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ARD-Vorsitzende im Gespräch

Patricia Schlesinger: „Diversität meint auch Meinungspluralismus“

RBB-Intendantin Patricia Schlesinger

Patricia Schlesinger – Foto: rbb

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat den Vorsitz der ARD-Häuser übernommen. Was Intendantin Patricia Schlesinger als nun oberste Lobbyistin für die ARD erreichen will.

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Von Sven Gösmann und Anna Ringle

Die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Patricia Schlesinger, ist die neue ARD-Vorsitzende und vertritt damit alle ARD-Häuser gegenüber Politik und Gesellschaft. In ihrem Antrittsinterview sagte die 60-Jährige der Deutschen Presse-Agentur, was sie in einer Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch Kritik ausgesetzt ist, erreichen will. Was sie an Netflix gut findet. Und warum sie Twitter nur zum Beobachten nutzt.

Frau, Schlesinger, welche Impulse wollen Sie als ARD-Vorsitzende setzen?

Patricia Schlesinger: Drei große Themen werden den Vorsitz unter Federführung des RBB prägen. Ich nenne sie die drei D. Das erste D steht für Digitalisierung. Wir sehen, dass Jüngere das lineare Programm – also das herkömmliche Fernsehen – immer weniger nutzen. Sie sind vor allem im Netz unterwegs, wie übrigens auch 95 Prozent der über 50-Jährigen. Wollen wir also unserem Auftrag gerecht werden, möglichst viele Menschen zu erreichen, müssen wir unsere Energie ins Digitale lenken. Wie das geht, wissen wir ja. Eines der erfolgreichsten ARD-Formate auf Instagram ist die Tagesschau mit 3,6 Millionen Abonnenten. Bei Facebook und bei YouTube hat die Tagesschau drei Millionen Fans, weitere 1,2 Millionen Follower sind es bei TikTok. Das heißt, wir erreichen junge Leute, aber da geht noch mehr.

Das zweite D steht für Dialog. Der WDR hat etwas Gutes angefangen mit dem Zukunftsdialog, bei dem Bürger und Bürgerinnen Hinweise und Wünsche äußern. Wir werden die Ergebnisse dieses Dialogs weiterführen. Wir wollen aber noch mehr unternehmen, um ein Vorsitz zu sein, der sichtbar, hörbar und nahbar ist – präsent und offen für das, was unsere Beitragszahler über uns denken und von uns erwarten.

Zur Person

Patricia Schlesinger ist seit 1. Januar die neue ARD-Vorsitzende. Sie übernahm den Posten, der zwischen den ARD-Häusern rotiert, von WDR-Intendant Tom Buhrow. Die 60-Jährige ist seit 2016 Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), ihre zweite Amtszeit begann 2021. 

Schlesinger ist davor viele Jahre als Journalistin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig gewesen. Zu den Stationen zählten in den 1990er und 2000er Jahren unter anderem die Leitung des ARD-Studios Südostasien und ein Posten als Korrespondentin in Washington.

Später war sie Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation beim NDR Fernsehen. Beim NDR hatte sie auch volontiert. Sie arbeitete auch zeitweise für das NDR-Polit-Format „Panorama“.

Und das dritte D?

Das steht für Diversität. Das ist kein Modewort. Unsere Gesellschaft ist nicht monochrom weiß, dem müssen wir Rechnung tragen. Menschen mit ausländischen Wurzeln kommen bei uns im Programm zwar inzwischen ganz gut vor, auch bei der Gendergerechtigkeit sind wir auf gutem Weg. In den Hierarchien und Strukturen ist aber noch eine Strecke zurückzulegen. Und wir müssen im Programm mehr an diejenigen denken, die keine Akademiker sind, nicht in der Stadt wohnen, in schwierigen ökonomischen Verhältnissen leben und ebenfalls Rundfunkbeitrag zahlen. Da haben wir Nachholbedarf.

Hat die ARD schon eine Generation an Social Media und Plattformen verloren?

Das glaube ich nicht. Wir sind mit den Angeboten von Funk im Netz sehr präsent. Aber mit diesem Pfund müssen wir mehr wuchern.

