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Wochenrückblick

Der kleine Boris möchte aus dem Peppa-Wutz-Land abgeholt werden

Von welcher Freiheit reden Leute wie Ulf Poschardt, Anna Schneider („Welt“) oder Nena Schink („Bild“) eigentlich dauernd? Warum schraubt Bild TV an seinem Programm herum? Warum haben deutsche Medien häufig ein Problem mit korrekter Israel-Berichterstattung? Und was hatte der britische Premier im Peppa-Wutz-Land zu schaffen? Fragen über Fragen im MEEDIA-Wochenrückblick.

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Freiheit, Freiheit – so tönt es bei einigen Medien und auch bei manchen Politikern. Die fortgesetzten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden allenthalben als Einschränkung der persönlichen und im Grundgesetz garantierten Freiheitsrechte wahrgenommen. Vor allem die beiden Springer-Medien „Bild“ und „Welt“ haben sich „Freiheit“ groß auf die Fahnen geschrieben. Die „Welt“ beschäftigt mit Anna Schneider sogar eine „Chefreporterin Freiheit“, was ein einigermaßen schräger Berufstitel ist. Auch deshalb, weil sie nach meiner Wahrnehmung weniger als Reporterin unterwegs ist, also recherchiert und reportiert, sondern eher als Meinungs-Inhaberin. Die „Bild“ hat dafür Nena Schink, die ihre persönliche Freiheit schon untergraben sieht, wenn mal wieder irgendwo nicht ihr gelber Impfass ausreicht, sondern sie einen digitalen Impfnachweis zeigen soll. Was ist das eigentlich für ein Freiheits-Begriff, der da hochgehalten wird? „Die Freiheit beginnt beim Ich„, schrieb die Chefreporterin Schneider in der „Welt“. Ja, aber sie endet dort nicht. Schneider macht das Individuum zum Maß aller Dinge. Ist das so? Es ist doch gerade Ausweis unserer Zivilisation, dass wir nicht mehr in einer Welt der radikal ausgelebten Individual-Freiheit leben. In einer Gesellschaft geben Bürger Teile ihrer Freiheit an den (demokratisch legitimierten) Staat ab. Dann ist es erst einmal nix mehr mit der Freiheit zum Falschparken, zum Fahren ohne Gurt, zum Rauchen in Restaurants. Wie viel Freiheit ein Individuum gegenüber dem Staat hat, das ist durchaus Verhandlungssache. Nun könnten Frau Schneider und Frau Schink argumentieren, dass es bei uns eben zu wenig Freiheit gibt. Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Wir haben vermutlich mehr Freiheit, als – sagen wir mal – ein Bürger in China. In den USA gibt es dagegen deutlich mehr individuelle Freiheit. Auch die Freiheit, jemanden zu beleidigen. Und auch die Freiheit mit automatischen Waffen in der Öffentlichkeit rumzulaufen und Leute zu erschießen, wenn man sich bedroht fühlt. Ist das die Freiheit, die gemeint ist? Hoffentlich nicht.

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Die stets nickende, dauer-empörte Nena Schink ist auch eine der Protagonistinnen des Bild-TV-Krawall-Talks „Viertel nach acht“. Neulich wollte ich mir mal wieder eine Dosis dieses Guilty Pleasures gönnen, aber dann: Statt schräger Quatsch-Thesen von Schweizer Populisten oder Uli Jörges gab es bloß eine absturzlangweilige Doku über einen Beinahe-Flugzeug-Crash. Was ist da los? Ein Blick ins Programmschema verrät: Bei Bild TV haben sie umgestellt. „Viertel nach acht“ läuft jetzt „nur“ noch von Mittwoch bis Donnerstag. Dafür gibt es eine neue Schiene des „News“-Formats „Bild Live“ am späten Nachmittag vor „Viertel nach acht“. Normalerweise werden solche Schraub-Arbeiten am Programm ja nicht vorgenommen, weil es akut rasend erfolgreich läuft. Die letzten bekannten Marktanteile schwankten zwischen 0,0 und 0,1 Prozent.

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Israel-Berichterstattung in deutschen Medien ist so eine Sache. Immer mal wieder kommt es da zu unschönen Verzerrungen. Jüngstes Beispiel ist ein Anschlag eines Hamas-Terroristen in Jerusalem, bei dem ein junger Israeli getötet und vier weitere verletzt wurden. Die israelische Polizei erschoss dabei den Attentäter. Im Laufband der ZDF-Sendung „Heute Express“ war dazu zu lesen: „Israel: Ein Palästinenser erschossen“. Noch schlimmer war eine Schlagzeile der „Rheinischen Post“: „Nahost-Konflikt – Israelische Polizisten erschießen Palästinenser am Tempelberg“. Der beim Anschlag getötete Israeli schaffte es nicht in die Überschrift, nur in den Vorspann. Das ist klassische Täter-Opfer-Umkehr, wie sie bei Israel-Berichten leider immer wieder vorkommt. Auf Twitter gab es dafür reichlich Kritik.

Bei der „RP“ hat man die Überschrift daraufhin angepasst. Immerhin. Eine Reaktion vom ZDF habe ich nicht gesehen.

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Falls Sie es noch nicht gesehen haben: Unbedingt dieses BBC-Video über einen Auftritt des britischen Premiers Boris Johnson vor Wirtschaftsvertretern anschauen.

Er imitiert die Geräusche von Verbrenner-Autos, verliert komplett den Faden und kommt aus dem Konzept, um anschließend von einem Besuch im Freizeitpark Peppa-Wutz-Land zu schwärmen. Ganz großartig auch, mit welch stoischem Understatement der BBC-Präsentator die „shambolic“ Performance des Regierungschefs wegmoderiert. Alleine diese wirkungsvoll gesetzten Kunstpausen. Das Stück hätte einen Comedy-Preis verdient. Bitter, aber lustig.

Schönes Advents-Wochenende!

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