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BR-Intendantin im Gespräch

Katja Wildermuth: „Dokumentationen sind ein Schlüssel für unsere Zukunft“

BR-Intendantin Katja Wildermuth, Foto: Bayerischer Rundfunk

Betrachten, beurteilen, beschließen: Das ist der Dreiklang der neuen BR-Intendantin Katja Wildermuth. Ihr erstes Jahr an der Spitze des Senders ist bald vorbei – nach dem Betrachten stehen Beschlüsse zum Kurs an. Was kommen soll, verrät sie im Interview.

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Von Roland Freund und Anna Ringle

Nach bald einem Jahr als Intendantin des Bayerischen Rundfunks (BR) richtet Katja Wildermuth den Sender neu aus. Sie setzt auf mehr Kooperation in der ARD – und zugleich ein schärferes Profil ihres öffentlich-rechtlichen Hauses.

Überraschende Top-Personalie im Auftaktjahr war der vorzeitige Wechsel des Programmdirektors Kultur: Für Reinhard Scolik kommt demnächst Björn Wilhelm vom Norddeutschen Rundfunk (MEEDIA berichtete). Wildermuth kündigt für 2022 weitere Entscheidungen an.

Frau Wildermuth, wie startet die ARD ins neue Jahr?

Katja Wildermuth: Die Programmreform, die wir 2021 auf den Weg gebracht haben, ist genau die richtige Weichenstellung für 2022. Immer mehr Menschen konsumieren unsere Inhalte online, zeit- und ortsungebunden. Die Programmreform zielt daher vor allem auch auf die ARD Mediathek als eigenständiges Angebot. Und wir merken, dass wir Relevanz im Digitalen nur gemeinsam erreichen, nicht jede Landesrundfunkanstalt für sich allein.

Zur Person

„Wieder dahoam“ – Katja Wildermuth wuchs in Oberbayern auf und kehrte zum Februar 2021 als BR-Intendantin hierher zurück. Die 56-Jährige ist die erste Frau an der Senderspitze.

Zuvor sammelte die Journalistin, Medienmanagerin und Programmmacherin Erfahrungen in mehreren ARD-Anstalten – zuletzt beim Mitteldeutschen Rundfunk als Programmdirektorin.

Wildermuth ist verheiratet, zweifache Mutter und schaut leidenschaftlich gern mit anderen zusammen Fußball.

Die ARD will auch mit dem ZDF bei den Mediatheken stärker kooperieren. Die zwei Plattformen bleiben aber bestehen. Ist das nicht nur ein halber Schritt, sollte es eine einzige Mediathek geben?

Es geht darum, einen digitalen öffentlich-rechtlichen Kosmos zu schaffen, in dem Inhalte von ARD und ZDF intelligent miteinander verknüpft sind. Das ist nutzerfreundlicher, als Inhalte aus ihrem Zusammenhang zu reißen und irgendwo neu zu sortieren. Digitale Verknüpfungen sind die Antwort der Zukunft.

Mehr gemeinsame Strategie bei der ARD, was bedeutet das für die Zukunft der einzelnen Anstalten?

Die ARD hat eine föderale Struktur, um die uns ganz Europa beneidet. Ihre Bedeutung ist in den letzten Jahren in Anbetracht von fortschreitender Globalisierung und Digitalisierung sogar noch einmal gewachsen. Die Menschen erwarten, dass wir bei ihnen vor Ort sind und differenziert berichten. Die regionale Vielfalt ist da wirklich eine große Stärke. Sie sollte unbedingt erhalten bleiben. Es geht aber immer um Beides: Einerseits in der ARD bestimmte Dinge strategisch aufeinander auszurichten und besser zu vernetzen. Und andererseits zu beantworten: Welche Felder besetze ich mit meinem Sender? Wo habe ich eine besondere Kernkompetenz?

Der BR hat als solche Kernkompetenz gerade die Koordination des Bereichs Dokumentation in der ARD bekommen. Was erwartet uns da?

Dokumentationen sind für mich von zentraler Bedeutung und ein Schlüssel für unsere Zukunft, auch um neue Zielgruppen zu erreichen. Gerade Jüngere schauen im Netz mehr Langformate. Wir müssen dafür auch ein gutes Mediathek-Angebot machen. Als ARD sind wir exzellent bei Reportagen und Dokus. Bislang haben viele Redaktionen jedoch vorwiegend für kürzere Fernsehmagazin-Formate produziert. Unsere neue Programmstrategie sieht vor, dass mehr non-lineare, längere Formate entstehen. Es gibt oft Recherchen, die mehr als einen Magazinbeitrag tragen. Das vertieft ein Thema und kommt in der Mediathek gut an. Und dafür braucht es jemanden, der das orchestriert, Schwerpunkte setzt, Kooperationen organisiert.

