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Die GAFA-Kolumne

Der spektakuläre Fehlstart von Snap, Shopify & Co. in 2022

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

2022 beginnt wie 2021 endete: Für Tech- und Internetaktien mit zum Teil dramatischen Verlusten. Es deutet sich eine Zeitwende an: Die große Börsenparty der Vorjahre scheint zu Ende. Droht Techunternehmen ein schwarzes Jahr an der Wall Street?

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Sind Sie gut ins neue Jahr gekommen? Dann ist es Ihnen besser ergangen als vielen Tech- und Internetaktien, die 2022 einen veritablen Fehlstart erlebt haben. Der Trend wurde 2021 bereits eindrucksvoll gesetzt – in den ersten zweieinhalb Wochen des neuen Jahres beschleunigte er sich abermals. Wer die Entwicklung der Aktienmärkte verfolgt, mag seinen Augen kaum trauen, so massiv sind die Abschläge schon wieder. Eine Auswahl beliebter Internet- und Techunternehmen seit Jahresbeginn: 

• Etsy: – 26 Prozent
Snap: – 26 Prozent 
Shopify: – 25 Prozent 
Square: – 21 Prozent 
Nvidia: – 15 Prozent 
Zoom: – 14 Prozent
Netflix: – 14 Prozent 
Twitter: – 14 Prozent 
Pinterest: – 13 Prozent 
Coinbase: – 13 Prozent 
Spotify: – 11 Prozent (Stand: Schlusskurse vom 19.1.)

Auch Big Tech-Aktien befinden sich seit Jahresbeginn im klaren Abwärtstrend. Alle GAFAMs (und Tesla) notieren im Minus – es zeigt sich jedoch wieder einmal, dass die schiere Größe und die großen Cash-Positionen der Techriesen halbwegs abfedernd wirken:       

  • Microsoft: – 10 Prozent
  • Alphabet: – 7 Prozent
  • Tesla: – 6 Prozent 
  • Apple: – 6 Prozent
  • Amazon: – 6 Prozent
  • Facebook: – 5 Prozent   (Stand: Schlusskurse vom 19.1.)

Der Auslöser für den drastischen Kursverfall liegt diesmal nicht in der Coronakrise, die mit der Omikron-Variante nach Fallzahlen von Tag zu Tag einen neuen Höhepunkt erreicht, sondern in einer geldpolitischen Zeitenwende, die für sich genommen weit weg erscheint: der kommenden Anhebung der Leitzinsen durch die US-Notenbank. Mindestens dreimal dürften die Notenbanker in Washington in diesem Jahr wegen der immer ausufernderen Inflation an der Zinsschraube drehen.

Was das mit Tech- und Internetaktien zu hat, ist schnell erklärt: Traditionell arbeiten viele jüngere Internet- und Techunternehmen noch defizitär. Nach dem Vorbild von Amazon in den frühen Tagen der Interneteuphorie wird sich das schnellstmögliche Wachstum mit Krediten und Finanzierungsrunden erkauft. Zu Erinnerung: Selbst 15 Jahre nach der Gründung verliert Twitter in einem Quartal immer mal wieder Geld, während Snap unter dem Strich auch nach elf Jahren eine schwarze Null bislang noch nicht gelungen ist. Das ganz große Geld bleibt am Ende nur bei Big Tech hängen.

Entsprechend sensitiv reagieren Anleger auf die nun angekündigte Zeitenwende an den Kapitalmärkten. Steigende Leitzinsen bedeuten nämlich einerseits teurere Kredite, andererseits aber nach Jahren der Nullzinspolitik auch wieder steigende Renditen an den Anleihemärkten. In anderen Worten: Wer hat, der hat! Die Aussicht auf steigende Leitzinsen macht damit plötzlich Unternehmen wieder attraktiv, die vor allem Techbegeisterte in den vergangenen Jahren kaum auf dem Schirm hatten: die Old Economy!

Ganz recht, Unternehmen wie Chevron und Caterpillar führten seit Jahresbeginn die Kurslisten im Dow Jones mit zweistelligen Zuwächsen an – Apple, Microsoft, Salesforce oder Cisco als Techunternehmen zählen dagegen zu den großen Verlierern.

Es ist ein Bild, an das man sich erst gewöhnen muss – und doch kommt es mit einem klaren Vorbild daher: Die Echos von 2000 sind laut und deutlich zu hören! Seinerzeit dominierten Valuewerte nach der Schule von Warren Buffett ebenfalls die Gewinnerlisten, während Technologie- und Internetaktien einen spektakulären Absturz erlebten.

Vorausgegangen war in den Jahren zuvor mit der exzessiven Interneteuphorie allerdings auch eine Hausse, wie es sie Jahrzehnte nicht gegeben hatte. Ähnliche Auswüchse waren im ersten Corona-Jahr auch zu beobachten. So genannte „Stay-at-Home“-Unternehmen wie Zoom, Etsy oder Peloton, die von der im Lockdown mehr zu Hause verbrachten Zeit profitierten, legten um mehrere Hundert Prozent zu. Mit dem sich anbahnenden Ende der Pandemie wurde der Trade im vergangenen Jahr rückabgewickelt. Nun hat es die einstigen Internetüberflieger zudem durch das veränderte Zinsumfeld schwer erwischt.

