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Die GAFA-Kolumne

5 Big Tech-Überraschungen: Was bringt 2022 für Apple, Bitcoin, Elon Musk und Co.?

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Big Tech hat 2021 so massiv dominiert wie kein anderes Jahr. Dass die Dominanz 2022 weitgehend ungebremst weitergehen dürfte, scheint absehbar – aber welche Überraschungen könnten Apple, Amazon und dem Rest der GAFAMs blühen?

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Haben Sie die Feiertage gut verbracht? Es ist wieder diese besondere Zeit des Jahres, die man so gern als „Zwischen den Jahren“ bezeichnet: 2021 ist so gut wie Geschichte, 2022 steht unmittelbar vor der Tür. Höchste Zeit also, um einen Ausblick auf die nächsten zwölf Monate zu wagen, der von vielen Marktexperten so gerne in Form von Prognosen getroffen wird. (Marketingguru Scott Galloway ist ein Meister der Prognosen – auch wenn er dabei meistens falsch liegt.)

Ich halte es unterdessen mit der an der Börse weit verbreiteten Kunstform der „Überraschungen“, die durch den Wall Street-Veteranen Byron Wien salonfähig gemacht worden sind. Als „Überraschung“ wird ein Ereignis definiert, welches nach heutiger Meinung eine Eintrittswahrscheinlichkeit von weniger als 50 Prozent besitzt und daher eine besondere Beachtung verdient. Nun: Dies sind meine fünf Überraschungen, die sich 2022 im Big Tech-Sektor ereignen könnten – fünf Gedankenanstöße, keine Prognosen.

1. Apple erlebt das erste Minus-Börsenjahr seit 2018 

Der iKonzern ist und bleibt ein (Börsen-)Mysterium. Die letzte neue Produktkategorie – die AirPods – ist auch schon wieder fünf Jahre alt, doch die Lebensversicherung ist und bleibt das iPhone, das sich von Jahr zu Jahr immer weniger (weiter-)entwickelt. Alles egal findet die Wall Street, die der Luxus-Tech-Marke Apple einfach ein immer größeres Premium bewilligt. 

Das maßgebliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das die meiste Zeit in den 10er-Jahren zwischen 10 und 15 notierte, betrug zuletzt knapp 35, der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken in der Corona-Zeit sei Dank. Doch jede Party endet bekanntlich einmal: Um die Inflation zu bekämpfen, hat die US-Notenbank angekündigt, 2022 dreimal den Leitzins anzuheben – was besonders Technologieaktien zu schaffen machen könnte.

Nach drei Jahren mit spektakulären Kurszuwächsen müssen Apple-Aktionäre im nächsten Jahr vielleicht wieder kleinere Brötchen backen: Das erste Minus-Jahr an der Wall Street seit 2018 scheint überfällig. Vorher kann Tim Cook indes noch den nächsten Meilenstein feiern: den Durchbruch durch die Bewertungsmarke von drei Billionen Dollar – danach zeigt der Trend nach unten…           

2. Amazon wird die am besten performende GAFAM-Aktie 

Erhöhte Vorsicht steht erfolgsverwöhnten Big Tech-Investoren grundsätzlich gut zu Gesicht: Microsoft und Alphabet haben nicht zuletzt Kursgewinne von 53 bzw. 68 Prozent aus dem Vorjahr zu verteidigen und sehen wie Apple korrekturgefährdet aus, wenn die Rotation von Wachstums- zu Valuewerten weitergeht.

Auf der anderen Seite der Medaille könnte ein früher Überflieger vor dem Comeback stehen. Zumindest statistisch ziemlich überraschend schnitt Amazon in diesem Jahr recht enttäuschend ab – das Plus beträgt einen Handelstag vor Jahresende gerade mal fünf Prozent. Steigende Investitionen und der Abschied von Gründer Jeff Bezos als CEO verhagelten die Performance.

Big Tech-Kennern kommt das Muster bekannt vor: Auch Apple kam 2011, als deutlich wurde, dass Steve Jobs’ Abschied nah war, an der Börse kaum von der Stelle, legte dann jedoch in den ersten drei Quartalen 2012 unter dem neuen CEO Tim Cook um rund 75 Prozent zu. Eine Dekade später könnte Amazon 2022 dem Vorbild von Apple 2012 folgen: Die Wall Street wird warm mit Andy Jassy, der weiter robustes Wachstum im zweistelligen Prozentbereich vorweisen kann und einen langerwarteten Aktiensplit und eine Dividendenausschüttung ankündigt. Die Folge: Die Amazon-Aktie legt gegen den Markttrend zu und wird zur am besten performenden GAFAM-Aktie. Alt bekanntes Wall-Street-Motto: Die Letzten werden die Ersten sein.  

3. Bitcoin ist soooo 2021 – und crasht um weitere 50 Prozent 

Welchen Unterschied ein Jahr machen kann – vor allem und immer wieder an der Börse. Oft genug sind Investmentthemen des einen Jahres „out“, und der Trade wird rückabgewickelt, wie 2021 bei den „Stay-at-Home“-Aktien zu besichtigen, die 2020 noch der großen Gewinner waren, 2021 aber die Verliererlisten anführten.  

