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Der neue "Heute Journal"-Moderator

Christian Sievers: „Die Zeit läuft immer gegen mich, und das weiß auch der Politiker“

Christian Sievers, Hauptmoderator beim "Heute Journal" – Foto: ZDF / Jana Kay

Über vier Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer hatte das „Heute Journal“ im Jahr 2021 im Schnitt. Ein großes Publikum, dem Christian Sievers ab diesen Montag als neuer Hauptmoderator das Weltgeschehen näher bringen wird – als Nachfolger von Claus Kleber. Im Interview spricht Sievers über seine Ziele, die Vorteile von Nervenflattern und mit wem er besonders gern Interviews führt.

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Wer ab Montag, 10. Januar, das „Heute Journal“ im ZDF einschaltet, bekommt dort künftig ein neues Gesicht zu sehen. So halb zumindest. Denn da übernimmt Christian Sievers als Hauptmoderator das Nachrichtenmagazin im Zweiten, im Wechsel mit Marietta Slomka und als Nachfolger von Claus Kleber. Dieser hat nach fast zwei Jahrzehnten beim „Heute Journal“ am 30. Dezember seine letzte Sendung moderiert. Das Medienecho war groß, Sievers tritt in große Fußstapfen (MEEDIA berichtete).

Er selbst ist auch ein ZDF-Urgestein. Der 53-Jährige arbeitet seit 1998 beim Mainzer Sender, war unter anderem Leiter des Studios in Tel Aviv und hat von 2014 bis September 2021 die „Heute“-Sendung um 19 Uhr präsentiert. Nun also Hauptmoderator beim „Heute Journal“, dessen Setting dem erfahrenen Journalisten nicht unbekannt ist. Seit 2013 übernimmt er das Format jeweils für einige Wochen im Jahr vertretungsweise.

Herr Sievers, wissen Sie schon, wie Sie das ZDF-Publikum als neuer Hauptmoderator begrüßen werden oder sogar, wie sie es verabschieden?

Christian Sievers: Ich bin sehr sicher, dass ich „Guten Abend!“ sagen werde (lacht). Alles andere wird sich zeigen. Das ist ja das Spannende an dem Job. Auch am 10. Januar ist die Nachricht ja nicht, dass ich jetzt da bin, sondern was in der Welt passiert ist.

Zur Sendung

Das „Heute Journal“ im ZDF hat einen großen Zuspruch beim Publikum: Allein 2021 verfolgten im Schnitt 4,15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die Sendung am Abend. Dies entspricht einem Marktanteil von 15,8 Prozent.

Nach Claus Klebers Abgang Ende 2021, der 2003 als Moderator der Sendung angetreten ist, übernimmt nun Christian Sievers. Der Journalist hat seine erste Woche als Hauptmoderator vom 10. bis 16. Januar. Künftig präsentiert er das „Heute Journal“ im Wechsel mit Marietta Slomka.

An seiner Seite wird es im Team der Co-Moderation ein neues Gesicht geben: Neben Gundula Gause und Heinz Wolf wird Hanna Zimmermann das Format fortan gemeinsam mit Sievers moderieren. Seit September 2020 präsentiert sie das „Heute Journal Update“ und hat bereits seit März 2018 die Vorgängersendung „Heute+“ moderiert.

In Ihre erste Sendung als Nachfolger von Claus Kleber beim „Heute Journal“ gehen Sie ohne Nervenflattern rein. Kann man das so sagen?

Ich habe das „Heute Journal“ in den letzten Jahren ja schon häufig vertretungsweise moderiert. Ohne Nervenflattern gehe ich da trotzdem nicht rein. Ich habe grundsätzlich vor jeder Sendung so ein leichtes, eigentlich ganz positives Grundlampenfieber. Das finde ich persönlich auch wichtig. Schlecht wäre es, richtig Angst zu haben. Umgekehrt hilft mir die Aufregung. Denn die Sendung ist ja das Ergebnis der Arbeit eines Teams, das den ganzen Tag hart dafür gerungen hat. Das möchte ich als Moderator möglichst perfekt präsentieren.

Wie wollen Sie dabei persönlich rüberkommen?

