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Social Media

Lush boykottiert Facebook, Snapchat und TikTok aber nicht YouTube

Lush Aufmacher Boykott

Bis zum bitteren Ende: Auch einen Tag nach Bekanntwerden des Lush-Boykotts postet das deutsche Social Media Team weiter – Foto: Screenshot / Instagram

Der britische Seifenhersteller Lush wendet sich mitten im Weihnachtsgeschäft von Social Media ab. Droht eine neue Boykottwelle gegen die sozialen Netzwerke?

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Die „Badebombe“ platzt morgen: Vom 26. November an zieht sich der britische Kosmetikhersteller Lush aus den meisten sozialen Netzwerken zurück. Wie das Unternehmen bekanntgab, gilt die Maßnahme für alle 48 Ländermarken und für die Netzwerke TikTok, Snapchat, Facebook und Instagram. Auf Twitter und YouTube will man bleiben.

Der Schritt ist durchaus bemerkenswert, da die Love-Brand stark von digitaler Mundpropaganda profitiert. In Deutschland folgen 76.000 Menschen dem Instagram-Account, im Vereinigten Königreich 660.000. Und dass, obwohl der britische Account bereits 2019 weitgehend stillgelegt wurde. „Mit dem Beginn der globalen Pandemie 2020, beschloss Lush UK, die Kanäle, die 2019 eingemottet wurden, in begrenztem Umfang wieder zu nutzen, um auf die neuen Umstände zu reagieren, dass Menschen auf der ganzen Welt im Lockdown und dadurch noch stärker auf das Internet angewiesen waren“, so die Pressemitteilung.

Sei woanders Lush
Der Boykottaufruf „Sei woanders“ gilt nicht fürs Händewaschen, wie das Motiv suggerieren mag, sondern für weniger Nutzung von Social Media – Foto: Lush

Doch offensichtlich sind die sozialen Netzwerke ein Dorn im Auge von Unternehmensgründer Mark Constantine Obe. „Ich verbrachte mein ganzes Leben damit, schädliche Inhaltsstoffe in meinen Produkten zu vermeiden. Nun gibt es überwältigende Hinweise darauf, dass wir durch die Nutzung sozialer Medien gefährdet sind. Ich bin nicht bereit, meine Kund*innen diesem Schaden auszusetzen. Also raus damit.“

Lush nimmt konkret Bezug auf die Whistleblowerin Frances Haugen, die unter anderem ans Tageslicht gebracht hatte, dass man bei Meta (damals Facebook) interne Studien ignoriert, die Hinweise darauf liefern, dass Instagram vor allem Mädchen und jungen Frauen mentalen Schaden zufügen kann.


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Instagram Aufmacher

Das sieht die frisch gebackene Facebook-Lobbyistin Julia Reuss freilich ganz anders. Im Interview mit Peter Turi sagt sie: „Wir setzen auf Wissenschaft und Forschung, um gesellschaftliche Auswirkungen durch die Veränderungen im Medienkonsum herauszuarbeiten und ihnen entgegenzuwirken“.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Lush-Rückzug aus Instagram und Facebook vor allem eine clever erdachte PR-Kampagne ist. Bei TikTok und Snapchat fehlen bislang solche Verdachtsmomente, zumal die Kanäle weniger stark als Instagram auf reine Optik setzen. Zwar hat Lush auch in den vergangenen Jahren immer wieder Digital Detox gepredigt und hier einen Widerspruch zwischen eigene Markenkern, Entspannung und Wellbeing, gesehen. Doch dann bleibt unverständlich, weshalb ausgerechnet YouTube, der zeitfressendste Kanal nicht ebenfalls abgeschaltet wird.  

Einer Studie von Qustodio zufolge, verbringen spanische, amerikanische und britische Kinder durchschnittlich 85 Minuten pro Tag auf YouTube. TikTok folgt mit 80 Minuten kurz dahinter und hat gegenüber 2019 das stärkste Wachstum an den Tag gelegt. Qustodio ist ein spanisches Unternehmen, das sogenannte Parenting-Tools vertreibt, die den Medienkonsum der Kinder limitieren helfen.

Die Studie von Qustodio sagt allerdings auch, dass sich die Nutzung von Social Media während der Pandemie verdoppelt hat. Insofern trifft Lush mit seinem Boykott in der Tat einen wunden Punkt der Gesellschaft. Die Briten veröffentlichten ein Manifest mit Anti Social Media Grundsätzen:

  1. Wir wollen die neuesten Kommunikationsmittel und -entwicklungen nutzen, um mit unseren Kund*innen und der ganzen Welt zu interagieren.
  2. Wir möchten mit unseren Kund*innen so direkt wie möglich in Kontakt treten, ohne dass diese Interaktion zu sehr von Dritten kontrolliert wird.
  3. Wir wollen darauf vertrauen können, dass externe Plattformen ihre Dienste in einer klaren und transparenten Weise anbieten, die ihre kommerziellen Absichten oder Einnahmequellen nicht verschleiert.
  4. Wir möchten nur Plattformen und Dienste nutzen, die ihr Bestes tun, um Nutzer*innen vor Belästigung, Schaden und Manipulation zu schützen.
  5. Wir wollen uns nicht an Plattformen beteiligen, die Daten ihrer Nutzer*innen auf nicht transparente Weise nutzen.
  6. Wir bevorzugen Plattformen, die keine Algorithmen verwenden, welche die Nutzer*innen mit negativen Inhalten, Desinformation oder extremen Standpunkten ködern, um ihr Engagement, ihre Klicks und Shares zu steigern.
  7. Wie bei jedem anderen süchtig machenden Zeitvertreib wünschen wir uns, dass Plattformen ihr Produkt so gestalten, dass das Risiko einer übermäßigen Nutzung minimiert und ein gesundes Nutzungsverhalten gefördert wird.
  8. Die Auswahl der Plattformen, die wir nutzen, wird sich immer wieder ändern. Bei neuen Plattformen und Diensten werden wir die oben genannten Überlegungen und Bedenken bei unseren Entscheidungen stets berücksichtigen.

Auch bei der Prüfung dieser Thesen würde man nicht direkt darauf kommen, dass YouTube alle Kriterien zufriedenstellend erfüllt. Möglicherweise hat der große Erfolg des aktuellen Videos Snow Fairy (191.000 Abrufe der kurzen Version in den letzten 16 Stunden) die Überlegungen der Engländer beeinflusst.

Snow Fairy Lush
YouTube gehört überraschenderweise nicht zu den boykottierten Kanälen. Sind 191.000 Abrufe in 16 Stunden dann doch zu viel Verzicht? – Foto: Lush / Screenshot

Dennoch: Experten rund um den Globus fordern, dass Werbungtreibende mehr Druck auf die sozialen Netzwerke in Sachen Transparenz und Jugendschutz machen. Lush macht einen öffentlich wirksamen ersten Schritt in diese Richtung. Es ist anzunehmen, dass andere Marken folgen (wenn es zu deren Markenkern passt). Der „BR“ spekulierte bereits im September über einen bevorstehenden Boykott.

P.S. Obwohl das Manifest bereits veröffentlicht wurde, postete Lush Deutschland am Donnerstag fröhlich weiter auf Instagram. Das „neue“ Wertesystem gilt ja erst ab Freitag.

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