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Die GAFA-Kolumne

Tesla ist Big Techs neuer Billionen-Superstar

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Der iPhone-Moment der Autobranche verändert buchstäblich alles. Die Superlative der Wertzuwächse, die Tesla, vor allem aber Großaktionär und CEO Elon Musk diese Woche aufgestellt hat, sind schlicht nicht von dieser Welt. Tesla steigt in den elitären Billionen-Dollar-Club auf.

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Ich bin ja eigentlich ziemlicher Auto-Gegner. Tatsächlich, so etwas soll es ja geben, habe ich mich bis heute erfolgreich um einen Führerschein gedrückt, obwohl das als mittelalter Deutscher – im Land des Automobils und der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten auf der Autobahn! – offenbar schwer zu vermitteln ist.

Zeit meines Lebens bin ich damit gut gefahren, Rad und Bahn zu nutzen. Dann bin ich Vater geworden, und die Coronazeit brach herein. Doch nicht nur die Pandemie und das Elterndasein hat mich gewissermaßen zum Umdenken gebracht – auch die ein oder andere Mitfahrt im Tesla war es, selbst als Beifahrer kann man es eine lebensverändernde Erfahrung nennen. (Spoiler: Ich habe immer noch keinen Führerschein, will das aber in absehbarer Zeit ändern.)

In einem Tesla zu fahren, ist wohl das, was dem Gefühl, in einem Raumschiff zu schweben, auf der Straße am nächsten kommt – zumindest bilde ich mir das ein. Teslas Markteintritt vor mehr als einer Dekade war und ist ohne jede Frage der iPhone-Moment der Autobranche – etwas radikal Neues, das buchstäblich alles veränderte.

In der Technologiebranche reduziert sich im Grunde alles auf diese disruptiven Augenblicke: Das ‚Davor‘ und ‚Danach‘. Davor rühmte sich die deutsche Automobilindustrie für ein gutes Jahrhundert den Goldstandard der Branche zu stellen, danach sahen Volkswagen, BMW und Daimler die Rücklichter von Tesla. Selbst im notorisch zukunftsskeptischen Europa war Teslas Model 3 im September der meistverkaufte PKW – die Ära Golf ist beendet

An der Börse, die oft genug seismografisch die Zukunft um Jahre vorwegnimmt, hat der Paradigmenwechsel vor etwa zweieinhalb Jahren begonnen. So lange befindet sich die Tesla-Aktie im Steigflug, der an den Lift-off einer Space X-Rakete erinnert. Ende Mai 2019 wurden Tesla-Aktien bei Kursen von weniger als 40 Dollar gehandelt.

Marketing-Guru Scott Galloway, der seine Karriere vor allem durch mutige Prognosen mit markanter Stimme und oft genug breitbeiniger Pose begründet hat, erklärte Tesla zum Übernahmefall. „Dies ist das Jahr, in dem die Räder von Tesla abfliegen“, legte sich Galloway damals im Podcast mit Kara Swisher fest und prognostizierte eine weitere Kurshalbierung auf heute splitbereinigt 20 Dollar (damals 100 Dollar). 

Galloway hätte falscher nicht liegen können. Denn wo notiert die TSLA-Aktie heute? Jenseits der Marke von 1000 Dollar! Ganz recht: Statt sich zu halbieren, hat die Aktie in gerade mal 30 Monaten um den Faktor 25 zugelegt. Und auch das ist Fakt: Wer seinerzeit 50 Aktien im Wert von 10.000 Dollar eingesammelt hätte, wäre heute ein Viertel-Dollar-Millionär. So viel kann an der Wall Street auch binnen kurzer Zeit mit Big Tech möglich sein.  

Allerspätestens seit dieser Woche, als bekannt wurde, dass der angeschlagene Autoverleiher Hertz gleich 100.000 Teslas für seine Flotte geordert hat, um nach dem gewissen IT-Faktor zu greifen, ist das auch medial angekommen.

Tesla ist der nächste Big Tech-Superstar, der in der GAFAM-Liga angekommen ist. Tatsächlich mit mehr als einer Billion Dollar wird der Elektroautopionier nach dem Kursanstieg auf über 1000 Dollar je Anteilsschein bewertet und ist damit nach Apple, Microsoft, dem Ölmulti Saudi Aramco, Alphabet und Amazon bereits der sechstwertvollste Konzern der Welt – und damit der ultimative Gegenentwurf zum Absteiger Facebook, der sich nach den jüngsten Enthüllungen im freien Fall befindet und seine Billionen-Dollar-Bewertung wieder verloren hat.

Die Superlative der Wertzuwächse, die Tesla, vor allem aber Großaktionär und CEO Elon Musk diese Woche aufgestellt hat, sind schlicht nicht mehr von dieser Welt. Rekorde über Rekorde – lassen Sie’s einfach auf sich wirken:

+++ Short Tech Reads +++

NYT: Facebook-Whistleblowerin Haugen hat offenbar ausgesorgt – wegen Bitcoin 

Dass die New York Times mit Ben Smith im vergangenen Jahr den wohl besten Medienjournalisten der Welt verpflichtet hat, wissen auch deutsche Leser seit vergangener Woche nach dem Springer-Scoop. Diese Woche legt Smith auf heimischem Terrain nach und stellt angesichts der immer neuen Facebook-Enthüllungen die bislang völlig vernachlässigte Frage, welche Agenda Haugen bei ihren scheibchenweise gestreuten Interna eigentlich verfolgt. 