Wissen Sie, Ich bin eigentlich ein klassischer Reporter. Das werde ich im Herzen auch immer bleiben, ich habe mich nie in meinem Leben irgendwo „als Moderator“ beworben. Deshalb tue ich mich auch schwer damit, mir vorher eine bestimmte Wirkung zu überlegen und die dann umzusetzen. Das würde am Ende wohl eher furchtbar schief gehen.

Sie setzen auf das Prinzip Zufall, oder wie?

Ich hoffe einfach, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer mich so annehmen wie ich bin. Ich bekomme manchmal Post, da schreiben mir Menschen, sie würden bei mir zwischendurch so ein gewisses Augenzwinkern wahrnehmen. Wenn das so ist, finde ich das eigentlich ganz nett. Denn gerade in einer ja häufig von schlechten Nachrichten geprägten Welt sollte man sich in der Präsentation auch mal ein Augenzwinkern erlauben dürfen.

Sie haben aber doch sicher eine Art Agenda.

Das „Heute Journal“ ist eine traditionsreiche und von einem grossartigen Team sehr präzise gemachte Sendung. Wer bin ich, dass ich da sagen könnte: So, jetzt ändern wir mal alles? Bitte nicht! Da läuft sehr viel richtig, was ja auch der große Zuschauerzuspruch zeigt. Wo ich mich einbringen kann: Mein Herz schlägt für kleine, aktuelle Reportagen, die es nirgendwo sonst zu sehen gibt und die einem im Gedächtnis bleiben. Dafür haben wir ein fantastisches Korrespondenten-Netz, in Deutschland und überall auf der Welt. Als 19-Uhr-Moderator hatte ich immer wieder die Möglichkeit, auch mal eigene Beiträge beizusteuern und an die Brennpunkte des Nachrichtengeschehens zu gehen. Die eigene Anschauung hilft bei der Arbeit im Studio. Das würde ich in der neuen Rolle gern verstärken.

Wie läuft ein Arbeitstag beim „Heute Journal“ überhaupt ab?

Der Tag ist im Grunde eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Konferenzen. Das klingt zunächst ganz schlimm, weil niemand Konferenzen liebt, vor allem keine virtuellen in Pandemie-Zeiten. Aber ohne ständige Diskussion geht es nicht.

Warum denn das?

Unsere Aufgabe und unser Anspruch ist, ein möglichst richtiges und professionell berichtetes Bild dieser Welt zu zeigen. Aber es gibt eben täglich unfassbar viele Nachrichten, eine Flut von Eilmeldungen. Wer kann und will da jeder kleinen Wendung folgen? Da kommen wir mit unserem abendlichen Angebot: Wir zeigen Zusammenhänge auf, gucken hinter die reine Meldung, machen die großen Linien klar und erklären, was das alles für unser Leben bedeutet. Um das zu leisten gehört dazu, dass wir uns intern in der Redaktion die Argumente um die Ohren hauen, jeden Tag neu.

Welche Themenbereiche – abseits des täglichen Nachrichtengeschehens – würden Sie künftig gerne häufiger in der Sendung haben?

Ich freue mich immer, wenn wir an Themen dranbleiben, über die wir vor Wochen oder Monaten mal ausgiebig berichtet hatten. Das ist eine grosse Stärke unseres Formats. Denn leider läuft der Nachrichtenjournalismus ja häufig so, dass man fünf oder sechs Tage von morgens bis abends aus einem Krisengebiet berichtet. Danach zieht die Weltpresse ab und über das, was dort passiert, redet plötzlich keiner mehr. Mehr Nachhaltigkeit halte ich aber für extrem wichtig und ich glaube auch, dass sie beim Publikum gut ankommt. Denn nur so können wir neben all den schlechten Nachrichten eben auch positive Entwicklungen aufzeigen, ob hierzulande oder im Ausland.

„Der Tag ist im Grunde eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Konferenzen.“

Die Sendung erhält oft viel Aufmerksamkeit, auch bei Facebook, Twitter und Co. Fürchten Sie sich vor den negativen Kommentaren in den sozialen Medien?

