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Wochenrückblick

Verstörende Tweets vom ehemaligen „Bild“-Chef

Ein „Traumschiff“-Trauma, ein lustiges Harald-Schmidt-Interview in der „NZZ“, die Marken-Führung von RTL und verstörende Tweets vom ehemaligen „Bild“-Chef. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Sorry, aber ich muss mich noch einmal kurz über die Weihnachtsfolge vom ZDF-„Traumschiff“ aufregen! Ja, ich bin einer von denen, die jede Folge dieser seltsam aus der Zeit gefallenen Quatsch-Serie schauen. Wenn es gut läuft, ist das „Traumschiff“ eine richtig gute schlechte Serie, falls Sie wissen, was ich meine. Man kann Dialoge raten, abstoppen, wann die „Eingeborenen“ tanzen und staunen, wie Menschen in fernen Ländern wie selbstverständlich auf Deutsch antworten. Aber was das ZDF da am 2. Weihnachtsfeiertag zum 40. Geburtstag der Reihe angeboten hat, das war schlicht frech. Ich rede noch nicht mal von der hanebüchenen Handlungs-Kapriole, dass ein Öko-Aktivist (!) mit einem Kreuzfahrtschiff (!) von Hamburg nach Stockholm tuckert, um dort zwei drei Plakate an Bäume zu kleben und sich dabei in die Erbin eines Sägewerks verliebt. Das wäre nach „Traumschiff“-Maßstäben sogar noch irgendwie OK gewesen und könnte als unbeholfener Versuch gewertet werden, Klima-Themen in die Reihe reinzuholen. Aber dass in der ganzen Folge komplett auf einen Bösewicht verzichtet wurde, dass Bülent Ceylan als Kombüsen-Komiker das letzte bisschen Rest seines Comedy-Rufs verspielte (er ging in der Folge mit einer Art Unterhose bekleidet in Schweden mit Hilfe einer Küchen-Kelle auf Goldsuche und war erfolgreich), das war dann doch zu viel des Schlechten im Seichten. Meine Mutter (mit Mitte 70 immerhin sowas wie Kernzielgruppe) war entsetzt und kommentierte am Ende der Folge: „Das würden die wohl mal besser lassen.“ Aus beinharter Solidarität schaute ich dann trotzdem noch die Neujahrsfolge „Namibia“, u.a. mit Influencerin Caro Daur als eine Art Schmalspur-Karen-Blixen und Francis Fulton-Smith als schmerbäuchigem Fieslings-Offizier. Hier war die „Traumschiff“-Welt dann plötzlich wieder in Ordnung. Im Rahmen der Möglichkeiten. Liebes ZDF: Bitte künftig nochmal jemanden über die Drehbücher gucken lassen. Damit die Quali nicht so schwankt wie das Oberdeck bei Seegang.

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Mit an Bord bei der schrecklichen Bülent-Ceylan-Folge war auch wieder Harald Schmidt als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle. Schmidt weiß eigentlich, was er da für einen Unsinn macht, aber auch seine Knallchargigkeit war diesmal schwer erträglich. Wett gemacht hat er das mit einem Interview in der „Neuen Zürcher Zeitung“ zu Jahresbeginn. Das Stück ist auch als kleiner Leitfaden zu gebrauchen, wie man gelungene Interviews führt. Schmidt:

„Ein guter Interviewer kommt erst einmal mit einer Frage, die einen völlig in Schlagsahne bettet. In meinem Fall wäre der ideale Einstieg: ‚Für mich sind Sie eine Art Frank Sinatra, der Nietzsche zu Ende denkt.‘ Dann denke ich, da ist einer, der mein Lebenswerk kennt. Und dann fängt man an, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Oder, mit den Worten des früheren ProSiebenSat.1-Eigners Haim Saban: „You get the bees with honey, not with vinegar.“ Einige regten sich darüber auf, dass sich Schmidt auch über die Corona-Pandemie lustig macht:

„‚NZZ‘: Wir wollten auch ein Video produzieren, aber dann wurde der junge Kollege, der die Aufnahmen machen sollte, positiv getestet.

Schmidt: Aids?

‚NZZ‘: Nein, Corona.

Schmidt: Gut, ich bin eben an der Charité vorbeigefahren, ich bin also nicht auf ein Virus festgelegt. Michel Houellebecq, der französische Autor, falls Ihnen der Name neu ist, sagt ja, das sei das Langweilige an Corona: dass es nicht einmal sexuell übertragen werde.“

Ich musste lachen. Zum ganzen Interview bitte hier entlang.

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Das Social-Team von RTL versuchte zum Jahresstart, ein bisschen gut Wetter in Sachen Zusammenlegung mit Gruner + Jahr zu machen, indem man das vielfarbige RTL-Logo in Gruner-Grün einfärbte.

Dabei soll der Markenname G+J ja mittelfristig wohl verschwinden. Das „#zusammenstärker“ scheint bislang eher frommer Wunsch der Marketing-Abteilung denn Realität. Alles, was mit Inhalten in D. zu hat, wird zu RTL. Wie diese neue RTL-Content-Welt aussehen wird, konnte man diese Woche in den Werbeblöcken des in Dauerschleife sendenden Günther Jauchs beschauen. RTL ballerte Zuschauer mit Werbung für den zu RTL+ umgetauften Streaming-Dienst, „Stern“ und Geo TV zu. Ist es aus Markenführungssicht eigentlich smart, wenn das eigene Logo keine eindeutige(n) Farbe(n) hat, sondern sich die Farben immer wild ändern?

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Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt hat wieder getwittert. Er schreibt dort von Kinderseelen, die von Politikern, Virologen und Medien wegen „grausamer Pandemie-Politik“ „jahrelang zertrampelt“ worden seien. Einerseits ist es ein bisschen beruhigend, dass dieser scharfe, schrille und auch ein wenig irre Ton mittlerweile nicht mehr ganz so die „Bild“ dominiert. Andererseits bekommt man bei dem Gedanken, dass er womöglich einen eigenen Medienkanal aufmachen könnte, ein bisschen Angst. Die passende Replik auf den Reichelt-Tweet lieferte Micky Beisenherz:

Gutes neues Jahr und schönes Wochenende!

PS: Auch unser Podcast „Die Medien-Woche“ meldet sich aus der Pause zurück. In der ersten Folge in 2022 spreche ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ ausführlich über das „Traumschiff“ (sorry), aber auch über das Dilemma der Unterhaltungsformate von ARD und ZDF generell. Außerdem widmen wir uns noch der neuen Einstufung von Google durch das Kartellamt. Wie immer freut es mich, wenn Sie reinhören!

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