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Die GAFA-Kolumne

Paypal, Snap, Twitter, Pinterest & Co. – der seltsame Fall der kleinen GAFAs

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Das Crash-Gespenst geht wieder um – diesmal besonders im Technologiesektor. Obwohl Big-Tech-Aktien auch in diesem Jahr wieder zweistellige Kurszuwächse verbucht haben, geht es eine Etage tiefer drunter und drüber. Social-Media-Darlings wie Snap, Twitter oder Pinterest haben gegenüber den Jahreshochs knapp die Hälfte ihres Wertes verloren. Was ist los bei den kleinen GAFAs?

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Was ist eigentlich Ihr Lieblingsfilm von Brad Pitt? Meinen Favoriten kann ich aus dem Stehgreif nennen: Der seltsame Fall des Benjamin Button, nicht zuletzt weil er – sehr frei – auf einer Kurzgeschichte meines Allzeitlieblingsschriftstellers F. Scott Fitzgerald basiert.  

Ein ganz ähnlicher Reversibilitäts-Prozess läuft – zumindest in der Performance – aktuell in der Techbranche bei vielen Marktlieblingen des vergangenen Jahres ab, die Ende 2021 plötzlich sehr alt aussehen. Tatsächlich brodelt es unter der Oberfläche der Kapitalmärkte: Während die GAFAM-Aktien vor einem weiteren starken Börsenjahr mit Kurszuwächsen zwischen 10 Prozent (Amazon) und 68 Prozent (Alphabet) stehen, erinnern die jüngsten Kursabschläge von vielen Internet- und Techstars aus der zweiten Reihe fast an Kryptowährungen – und das, obwohl die Geschäfte weiter brummen. 

Nicht nur zu Wochenbeginn, sondern tatsächlich mindestens seit der jüngsten Quartalssaison wurden die Anteilsscheine sowohl von Social-Media-Darlings wie Snap, Twitter oder Pinterest als auch von hoch kapitalisierten Favoriten wie Paypal oder Alibaba zuletzt so massiv durchgereicht wie zu Crash-Zeiten beim Corona-Ausbruch im März 2020. Seit den Jahreshochs betragen die mitunter dramatischen Kursverluste bei diesen Internet-Big-Caps mindestens 40 Prozent:

• Paypal: – 40 Prozent
• Snap: – 40 Prozent
• Twitter: – 42 Prozent
• Alibaba: – 52 Prozent
Pinterest: – 54 Prozent 
Zoom: – 58 Prozent 

Woher kommt die plötzliche Ansammlung immer prominenterer Namen aus der Internetindustrie in der Loserliste der Wall Street? Gemein ist allen abgestürzten Internetaktien, dass sie im vergangenen Jahr in der Pandemie noch haussierten und mitunter mehrere hundert Prozent (Snap, Pinterest, Zoom) an Wert gewannen.

Obwohl Corona in den vergangenen Wochen in der westlichen Welt (inklusive jetzt auch wieder den USA) mit der vierten Welle ein trauriges Comeback gibt, greifen in diesem Jahr nicht mehr die alten Reflexe. Der Corona-Trade ist out – nicht zuletzt, weil drakonische Eingriffe im Wirtschaftsleben in Form von Lockdowns (bislang) kaum an der Tagesordnung standen.

Stattdessen wird an den Kapitalmärkten weiter die Rückkehr zur neuen, alten Realität gehandelt, in der das heutige und kommende Wachstum nicht mehr von Stimuli in Form von billionenschweren Hilfspaketen angetrieben wird. Die Folge: Das Wachstum ebbt ab, wie bei der jüngsten, ziemlich enttäuschenden Bikanzsaison zu besichtigen war.

Ein paar Beispiele: Snaps Umsatzwachstum verlangsamte sich im dritten Quartal von 116 auf 56 Prozent, bei Twitter ging es von 74 auf 37 Prozent zurück, während Paypal nur noch ein Erlöswachstum von 13 Prozent (nach 18 Prozent im Vorjahreszeitraum) ausweisen konnte und sogar die Jahresprognose nach unten revidieren musste.