Ein ähnliches Schicksal droht dem Hype-Investment 2021: Kryptowährungen. Keine andere Anlageklasse erfreute sich in den vergangenen zwölf Monaten so starken Kurszuwächsen und daher auch einer so kultischen Verehrung und Euphorie wie Bitcoin, Ethereum und Co. Doch wie es sooft an den Kapitalmärkten geht: Der Zyklus von Aufstieg- und Fall schließt sich immer wieder.

Im Falle von Bitcoin erscheint er im Sinne der Halving-Zyklen-Theorie fast vorprogrammiert, denn auf zwei Jahre des parabolischen Bullenmarkts folgten bislang immer zwei harte Jahre der dramatischen Kursstürze – der sogenannte „Kryptowinter“. Angesichts des jüngsten Kursverfalls von rund 30 Prozent vom Top spricht einiges dafür, dass die Dürreperiode bereits angefangen hat. Wo sie aufhört, ist die Multi-Billionen-Dollar-Frage.

Wenn sich die Geschichte wiederholt und im Bärenmarkt erneut ein 80- bis 90-prozentiger Crash folgt, wären gar Bitcoin-Notierungen von weniger als 10.000 Dollar nicht ausgeschlossen – aus heutiger Sicht eine extrem heftige Überraschung.  Auch Kurse von 20.000 bis 25.000 Dollar, die einem Einbruch von weiteren 50 Prozent vom heutigem Kursniveau entsprächen, würden Bitcoin-Besitzern richtig weh tun.  

4. Microsoft kauft Pinterest – und Block Twitter 

Irgendwer kauft immer jemanden in der Big Tech-Industrie  – auch wenn es die Mehrheit kaum mitbekommt. So geschehen 2021. Für stolze 20 Milliarden Dollar sicherte sich Microsoft den Spracherkennungsspezialisten Nuance, für 8 Milliarden Dollar Amazon den Hollywood-Pionier MGM Studiums. Mega-Deals sind etwas anderes.  

Und 2022? Könnte möglicherweise im Social-Media-Segment die Konsolidierung zunehmen. Bereits in den vergangenen Monaten wurde die in der Pandemie wiedererstarkte Ideen-Plattform Pinterest als mögliches Übernahmeobjekt gehandelt – eigenartigerweise für PayPal, das schnell dementierte. Mehr Sinn ergeben könnte Pinterest wie schon 2016 LinkedIn für einen GAFAM-Riesen.

Im vorvergangenen Jahr sah Microsoft etwa schon wie ein sicherer Interessent von Anteilen von TikTok (USA) aus, das längst nicht mehr zu haben ist. Pinterest, dessen Börsenwert sich 2021 fast halbiert hat, aber deutliches Wachstum aufweist, könnte zum perfekten Übernahmekandidaten avancieren, den sich indes nur eine Handvoll Big Tech-Riesen leisten können, aber für den am Ende (auch aus kartellrechtlichen Gründen) nur Microsoft ernsthaft infrage käme.

Das andere mögliche Akquisitionsobjekt aus dem Social Media-Segment ist ein alter Bekannter: Twitter. Die Suche nach einem Käufer wurde bereits vor Jahren schon einmal durchgespielt – damals hatten alle möglichen Interessenten wie Google oder Salesforce schnell abgewunken.

2022 könnte das anders kommen, wenn auch von anderer Seite: Pikanterweise Ex-Twitter-CEO Jack Dorsey könnte die ganz große Heimholaktion starten und mit der Akquisitionswährung seines anderen Unternehmens, Block, das früher Square hieß, zuschlagen und ein neues 100-Milliarden-Dollar-Tech-Mittelschwergewicht kreieren. Nach heutiger Lesart vielleicht nicht besonders wahrscheinlich, aber allemal einen Gedankenanstoß wert.           

5. Elon Musk tritt als Tesla-CEO zurück 

Zugegeben: Diese Überraschung wäre die dickste, warum sollte der reichste Mann der Welt den Chefsessel jenes Unternehmens räumen, das ihn so reich gemacht hat und das erst noch vor der eigentlich größten Wachstumsphase steht? Die Antwort: Das Leben und seine Begrenztheit selbst.

Auch wenn Elon Musk bereits heute auf eine überlebensgroße Karriere zurückblicken kann, die es inzwischen gar mit der von Apple-Gründer Steve Jobs aufnehmen kann, dürfte auch der inzwischen 50-jährige Seriengründer die Mitte seines Lebens erreicht haben. So viel Musk auch in seiner phänomenalen Unternehmerlaufbahn erreicht hat – die Reversibilität des Alterungsprozesses ist dem gebürtigen Südafrikaner bislang nicht gelungen, und so tickt auch für Elon Musk die Uhr des Lebens einmal herunter.

Konsequenz für den Mehrfach-CEO: Die (Tech-)Welt ist nicht genug. Musks erklärtes Ziel ist schließlich die Mars-Besiedlung. Entsprechend ist Space X das Unternehmen, das mutmaßlich in den nächsten zehn Jahren mehr von Musks Aufmerksamkeit bekommen dürfte als der irdische Selbstläufer Tesla, dem für die Fortführung des Wachstums auch ein operativer CEO-Machertyp vom Schlage eines Tim Cook weiterhelfen könnte. Ob Musk 2022 tatsächlich als Tesla-Chef zurücktritt? Eher unwahrscheinlich, genau deshalb wäre es eine handfeste Überraschung.

In diesem Sinne: Auf ein überraschendes, erfolgreiches und vor allem hoffentlich gesundes 2022! Rutschen Sie gut rein – und nicht an der Techbörse aus!

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