Erfahrungsgemäß sind Transformationsprozesse, erst recht Digitalisierung, immer welche, die vor allen Dingen mit dem eigenen Personal zu tun haben. Wie wollen Sie Ihre eigenen Leute motivieren, sich so zu verändern?

Jungen Menschen fällt Veränderung oft leichter. Aber auch bei den Älteren treffe ich auf hochmotivierte Menschen, die sagen: „Es ist nicht meins, aber jeder sieht doch, was da gerade passiert.“ Die USA, die man als medienpolitischen Schrittmacher begreifen kann, sind das beste Beispiel dafür. Dort hat das Lineare seine Bedeutung tatsächlich schon weitgehend verloren. Bei uns ist diese Abrisskante noch nicht erreicht, aber die Entwicklung spricht klar fürs Digitale.

Die ARD-Vorsitzende ist auch die oberste Lobbyistin des Verbunds gegenüber der Politik. Die vergangenen Jahre waren von Diskussionen um die Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen durch die Rundfunkbeiträge geprägt. Wie wollen Sie die Politik wieder für sich einnehmen?

Indem wir klarmachen, worin unser Wert, unsere Leistung für die Gesellschaft besteht und welche Reformen wir in den vergangenen Monaten und Jahren angegangen sind. Wir werden von 2012 bis 2030 von knapp 20.000 Arbeitsplätzen mehr als 1200 geräuschlos abgebaut haben. Das ist nur ein Beispiel. Wir haben ins Gebälk geschnitten.

Nehmen Sie politische Unterstützung unterschiedlich wahr?

Natürlich. Von so gut wie keiner Unterstützung bis hin zu großer.

Wo ist so gut wie keine?

Bei der AfD.

Wie ist die Rolle der Union?

Das reicht von breiter, kluger, guter Unterstützung bis zum Appell: „Ja, aber ihr müsst euch weiter reformieren.“ Das tun wir ohnehin. In welcher Geschwindigkeit und Form, können wir nicht allein entscheiden. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, wie wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk fürs Gemeinwohl erhalten. Unsere Demokratie ist unter anderem so stark und liberal wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk gut und stark ist.

Ist der Rundfunkbeitrag für Sie auch eine Demokratieabgabe?

Er stärkt die Demokratie jedenfalls. Niemand wird sich die Verhältnisse in den USA mit ihren polarisierten und polarisierenden Medien wünschen wollen. Dort spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk fast keine Rolle. Das Ergebnis ist bekannt.

Auf Demonstrationen von Gegnern der Corona-Maßnahmen kam es zuletzt immer wieder zu Angriffen auf Journalisten. Schon in den Jahren davor kam es vor, dass auf Demos mit Rechtsextremen Namen auch Ihrer Journalisten oder Ihr Medium in denunziatorischer Absicht genannt wurden. Wie wollen Sie denn solche Verächter der Medien erreichen?

Ich weiß sehr wohl, was unsere Mitarbeitenden manchmal aushalten müssen, bis hin zu Anrufen zu Hause mit Drohungen wie: „Ich weiß, wo Deine Kinder in die Schule gehen.“ Das macht uns wirklich Sorgen. Eine große Strategie, wie man solche Menschen erreicht, ist schwer zu entwickeln. Ich wüsste nicht, wie man sie zurückholen kann, außer durch Reden und Präsenz. Ich halte es für wichtig, dass wir in der Region präsent bleiben. Nicht ohne Grund hat der RBB für Brandenburg gerade zwölf zusätzliche Regionalkorrespondenten engagiert, demnächst sind es 14, und auch andere Sender, zum Beispiel der Bayerische Rundfunk, haben ihre Präsenz in der Region gestärkt.

Die Kollegen, die im Programm arbeiten, sollten beim Twittern schon im Kopf haben, wie sie sich dort äußern.

Patricia Schlesinger

Welche Fehler hat die ARD in der Corona-Berichterstattung gemacht?

ARD, ZDF und Deutschlandradio haben unter erschwerten Bedingungen wirklich viel geleistet. Der RBB hatte selbst Corona-Fälle und musste von heute auf morgen mobil arbeiten. Aber wir haben das Informationsbedürfnis gut abgedeckt und auf allen Ausspielwegen auch große zusätzliche Kulturangebote gemacht, was mir ganz besonders wichtig war. Was Fehler angeht: Vielleicht sind wir zu spät auf jene Menschen eingegangen, die Impf-Vorbehalte haben. Wir hätten ihnen früher erklären können, warum Impfen richtig und wichtig ist.

