer Lawrence die Hauptrolle spielt.  Um die einstige Silicon Valley-Milliardärin und inzwischen verurteilte Theranos-Gründerin dreht sich auch eine ganze Serie namens „The Dropout“, die bereits ab März zu sehen ist – allerdings nur auf Hulu.

Was noch fehlt: Das ultimative Elon Musk- oder Jeff Bezos-Biopic (oder vielleicht eine Mischung aus beiden). Wäre „Spaceballs“ nicht als Kultfilm besetzt, es wäre vermutlich der Arbeitstitel…

Happy Streaming + bis nächste Woche! 

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