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Die GAFA-Kolumne

Twitters wilder Ritt: Wie gut oder schlecht war die Jack-Dorsey-Ära?

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Daran muss man sich erst mal gewöhnen: Jack Dorsey ist nicht mehr Twitter-CEO. Der 45-Jährige trat zu Wochenbeginn ab. Wie fällt seine Bilanz beim 280-Zeichendienst aus?

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Was ist eigentlich Ihr Lieblings-Social-Network nach all den Jahren? Meine Auswahl ist schnell geklärt:

Snapchat / TikTok: Ich bin die falsche Zielgruppe – beide Apps sind nicht mal mehr auf meinem neuen iPhone installiert.

LinkedIn: So ein streberhaftes Getue ist mir nicht mehr seit der achten Klasse untergekommen – ich vermeide das „Business-Netzwerk“ und seine „Ich-Ich-Ich-„-Darsteller so gut es geht. (Ähnliches gilt für Xing).

Facebook: Wir haben unseren Frieden gemacht – auch nach 13 Jahren bin ich für Family&Friends hier zu finden, auch wenn ich kaum noch etwas poste.  

Instagram: Guilty Pleasure für Zwischendurch – so zuverlässig wie eine Packung Minz-Schokolade. 

Twitter: Willkommen zu Hause. Auch nach 14 Jahren meine allererste Anlaufstelle für all things social, ich verbringe jeden Tag Stunden hier, auch und gerade, wenn mir bei einem Artikel mal nicht gleich der nächste Satz einfällt (also jetzt).  

Ich mag Twitter für die Echtheit, auch für den oft ungehobelten Ton, für die Schnelligkeit der zirkulierenden Nachrichten (hier finde ich Breaking News immer zuerst) – und für die wahnsinnig vielen, schlauen Nutzer, die bereit sind, etwas beizutragen, ohne dafür im Gegenzug etwas zu erwarten, die teilen, weil sie es können – ob Ärzte und Mediziner zu Corona, Trader und (Selfmade-)Crypto-Analysten zu Bitcoin oder Sportjournalisten zu meinem anderen Lieblingszeitvertreib: Tennis. (Merke: man muss ein paar Jahre investieren, seine Bubble zu bauen.)    

Entsprechend interessiert habe ich die News der Woche verfolgt: Jack Dorsey, Mitbegründer und der längste CEO der Firmengeschichte, tritt zurück! Nach einer sechsjährigen Achterbahnfahrt kommen bei manchem Beobachter und Aktionär wie dem Marketingguru Scott Galloway ähnliche Glücksgefühle auf wie bei der Abwahl der CDU nach 16 Jahren Merkel. Hautsache weg! Waren die Dorsey-Jahre dabei wirklich so schlecht? Sie waren zumindest ein Wechselbad der Gefühle und der fundamental verpassten Chancen: 

Es dauerte Jahre, bis Twitter unter Dorsey die nachhaltige Rückkehr des Nutzerwachstums gelang – und noch länger, bis Twitter endlich profitabel agierte. In der Zwischenzeit wurden Once-in-a-Lifetime-Chancen vergeben: Hätte Twitter, vier Jahre vor Instagram, fünfeinhalb Jahre vor Snapchat und zehn Jahre vor TikTok gegründet, nicht selbst die nächsten Social Media-Trends maßgeblich mitbestimmen können?

Wie sehr sich Twitter beim aufkommenden Kurzvideo-Trend die Butter vom Brot nehmen ließ, unterstreicht eine Rückblende ins Jahr 2013, als Vine – die Älteren werden sich erinnern – übernommen, aber drei Jahre später schon wieder beerdigt wurde. Kann man Twitters Newton im Vergleich zum Palm Pilot oder Blackberry nennen, war der Video-Schnipsel-Dienst einfach tatsächlich so weit vor seiner Zeit oder hatten Dick Costello und Dorsey ein Snap, Instagram bzw. TikTok auf ihren Servern schlummern, ohne das Potenzial final zu erkennen?

Die gleiche Frage kann man sich, ein paar Etagen tiefer bei Periscope stellen. Oder bei der grundsätzlich äußerst zäh verlaufenen Monetarisierung: Wie kommt es, dass sich selbst eingestaubt dekadenalte Social Netzworks wie Pinterest plötzlich als Ideen-Plattform wieder erfinden, explosives Nutzerzuwachs verbuchen und in der Bewertung gleich- und zeitweise sogar vorbeiziehen? Wie kommt es, dass das 5,5 Jahre jüngere Snapchat immer noch weniger erlöst, an der Wall Street aber doppelt so hoch bewertet wird? Wie kommt es, dass TikTok seit zwei Jahren die meistheruntergeladene App ist und Twitter unter „ferner liefen“ rangiert? Und wie ist es möglich, dass selbst der zwei Jahre ältere Rivale Facebook einfach konsequenter beim Nutzerwachstum und den Werbeerlösen skaliert?    

Man kann es also zumindest eine durchwachsene Bilanz nennen, die sich auch in der wilden Performance der Twitter-Aktie widerspiegelt, die sich in Dollar und Cent nach sechs Jahren kaum bewegt hatte, zwischenzeitlich aber extreme Ausschläge nach oben und unten verzeichnete. 