Beste Randnotiz: Die 36-Jährige hat finanzielle Unabhängigkeit erlangt, weil sie frühzeitig in Kryptowährungen investierte und jetzt mit ihren Krypto-Freunden in Puerto Rico la vida loca lebt….  

CNBC: Microsoft schlägt erneut die Wall Street-Erwartungen 

Es ist wieder diese Zeit des Jahres: Die Quartalssaison hat begonnen – und Big Tech steht wieder im Mittelpunkt. Bislang läuft fast alles wie erwartet: Facebook hat am Montag wegen Apples Veränderung der Datenschutzeinstellungen leicht geschwächelt, Alphabet die Erwartungen übertroffen – Microsoft auch. 

Der zweitwertvollste Konzern der Welt konnte die Analystenschätzungen erneut spielend übertreffen und die Umsätze um gleich 22 Prozent auf 45,32 Milliarden Dollar steigern (die Erwartungen lagen 43,97 Milliarden Dollar). Auch der Gewinn je Aktie fiel mit 2,27 Dollar weitaus besser aus als prognostiziert (2,07 Dollar je Anteilsschein) und legte um 25 Prozent zu. Netto verdiente der Softwaregigant im dritten Quartal knapp 14 Milliarden Dollar.                   

Nasdaq: Wie werden Apples Quartalszahlen? 

Bleibt die Frage, wie die Quartalszahlen der letzten beiden GAFAMs ausfallen, die beide ihren Aktionären gegenüber morgen nach Handelsschluss über die Entwicklung des dritten Quartals Rechenschaft ablegen. 

Analysten rechnen bei Apple durchschnittlich mit Umsätzen von 83 Milliarden Dollar und einem Gewinn je Aktie von 1,23 Dollar, was Zuwächsen von 31 Prozent bzw. 70 Prozent entsprechen würde. Bei Amazon wird eine Erlössteigerung von 16 Prozent auf 112 Milliarden und ein Rückgang des Gewinns je Aktie um gleich 30 Prozent auf 8,72 Dollar wegen gestiegener Investitionen erwartet.     

+++ One more thing: Erleidet Zuckerberg das Gatsby-Schicksal? +++

Im Grunde könnte ich die Kolumne jede Woche in dreifacher Ausführung mit den neusten Entwicklungen von Facebook füllen, so markerschütternd sind die immer neuen Enthüllungen – und so konstant Facebooks Versuche, gegen die Krise anzusteuern.

Bei den am Montag veröffentlichten Quartalszahlen überraschte Facebook mit einem Mega-Aktienrückkauf in Höhe von 50 Milliarden Dollar. Es sind Dimensionen, die Marktkommentatoren bei Apple vor Jahren die Sprache verschlagen haben. Im Sprech von Bald-Kanzler Olaf Scholz hieße das: Mark Zuckerberg hat die Bazooka auf den Tisch gelegt. Allein: Die Wirkung verpuffte bereits am nächsten Handelstag, die Facebook-Aktie fiel trotzdem, weil die Sorgen vor einer Wachstumsdelle nach der jüngsten Quartalsbilanz einfach zu groß sind.  

Bemerkenswert finde ich andererseits Mark Zuckerbergs Resilienz in der inzwischen wohl größten Unternehmenskrise (die Ausmaße der Leaks sind mindestens ebenso toxisch für den Internetgiganten wie Cambridge Analytica 2018). Nicht nur, dass Zuckerberg die Vorwürfe von Whistleblowerin Frances Haugen schnell vom Tisch wischt und die 36-Jährige unterschwellig als Führungskraft des mittleren Managements diskreditiert – er dreht auch bei den Medien, die am Montag die neuen Enthüllungen aus ganz verschiedenen Blickwinken beleuchtet haben, den Spieß um.

„Nach meiner Meinung erleben wir eine konzertierte Aktion, bei der die geleakten Dokumente dabei helfen, ein falsches Bild unseres Unternehmens zu zeichnen“, sagte Zuckerberg am Montag am Rande der Analystenkonferenz. Merke: Angriff ist die beste Verteidigung.

Oder die zweitbeste. Denn die größte Anstrengung besteht für den Social Media-Giganten im Bemühen, für die jüngere Zielgruppe wieder attraktiver zu werden. In anderen Worten: sich neu zu erfinden – und zwar mit einem stärkeren Fokus auf Videos und Reels.  

Wenn die Geschichte jedoch ein Ratgeber ist, dürfte dieses Unterfangen wenig erfolgreich verlaufen, wie in der Vergangenheit alle Klon-Versuche von jüngeren Wettbewerbern (mit Ausnahme von Instagram Stories) unterstrichen haben. Wie hieß es doch so schön beim Großen Gatsby? „You can’t repeat the past“ – man kann die Vergangenheit nicht wiederholen.           

Die Wall Street scheint dazu zu neigen, dass ein tragisches Ende wie bei F. Scott Fitzgeralds Weltbestseller durchaus im Bereich des Möglichen liegt – die Facebook-Aktie verlor gestern weitere 5 Prozent und notiert auf einem 5-Monatstief. Schwacher Trost für Mark Zuckerberg: Er sammelt für die 50 Milliarden Dollar nun mehr Facebook-Aktien ein…. 

Cheers + bis nächste Woche!

 

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