Nein, grundsätzlich liebe ich die sozialen Medien. Man bekommt dort Inspiration und ist bei vielen Ereignissen ganz nah dran, insbesondere via Twitter. Und ich bekomme unmittelbares Feedback: Lob, aber auch ernstgemeinte, sehr konstruktive Kritik. Die lese ich mir durch, das gibt zu denken, und das fließt unmittelbar ein in unsere interne Diskussion. Diesen schönen Teil der Netzwelt kann ich mir aus meinem journalistischen Leben nicht mehr wegdenken.

Nur gibt es eben nicht nur diesen schönen Teil.

Klar, es gibt eben auch Menschen, die aus der Deckung der Anonymität heraus wüste Drohungen ausstoßen. Vor einigen Jahren habe ich von einer Kollegin einen Rat bekommen. Sie sagte, man müsse sich soziale Medien vorstellen wie einen Besuch in der Kneipe. Du gehst da hin, dann spricht dich jemand an und die Person beginnt das Gespräch mit einer üblen Beleidigung. Würdest du dann noch den ganzen Abend mit ihr reden? Eher nicht. Diesen Rat versuche ich zu befolgen.

Am späten Abend schlagen beim ZDF die politischen Entscheider*innen auf, kommen zu aktuellen Themen zu Wort und nutzen das Format als Bühne. Sind Interviews mit Politiker*innen über die Jahre schwieriger geworden?

Es gibt Politiker, die sagen einem nach dem Interview: Da haben wir jetzt hart diskutiert und gestritten, aber es hat Spaß gemacht. Das ist, finde ich, eine sympathische Haltung! Die haben verstanden, dass ich nicht ihr zweiter Pressesprecher bin und genehme Frage serviere, sondern eben das wissen will, was den Menschen in diesem Land gerade auf den Nägeln brennt.

Aber dann gibt es die Gesprächspartner, die konsequent nicht auf die Fragen antworten wollen.

Dazu muss man wissen: Ein Interview bei uns dauert maximal fünf, vielleicht mal sechs Minuten. Während des Gesprächs sehe ich im Studio die Aufnahmeleiterin, drei riesige rückwärts laufende Uhren und lauter Leute, die mir signalisieren, komm‘ zum Schluss. Die Zeit läuft immer gegen mich, und das weiß auch der Politiker. Merke ich schon bei der ersten Antwort, dass jemand partout nicht auf die Frage antworten will, muss ich unterbrechen. Das ist meine einzige Chance, sonst gibt es fünf erkenntnisfreie Minuten.“

„Es gibt Interviews, nach denen ich mich tatsächlich frage, warum hat die Politikerin oder der Politiker überhaupt zugesagt.“

Ist das nicht frustrierend?

Es gibt Interviews, nach denen ich mich tatsächlich frage, warum hat die Politikerin oder der Politiker überhaupt zugesagt. Zum Glück sind das die Ausnahmen. Der Großteil der Gespräche bietet am Ende einen Mehrwert. Außerdem haben wir nicht nur die Politik im Interview, sondern auch Wissenschaftlerinnen und Forscher, gerade in der Pandemie. Ich rede aber auch sehr gern mit Menschen, die persönlich von Nachrichten-Ereignissen betroffen sind. Bei diesen Gesprächen kann man viel lernen, auch weil die Leute eben kein Medientraining hatten und erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt.

Ohne zum Abschluss zu viel von Ihren Interview-Tricks zu verraten: Wie bereiten Sie sich vor?

Ich schreibe mir immer erstmal die drei Fragen auf, die mir sofort in den Sinn kommen. Einfach das, was ich unbedingt wissen will. Dazu frage ich auch rum in der Redaktion. Dann beginne ich viel zum Thema zu lesen – wild und quer. Und überlege mir, was der Gesprächsgast wohl antworten wird, und gucke, wo ich auf Schwachpunkte stoße in der Argumentation. Am Ende habe ich einen Zettel mit etwa zehn Stichpunkten, mit dem ich ins Studio gehe. Manchmal kann ich den abarbeiten. Manchmal merke ich schon nach der ersten Frage, dass ich den Zettel wegwerfen muss – und es ganz anders weitergeht.

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