Bei Snap, Twitter und Pinterest kommt erschwerend der Sonderfaktor von Apples veränderten Datenschutzregeln hinzu, die anzeigenabhängigen Internetunternehmen im vergangenen Quartal allein zehn Milliarden Dollar an Werbeumsatz gekostet haben sollen. Chinas einstiges Vorzeige-Internetunternehmen Alibaba, früher einmal der fünftwertvollste Konzern der Welt, leidet unterdessen weiter unter dem Regulierungsdruck der Regierung.  

Am Ende verläuft die Aufstieg-und-Fall-Geschichte auch an der Börse individuell. Oder um noch einmal die Weltliteratur in Form von Leo Tolstoi zu bemühen: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.“

+++Short Tech Reads +++

Insider: Der Aufstieg und Fall von Clubhouse

Und noch ein kurzer Aufstieg und tiefer Fall: Erinnern Sie sich noch an Clubhouse? Richtig, da war doch was zu Jahresbeginn. Der Insider hat die Stationen des Abstiegs nachgezeichnet – inklusive Skepsis von Werbekunden und einer sinkenden Bewertung. 

TechCrunch: Spotify launcht „Netflix-Hub“

Die Apple-Kritiker rücken weiter zusammen – zumindest symbolisch. Die weltgrößte Musik-Streaming-Plattform Spotify hat einen neuen Unterbereich namens „Netflix Hub“ angekündigt, in dem offizielle Soundtracks, Playlists und Podcasts zu Netflix-Serien und Filmen zu finden sind.     

Bloomberg: Das selbstfahrende Apple-Auto rollt 2025 an 

Seit knapp sieben Jahren verbreiten sich die Gerüchte wie ein Lauffeuer: Apple entwickelt ein Auto – ja, nein, eher das Betriebssystem – oder vielleicht doch alles? Der notorisch gut vernetzte Bloomberg-Reporter Mark Gurman, der früher das Apple-Blog 9to5Mac betrieben hat, landet nun den nächsten Scoop.

Natürlich hat Apple nicht Milliarde um Milliarde in seine zigtausend Mitarbeiter große EV-Divison investiert, die inzwischen von Kevin Lynch geleitet wird, um am Ende nur die Software zu liefern. Ein Apple-Auto wird kommen – und zwar bereits in vier Jahren. Und es soll wieder einmal alles verändern: Das „iCar“ soll nämlich komplett selbstfahrend sein und ohne Lenkrad und Pedale daherkommen.  Bis es so weit ist, bleibt viel Zeit für neue Gerüchte… 

+++ One more Thing: Das Saison-Finale von „The Morning Show“ und „Billions“ +++ 

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Vor knapp zwei Monaten habe ich an dieser Stelle noch gefragt, ob sich Apple mit der „Morning Show“ einen Gefallen tut? Das frage ich mich bei allen Irrungen und Wirrungen rund um die Medien-#Metoo-Serie – und der Tatsache, dass Apple unter dem Hashtag #AppleToo noch vor seiner eigenen Aufarbeitung von Diskriminierung am Arbeitsplatz steht – weiterhin. Allein: Die „Morning Show“ ist einfach Hollywood der allerhöchsten Güteklasse – Jennifer Aniston, Reese Witherspoon, Billy Cudrup und Steve Carrell sind auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft.

Das Gleiche gilt natürlich auch für meinen Finanz-Favoriten „Billions“, der pandemiebedingt zur Hälfte der fünften Staffel im letzten Jahr in die Pause ging und erst jetzt, einen guten Monat nach der Showtime-Ausstrahlung, bei Sky das Saisonfinale nachholte.

Achtung, kleine Spoiler: In beiden Fällen wird die beginnende Corona-Pandemie thematisiert, bei „Billions“ am Rande, bei der „Morning Show“ am Ende als bestimmendes Element, als sich eine der Moderatorinnen mit Corona infiziert und am Ende fieberüberströmt von zu Hause auf Sendung geht. (Erinnerungen an CNN-Moderator Chris Cuomo werden wach.)  

Happy Streaming + bis nächste Woche!

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