Twittern Sie?

Ich bin auf Twitter unterwegs, aber nur passiv lesend.

Was sehen Sie dort?

Viel Kurzatmiges, zu vieles, was schnell aus der Hüfte geschossen wird. Das tut unserer Gesellschaft nicht gut. Aber es ist wichtig, Twitter zu beobachten.

Es gibt eine ganze Reihe Kolleginnen und Kollegen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die sich da sehr deutlich positionieren. Welchen Rat würden Sie geben?

Die Kollegen, die im Programm arbeiten, sollten beim Twittern schon im Kopf haben, wie sie sich dort äußern und als welche Person sie wahrgenommen werden.

Ein Vorwurf, der gestützt wurde durch eine etwas unglückliche Umfrage ist, dass der ARD-Journalistennachwuchs heute eher links sei.

Das wird gern als ein Zeitphänomen betrachtet. Aber war das früher wirklich anders? Unabhängig davon sorgen wir dafür, dass unser Nachwuchs möglichst divers ist. Da sind wir wieder bei meinem dritten D. Diversität meint auch Meinungspluralismus in seiner ganzen Breite.

Darf ein Journalist in einer Partei sein?

Die Frage muss jeder für sich beantworten. Ich bin in keiner Partei, und das ist kein Zufall.

Wie beurteilen Sie das, wenn ein führender deutscher Medienmanager – Mathias Döpfner von Axel Springer –, der zudem als Präsident der Zeitungsverleger eine ganze Branche vertritt, in einer privaten Kurznachricht schreibt, wir lebten in einem „DDR-Obrigkeitsstaat“? Die „New York Times“ hatte aus dem Chatverlauf zitiert.

So viel ich weiß, war das ein privater Chat. Wer hat noch nie in einem Chat irgendwas geschrieben, wo er hinterher sagte: Na, hoffentlich liest es kein anderer als der Adressat?

Der RBB und Verlage haben einen jahrelangen Streit beigelegt. Sie haben einen Richterspruch akzeptiert, dass vor Jahren die RBB-Webseite zu presseähnlich war. Ist das ein Geschenk an die Verleger zum Start Ihres ARD-Vorsitzes?

Es ging um eine Berufung, die wir jetzt zurücknehmen. Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Unser Angebot ist inzwischen ein komplett anderes. Zwar finden wir nach wie vor, dass es schon damals nicht presseähnlich war. Mir ist es aber wichtig, dass wir zu einem guten Umgang mit dem Verlegerverband BDZV und den Verlagen finden. Wir haben mehr gemeinsame als konkurrierende Interessen. Eigentlich ergänzen wir uns mehr, als dass wir uns bekriegen müssten.

Bei Netflix gibt es durchaus Dokumentationen, von denen ich sage: „Ja, sehr schön, hätten wir bei uns auch gern.“

Patricia Schlesinger

Schauen Sie heimlich Netflix zu Hause?

Ganz offen sogar. Ich habe auch Disney+ und anderes mehr.

Was schauen Sie privat?

Gerne Dokumentationen. Ich finde, was jetzt in der ARD und beim ZDF an Serien an den Start geht, richtig gut. Die Anwaltsserie „Legal Affairs“ habe ich mit großer Freude gesehen, aber auch die „Toten von Marnow“. Und ich bin inzwischen ein großer Fan von „Chez Krömer“.

Was ist Ihre Netflix-Lieblingsserie?

„The Queen’s Gambit“ (deutsch: „Das Damengambit“)

Was können Sie von den Streaming-Plattformen lernen?

Gutes Angebotsmanagement, Schnelligkeit und zum Teil hohe Qualität. Bei Netflix gibt es durchaus Dokumentationen, von denen ich sage: „Ja, sehr schön, hätten wir bei uns auch gern.“ Wir sind bei ARD und ZDF gut aufgestellt bei Dokus. Aber auch da können wir besser werden und noch mehr machen.

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