Die Länder wollen den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen reformieren. Die Sender sollen erstmals selbst entscheiden können, ob Spartenprogramme wie ZDFneo, KiKa, Alpha oder tagesschau24 vom TV ins Netz wandern oder gar eingestellt werden. Wird diese letzte Karte – also einen Sender zu beenden – in den nächsten Jahren ausgespielt?

Das würde ich – vielleicht in ein paar Jahren – nicht ausschließen. Wir leben ja in einem dynamischen Medienmarkt, und wir haben den Auftrag, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Und deswegen werden wir uns immer wieder fragen: Ist die Aufstellung, die wir haben, noch adäquat zu dem, was wir als Auftrag bekommen haben? Und dazu gehört natürlich auch: Alles immer wieder auf den Prüfstand! Aber: Sender können nicht im Handstreich in rein internetbasierte Angebote überführt oder einfach beendet werden. Dafür ist ein fundiertes und geordnetes Verfahren mit den Gremien vorgesehen.

Prüfen reicht nicht – schon aus Sparzwängen werden Sie etwas streichen müssen und nicht nur Neues aufbauen. Wann wird das sein?

Es wird Priorisierung geben müssen. Immer mehr Aufwuchs im Digitalen werden wir so nicht durchhalten können. Wir haben im BR eine Evaluation gestartet: Für welche Zielgruppen bieten wir im Moment was mit welchem Erfolg und Aufwand an? Wir werden daraus im Laufe des Jahres 2022 als Geschäftsleitung Schlüsse ziehen.

Sie sind zum 1. Februar als BR-Intendantin gestartet. Ihr erstes Jahr ist fast rum. Welche Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gewonnen und was haben Sie sich jetzt für den BR vorgenommen?

Die Haupterkenntnis: Der BR hat tolle Teams, die trotz pandemischer Einschränkungen hervorragendes Programm machen. Eine Frage, die uns in diesem Jahr sehr beschäftigt hat: Mit welchen Stärken positionieren wir den BR in der ARD? Für mich ist die Doku-Koordination eine große, tolle Aufgabe. Mich freut zweitens die Entscheidung, dass wir das Bildungsangebot Alpha für die ARD zu einem digitalen Themenportal für Wissenschaft und Bildung umbauen – mit der Zusage aller ARD-Anstalten, sich redaktionell und produktionstechnisch zu beteiligen. Ein dritter Schritt ist unsere gemeinsame Software-Entwicklungsfirma mit dem SWR mit Sitz in München. Das heißt, dass nicht mehr jede Landesrundfunkanstalt ihre eigenen Lösungen erarbeitet, sondern dass man Synergien schafft.

„Es wird Priorisierung geben müssen. Immer mehr Aufwuchs im Digitalen werden wir so nicht durchhalten können.“

Der bisher sehr auf sich fokussierte BR kooperiert auch hier? Das ist ein Gezeitenwechsel.

Ja.

Woher kommen die nötigen und begehrten Software-Spezialisten?

Es handelt sich um eine Ausgründung, das heißt, bereits vorhandene Ressourcen werden in einer gemeinsamen Struktur gebündelt. Die große Herausforderung wird aber in der Tat, in diesem hart umkämpften Markt weitere tolle Leute zu bekommen. Bei den Experten, die wir gewinnen können, merken wir: Denen geht es nicht ums Geld, die könnten auch alle zu Apple und Google gehen. Denen geht es tatsächlich darum, etwas Gutes für die Demokratie zu tun.

Der BR hat zuletzt seine Regionalisierung stark vorangetrieben – zum Missfallen einiger Verleger. Wird das weitergehen?

Unsere Regionalisierungsoffensive haben wir in diesem Jahr mit den letzten zwei Standorten abgeschlossen – insgesamt sind es jetzt 30. Das hat sich wirklich ausgezahlt. Denn so ein Angebot an regionaler Nähe, das macht kein US-Streamingdienst.

Sie bieten Verlagen Kooperationen an: BR-Videoinhalte oder Livestreams auf deren Seiten. Aber viele machen da nicht mit. Warum?

Es gibt keinen goldenen Weg. Bei Gesprächen mit Verlegern und Verlegerinnen nehme ich wahr, dass wir ein großes gemeinsames Interesse haben: Das Publikum sollte wertschätzen, wenn Inhalte redaktionell kuratiert und nicht einfach wild bei Facebook und Co. gepostet sind. Ich kann mir verschiedene Kooperationen vorstellen, die teils schon bestehen, wie bei der Recherche. Diese Modelle entwickeln wir am allerbesten im Dialog. Keine Seite profitiert davon, wenn der andere schwach wird.

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