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Wochenrückblick

Der neue „Bild“-Chef rechnet mit der Twitter-Bubble ab

Die Überschrift dieser Kolumne ist nur ein kleines bisschen übergeigt, aber hey: Es geht immerhin um den neuen „Bild“-Chef und sein Turbo-Antritts-Interview in der „SZ“. Außerdem in dieser Kolumne: Was der Fall Ofarim über die Twitter-Kompetenz von Kai Diekmann lehrt. Die schlimme Sache mit dem „Drachenlord“. Und der neue SciFi-Kracher „Dr. Evil und das Metaverse“.

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Fast so schnell wie Johannes Boie in den Chefsessel der „Bild“ kam, hat er sein Antrittsinterview gegeben – in der „Süddeutschen Zeitung“ (€), wo er einst volontierte. Das Bild, das Boie in dem Interview abgibt, ist ein aufgeräumtes. Eine „Kultur des Respekts“ will er bei „Bild“ intern schaffen, ein „empathisches Miteinander prägen“. Dabei soll – ganz wichtig – die Härte nach außen nicht verloren gehen. Die neue „Bild“: harte Schale, weicher Kern? Man muss vermutlich nicht fürchten, dass Filipp Piatov und Paul Ronzheimer künftig gemeinsam mit Johannes Boie in der Frühkonferenz „Kumbaya“ singen. Aber diese Wortwahl in Anlehnung an die „Respekt“-Kampagne des mutmaßlichen neuen SPD-Kanzlers Olaf Scholz ist doch bemerkenswert. Boie äußert sich in dem Interview auch zu Twitter: „Ich halte übrigens auch die Twitter-Bubble – wo ich selber registriert bin – in der Politik und Medien in einer Art vormedialem Raum klären, was das aktuelle Narrativ ist, für problematisch, besonders für unsere Branche.“ Da hat er, finde ich, recht. Einer der ganzen großen vormedialen Twitter-Narrativ-Klärer ist btw. Boies nunmehr Ex-„Welt“-Chefredakteurskollege Ulf Poschardt.

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Jemand hat den internen Compliance-Untersuchungsbericht des Leipziger Westin-Hotels zum Fall Gil Ofarim an die Medien durchgestochen. Überraschenderweise weder an die „New York Times“, noch an Ippen.Investigativ, sondern an die gute, alte „Zeit“. Dort ist nun zu lesen (€), dass sich kein Zeuge finden ließ, der die Antisemitismus-Vorwürfe („Packen Sie ihren Stern weg!“) des Sängers bestätigt. Die Analyse eines Video-Forensikers habe zudem ergeben, dass Ofarim „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“, die Kette während seines Aufenthalts am Hotel-Schalter nicht sichtbar trug. Hotel-Mitarbeiter W. wurde dementsprechend wieder in Dienst gestellt. Mann und Hotel sind aber auch so gestraft, denn der Antisemitismus-Vorwurf ist ein klebriges Ding. Umgekehrt sieht sich der Sänger Ofarim nun im Netz vielfach Antisemitismus ausgesetzt. Es ist eine dieser Geschichten, bei denen es am Ende leider nur Verlierer gibt. Wie man es besser auch nicht macht, demonstrierte in dieser Sache der ehemalige „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe Ofarims twitterte der „Nie wieder @Westin“. Als dann doch Zweifel an der Darstellung Ofarims bekannt wurden, schob Diekmann nach, er würde sich für seine „möglicherweise verfrühte Reaktion“ entschuldigen, falls sich die Vorwürfe nicht bewahrheiten sollten. Er habe in dieser Sache „abwarten“ gelernt. Aha. Besser wäre es natürlich gewesen, er hätte VOR seinem ersten, scharf vorverurteilenden Tweet „abgewartet“. Nur mal so: Diekmann ist Mit-Inhaber einer Agentur, die ihre Brötchen u.a. damit verdient, Leute auf Twitter gut aussehen zu lassen.

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Ich gebe zu: Bis zu dieser Woche hatte ich vom „Drachenlord“ nix mitbekommen. Diese Geschichte um den dicken Sonderling im Fränkischen, der jahrelang von einem Hass-Mob aus dem Internet gepeinigt wird, ist im negativen Sinne atemberaubend. Jetzt wurde der „Drachenlord“ (so sein Nom de Guerre bei YouTube) zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er zwei Hass-Touristen tätlich angegriffen hatte. Ohne Bewährung, weil er schon einmal eine Bewährungsstrafe erhalten hatte und mit dem neuerlichen Angriff gegen dies Bewährungsauflage verstieß. Der Prozess und das Urteil sorgten für ein riesiges Echo in Medien und Social Media. Gipfel der Aufmerksamkeitswelle war ein Kommentar von Sascha Lobo beim „Spiegel“, der laut der #trending-Analyse meines Kollegen Jens Schröder der journalistische Artikel mit den meisten Social-Media-Interaktionen der vergangenen zehn Monate war. Lobo geht in dem Artikel hart mit den Peinigern des „Drachenlords“ aber auch mit Medien, Publikum und vor allem der Richterin und Staatsanwältin ins Gericht: „Die Staatsanwältin und die Richterin sind Menschen, die ihre Menschlichkeit hinter einer toxischen Mischung aus Unwissen, Unwillen und Prinzipienreiterei versteckt haben. Sie sind Teil des Problems.“ So spricht Social-Medien-Richter Lobo. In einem anderen Artikel las ich, dass die Richterin sich wohl tatsächlich sehr schwer tat mit dem Urteil und darauf verwies, dass man eine zweimalige Bewährungsstrafe fast nie verhängen könne. Ich bin kein Jurist. Möglich, dass Richterin und Staatsanwältin hier versagt haben. Aber das so knallhart zu beurteilen wie Sascha Lobo, würde ich mir nicht zutrauen.

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Daten-Pannen, Sucht-Potenzial, Hassrede. Wieder Daten-Pannen. Aber guckt mal alle hier: ein „Metaverse“ mit lustigen Bimmel-Bammel-Avataren … Ob Facebook-Chef Mark Zuckerberg so ähnlich dachte, als er die Nachricht vom neuen „Metaverse“ rausgehauen hat? Als Ablenkung von den nicht enden wollenden Skandalen, die seine Firma in immer kürzerer Frequenz umwehen? Ne, wahrscheinlich ist er wirklich ganz doll der Meinung, in diesem angekündigten Second-Second-Life-Dingsbums das Internet der Zukunft erfunden zu haben. Bisher wirkt die „Metaverse“-Idee halt irgendwie so, wie eine Vision aus einem x-beliebigen SciFi-Streifen mit virtuellem Welten-Gedöns (siehe: „Ready Player One“) oder eine erfundene Firma, die die Weltherrschaft an sich reißen will: „Dr. Evil und das Metaversum“. Zehntausend Leute will der „Zuck“ einstellen. Hologramme sollen in die echte Welt projiziert werden. Echte Gegenstände dafür eingescannt und virtualisiert werden. Sie merken es, ich bin skeptisch. Ein Teil meiner Skepsis beruht auf diesem Bild aus der Facebook-Präsentation des „Metaverse“:

Wer ist hier der Avatar?

Verstehen Sie, was ich meine?

Ich wünsche ein schönes, analoges Wochenende!

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