Wirklich wahr: Als die Meldung im Juni 2015 zirkulierte, dass Dorsey den am Ende glücklosen Dick Costello als CEO beerben würde, notierte die Twitter-Aktie bei Kursen von 45 Dollar. Vorgestern waren es bei Handelsschluss nach der Demissions-News 46 Dollar, gestern nicht mal 44 Dollar.  Zwei Jahre nach Dorseys Amtsübernahme hatte die Wall Street bei Kursen von 14 Dollar zwischenzeitlich gar die weiße Fahne gehisst, im Februar dieses Jahres bei Kursen von 80 Dollar aber auch schon eine Welle der Euphorie geritten. Nun also zurück auf Los.   

So viel Dorsey zunächst versiebte, sosehr gewann der kauzige CEO am Ende aber auch am Profil: als Produkt-Entwickler im Sinne von Steve Jobs, der den Konzernumbau über den kurzfristigen Erfolg von Quartalsergebnissen stellte, aber auch als Trump-Oppositioneller, als Bitcoin-Apologet, bekennender Buddhist  – und als stoischster Bartträger des Silicon Valley.

Man kann sagen, dass mir Dorsey trotz aller Irrungen und Wirrungen von allen BigTech-CEOs am Ende der sympathischste war und ist, denn Dorsey führt schließlich auch noch den 100 Milliarden Dollar schweren Bezahldienstleister Square, was in der medialen Fixierung auf das nur halb so wertvolle 280-Zeichen-Netzwerk gern vergessen wird.  

Ob Dorseys Twitter-Exit, der von Galloway und anderen Investoren seit Jahren herbeigesehnt wurde, so bullish für die Twitter-Aktie ist, bleibt abzuwarten, zu unbeschrieben ist der 37-jährige Nachfolger, der Technikchef Parag Agrawal.  Wie sooft gilt beim emotionalen Wunsch nach Veränderung der Hinweis: Be careful what you wish for. Entsprechend hat die Twitter-Aktie seit Bekanntgabe von Dorseys Demission schon wieder knapp acht Prozent an Wert verloren.     

Randnotiz: So unklar der Dorsey-Exit für Twitter ist, so vielversprechend könnte er für Bitcoin sein. Warum? Dorsey hat aus seiner Passion für die Kryptowährung seit Jahren keinen Hehl gemacht: Was er machen würde, wenn er nicht CEO von Twitter und Square wäre, wurde der 45-Jährige im Sommer gefragt. Klare Antwort: „An Bitcoin arbeiten“.

Einiges spricht dafür, dass Dorsey nun einen (Groß-)Teil seiner Energie dafür verwenden könnte, mit Square die große Bezahl-Plattform für Kryptowährungen zu entwickeln. Zukunftsträchtiger und wegweisender wäre das allemal.

+++ Short Tech Reads +++

The Verge: Wer ist der neue Twitter-CEO?

Apropos Parag Agrawal: Wer ist der neue Twitter-CEO eigentlich? Techreporter Casey Newton hat in seinerPlatformer“-Kolumne bei The Verge eine Annäherung an den bisherigen CTO des Kurznachrichtendienstes unternommen. 

CNBC: Apples Smartbrille wird nächstes Jahr – wirklich – vorgestellt

Sollte Apples Smartbrille nicht schon 2019, 2020 oder dieses Jahr das Licht der Welt erblicken? Der treffsicherste Apple-Analyst der Welt ist sich sicher: Im nächsten Jahr ist zumindest der Launch soweit, mutmaßt Ming-Chi-Kuo.  

WSJ: Die GAFAMs sind das neue GE

Ein Blick zurück lohnt immer: Von den wertvollsten Konzern der frühen 2000er-Jahre ist heute nur nich Microsoft übrig. Das Wall Street Journal analysiert, wie die GAFAMs zum neuen General Electric wurden – dem Konglomerat, das weitgehend die erste Hälfte der Nullerjahre bestimmte.

Auch Big Tech verzahnt sich heute in immer mehr Geschäftszweigen – ob das ähnlich problematisch endet wie beim Elektro-Pionier von Thomas Edison, der sich gerade in drei Konzerne aufgespalten hat, dürfte die bestimmende Frage der kommenden ein, zwei Dekaden werden.    

+++ One more Thing: „Succession“, das Must-Watch für alle Medien- und Big-Tech-Junkies +++

Sehr traurig, aber wahr: Meine beiden Lieblingsserien des Jahres, „Billions“ und „The Morning Show“ gingen vorletztes Wochenende ins Staffelfinale. Doch wie es so oft im Leben ist: Das eine geht zu Ende, das andere beginnt.

So zum Glück seit vergangener Woche: Seit vorigem Montag läuft auf Skyticket die dritte Staffel von „Succesion“ – DER Medienserie, die Sie gesehen haben müssen, um bei der nächsten Weihnachtsfeier im Zoom-Call nicht in ein betretendes Schweigen versinken zu müssen. 

Darum geht es: Der mehrfach Emmy-Seriengewinner zeigt so unterhaltsam wie bitterböse das zähe Ringen um die Nachfolge in einem internationalen, familiengeführten Medienkonzern. Im Zentrum: Ein Patriarch, der einfach nicht loslassen will oder kann – und natürlich an Rupert Murdoch erinnert. 

Wenn Sie nur noch eine Serie in diesem Jahr sehen – sehen Sie „Succession“. Selbst die grottige Benutzerfläche bei Sky ist schnell vergessen, wenn Sie in die Abgründe der komplett disfunktionalen Milliardärsfamilie eintauchen. Spoiler: Beim Kampf um die Nachfolge des Medientycoons gehören meine Sympathien dem mehrfach übergangenen Sohn Kendall (großartig: Jeremy Strong).

Happy Streaming + bis nächste Woche!

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