Wiederholt sich die Geschichte, steht Besitzern von Tech- und Internetaktien mutmaßlich ein kompliziertes Börsenjahr bevor, denn einmal eingeschlagene Trends verflüchtigen sich nicht so schnell. Die ersten Wochen des neuen Jahres sprechen eine deutliche Sprache: Die Zeitenwende ist real – und die exzessive Tech- und Internet-Party, die seit dem Ende der Lehman-Krise 2009 in einem historisch einzigartigen 13-jährigen Bullenmarkt ihren Ausdruck findet, scheint zunächst einmal zu Ende zu sein.

Erfolgsverwöhnte (Big) Tech-Aktionäre und Krypto-Gewinnler könnten 2022 beim Blick auf die Kurslisten die ein oder andere faustdicke Überraschung erleben – und die nächsten Börsenkandidaten und andere Einhörner in den nächsten Finanzierungsrunden ebenfalls. 2022 verspricht nicht minder spannend zu werden als die Vorjahre!

+++ Short Tech Reads +++

CNBC: Microsoft kauft Activision für 69 Milliarden Dollar

In meinen „Fünf Überraschungen für 2022“ hatte ich dieses Szenario bereit skizziert: Microsoft bläst in diesem Jahr zur Großübernahme. Doch das Übernahmeziel ist die nächste Überraschung: Nicht wie erwartet Pinterest, sondern den Gaming-Anbieter Activision Blizzard sichert sich der nach Apple zweitwertvollste Konzern der Welt. Es ist gleichzeitig die größte Übernahme der Firmengeschichte: Microsoft blättert  bemerkenswerte 68,7 Milliarden Dollar hin. Es ist tatsächlich die größte Tech-Übernahme aller Zeiten.

Apple 3.0: Apples iPhone-Verkäufe in China lassen nach

Der iKonzern begann das neue Jahr mit einem neuen Rekord: Für ein paar Stunden durfte sich Apple am ersten Handelstag des neuen Jahres als Drei-Billionen-Dollar-Konzern fühlen. Seitdem ist einiges passiert: Knapp 300 Milliarden Dollar hat Apple in der Spitze eingebüßt. Einen gewissen Anteil dürften daran zuletzt auch Sorgen um nachlassende iPhone-Verkäufe in China im Dezember haben, die Evercore-Analyst Amit Daryanani ausgemacht hat.

TechCrunch: Instagram testet Abo-Angebot für Influencer

Darf’s ein bisschen mehr sein? Diese Frage könnten sich Follower von Instagram-Influencer bald stellen. Facebook-CEO Mark Zuckerberg kündigte nämlich gestern an, dass Instagram in den USA mit einem neuen Feature experimentiert: einem Abo-Angebot für ausgewählte Konten. Zunächst zehn Influencer können ab sofort exklusive Inhalte in den Stories anbieten und oder besondere Live-Events starten und dafür zwischen 0,99 Dollar und 99,99 Dollar pro Monat verlangen.

+++ One more Thing: So viele Milliarden Dollar hat Elon Musk schon 2022 verloren +++

So far, so good, 2022? Angesichts von aktuell über 100.000 Corona-Neuinfektionen am Tag in Deutschland, knapp 500.000 in Frankreich und 750.000 neuen Covid-Fällen in den USA, der Bedrohung eines Angriffs der Ukraine durch Russland und eben des Abschwungs an den Weltbörsen kann man auch 2022 nach den ersten drei Wochen des Jahres wohl kaum von einem gelungenen Neustart sprechen – allerdings sind wir ja in diesem Jahrzehnt bislang ausschließlich Kummer gewohnt, nicht wahr 2020/21?

Vielleicht minimal tröstlich für all jene, die an den Kapitalmärkten bislang kräftig draufgezahlt haben: Dem reichsten Mann des Jahres, der gleichzeitig „die Person“ des Vorjahres war, geht es auch nicht besser. Rein rechnerisch betrachtet sogar schlechter: Das neue Jahr ist gerade mal 20 Tage alt, da liegt Elon Musk schon über 20 Milliarden Dollar hinten. Allerdings: Sein Nettovermögen beträgt immer noch stattliche 256 Milliarden Dollar.

Entsprechend unbeeindruckt verbreitet sich Musk auch 2022 weiter auf Twitter, als wäre es immer noch 2021: in Form von Memen über Raketen, Kryptowährungen und Seitenhiebe gegen Mainstream-Medien. Einige Dinge werden sich wohl nie ändern – oder erst im Jahresverlauf. So oder so: Auf ein trotzdem gutes 2022!

Cheers + bis nächste Woche (ab jetzt immer donnerstags)!

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